Das Ende.
Und Monsieur d'Argenson streckte seine Hand aus; -- es fiel ein
schwarzer Schatten über das glänzende, fröhliche Leben in der Gasse
Saint Sauveur; nach allen Seiten hin zerstob das Getümmel der vornehmen,
reichen und geistreichen Gäste. Die Flucht nahmen die Herzöge, die
Marquis, die Chevaliers, die Abbés, die Poeten. Wer durfte wagen, da zu
weilen, wohin Monsieur d'Argenson den Fuß gesetzt hatte?
Aus dem Nebel ragt düster drohend die Bastille! Sie halten den Stefano
Vinacche, auf daß ihnen sein köstliches Geheimnis »nicht entgehe«,
und -- am 22. März 1704, einem Sonnabend -- scharren sie ihn ein auf dem
Kirchhof von Sankt Paul, unter dem Namen =Etienne Durand=.
Wer hat je das Genie durch Gewalt gezwungen, seine Schätze mitzuteilen?
So liest man in den Registern der Bastille:
»In der Nacht vom Mittwoch auf den grünen Donnerstag, als am 20. März
1704, morgens um ein Viertel auf zwei Uhr verschied in Nummer drei der
Bertaudiere Monsieur de Vinacche, ein Italiener, in der Gegenwart des
Schließers La Boutonnière und des Korporals der Freikompagnie der
Bastille, Michel Hirlancle. Nach dem Tode des Gefangenen gingen die
beiden Wächter, Monsieur de Rosarges davon zu benachrichtigen, und erhob
sich dieser und verfügte sich in die Zelle des Sieur Vinacche, welcher
sich selbst getötet hat, indem er sich gestern, als am Mittwoch,
ungefähr um zwei Uhr nachmittags mit seinem Messer die Kehle unter dem
Kinn zerschnitt und sich also eine sehr große und weite Wunde
beibrachte. Obgleich ihm alle mögliche Hilfe geleistet wurde, konnte man
ihn doch nicht retten. Da der Sterbende einige Zeit hindurch das
Bewußtsein wieder erlangte, so hat unser Almosenierer sein Bestes getan,
ihn zur Beichte zu bewegen, jedoch ganz und gar vergeblich. Gegen neun
Uhr abends habe ich Monsieur d'Argenson von dem Unglück Nachricht
gegeben, und ist derselbe in aller Eile sogleich erschienen, um zu dem
Sterbenden zu reden, jedoch auch ihm hat der Unglückliche keine Antwort
gegeben.
In diesem Schlosse der Bastille 20. März 1704.
=Dujonca=,
Königsleutnant in der Bastille.
Wohl mochte nachher d'Argenson in seinem Bericht an Chamillard von
»_billonage_«, von Kipperei und Wipperei sprechen, es glaubte niemand
daran, selbst der Berichterstatter glaubte nicht daran; man brauchte nur
eine Rechtfertigung dem aufgeregten Publikum gegenüber. Zu Versailles
wirkte die Nachricht von dem Tode Stefano Vinacches gleich einem
Donnerschlag; der König Ludwig der Vierzehnte wurde darob ebenso zornig
und niederschlagen, wie später in demselben Jahre über die Kunde von den
Niederlagen auf dem Schellenberge und bei Höchstedt. Die Frau Marquise
und die Herren de Chamillard und d'Argenson hatten einige bittere
Stunden zu durchleben; aber was half das? Stefano Vinacche war tot und
hatte sein Geheimnis mit in das Grab genommen!
Der Witwe des Unglücklichen meldete man offiziell, ihr Gemahl sei in der
Bastille am Schlagfluß verschieden; sie blieb im ungestörten Besitze
aller der auf so geheimnisvolle Weise erworbenen ungeheuren Güter. Der
alte Bericht, dem wir dieses seltsame Lebensbild nacherzählen,
vergleicht den gemordeten Stefano mit jenem Künstler, welcher dem
Imperator Tiberius ein köstliches Gefäß von biegsamem, hämmerbarem Glas
überreichte. Der Kaiser bewunderte die vortreffliche Erfindung und
fragte, ob dieselbe schon andern Menschen bekannt sei, welches der
Künstler verneinte. Auf diese Antwort hin ließ der Tyrann dem genialen
Erfinder den Kopf abschlagen und die Werkstatt desselben zerstören,
damit nicht »Gold und Silber gemein und wertlos würden, wie der Kot in
den Gassen von Rom«.
