Augen sorgfältig prüfend, während sie den Rauch ihrer Zigarette in
langen Ringeln von sich stieß. »-- Ein Mann wie Sie --? Was wird denn
den am heftigsten angezogen haben --,« sagte sie nachdenklich; »-- nichts
Naives natürlich, -- etwas Pikantes. Möglicherweise irgend ein Typus
der Frauen mit den Verführungskünsten --, die Frau als die große
Verführerin und Lehrmeisterin auf schweres Lehrgeld, -- möglicherweise
überhaupt ein Leben, das mehr verführt als befriedigt -- --. Wenn ich Sie
mir so anschaue --«
»Ach, lieber Himmel, vor hundert Jahren vielleicht?« unterbrach er sie
halb ärgerlich, halb belustigt.
Wera Petrowna griff resolut in das Kästchen und begann an Tomasows Statt,
die Figuren auf dem Brett aufzustellen.
»Nun ja, das ist wahr: jetzt sind Sie bequem geworden,« gab sie zu,
»-- und ich will auch nichts Indiskretes ausplaudern über das, was mir
allerlei kleine Fältchen um Ihren Mund da und um Ihre Augen bereitwillig
zu verstehn geben. -- -- Aber: nun zum Beispiel eine Ehe mit einer
Mustergattin, -- dafür ist mitunter grade das russische Mädchen ein
Prachtexemplar: liebevoll, heiter, nachgiebig, voll Tüchtigkeit und
Tapferkeit --«
Tomasow nickte anerkennend.
»Schätze ich auch ungemein,« bestätigte er kurz.
»Und man sollte doch meinen, jemand wie Sie, der ganz gern herrscht, der
müßte doch auch gern endlich sein eignes Haus um sich bauen, -- sein
Leben breit ausbauen mit so einer russischen Frau -- von jener Sorte, der
noch der Mann das Schicksal ist, das sie liebt, und dem sie gehorcht --«
»Ein schönes Glück!« bemerkte Tomasow spöttisch, »sein eignes Leben
mit allen Unzulänglichkeiten und Defekten so festgenagelt zu sehen rund
um sich, -- ein Wesen darin mit einer Miene umhergehn zu sehen, als sei das
nun wirklich das Paradies --. Nein, für den Reiz danke ich. Ich danke für
die kleine Art der Männertyrannei. Leicht genug zu herrschen, wo nichts zu
beherrschen ist. Wozu?«
»Sieh da! Sie können sich sogar selbst verspotten,« entgegnete die Alte
beifällig. »Das wirft mir ein ganz neues Licht auf Sie. Da begreif ich
zum Beispiel schon besser, daß Sie mal, in Ihrer Jugend Blüte, für eins
von den kleinen heldenmütigen Mädchen geschwärmt haben, die hier und
da aus lauter edelm Fanatismus in unsre entlegensten und verarmtesten
Provinzen als Lehrerinnen abgehn. Wie sah die aus? Mager, sehr mager,
blaß, mit großen enthusiastischen Augen --? -- -- Aber geheiratet haben
Sie das kleine Mädchen doch nicht --.«
»Möchten Sie nicht vielleicht Ihre diesbezüglichen Meinungen lieber für
sich behalten?« meinte Tomasow grob, aber er lächelte.
»Wenn es Ihnen besser behagt, -- warum denn nicht?« sagte die Alte
seelenruhig, »-- ich spiele ja viel lieber Schach. -- -- Aber das
reine Wohlwollen treibt mich -- --, -- es ist wirklich merkwürdig, wie
reichhaltig Sie sind, ich kann mir so ganz verschiedenartige Frauen recht
gut neben Ihnen vorstellen --. Ist das nun Reichtum, oder -- oder ist
irgend etwas nicht recht zum einheitlichen Ende gekommen --? -- -- Also
spielen wir?«
Sie fingen endlich damit an, wie jedesmal, wenn Tomasow herkam. Erst mußte
die Redelust der Alten ein wenig ausschäumen.
Wera Petrowna blieb indessen zerstreut. Sie machte Fehler auf Fehler.
Zuletzt lachte sie kurz auf, sodaß sich die Oberlippe von den
Vorderzähnen fast höhnisch hob, und äußerte ohne rechten Grund: »Die
Zeiten ändern sich. Der Heldenmut auch. Jetzt ziehen es die kleinen
Mädchen manchmal vor, ihre Mutter zu verlassen, um irgendwo in allem
Behagen und mit viel männlichem Selbstbewußtsein zu studieren. So wie
Marianne ihre -- --. Ein Glück noch, daß Sophie --«
»-- Sophie geht ebenfalls. Um Ostern. Heute hat Frau Marianne
eingewilligt,« sagte Tomasow.
