IV.

Das junge Volk! Längst hat es drei Viertel des Hauses nach seinem

Geschmack und Bedürfnis eingerichtet und mit vollem Rechte des Lebens.

An das Reich der beiden Alten hat keine Hand gerührt; außer dann und

wann eine Kinderhand, deren volles Recht des Lebens es freilich ist und

immerdar sein wird, in der Großväter und der Großmütter Hausrat,

Schubladen und Schränken zu wühlen und zu kramen und sich die vom Anfang

der Welt an dazugehörigen erstaunungswürdigen, lustigen und traurigen

Geschichten erzählen zu lassen.

Es war einmal!... oh, noch einmal von dem, was war!... Und so war es

gekommen, daß die jüngste Tochter des Hauses die Eltern um Mitternacht

noch wach fand unter den Glocken, die das neue Jahr einläuteten. Eine

Kinderhand aber war es wiederum gewesen, die an den Schleiern der

Vergangenheit gezupft hatte: »Es war einmal! Ich bin da! -- Mama, du

sagst in dieser Stunde nicht: Man hat doch keinen Augenblick Ruhe vor

dir, Kind! -- Ich bin da; und nun laßt mich sitzen auf meinem Stuhl,

laßt uns erzählen: Es war einmal!... laßt uns erzählen von dem, was

einmal war!«...

Und sie hatten davon erzählt, die beiden Greise nämlich. Das Kind hatte

nur drein gesprochen.

»Sie wäre gewiß auch eine stattliche Frau und eine gute geworden,« sagte

die alte Dame. »Ich meine, am meisten hätte sie wohl der Theodore

geglichen, wenn wir sie behalten hätten, das liebe Kind. Sie haben alle

da unten, -- unsere meine ich, Papa! -- ein hübsches lustiges Lachen;

aber ich kann nichts dafür, ich muß es sagen: wie das Kind, unser

Ännchen, ist doch keins so glücklich in seinem Lachen gewesen. Die

andern kennen wir ja auch nun schon lange mit ihren Sorgen und ihren

Nöten und ihren unnützen Ärgernissen. Keins von ihnen lacht und kreischt

und kichert so wie mein Ännchen es tat. Hätten wir die Enkel nicht, so

würde das Haus wohl manchmal still genug sein; -- selbst dir, Großpapa.«

Da war das Lachen, das vor so langen, langen Jahren zuerst das Haus hell

und heiter gemacht hatte! Auch der alte Herr, der Großpapa, dem das

Haus nie ruhig genug sein konnte, kannte es ganz genau.

»Also, ihr wißt es doch noch, wie es war, als wir drei allein waren, und

dein Haar noch nicht so weiß, Vater; und auch deines nicht so hübsch

grau, mein Mütterchen, und ich euer liebes, einziges Mädchen! Hier sitze

ich auf meinem Stuhl und behalte mein Recht, allen meinen Schwestern und

Brüdern und allen meinen Nichten und Neffen zum Trotz. Ich bin die

Älteste! Wer auch nach mir gekommen ist, wie viele auch gesessen haben

auf diesem Schemelchen -- mir gehört es, mir habt ihr es hierher

gestellt; das ist mein Sitz am Herde! Wer kann mir meinen Platz nehmen

in eurer Seele? wer in dem Hause, das ihr gebaut habt und in dem ihr

mich einmal euer Glück nanntet?!«

»Du hast recht, Mutter,« sagte der alte Herr; »ich weiß eigentlich

nicht, wie wir gerade jetzt darauf kommen; aber das Kind hat immer zu

mir, -- zu uns gehört. Nur weil wir es wußten, haben wir nicht immer

dran gedacht. So geht es aber mit allem Wissenswürdigen in der Welt.«

»Mein Ännchen!« seufzte einfach die Greisin; doch die blonden Locken

wurden wie mutwillig von neuem geschüttelt, und wieder legte sich der

kleine Finger schalkhaft auf den Mund: »Ja, ich war immer da, wenn ihr

auch nicht an mich zu denken glaubtet: an manchem schwülen Sommertage,

in mancher kalten, dunkeln, trostlosen Winternacht. An manchem Feste in

der lichtstrahlenden Winternacht, an manchem sonnigen, seufzervollen

Frühlingsmorgen. Jetzt haben die andern da unten im Saale euere Sorgen,

Freuden und Arbeiten. Ihr aber habt Zeit für mich. Eure andern, die nach

mir gekommen sind, haben mir wohl mein altes Spielzeug verkramt und

zerbrochen; aber mein Plätzchen im Hause haben sie mir nicht nehmen

können. Ich habe es ihnen nur geliehen, einem nach dem andern; doch mein

Eigentum ist es und bleibt es; nicht wahr, Papa und Mama?! Ihr habt zwar

unter den andern gottlob nun auch wieder ein Ännchen -- ein Enkelkind

mit meinem Namen -- aber das tut nichts, wir vertragen uns schon um

diesen kleinen Stuhl und um -- euch!... Es war wohl ein kleiner Sarg,

in den ihr mich legen mußtet; aber -- ich bin immer über meine Jahre

klug gewesen. Ich habe es wohl oft heimlich erlauscht, wenn ihr das über

mich sagtet. Damals wußte ich freilich nicht recht, was ihr damit sagen

wolltet, und ob es eigentlich ein Lob für mich sei; jetzt aber weiß ich

es. Ei ja, ich bin sehr klug für meine Jahre gewesen! nun lacht nur, wie

ihr damals geweint habt, als ich von euch weggeführt wurde und nicht

über die Schulter zurücksehen durfte. Seht ihr wohl, da lächelt ihr

wenigstens schon. Die Jahre sind nun hingegangen; lange, lange Jahre!

Heute abend habt ihr euch vorgenommen, noch einmal jung zu sein mit

euren Kindern und Enkeln. Es ist euch auch wohl gelungen, doch nicht

ganz. Ganz jung seid ihr erst jetzt wieder, da ich mich zu euch gesetzt

habe, ich -- euere Älteste und euere Jüngste. Nimm meinen Krauskopf

wieder zwischen deine Hände, Mutter, laß mich wieder auf deinem Knie

sitzen, Väterchen; draußen schneit es sehr, und der Nordwind bläst, und

es ist spät in der Nacht; ihr aber schickt mich diesmal noch nicht zu

Bett; -- wir wollen jetzt einander noch nicht zu Bette schicken; wir

wollen noch einmal ein Weilchen sitzen und erzählen von =dem, was einmal

war=.«

Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen · 第 31 / 32 题