»_Par notre Dame de Miracle_, Madame, Euer Gemahl war ein großer Mann,«
sagte der Herzog von Chaulnes zu der trauernden Witwe Stefanos, »Euer
Gemahl war in Wahrheit ein großer Mann; aber =einen= Fehler hatte er, er
war zu verschwiegen! Wie oft hab' ich ihn beschworen, mir sein großes
Geheimnis anzuvertrauen, -- Madame, auf meine Ehre, Monsieur Etienne war
zu verschwiegen, viel zu verschwiegen.«
»O Madame, Madame, die Welt ist nicht so beschaffen, daß sie ein großes
Genie in sich dulden könnte!« sagte zur Frau Vinacche der Dichter Jean
Baptiste Rousseau, der Freund Stefanos. »Madame, die Welt kann das
Talent nur töten, und es gibt nur einen Trost:
_c'est le même Dieu qui nous jugera tous!_«
»Liebste Schwester,« sagte der Graf d'Aubigné zur Marquise von
Maintenon, »liebste Schwester, in meinem Leben habe ich noch nichts
erfunden, wohl aber traue ich mir viel Geschick zu, die Erfindungen
anderer Leute herauszuholen. Ihr wißt das ja; _mon Dieu_, weshalb habt
Ihr mir nicht diese Geschichte mit dem Italiener überlassen? Das war
kein Charakter für die Kunst Monsieur d'Argensons.«
Die Frau Marquise seufzte, zuckte die Achseln und griff nach ihrem
Gebetbuch, Mademoiselle La Caverne, ihre Kammerfrau, meldete: Seine
Majestät verfüge sich soeben in die Messe. Graf d'Aubigné, welcher »sich
wegen seiner Schwester Regierung einbildete, er sei die dritte Person in
dem Königreiche«, ließ die Unterlippe herabsinken und legte sein Gesicht
in die frömmsten Falten.
»Gehen wir, mein Bruder,« sagte die Marquise. »Wir wollen beten für die
Seele dieses unglücklichen Monsieur de Vinacche und bitten, daß Gott uns
seinen Tod nicht zurechne.«
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* *
* Ein Besuch *
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Es war schon Dämmerung, als der Besuch kam; so sehr Dämmerung, daß es
uns unmöglich ist, zu sagen, wie der Besuch aussah. Es ist uns überhaupt
nicht leicht gemacht, hierüber ganz deutlich zu werden. Helfen uns die
Leserinnen selber nicht dabei, so werden wir auf diesem Blatt Papier mit
Feder und Tinte wenig ausrichten.
»Wieder ein Tag, Johanne, in Einsamkeit und mühseliger, geringen Nutzen
bringender Arbeit; und zu der Arbeit trübe Gedanken den ganzen Tag über.
Wegplaudern kann ich dir deine Sorgen nicht; da habe ich Schwestern, die
das besser verstehen. Ich kann nur hier und da eine Stunde bei dir
verweilen; laß mich das jetzt, vielleicht ist dir wohler nachher. Hast
auch wohl schmerzende Augen von dem ewigen Schaffen so spät in den
Jahren? Die darfst du dreist zumachen, derweil ich bei dir bin. Nur
keine unnötigen Höflichkeiten unter Freunden. Laß dich gehen, ich lasse
mich auch gehen und lege mir niemandes wegen Zwang an, und viel Zeit
habe ich nie, das wißt ihr ja alle, die ihr mich dann und wann unter
euerer übrigen Bekanntschaft in der Welt bei euch seht. Wo warst du
eben, Johanne?«
»Sie feierten ein Fest heute drunten im Hause, daran habe ich gequält,
widerwillig teilnehmen müssen. Es war so viel Wagenrollen in der Gasse
und vor dem Hause, die Leute waren so laut; es drang so viel lustiger
Lärm zu mir herauf. Es war töricht: aber ich ließ mich von meiner
Phantasie hinabführen zu meiner jungen, reichen, glücklichen
Hausgenossin; und da wurde mein Schicksal bitterer, ich war den Tag über
unzufriedener denn je mit meinem Lose; ach, da es nun wieder stiller
geworden ist, will ich es nur gestehen: ich war recht böse den Tag über,
voll Mißgunst, Neid und Eifersucht. Es war sehr unrecht.«
»Ja freilich, du bist arm, und deine Hausgenossin ist reich; du bist alt
geworden, und deine Hausgenossin ist noch jung. Niemand kommt zu dir als
von Zeit zu Zeit ich, und jene führt das lebendigste Leben. Daran kann
ich nichts ändern, nicht den kleinsten Stein des Anstoßes in der
Körperlichkeit der Dinge kann ich dir aus dem Wege räumen; -- aber wie
wäre es, wenn du dessenungeachtet jetzt doch einmal einige Wege mit mir
gingest -- die ich dich führe?«
Da die Frau Johanne jetzt lächelt, ist sie schon auf diesen Wegen mit
ihrem Besuch -- dieser seltsamen Besucherin, die nicht plaudert, wenige
Neuigkeiten weiß, sondern nur von Zeit zu Zeit die Hand oder auch nur
den Zeigefinger erhebt. Frau Johanne hat dabei auch dem andern Rat ihres
stillen Gastes Folge gegeben; sie hat die Augen geschlossen. Bei
geschlossenen Augen sagt sie: »Ja es ist unrecht, und es nützt auch
nichts, andern ihr Glück oder vielleicht auch nur den Schein des Glückes
zu mißgönnen. Das Leben geht so rasch hin, und es wird so schnell Abend
aus Morgen allen Leuten!
