Das junge Volk! Längst hat es drei Viertel des Hauses nach seinem
Geschmack und Bedürfnis eingerichtet und mit vollem Rechte des Lebens.
An das Reich der beiden Alten hat keine Hand gerührt; außer dann und
wann eine Kinderhand, deren volles Recht des Lebens es freilich ist und
immerdar sein wird, in der Großväter und der Großmütter Hausrat,
Schubladen und Schränken zu wühlen und zu kramen und sich die vom Anfang
der Welt an dazugehörigen erstaunungswürdigen, lustigen und traurigen
Geschichten erzählen zu lassen.
Es war einmal!... oh, noch einmal von dem, was war!... Und so war es
gekommen, daß die jüngste Tochter des Hauses die Eltern um Mitternacht
noch wach fand unter den Glocken, die das neue Jahr einläuteten. Eine
Kinderhand aber war es wiederum gewesen, die an den Schleiern der
Vergangenheit gezupft hatte: »Es war einmal! Ich bin da! -- Mama, du
sagst in dieser Stunde nicht: Man hat doch keinen Augenblick Ruhe vor
dir, Kind! -- Ich bin da; und nun laßt mich sitzen auf meinem Stuhl,
laßt uns erzählen: Es war einmal!... laßt uns erzählen von dem, was
einmal war!«...
Und sie hatten davon erzählt, die beiden Greise nämlich. Das Kind hatte
nur drein gesprochen.
»Sie wäre gewiß auch eine stattliche Frau und eine gute geworden,« sagte
die alte Dame. »Ich meine, am meisten hätte sie wohl der Theodore
geglichen, wenn wir sie behalten hätten, das liebe Kind. Sie haben alle
da unten, -- unsere meine ich, Papa! -- ein hübsches lustiges Lachen;
aber ich kann nichts dafür, ich muß es sagen: wie das Kind, unser
Ännchen, ist doch keins so glücklich in seinem Lachen gewesen. Die
andern kennen wir ja auch nun schon lange mit ihren Sorgen und ihren
Nöten und ihren unnützen Ärgernissen. Keins von ihnen lacht und kreischt
und kichert so wie mein Ännchen es tat. Hätten wir die Enkel nicht, so
würde das Haus wohl manchmal still genug sein; -- selbst dir, Großpapa.«
Da war das Lachen, das vor so langen, langen Jahren zuerst das Haus hell
und heiter gemacht hatte! Auch der alte Herr, der Großpapa, dem das
Haus nie ruhig genug sein konnte, kannte es ganz genau.
»Also, ihr wißt es doch noch, wie es war, als wir drei allein waren, und
dein Haar noch nicht so weiß, Vater; und auch deines nicht so hübsch
grau, mein Mütterchen, und ich euer liebes, einziges Mädchen! Hier sitze
ich auf meinem Stuhl und behalte mein Recht, allen meinen Schwestern und
Brüdern und allen meinen Nichten und Neffen zum Trotz. Ich bin die
Älteste! Wer auch nach mir gekommen ist, wie viele auch gesessen haben
auf diesem Schemelchen -- mir gehört es, mir habt ihr es hierher
gestellt; das ist mein Sitz am Herde! Wer kann mir meinen Platz nehmen
in eurer Seele? wer in dem Hause, das ihr gebaut habt und in dem ihr
mich einmal euer Glück nanntet?!«
»Du hast recht, Mutter,« sagte der alte Herr; »ich weiß eigentlich
nicht, wie wir gerade jetzt darauf kommen; aber das Kind hat immer zu
mir, -- zu uns gehört. Nur weil wir es wußten, haben wir nicht immer
dran gedacht. So geht es aber mit allem Wissenswürdigen in der Welt.«
»Mein Ännchen!« seufzte einfach die Greisin; doch die blonden Locken
wurden wie mutwillig von neuem geschüttelt, und wieder legte sich der
kleine Finger schalkhaft auf den Mund: »Ja, ich war immer da, wenn ihr
auch nicht an mich zu denken glaubtet: an manchem schwülen Sommertage,
in mancher kalten, dunkeln, trostlosen Winternacht. An manchem Feste in
der lichtstrahlenden Winternacht, an manchem sonnigen, seufzervollen
Frühlingsmorgen. Jetzt haben die andern da unten im Saale euere Sorgen,
Freuden und Arbeiten. Ihr aber habt Zeit für mich. Eure andern, die nach
mir gekommen sind, haben mir wohl mein altes Spielzeug verkramt und
zerbrochen; aber mein Plätzchen im Hause haben sie mir nicht nehmen
können. Ich habe es ihnen nur geliehen, einem nach dem andern; doch mein
Eigentum ist es und bleibt es; nicht wahr, Papa und Mama?! Ihr habt zwar
unter den andern gottlob nun auch wieder ein Ännchen -- ein Enkelkind
mit meinem Namen -- aber das tut nichts, wir vertragen uns schon um
diesen kleinen Stuhl und um -- euch!... Es war wohl ein kleiner Sarg,
in den ihr mich legen mußtet; aber -- ich bin immer über meine Jahre
klug gewesen. Ich habe es wohl oft heimlich erlauscht, wenn ihr das über
mich sagtet. Damals wußte ich freilich nicht recht, was ihr damit sagen
wolltet, und ob es eigentlich ein Lob für mich sei; jetzt aber weiß ich
es. Ei ja, ich bin sehr klug für meine Jahre gewesen! nun lacht nur, wie
ihr damals geweint habt, als ich von euch weggeführt wurde und nicht
über die Schulter zurücksehen durfte. Seht ihr wohl, da lächelt ihr
wenigstens schon. Die Jahre sind nun hingegangen; lange, lange Jahre!
Heute abend habt ihr euch vorgenommen, noch einmal jung zu sein mit
euren Kindern und Enkeln. Es ist euch auch wohl gelungen, doch nicht
ganz. Ganz jung seid ihr erst jetzt wieder, da ich mich zu euch gesetzt
habe, ich -- euere Älteste und euere Jüngste. Nimm meinen Krauskopf
wieder zwischen deine Hände, Mutter, laß mich wieder auf deinem Knie
sitzen, Väterchen; draußen schneit es sehr, und der Nordwind bläst, und
es ist spät in der Nacht; ihr aber schickt mich diesmal noch nicht zu
Bett; -- wir wollen jetzt einander noch nicht zu Bette schicken; wir
wollen noch einmal ein Weilchen sitzen und erzählen von =dem, was einmal
war=.«