Wera Petrowna starrte ihn erst ungläubig an. Wie mit einem Schlage
verschwand aus ihren Zügen alles Ironische und der spielende Spott und das
versteckte Lachen. Schrecken und ein fast ehrfürchtiges Erstaunen stritten
in ihrem lebhaften alten Gesicht um die Herrschaft.
Sie schlug laut die Hände ineinander.
»O du grundgütiges Seelentäubchen, meine einzige Marinka --! Was das sie
kostet --! Und das sagen Sie mir erst jetzt, Sie Eisbär, Sie Feuerländer,
Sie -- Sie -- --. Was das sie kostet --!« Sie hielt inne und starrte ihn
wieder an. Man konnte deutlich sehen, wie angestrengt und durchdringend
hinter ihrer Stirn und ihrem sich sammelnden Blick hundert Gedanken
auftauchten. »Die Kinder fort!« sagte sie langsam, »-- beide Kinder, --
das ist ein ganz neues Leben, ein ganz zerbrochenes Weitervegetieren
für sie oder -- --. Es ist eine vollkommne Einsamkeit, Vereinsamung, --
oder -- --? -- Marianne ist noch jung, -- sie ist noch immer jung --«
Tomasow, der unwillkürlich niedergeblickt und mechanisch mit dem Deckel
der Zigarettenschachtel gespielt hatte, hob den Blick.
Eine kurze Pause lang schauten sie einander schweigend in die Augen, einer
des andern Gedanken enträtselnd --.
Wera Petrowna rief plötzlich in fast klagendem Ton: »-- Ach Tomasow, wer
verdient denn das aber, so viel Glück, wie diese Frau noch geben könnte,
-- was für ein Mannsbild verdient denn das --?«
Er wollte etwas erwidern, aber sie unterbrach ihn gereizt: »Nein,
schweigen Sie nur! Es ist schon so, -- ich weiß, ich weiß!« beharrte sie
fast giftig.
Und plötzlich stand sie auf und fuhr mit der Hand durch die Figuren, daß
sie alle umfielen.
»Es muß schon so sein! Die Jugend muß wohl immer erst heraus aus einem
Menschen, -- da hilft nichts!« murmelte sie ergrimmt, und sie fing an, an
ihrem Stock auf und ab zu gehn. Das Sitzen hielt sie nicht mehr aus.
Tomasow schob das Brett zurück und rauchte schweigend. Gegen die
Sonderbarkeiten der Alten war er nachsichtig. Und viel lieber, als zu
spielen, hing er jetzt seinen Gedanken nach.
Da hörte er sie sagen, ganz in Zorn: »-- Ist es nicht wie eine
Löwengrube, -- so ein Menschenleben --? Man muß doch immer wieder hinein,
-- immer wieder hinein --. Und was hat diese Frau nicht angesammelt in
all den langen Jahren, -- all die unausgegebene Fülle -- --. Es ist sogar
einerlei im Grunde: ob sie noch einmal neu anfängt mit dem Leben, oder ob
sie einsam bleibt, -- diese ganze Fülle, die ganze Inbrunst reißt sie
ja doch notwendig in die tausend Lebenskämpfe, wie unter brüllende
Tiere --«
Nach einer Weile fuhr sie grollend fort: -- »Da ist nun Sophie, -- nun
viel ist sie noch gar nicht, -- aber was bedeutet so ein Mensch mitunter
nicht alles für seinen Mitmenschen! Daß sie bei ihr war, glich für
Marianne alles aus, -- sänftigte das ganze Leben --. Manchmal genügt so
wenig, -- so ein bißchen Menschennähe, um gar nicht zu merken, wie
viel man noch in sich herumträgt, -- wie vieles man noch unter Schmerzen
entladen soll. -- Erst wenn diese sänftigende Schutzdecke davon abgerissen
wird, -- plötzlich steht man da wieder hart am Rande, -- ganz hart
am Absturz -- mitten in alle Untiefen von neuem hinein -- unerbittlich
hinein!« Wera Petrowna holte sich in ihrer Erregung die Haube vom Kopf
herunter und lief fast auf und ab. »Gott meint es erst gut mit denen, die
es hinter sich haben, -- hinter sich. -- -- Arme Marinka!«
Tomasow saß zurückgelehnt, mit dem Rücken nach ihr. Er vernahm wohl
ihre Worte, aber gleichzeitig umfingen ihn andre, weit weniger düstere
Bilder --. Und auch sie scharten sich um dieselbe Erwägung, wie um ein
Leitmotiv dazu: »-- Marianne ist noch immer jung --«
Die Alte hinter ihm im Zimmer war still geworden. Auch ihr Stock berührte
nicht mehr, im Takt aufschlagend, den Fußboden.