Ist es nicht wie gestern, als es auch noch in meinem Leben Morgen war?
als ich so jung war wie diese junge Nachbarin und auch über schöne
Teppiche schritt? als die Wagen auch vor meiner Tür hielten und die
Gäste zu mir kamen? als meine Gestalt aus dem Pfeilerspiegel im
Festkleide mir zulächelte und Richard mir über meine Schulter
zuflüsterte, was der Spiegel mir sagte?
Hab' ich damals, an meinem Morgen, in meinem Frühling, in meiner Jugend
viel daran gedacht, wie die Leute über meinem Haupte, unter meinen
Füßen, die Nachbarn gegenüber lebten, und ob sie weniger jung, sorgenlos
und glücklich als ich waren?«
»Siehst du, es wandelt sich gut an meiner Hand,« nickte der Besuch. »Nur
weiter, komm nur weiter, wir sind auf dem ganz richtigen Wege. Es ist
nur, weil man in der mißmutigen Stunde nicht recht seine Gedanken
zusammennehmen kann, daß man seine Tage so regenfarbig, seine Nächte so
dunkel und sternenlos sieht. Was zeigte dir dein Spiegel noch außer
deiner Gestalt im Haus- und im Festkleide und den Bildern deiner
nächsten Umgebung?«
Frau Johanne legt das Haupt in ihrem Stuhl zurück und die Hand auf die
Stirn. Sie sitzt wieder vor ihrem hohen, vornehmen Spiegel, den Rücken
gegen die Fenster gewendet. Aber aus dem zerbrechlichen Glase und der so
leicht verwischbaren Folie von damals ist in Wahrheit ein Zauberspiegel
geworden, aus dem sich wesenhaft, greifbar, voll Leben und Wirklichkeit
die Hoffnung, der Trost, das beste Glück ihrer Witwenschaft, ihrer
Kinderlosigkeit, ihres Alters loslösen.
Es sind aber nicht die Abbilder ihrer nächsten Umgebung, die Möbel,
Wände, Gemälde, Teppiche und Vorhänge ihres damaligen Gemaches, die sie
nun mit ihren geschlossenen Augen wiedersieht. Es ist das Stück der
Gasse, das gegenüberliegende Haus, das damals in den goldenen Rahmen
zufällig mit hineinfiel und nun wieder lebendig in ihm leuchtet, nachdem
Glas und Folie längst zersplittert und verwischt sind, wie Glanz und
Glück jener lange vergangenen Tage.
»Ich denke, wir wagen es noch einmal, folgen unserm guten Einfall und
schlüpfen hinüber zu der unbekannten Nachbarin. Was meinst du, Johanne?«
»Ein Einfall!« murmelt die Frau Johanne. »Nur ein seltsamer Einfall --
_un concetto, una fantasia strana_, wie die Italiener sagen. Und mir
vielleicht auch nur darum möglich, weil ich eben erst mit Richard von
unserm schönen langen Aufenthalt in Italien nach Hause gekommen war.
