Sie hatten nur noch fünf Minuten in ihren Großväterstühlen neben dem
Ofen sitzen wollen, um sich von dem Feste, dem Händedrücken, all den
Küssen und guten Wünschen zu dem neuen kommenden Jahre ein wenig zu
erholen, wie es den ältesten Leuten in der Familie geziemt in der
Silvesternacht, während die Jugend um die lichterglänzende Festtafel
weiter jubelt und lärmt, nach der Uhr sieht und den Sekundenzeiger mit
lachendem Auge verfolgt bis heran an den neuen ernsten Grenzstein ihrer
Erdenzeit. Und sie, die bereits Greise waren, hatten nicht nach der Uhr
gesehen; sie hatten gar nicht einmal daran gedacht. Die Sekunden der
letzten Stunden des Jahres waren ihnen dahingeglitten, wie die vielen,
langen arbeitsvollen, inhaltreichen Jahre ihres Daseins selber bis in
dieses jüngste und das eben vor der Tür stehende hinein.
»Du fragst wohl, Vater, wie wir gerade jetzt darauf kommen, und sagst,
daß du an das Kind lange nicht gedacht hast,« sagte die alte Dame. »Es
ist freilich lange her, daß wir ihren kleinen Sarg dort in dem Saale, wo
sie jetzt gottlob so lustig sind, aufstellen mußten. Wie wunderlich es
doch ist, daß ich gerade jetzt darauf komme, was für eine schöne
Sommernacht es war, in welcher sie starb! Horch jetzt nur, wie der Wind
den Schnee gegen die Fenster treibt. Wir haben die andern alle behalten
und wir haben an unseren Kindeskindern Freude; aber an unsere Älteste
habe ich doch immer gedacht. Was würde aus den Kindern werden, wenn ihre
Mütter nicht immer an sie dächten. Selbst die Gestorbenen können ohne
ihre Mutter nicht auskommen. -- Horch, wie sie es da unten treiben!
eigentlich ist es recht unrecht von ihnen, daß sie auch die Jüngsten so
lange aus dem Bette zurückhalten, und ich werde ihnen morgen früh auch
jedenfalls meine Meinung darüber sagen. -- Als =sie= in ihrem Fieber
lag, saß ich auch und zerrang mir die Hände und fragte mich Tag und
Nacht, was ich hätte anders machen können, damit das Schreckliche nicht
so zu kommen brauchte. Du warst wohl vernünftiger, wenn du aus deinem
Kontor heraufkamst und mir zuredetest, Geduld zu haben. Wie konnte ich
wohl verständig sein und Geduld haben? Und man sucht doch immer so, wie
man einem andern die Schuld geben kann, und wäre man das auch selber!«
»Ich meine, Mutter, wir geben das auf, uns den Kopf darüber zu
zerbrechen, und noch dazu so spät in der Nacht, im Jahr und in den
Jahren,« sprach der alte Herr, wiederum sehr vernünftig; und dann
sprachen sie bis zu dem ersten Glockenschlage der Mitternacht nichts
mehr miteinander. Dagegen aber füllte sich ihre Stube immer mehr mit den
Bildern und den Klängen der Vergangenheit. Und der liebliche Spuk der
Silvesternacht hatte nicht das geringste vom Phantasten an sich. Das
älteste Kind des Hauses war noch einmal im vollen blühenden Leben Herrin
im Reich und fand all sein altes verkramtes Spielzeug wieder, wie -- die
zwei weißhaarigen Greise. Sie paßten wieder ganz zueinander, die Eltern
und das Kind: der dunkle, geheimnisvolle Vorhang der Zukunft hatte sich
bewegt, und es war eine Kinderhand, die sich aus den schwarzen Falten
weiß und zierlich hervorstreckte und winkte. Sie aber, die Fröhlichen da
unten im Festsaale des Hauses, hatten dem Vater und der Mutter, dem
Großvater und der Großmutter -- den beiden Alten ein glückliches, ein
segensreiches neues Jahr gewünscht und hatten zwischen Becherklang und
lustigem Lachen ihren Wunsch wehmütig ernst gemeint, wie sich das
gebührte.
»Wie gut der Papa und die Mama heute abend aussahen,« meinten sie. »Es
ist doch eine Freude, wie frisch sie sich erhalten und wie sie noch an
allem teilnehmen. Aber verständig war es doch, daß sie nicht über ihre
Zeit bei uns sitzen blieben. Morgen früh hätten wir uns doch Vorwürfe
gemacht, wenn wir sie noch länger gequält hätten, das Vergnügen nicht
durch ihr Weggehen zu stören.... Jetzt aber auf die Uhr gesehen! in
fünf Minuten wird es Zwölf schlagen; -- ein bißchen leise, Kinder, daß
=wir die alten Leute nicht wecken!=«...
Zwölf Uhr und -- ein neues Jahr! Alle guten Geister haben einen leisen
Schritt und gehen auf weichen Sohlen; so schlich sich die jüngste
Tochter des Hauses weg aus dem jubelnden Kreis, glitt die Treppe hinauf
und horchte an der Tür der »alten Leute«, die durch den Becherklang, die
lauten Glückwünsche und alles, was sonst noch in die Stunde gehört,
nicht gestört werden sollten in ihrer Ruhe auf dem Altenteil.
»O mein Gott, da sitzt ihr noch? Das ist doch ganz wider die Abrede! Sie
meinen alle da unten, daß ihr längst in den Federn liegt und euch
behaglich in das neue Jahr hinübergeträumt habt.«
»Das letztere haben wir auch getan, mein Kind,« sagte der alte Herr
nachdenklich lächelnd.
»Oh, und nun müßte ich sie alle -- alle die übrigen auch noch
heraufrufen, daß sie euch ihre Meinung sagen. Sie werden es mit Recht
sehr übel nehmen, wenn ich's nicht auf der Stelle tue, Mama!«
»Laß es lieber, mein Herz,« meinte die alte Dame, leise die blonden
Flechten vor ihr, die noch nicht Staub und Asche geworden waren,
streichelnd. »Es würde den Vater doch zu sehr aufregen, und wir gehen
nun wirklich gleich zu Bett. Wir haben vorher nur noch ein wenig an
allerlei gedacht, was vor eurer -- vor deiner Zeit war.«
»Ach ich bin so glücklich!« rief die junge Frau. »Wir sind so vergnügt
da unten an unserem Tische, und ihr hier in euerer lieben, alten, guten
Stube seht so jung aus und so hell aus den Augen, wie das Jüngste von
uns -- euern andern! Oh, und mein Franz ist so drollig; der Mensch ist
mir fast ein wenig zu ausgelassen, oh -- und also noch einmal: ein
fröhliches, glückliches, gesegnetes neues Jahr euch vor allen und -- uns
andern auch!«
»Ja, ja!« sagten die =alten Leute= leise zu gleicher Zeit und nickten
freundlich ihre Zustimmung zu dem guten Wunsch.