Tomasow empfand spontan, wie starkes Erleben und Erkennen hinter ihrer
gewohnten Alltagsironie stehn, -- wie tief sie selbst in die Löwengrube
hinabgestiegen sein mochte, -- und daß sie von dort herausgekommen war mit
einem Herzen, das ganz wund war von zartem Mitleid und verstehender Furcht
für andre --.
Er wandte sich zu ihr um. Sie saß im Stuhl am Fenster. Die Haube hielt sie
noch wie einen wunderlichen dunkeln Knäuel in der Hand.
Und sonderbar hob sich dieser nackte Kopf von der hellen unfeinen Tapete
des Zimmers ab, -- wie durchaus nicht hergehörig in diese banale Stube,
-- wie nicht einem Mann und nicht einer Frau zugehörig, -- vielmehr einem
geheimnisvollen Wesen oder Unwesen, das nun dasitzt in den Wohnungen der
Menschen, um dunkle Dinge zu weissagen --.
Ganz unbeweglich saß sie da. Und ihm wurde es fast unheimlich, so auf
sie hinzuschauen. -- -- Als müßte er schnell, jetzt gleich, irgend einen
Bannspruch, irgend einen Wahrspruch finden, -- der ihre finstern Gedanken,
-- der den Lebensgedanken selbst -- in Freude löste. -- -- Oder als würde
sie sich selbst langsam erheben, unmenschlich groß, und etwas Unerhörtes,
Unüberwindliches sagen --.
-- In solcher Stimmung hört man als Kind Märchen erzählen -- --.
Tomasow erhob sich und trat zu ihr hin ans Fenster.
Da blickte Wera Petrowna auf. Sie sah auf mit dem welken, freundlichen
Antlitz einer alten Frau, die sich Sorgen macht.
»-- Arme Marinka --!« sagte sie nur mit einer schwachen, bekümmerten
Stimme.
[Illustration]
=IV.=
»-- Also: Schluß für vierzehn Tage. Junge, klapp die Bücher zu und freu
dich!« sagte Marianne zu ihrem Neffen nach Beendigung der französischen
Montagskonversation.
Sie saßen schon bei der Lampe im Lernzimmer der ältern Kinder. Nikolai
hatte beide Ellbogen aufgestützt und schob trübselig seine etwas breit
geratene Unterlippe vor.
»Freu mich gar nicht. Aber auch nicht die Spur!« versicherte er; »worauf
denn? Eine Menge Familientage, schrecklich lange Mittagessen, -- und zu
Hause sitzen --. Ob man sich schließlich in der Schule ducken muß oder zu
Hause -- --. Mußt du denn schon gehn?«
Marianne war heute so besonders angenehm gewesen, fast so lustig wie ein
guter Schulkamerad, daher paßte es ihm nicht, daß sie schon ging.
»Du hast doch eine Menge Vergnügen in deinen Ferien! Ein undankbarer
Junge, nicht wahr, Inotschka?« meinte Marianne.
Inotschka beugte sich über ihre Weihnachtsstickerei, die ihr heute
wirklich Eingang zu der Montagsstunde verschafft hatte. An diesen Tagen
heimlicher Arbeit ging vieles ungerügt durch.
»Ach, was weiß denn Ina! Ein Mädchen! Gut ist es doch nicht eher, als
bis man groß ist und ein selbständiger Mann,« konstatierte Nikolai,
griff verdrießlich nach seinen Büchern und verließ das Zimmer.
