Sie entschlüpften, wie man entschlüpft, wenn man das siebenzigste
Lebensjahr hinter sich hat. Langsam stiegen die beiden die
teppichbelegte Treppe in ihre Stube hinauf, der Greis gestützt auf den
Arm der Greisin; und dann waren sie allein miteinander, noch einmal
allein miteinander in der Neujahrsnacht.... Umgesehen hatten sie sich
nicht auf der Treppe und einen leisen Schritt, einen Kinderschritt, der
ihnen nachglitt, den hatten sie überhört. Ein so scharfes Ohr, wie vor
Jahren, hatte keins von den zwei Alten mehr; aber diesen Schritt, diesen
Geister-Kinderschritt würde auch wohl jedes andere jüngere Ohr überhört
haben. --
Auf dem Altenteil! Das kann eines der bittersten Worte sein, die das
Schicksal den Menschen in dieser Welt zuruft; aber auch eines der
behaglichsten. Für diese beiden Alten war es nach langer schwerer,
mühseliger Arbeit ein behagliches geworden. Sie fanden ihre Gemächer
durch ein verschleiertes Lampenlicht erhellt, ihre beiden Lehnstühle an
den warmen Ofen gerückt und:
»Mit dem Schlage Zwölf komme ich doch und poche an eurer Kammertür und
spreche meinen Wunsch durchs Schlüsselloch. Ihr braucht aber nicht
darauf zu hören; ich schicke ihn euch auch in den Schlaf hinein!« hatte
das jüngste und am jüngsten verheiratete Töchterlein als letztes Wort im
Festsaale da unten gesagt.
»O mein Gott, da sitzt ihr noch?« rief dieselbe junge Frau unter dem
Glockenklang und dem Neujahrschoral von den Türmen, unter dem plötzlich
aufklingenden Gassenjubel und dem Jubel der Kinder und Enkel in dem
Saale des Hauses. »Das ist doch ganz wider die Abrede, und heute übers
Jahr werden wir euch da unten bei uns fester halten, ihr Lieben, Bösen,
Besten!... Ein glückliches neues Jahr, Großpapa! ein glückliches neues
Jahr, Großmama!«
Da stand ein niedrig lehnenloses Sesselchen mit einem verblaßten
gestickten Blumenstrauß darauf neben den zwei Stühlen der Greise. Die
junge Frau, nachdem sie den Vater und die Mutter mit ihren Küssen fast
erstickt hatte, saß nieder auf dem kleinen Stuhl und hatte keine Ahnung
davon, wer eben vor ihr darauf gesessen und die Mutter und den Vater
gegen die Abrede und gegen ihren eigenen festen Vorsatz wach gehalten
hatte über die Mitternachtsstunde hinaus und aus dem alten Jahr in das
neue hinein! Mit leise bebender Hand strich die alte Frau die blonden
Haare der Tochter aus dem lebensfreudigen, glühenden, erhitzten
Gesichte. Die blonden Locken, die sich eben vor ihr ringelnd bewegt
hatten, waren schon vor vierzig Jahren zu Staub und Asche geworden: die
junge Frau wußte nichts von ihnen, oder doch nur gerüchtweise. Lange vor
ihrer Geburt war das erste, das älteste Kind gestorben, zwölf Jahre alt.
Ein halbverwischtes Pastellbildchen, das über der Kommode der Mutter,
der Großmutter des Hauses, hing, war alles, was von ihm übrig geblieben
war in der Welt.
Alles?