II.

Sie entschlüpften, wie man entschlüpft, wenn man das siebenzigste

Lebensjahr hinter sich hat. Langsam stiegen die beiden die

teppichbelegte Treppe in ihre Stube hinauf, der Greis gestützt auf den

Arm der Greisin; und dann waren sie allein miteinander, noch einmal

allein miteinander in der Neujahrsnacht.... Umgesehen hatten sie sich

nicht auf der Treppe und einen leisen Schritt, einen Kinderschritt, der

ihnen nachglitt, den hatten sie überhört. Ein so scharfes Ohr, wie vor

Jahren, hatte keins von den zwei Alten mehr; aber diesen Schritt, diesen

Geister-Kinderschritt würde auch wohl jedes andere jüngere Ohr überhört

haben. --

Auf dem Altenteil! Das kann eines der bittersten Worte sein, die das

Schicksal den Menschen in dieser Welt zuruft; aber auch eines der

behaglichsten. Für diese beiden Alten war es nach langer schwerer,

mühseliger Arbeit ein behagliches geworden. Sie fanden ihre Gemächer

durch ein verschleiertes Lampenlicht erhellt, ihre beiden Lehnstühle an

den warmen Ofen gerückt und:

»Mit dem Schlage Zwölf komme ich doch und poche an eurer Kammertür und

spreche meinen Wunsch durchs Schlüsselloch. Ihr braucht aber nicht

darauf zu hören; ich schicke ihn euch auch in den Schlaf hinein!« hatte

das jüngste und am jüngsten verheiratete Töchterlein als letztes Wort im

Festsaale da unten gesagt.

»O mein Gott, da sitzt ihr noch?« rief dieselbe junge Frau unter dem

Glockenklang und dem Neujahrschoral von den Türmen, unter dem plötzlich

aufklingenden Gassenjubel und dem Jubel der Kinder und Enkel in dem

Saale des Hauses. »Das ist doch ganz wider die Abrede, und heute übers

Jahr werden wir euch da unten bei uns fester halten, ihr Lieben, Bösen,

Besten!... Ein glückliches neues Jahr, Großpapa! ein glückliches neues

Jahr, Großmama!«

Da stand ein niedrig lehnenloses Sesselchen mit einem verblaßten

gestickten Blumenstrauß darauf neben den zwei Stühlen der Greise. Die

junge Frau, nachdem sie den Vater und die Mutter mit ihren Küssen fast

erstickt hatte, saß nieder auf dem kleinen Stuhl und hatte keine Ahnung

davon, wer eben vor ihr darauf gesessen und die Mutter und den Vater

gegen die Abrede und gegen ihren eigenen festen Vorsatz wach gehalten

hatte über die Mitternachtsstunde hinaus und aus dem alten Jahr in das

neue hinein! Mit leise bebender Hand strich die alte Frau die blonden

Haare der Tochter aus dem lebensfreudigen, glühenden, erhitzten

Gesichte. Die blonden Locken, die sich eben vor ihr ringelnd bewegt

hatten, waren schon vor vierzig Jahren zu Staub und Asche geworden: die

junge Frau wußte nichts von ihnen, oder doch nur gerüchtweise. Lange vor

ihrer Geburt war das erste, das älteste Kind gestorben, zwölf Jahre alt.

Ein halbverwischtes Pastellbildchen, das über der Kommode der Mutter,

der Großmutter des Hauses, hing, war alles, was von ihm übrig geblieben

war in der Welt.

Alles?

Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen · 第 29 / 32 题