Inotschka antwortete ganz still: »Nein, so darf man nicht sprechen. Die
Eltern bereiten uns so viel Freude, wie sie nur können. Wir müssen ihnen
sehr dankbar sein.«
Dann sah sie jedoch sehnsüchtig zu Marianne hin und fügte in ganz anderm,
drängendem Tone hinzu: »Warum ist es nur so, daß ihr diesmal nicht
mit uns Weihnachten feiert? Ach, thus doch! Weißt du noch: voriges
Jahr -- --!«
Marianne, die schon aufgestanden war, strich mit der Hand Inotschka über
das weiche Haar, dessen feinen seidigen Strähnen man die Fülle, die sie
enthielten, kaum ansah. Es lockte sie immer heimlich, dies feine Haar zu
lösen und ganz anders zu ordnen.
»Das war ja nur ein Zufall voriges Jahr! Du mußt dich nicht so danach
sehnen,« sagte sie sanft. »Sieh mal: ist es denn nicht überhaupt ein
Zufall, daß ich hier in eurer Nähe lebe? Wie leicht hätte es so kommen
können, daß ich im Auslande blieb. -- -- Und vielleicht -- -- vielleicht
kommt es noch dazu, Inotschka.«
Die Kleine hatte ihre Stickerei auf den Tisch geworfen. Sie schaute mit
erschrockenen Augen empor.
»Das -- das hab ich gefühlt --!« entfuhr es ihr heftig.
»Aber nein! Sei nur ruhig, meine kleine Ina, -- heute und morgen ist noch
alles beim alten. -- -- Und übermorgen, im Handumdrehen, -- da ist aus der
Ina schon ein großes, vernünftiges Mädchen geworden!« beschwichtigte
Marianne sie tröstend.
Aber Ina war aufgesprungen. Sie hing sich Marianne an den Hals und brach
hilflos in Thränen aus.
»Ich werde nicht groß! Ich werde nicht vernünftig! Alle Vernünftigen
sind so gräßlich. Laß mich doch klein bleiben! Laß mich bei dir
bleiben!«
Marianne blieb ganz stumm. Sie schlang nur ihre Arme um sie und küßte sie
auf das Haar und auf die weinenden Augen. Dann, nach Minuten schweigender
Liebkosung, beugte sie den Kopf tief zu Inotschka nieder und flüsterte ihr
ins kleine heiße Ohr: »Sei still, mein Herz, ich komme jetzt oft und oft
zu dir, -- so oft du mich nur wirst haben wollen --.«
Ina ließ sie los und blickte ungläubig auf. »Wirklich?! Sagst du es auch
nicht nur so?«
»Nein. Ich sage es nicht nur so. Ich werde Mama um die Erlaubnis bitten,
recht oft kommen zu dürfen, um mit dir zusammen zu sein.«
»Und glaubst du, daß -- --, meinst du, Mama wird erlauben, daß du
so wirklich zu mir kommst -- --? Denn wenn ich mit den Großen dabei
zusammensitzen soll -- --«
Marianne setzte sich auf Inas Stuhl und zog sie wie ein kleines Kind zu
sich auf die Kniee.
»Mama erlaubt alles, was geeignet ist, dich froh und glücklich zu
machen,« entgegnete sie zuversichtlich, und als sie Inas schüchterne
Augen voll Zweifel auf sich gerichtet sah, fügte sie ernst hinzu: »Du
denkst mit Unrecht, deine Mama enthielte dir dies oder jenes vor, und du
wirst scheu, weil du meinst, vor verschlossnen Thüren zu stehn. Aber sie
gehn noch alle auf, mein Liebling. -- -- Siehst du, davon und von vielem
andern will ich dir erzählen, wenn wir so bei einander sind, wie jetzt.«
»Willst du mir von Mama erzählen, wenn du bei mir bist?« fragte Ina
stockend und sah sie unsicher an.
Marianne streichelte sie mit einem feinen Lächeln voll Güte.
»Von uns Mamas überhaupt. Denn, weißt du wohl, wer das ist? Eine Mama,
das ist jemand, der gewaltig reich geworden ist durch das Verlangen, recht
viel zum Verschenken an seine Kinder zu haben. Aber die Kinder sind erst
ganz klein, und dann jedes Jahr nur ein bißchen größer, und es dauert
lange, bis sie ganz groß sind, sodaß sie wirklich alle die reichen
Geschenke benutzen können. Daher muß Stück für Stück in festen Truhen
verwahrt bleiben, und wenn die Mama aufschließt und nachschaut, was sich
für ihre Lieblinge wohl schon eignet, dann darf sie sich doch nichts
merken lassen von der Bescherung, für die es noch zu früh ist. Und dann
sieht es den Kindern fast so aus, als hätte sie nichts übrig für sie.
