Sie hatten den Senioren der Familie alle Ehre angetan, wie sich das denn
auch wohl so von Rechts wegen gebührte; aber der Lärm wurde den
weißhaarigen Herrschaften allmählich doch ein wenig zu arg. Die alte
Dame, die immer noch um ein paar Jahre jünger war als der alte Herr,
hatte dem letzteren ein ihm schon längst wohlbekanntes kopfschüttelnd
Lächeln gezeigt, welches weiter nichts bedeutete als:
»Kind, Kind, bedenke den Morgen und deinen Rheumatismus! Es hat alles
seine Zeit, und ich glaube, die unsrige ist jetzt vorhanden.«
Der alte Herr hatte zuerst ganz erstaunt aufgesehen und sein Weib an:
Nicht mehr bis Mitternacht, und in das neue Jahr hinein? Ei, ei, ei --
hm!
»Hm,« sagte der alte Herr, in dem fröhlichen Kreise erhitzter Gesichter
umherblickend; »es hat freilich alles seine Zeit; aber es ist
sonderbar, und, liebe Kinder, es kommt einem ganz kurios vor, wenn auch
dieses -- zum erstenmal Zeit wird!«
Dabei hatte er sich aber bereits etwas mühsam aus seinem Sessel erhoben.
Den Kopf schüttelte er auch; jedoch ohne dabei zu lächeln wie seine
Frau.
»Du hast recht, Anna; es ist unsere Zeit gekommen, und so wünsche ich,
wünschen wir euch jungem Volk --«
Von einem Gewissen war bei diesem »jungen Volk« natürlich nicht die
Rede. Dazu waren sie sämtlich (auch die Ältesten unter ihnen) noch viel
zu jung, und viel zu vergnügt und viel zu aufgeregt durch die uralten,
ewig jungen Stimmungen der letzten Stunden des scheidenden Jahres. Ein
Gewühl von blonden und braunen Köpfchen und Köpfen, von Händen und
Händchen erhob sich um die beiden Greise; und alle Verführungskünste,
deren die Menschheit in ihrer Erscheinung als Familie in der
Silvesternacht fähig ist, waren zur Anwendung gebracht worden.
Einmal noch schadete es sicherlich gewiß nicht!... Großpapa und
Großmama hatten noch nie so munter ausgesehen!... Es ging ja niemand zu
Bett vor Mitternacht, selbst die Jüngsten nicht!...
»Nun, Mutter! Einmal noch? Was meinst du?« Kleine weiße Händchen --
weiße beringte Hände hatten ihre Verführungskünste nicht ohne Erfolg
versucht; nun legte sich statt anderer Antwort auf die Frage des alten
Herrn wieder eine Hand auf die seinige. Das war aber keine weiche, keine
weiße, keine kräftige mehr; aber eine starke und treue war es auch;
vielleicht wohl die stärkste und treueste.
»Die Großmutter hat recht! Es hat alles seine Zeit, und die unsrige ist
gekommen. Junges Volk, wir werden zu Bette geschickt von ihr, der Madame
Zeit, während die Jüngsten aufbleiben dürfen. Der Kopf summt uns zu sehr
morgen früh, wenn wir uns dagegen sperren und wehren; und es ist zwar
hübsch von Großmama, wenn sie nur von Rheumatismus spricht; aber das
rechte Wort ist es eigentlich nicht. Sie hätte ganz dreist Gicht sagen
können, gerade so gut wie der Herr Schwiegersohn und _Doctor medicinae_
da hinter seinem Punschglase, wenn er jetzt ein Gewissen hätte. Liebe
Kinder, wir sind beide über siebenzig Jahre alt, und --«
»Oh!...«
»Und wir sind sehr glücklich und behaglich. Sehr wohl ist uns zumute
und so wünschen wir euch allen zum erstenmal vor Ablauf des alten Jahres
ein glückliches neues.... Bitte, lieber Sohn, ich weiß, was du sagen
willst; aber wende dich damit an die Mama, die wird dich versichern, daß
deine Frau, unsere liebe Sophie da, heute über dreißig Jahre sicherlich
gleichfalls viel verständiger sein wird, als du. Wende dich an deine
Mutter, mein Schmeichelkätzchen Marie. Sie hat immer gemeint, du seiest
ganz ihr Vorbild, also wirst du wohl wissen, was in vierzig Jahren in
der Neujahrsnacht deine Meinung sein wird, wenn die unverständige Jugend
dir deinen Mann da verführen will. Schieben Sie die Kinder nicht so
heran, lieber Schwiegersohn, sie machen der Großmama nur das Herz
schwer. Es ist Zeit geworden für uns; -- -- -- ein fröhliches,
segensreiches Jahr ihr -- alle!...«
»Alle!« jubelten sie, und die Gläser hatten geklungen, und die Kinder,
die Enkel hatten sich zugedrängt und ihre kleinen Becher hingehalten,
ohne daß man sie dazu zu schieben brauchte. Sie hatten sehr gejubelt;
und die Tonwellen der Gläser und der Stimmen waren verklungen.
»Nun seid weiter vergnügt; aber die Kinder laßt ihr mir morgen
ausschlafen. Begleitung nehmen wir nicht mit, die Trepp' hinauf. Wir
finden unseren Weg schon allein, nicht wahr, Walter?« sagte die alte
Dame, die Großmutter des Hauses.