Dort, in Italien, folgen die Leute viel leichter als hier bei uns ihren
Einfällen und schlüpfen so über die Gasse und halten gute Nachbarschaft,
zumal wenn sie sich vom Fenster oder -- Spiegel aus schon längst kennen
und unser Gatte einmal gesagt hat: 'Der Mann der hübschen kleinen Frau
im blauen Kleide da drüben ist einer unserer besten, talentvollsten
Unterbeamten, Johanne; das Weibchen mit seinem Kindchen ist wirklich
allerliebst, schade, daß sie nicht zu uns gehören, d. h. nicht in unsere
Gesellschaftskreise passen.'«
»Ja, was würde aus euerer Welt werden, wenn ich nicht immer von neuem,
zu jeder Zeit und überall eure närrischen Kreise störte und euch
zusammenbrächte im Wachen und im -- Traum? Nur weiter, immer weiter,
Johanne. Die Nachbarin wohnt in keinem vornehmen Hause; die Treppen, die
zu ihr hinaufführen, sind steil und dunkel; aber wir sind auf dem
rechten Wege -- ganz auf dem rechten Wege!«
»Auf dem rechten Wege! Wie kommst du eigentlich hierzu, Johanne?« habe
ich mich noch auf der steilen dunkeln Treppe gefragt. »Ihr habt euch ja
noch nicht einmal zugenickt und noch weniger je ein Wort miteinander
gesprochen. Wie wäre das auch möglich gewesen bei so vielem andern
gesellschaftlichen Verkehr?«
»Das weiß ich am besten, von welchen Kleinigkeiten alles abhängt,« sagt
der Besuch. »Törichtes Menschenvolk! wo bliebet ihr, wenn nicht ich aus
dem Kern den Baum, aus dem Funken das Licht, aus dem Hauch den Sturm
machte? Dein Blut war noch abenteuerlich unruhig von den bunten
Erlebnissen in der Fremde; du hattest viel gähnen müssen an jenem Tage;
leugne es nicht, Johanne, du warst eigentlich in keiner angenehmen
Stimmung, trotzdem daß du noch jung, reich und eine Schönheit warst. Zu
verbraucht, alltäglich, gewöhnlich, abgenutzt und gering erschien dir
alles in der behaglichen Heimat um dich herum.«
»Und Richard hatte mir jetzt gesagt: Unsere Nachbarin hat Unglück
während unserer Abwesenheit gehabt; der Mann ist ihr gestorben; wir
werden nicht leicht einen so guten Arbeiter wieder bekommen. -- Da sah
ich sie statt im blauen oder rosa Kleide in einem schwarzen am Fenster,
bleich und kummervoll. Und sie trug ihr Kind auf dem Arme, ihr armes
verwaistes Kindchen, und da --, da nickte ich ihr zu von meinem Fenster;
und da --, da bin ich zu ihr gegangen!«...
Und nun ist sie wieder bei ihr, die Träumende, -- die Freundin bei der
Freundin, und die Zeiten -- die Stunden, Tage und Jahre vermischen sich
wunderbar im süß-melancholischen Dämmerungstraum. Der Besuch könnte nun
wohl gehen -- o wie lebendig, wie lebendig ist alles nun im Traum!...
Im Traum. Die alte Frau schläft in ihrem Stuhl nach dem arbeitsvollen
mühsamen Tage. Sie denkt nicht mehr über die Vergangenheit; sie träumt
von ihr und süß und friedlich; denn der Besuch hatte ihr ja vorher
leise, beruhigend die Hand auf die furchenvolle Stirn gelegt.
Nun ist der Raum um sie her nicht mehr beschränkt und niedrig, nun sind
die Gerätschaften nicht mehr ärmlich und abgenutzt; denn im gleichen
Stübchen und unter gleichem Geräte führte ja die beste Freundin ihrer
Jugend ihr =liebes=, stilles Leben. Zu solchem Stübchen schlich sie aus
dem Glanz und der Fülle des eigenen Daseins, und alles ist im Traum wie
damals um sie her.
Wie viele Jahre gehen vorüber während der kurzen Augenblicke, in denen
sie jetzt die Augen geschlossen hält? Wechselnde Schicksale -- viel
Sorge und Angst im Mittage des Lebens auch im eigenen Hause. Was ist
noch übrig von alledem, was damals war? Wo sind die hohen Spiegel, die
Purpurvorhänge, die weichen Teppiche -- die Freunde, die Bekannten der
Jugend? Ist doch der eigene Gatte so lange schon tot und die eigenen
Kinder; und auch die Freundin schläft ja nun lange schon unter ihrem
grünen Hügel und steigt nur dann und wann daraus hervor in der
=Erinnerung= und im =Traum=, und lächelnd, tröstend und Geduld anratend
zumeist auch nur dann, wenn vorher der Besuch gekommen ist, den die
Greisin, die arme alte Frau Johanne, bei ihrer späten, beschwerlichen
Lebensmühe wie in der Dämmerung des heutigen Abends bei sich empfangen
hat.