-- -- Aber alle ihre Truhen sind grade dann voll Gold. -- -- Jemand, der
ungeduldig und sehnsüchtig zwischen lauter Truhen voll Kostbarkeiten
umhergeht: das ist eine Mama. -- -- Weißt du es nun?«
Ina schmiegte sich fester an Marianne an.
»Und du hast auch solche Truhen, die du nicht aufmachst?« fragte sie,
»-- du auch?«
»Ja, ich auch. Viele -- viele.«
»Aber einmal -- da springen sie alle auf! Alle?« Ina richtete sich mit
verlangenden Augen auf Mariannens Schoß hoch.
»Alle -- alle!« versicherte Marianne mit unterdrücktem Jubel in der
Stimme und legte ihre Arme um das kleine Mädchen. Man fühlte, daß irgend
eine eigne große Freude oder Erwartung aus allen ihren Worten herausklang
wie eine überströmende Wärme.
Inotschka lächelte, sie hatte leicht gerötete Wangen und sah unendlich
zufrieden aus. »Was für wunderschöne Geschichten du aber auch weißt,
Tante Marianne! Wirst du mir noch viele erzählen?«
»Ich werde dir gewiß noch schönere erzählen. Denn nun mache ich bald
die allerschönste Truhe auf --«
»Für mich auch!« rief Ina vergnügt und klatschte in die Hände.
Plötzlich hielt sie jedoch inne. Sie ließ Marianne los und glitt von
ihren Knieen hinunter.
»Da kommt Mama!« murmelte sie, »-- vorhin fuhr ein Schlitten vor --.
Die Wohlthätigkeitsvorstellung muß jetzt auch schon längst vorüber
sein --.«
Man vernahm etwas hastige Schritte und das Rascheln eines seidenen Kleides.
Die Thür wurde nur ein ganz klein wenig geöffnet, Ottilie schob den
frisierten Kopf an die Spalte.
»Bist du noch da, Marianne? Hast du Zeit --? Nein, Inotschka, mein Kind,
laß dich nicht stören, du brauchst nicht zu erschrecken, Mama hat
nichts gesehen, -- du sollst sehen, wie überrascht ich sein werde zu
Weihnachten --.«
Marianne trat zu ihr heraus, in das Schlafzimmer der Schwester.
»Ich höre, du kommst aus der Oper, Otti?! Du und in die Oper, mitten am
Tage? Du wirst ja noch ganz musikalisch auf deine alten Jahre,« bemerkte
Marianne erstaunt.
»-- Der ›Troubadour‹ -- zu wohlthätigen Zwecken -- und mit dem
durchreisenden Star als Gast. -- -- Fräulein Clarissa überredete mich.
Herrgott, es passiert ja auch selten genug!« entgegnete Ottilie, noch in
voller Theatererregung, und begann sich in aller Hast umzukleiden.
In einer Ecke am Tisch fütterte die Wärterin den Jüngsten, dem sie
in russischem Kinderkauderwelsch zusprach, in der Nebenstube sah man die
beiden ältern kleinen Brüder sitzen und artig Flittergold auf Nüsse
kleben, als Schmuck für den Weihnachtsbaum.
Ottilie warf ihre geschnürte Seidentaille ab und ergriff Marianne am Arm.
»-- Ich sage dir: schön ist so was! Siehst du: in dem Augenblick, da lebt
man! Wenn sie so füreinander sterben -- --« Ottiliens Augen strahlten.
Marianne lachte.
»Aber du, seit wann hast du so romantische Anwandlungen --? Du bist doch
sonst die Nüchternheit selbst?«
»-- Sonst --? Ja, du lieber Gott, im wirklichen Leben ist doch kein Raum
dafür. Da heißt es seine Pflicht thun, und damit basta. Das muß jeder
anständige Mensch. -- -- Aber deshalb bewahrt man sich doch einen Winkel
für das Ideale innerlich. Einen Winkel, wo das Leben anders wäre, wenn es
nach uns ginge --: edel, höher, -- noch unbefleckt schön, -- kurz --«
»-- Romantisch?« fragte Marianne zweifelnd, mit einem gutmütigen
Lächeln. Sie wußte selbst nicht, woher ihr Ottilie plötzlich so viel
jünger geworden vorkam, ja fast unerwachsen jung, wie vor langen Jahren.
