wie schützend um sie. Kaum glichen sie Wänden, bedeckt mit alten
nachgedunkelten Malereien wie reiche alte Stoffe, sich niedrig wölbend und
wellend, wie ein ungeheurer Mantel, der sich in schweren weichen Falten um
den Betenden legt, ihn sanft bergend vor der Außenwelt --.
Sie hob beide Hände vor das Gesicht und beugte sich tief vor, ohne ein
Wort zu sprechen. Schweigend verharrte sie lange so.
Hier und da kamen von draußen Menschen vorüber, meistens Leute aus dem
Volk; leise auftretend mit ihrem groben Schuhwerk, schritten sie tiefer
hinein in das Schiff der Kirche, das in feierlicher Dämmerung vor ihnen
dalag, nur an wenigen Punkten schwach erhellt von vereinzelten Wachskerzen,
die daraus hervorblinkten.
Hugo Lanz stand neben Marianne, an ihre Bank gelehnt, und blickte auf sie
nieder. Er wußte nicht, was in ihr vorgehn mochte, aber daß in dieser
Stille etwas Erschütterndes in ihrer Seele zum Austrag kam, das mußte er
wohl fühlen -- --. Und wenn er einst zu ihr gekommen war im drängenden
Verlangen, an ihrer warmen Mütterlichkeit getrost und froh zu werden wie
ein Kind, so wuchs jetzt eine Sehnsucht in ihm empor, -- groß, wie er
sie nie gekannt hatte, -- stark zu werden und kraftvoll, ein Mann, um
beschützen und behüten zu dürfen --.
Er stand da und horchte stumm auf das Geläute der Glocken, -- auf den
seltsam packenden Klang dieser russischen Glocken, die sich weigern, sich
mit ihren Klängen mitzuwiegen, und ehern feststehn, daß der Klöppel in
ihnen anschlägt wie ein weithin tönender Befehl -- --.
Da ließ Marianne die Hände von ihrem Gesicht sinken und erhob sich ganz
langsam. Hugo Lanz machte eine Bewegung zu ihr hin, aber die Andacht
in ihren Augen und in ihrer ganzen Haltung bannte ihn. Es war wie eine
unsichtbare Einsamkeit und Hoheit um sie, die er nicht zu entweihen wagte.
Und unwillkürlich trat er zur Seite.
Einen Augenblick lang stand Marianne da, sich besinnend, fast schüchtern,
mit einer sanften Neigung des Kopfes, die etwas Rührendes für ihn hatte,
etwas von unaussprechlicher Ergebung. Aber auf ihren Zügen lag ein ruhiger
Glanz, alle Angst war von ihnen gewichen.
Sie machte eine Wendung, um aus dem Portal hinauszutreten, ohne ihren
Begleiter zu bemerken. In diesen Minuten hatte sie auch ihn vergessen. Er
schaute ihr nach, und unwiderleglich kam ihm das Gefühl: -- als ginge sie
gar nicht allein -- --.
Ein paar Schritte hinter ihr trat er hinaus auf den Platz.
Unten in der Stadt, die dem Kreml zu Füßen lag, blinkten eben die ersten
Lichter auf. Schon war es nicht mehr ganz hell. Weißlicher Winternebel zog
sich in der Ferne über die Ufer des Flusses. Fest um den Kreml geschmiegt,
standen die Häuser da, rot und blau und grün an Dächern oder Mauerwerk,
und erwarteten nach des Tages Treiben das Dunkel, durch das das siegende
Gold der zahllosen Kuppeln hindurchschien wie eine ewige Leuchte, die nicht
mit dem Tage erlischt.
Ein unerhörtes Abendrot stand über Moskau. Und die Buntheit der Farben
ringsum nahm auch noch den schwächsten Abglanz davon, nahm auch den
leisesten Funken so innig auf, hielt sich ihm an der Oberfläche aller
Dinge als ein so williges Gefäß entgegen, daß es fast wirkte wie ein
Lobgesang, der emporstieg von der Erde zum erglühenden Himmel. Eine
Stimmung wie ein Ausgleich zwischen Freude und Gebet lag über dem Ganzen.
Die paar Wolken, die inmitten der Bläue des Himmels zögernd dunkelten,
zogen sich, lichtdurchschossen, langsam zu breitschimmernden Goldbändern
auseinander -- --.
Da ging ein flüchtiger Regenschauer nieder, warm und ganz kurz, wie ein
Thränensturz.
Hugo Lanz blieb stehn und schaute hinab, dorthin wo Mas feine ruhige
Gestalt im Abstieg zu den Anlagen sichtbar blieb.
Wie klein und unscheinbar verschwand sie dort zwischen den Bäumen. Und ihm
schien doch alles ringsum sie allein zu feiern und zu umstrahlen --.
Denn in ihm arbeitete sich irgend ein Bild mit mächtiger Gewalt zu
künstlerischer Klarheit hindurch, -- ein Bild, in dem er Ma vor sich sah,
-- ein Bild, in dem ihr Glück lebte und ihr Vereinsamen, und ihr Weh, und
ihr Sieg, -- ein Bild, in dem geheimnisvoll lebte, was in diesem Augenblick
in ihr selbst wohl nur in dunkeln Ahnungen rang -- --.
Und es kam ihm vor, als stünde er angesichts eines großen Schauspiels,
um deswillen man das Leben fürchten und lieben lernen mag. Und das den
Schauenden, dem es seine Heimlichkeit enthüllt, zum Kinde werden lassen
mag, und zum Manne, -- und zum Dichter.
-- Ganz benommen und wie sich selbst entrückt, blickte er hinab von der
Kremlhöhe in die Tiefe der Stadt.
So sah er Ma schweigend, still niedersteigen unter dem verhallenden
Geläute der Glocken, -- einen von oben in die Wohnungen der Menschen
entsendeten guten Geist.
[Illustration]
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H. in Stuttgart.
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[Illustration]
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Darstellung abweichender Schriftarten:
_gesperrt_ : =Antiqua=
Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,
Seite 23:
"nichs" geändert in "nichts"
(Nun, das macht nichts.)
Seite 49:
"leiebkosende" geändert in "liebkosende"
(als seien es ebensoviel liebkosende Verheißungen)
Seite 63:
"»" eingefügt
(»die schönsten Lieder und die schönsten Sagen)
Seite 109:
"auch" geändert in "nach"
(in die Hand nehmen und nach deinem stärkeren Willen prägen)
Seite 112:
"«" eingefügt
(Sie ist aber nicht krank geworden.«)
Seite 160:
"halbmäd henhafte" geändert in "halbmädchenhafte"
(Dabei hatte sie irgend eine halbmädchenhafte Kopfhaltung)
Seite 168:
"Das" geändert in "das"
(»Nein, -- das heißt: es wäre ja wunderschön)
Seite 179:
"." eingefügt
(um alle Kraft aufzuzehren --.)
Seite 185:
"«" hinter "helfen?" entfernt
(Was konnt es denn helfen?) ]