»-- Romantisch --!« wiederholte die Schwester etwas gereizt, während
sie sich von Marianne in ihr Hauskleid hineinhelfen ließ, »-- meinetwegen
nenn es so. Name ist bekanntlich Schall und Rauch. Aber du willst wohl
andeuten: davon verstünde ich nichts, -- davon verstündest nur du was,
-- einfach, weil du zufällig so blitzjung und so kopfüber eine Liebesehe
geschlossen hast --. Aber was ist am Ende mit solcher Ehe los --?! Ich kann
dir nur sagen, wovon ich nicht oft spreche: mein erstes Liebeserwachen war
zwar lauter Verzicht, -- aber was ich hier innen besitze, --«
Sie sagte nicht, was sie innen besaß, sondern ließ ihre Worte unvollendet
und knüpfte sich mit aufgeregter Hand das Kleid zu, wobei sie Mühe hatte,
die richtigen Knöpfe zu finden.
»-- Du meinst doch nicht etwa den Husaren --?« wollte Marianne schon
fragen, unterdrückte es jedoch.
Sie setzte sich neben den Toilettenspiegel, vor dem sich Ottilie
ankleidete, und schaute die Schwester mit im Schoß gefalteten Händen
gedankenvoll an.
Der harmlose Husar konnte so wenig dafür! Der mußte, wie es schien, nur
ritterlich stillhalten bei allem, was ihm Ottilie so allmählich auf sein
armes kleines Konto hinzuschrieb --. Vielleicht war es grade das Fehlen
jeglichen starken Seelenaufruhrs in Ottiliens geordnetem Leben gewesen, das
in ihr so allerlei emotionelle Restbestände aufgestapelt hatte -- --.
Ottilie mißverstand Mariannens Verstummen. Sie nickte ihr zu, wie von
einer verborgenen Höhe.
»Ich glaube, du hast auch nur wenig Anlage dazu: du hast dich ja stets so
ganz im Thatsächlichen ausgegeben und es überschätzt,« bemerkte sie
und steckte sich ihr Häubchen fest. Auf ihren Wangen blühten noch zwei
blaßrote Flecke.
Dabei hatte sie irgend eine halbmädchenhafte Kopfhaltung, irgend eine
kleine Gebärde, -- fast wie unbewußte Koketterie einer Ungeübten, --
die mit einemmal Marianne wie eine lebendig gewordene Erinnerung aus beider
frühester Jugendzeit durchfuhr.
Es paßte gar nicht recht hinein in das Wesen der jetzigen Ottilie,
der musterhaft Fertigen, Korrekten! Aber dafür waren es nicht
mühsam erworbene, sondern ihre eigensten einstigen kleinen Mienen und
Gebärden --.
Sie besaßen etwas wunderlich Halbes, Verlorenes, -- wie wenn künstlich
gestutzte Vögelchen zu fliegen unternehmen, -- dachte Marianne bei sich.
Und plötzlich umfaßte sie Ottilie von hinten und stand auf und küßte
sie innig mitten ins erstaunte Gesicht. Ja, das war wirklich die Otti von
ehemals, mit der sie so vieles geteilt, so kindisch geschwärmt hatte! Dann
kam das ganze Leben dazwischen: das war von Marianne mit zitterndem Herzen,
selig und schmerzlich, durchlebt worden, -- von Ottilie nicht --.
Und da ging sie nun in irgend eine alte Oper, und mit einemmal kamen
allerlei hinuntergedrängte Sensationen herauf, -- unbegründet, etwas
hysterisch, alle durcheinander: der Husar und die Ideale, Backfischhaftes
und Erhabenes, Pathos und Koketterie --.
»-- Was fällt dir ein? Nein, aber Marianne, was fällt dir denn ein?!
Man küßt sich doch nicht derartig mitten am Tage, ich muß jetzt an den
Speiseschrank,« sagte Ottilie und wehrte sich.
»Und ich nach Hause. Aber, weißt du, Schwesterlein: ich komme nun oft,
viel öfter --. Gib mir recht viel Raum. Laß mich viel mit euch sein, auch
mit Inotschka --. Wer weiß, ob ich noch lange hier --« Marianne brach ab
und wandte sich dem Kleinsten zu, sie hob ihn von den Knieen der Wärterin
auf ihrem Arm hoch und liebkoste ihn, während er sie vergnügt ankrähte.
»Das ist schon recht, falls wir hier wirklich etwas haben, was dich,
-- die viel Anspruchsvollere, -- fesseln kann,« erwiderte Ottilie;
sie vermochte nicht den Uebergang ins Tagesleben ganz ohne Gereiztheit
zurückzufinden.
»O! Ihr habt ja so vieles, was sich noch willig lieben läßt!« meinte
Marianne leise und herzte noch immer das Kind.
»Ja, wie du das auch gleich sagst! Ich glaube wahrhaftig, Marianne, trotz
deiner vielen Kenntnisse und Fähigkeiten, -- nimm mirs nicht übel: aber
es ist im Grunde das einzige, was du zu thun weißt. -- Du sprachst von
Inotschka: sag, glaubst du, daß sie den Pantoffel noch fertig stickt?«
»Der ist ja für dich, -- weißt du?« rief Marianne.
»Eben darum, weil er für mich ist, kann ich mich nicht gut drum kümmern.
Wenn sie ihn vertrödelt, -- du verstehst, es ist mir nicht um den
Pantoffel. Aber es wäre von übler Wirkung auf das Kind. Es gibt einem
Kinde Selbstbewußtsein, seinerseits was zum Verschenken bereit zu haben.
-- Von solchen Dingen hängt mitunter der moralische Halt im spätern Leben
ab.«
Marianne seufzte. Sie setzte den Kleinen auf den Schoß seiner Wärterin
nieder und ging mit der Schwester hinaus.
Sollte sie nun Ottilie erzählen: »Sophie geht Ostern auch zum Studium
ins Ausland?« -- Würde Ottilie nicht fragen: »Was schenkt sie dir aber
dafür wieder?« -- Ja, -- etwas Aehnliches würde sie fragen.
Wie konnte sie ihr das deutlich machen! Dieses Einssein mit den Kindern,
dieses Mutterglück und diese drängende Hingebung in allen Fasern. Dieses
Auskosten der vollen Liebe bis auf den letzten Tropfen. Denn jetzt waren
sie zu Hause alle drei doch nur noch wie ein Mensch, -- nun erst ganz
unzertrennlich.
Marianne ging fort, ohne etwas von der großen Neuigkeit mitgeteilt zu
haben.
Trotz ihrer Ungeduld, heimzukehren, entschloß sie sich noch zu einem
weiten Umweg.
Sie benutzte eine Pferdebahn, die nahe bis zu Tamaras kleiner Wohnung im
Vorstadtviertel heranfuhr. Tamaras Mann öffnete ihr, mit einem listigen
und erwartungsvollen Gesicht, -- er hatte seine Frau erwartet.
»Was, sie ist aus?« fragte Marianne stark enttäuscht, »ich muß sie so
notwendig sprechen, und dachte sie zu dieser Stunde sicher zu treffen.«
»Ja, glücklicherweise ist sie fort, ich kann sie nämlich momentan gar
nicht brauchen.«
Marianne bemerkte erst jetzt, wie er aussah. Im dicken Paletot, den Kragen
hochgeschlagen, sogar warme Ueberschuhe an den Füßen, stand er da und
rieb sich die Hände. In der That schien es kalt da drinnen zu sein.
»Was machen Sie eigentlich?! Frieren Sie vielleicht Ihre Vögel aus?«
»Ach nein, bei mir ist es warm. Wir müssen jetzt dort sitzen, zwischen
den Vögeln, leider. Wir schlafen die paar Tage auch drin. Denn im
Wohnzimmer, da wird jetzt nicht geheizt. Das ist wegen Weihnachten. Es soll
nämlich wie ein Wald werden, -- Tamara stammt doch aus dem Walde. Sie darf
jetzt nicht herein.«
Er öffnete die Thür zur Wohnstube, und Marianne erblickte in drei von
ihren Ecken je einen großen Tannenbaum. Eine Küchenlampe stand am Boden.
In dem ungewissen Schein, den das Lämpchen von unten her verbreitete, nahm
sich die Bescherung seltsam genug aus, die zwischen den Tannen im Aufbau
begriffen war.
Da näherten sich, fast lebensgroß in bemalter Pappe ausgeführt, die
heiligen drei Könige einer kleinen Korbwiege, deren blaue Vorhänge dicht
geschlossen waren. Was die Weisen des Morgenlandes darbrachten, bestand
aber nicht in Gold oder Juwelen, sondern in den winzigsten Hemdchen,
Jäckchen und Strümpfchen, die man sich denken konnte.