Von all den guten Freunden, den lieben Bekannten ist niemand übrig, ist
niemand treu als das Kind, das einst die Träumerin zum erstenmal
hinüberzog aus ihrer Lebensfreude und dem Glanz ihrer Jugend zu dem Leid
der jungen Nachbarin im schwarzen Kleide. Und dieses Kind ist erwachsen,
ist auch eine verheiratete Frau und weit in der Ferne. -- -- --
Horch, ein Schritt auf der Treppe.
Ist es die Stimme des Besuchs, welche die Frau Johanne noch in ihrem
Traume vernimmt: »Nun gehe ich und lasse dich der Wirklichkeit. Wie gern
käme ich zu allen so wie zu dir in den bösen Stunden des Erdenlebens,
wie gern hülfe ich allen so wie dir hinweg über die dumpfen Pausen
zwischen euern Schicksalen; wenn ich nur nicht so oft vor die
verschlossene Tür käme. In den Büchern heiße ich eine vornehme Frau; mit
einem großen Gefolge hoher Söhne und Töchter schreite ich durch die
Jahrtausende, aber gern sitze ich nieder zu den Kindern, den Armen, den
Bekümmerten -- mit Freuden komme ich zu denen, die aus Büchern nur wenig
oder nichts von mir wissen. Nun lebe wohl, du närrisch alt Weiblein,
lache und weine dich aus in dem Glück der Gegenwart und Wirklichkeit und
halte mir deine Tür offen; ich klopfe nicht gern lange vergeblich.«...
Es war nur der Briefträger, dessen Schritt man auf der Treppe gehört
hatte. Der Brief aber, den er der Frau Johanne brachte, lautete freilich
trotz der ganzen, vollen Wirklichkeit, die er verkündete, wie
Glockenklang und Jubelruf aus Dichtung und Wahrheit.
»Meine liebe andere Mutter, ich bin so glücklich -- Franz ist daheim!
Gesund und so bärtig wie ein Bär und so sonnenverbrannt -- entsetzlich!
Aber es hat ihm, Gott sei Dank, nichts geschadet, und ich bin so
glücklich, so glücklich! Gestern sind sie eingezogen, und es war so
wundervoll, und ich hatte einen so guten Platz. Ich brauchte den Leuten
vor mir nur zu sagen: ich habe ja auch meinen Mann darunter, und sie
trugen mich fast auf ihren Armen in die erste Reihe. Und wir -- ich und
viele Hunderte und Tausende von meiner Sorte, hätten fast den ganzen
Effekt gestört. Das war ja aber auch nur zu natürlich, und kein
Feldmarschall und sonstiger großer General und Prinz durfte etwas
dagegen einwenden. Ich hing ihm unter den Trommeln und Trompeten, den
Pferden und Bajonetten am Halse, und wie ich nachher nach Hause gekommen
bin, weiß ich nicht. Nun habe ich ihn aber selber wieder zu Hause --
ganz und heil zu Hause: es lebe der Kaiser und mein Mann und mein Kind
und du, mein liebes zweites Mütterchen! Und nun höre nur, über acht Tage
sind wir alle bei dir, -- er, Franz, muß dir ja sein Eisernes Kreuz
zeigen und ich dir unsern Jungen und meinen tapfern Ritter und
Landwehrmann, den sie mir so unvermutet mitten im vorigen Sommer von
seinem Zeichen- und meinem Nähtisch wegholten und für das Vaterland ins
fürchterlichste Kanonenfeuer stellten. Was haben wir ausgestanden, Mama!
Da war es ja noch ein Segen, daß der Junge noch zu klein und dumm war,
um schon mit einsehen zu können, was der Mensch an Ängsten und Sorgen
auf der Erde und im Kriege aushalten muß und kann. Aber eins hat er auch
noch zuwege gebracht, und das ist herrlich -- ich meine der Krieg und
nicht unser Junge natürlich -- ach, ich bin immer noch so konfus und
habe es wie tausend Glocken im Ohr und wie Ameisen in allen Gliedern!
nämlich die Privatingenieure sind im Preise gestiegen, und unser Weizen
blüht endlich auch einmal. -- Darüber werden wir denn recht eingehend
reden in acht Tagen in deinem lieben Stübchen; du sollst und darfst uns
nun nicht mehr so einsam und allein sitzen, jetzt, da es uns so gut geht
und noch viel besser gehen wird, was wir aber um Gottes willen ja nicht
berufen, sondern ja bei dem Wort dreimal unter den Tisch klopfen wollen!
Wir haben alle so viel ausstehen müssen und einander so wenig helfen
können; aber nun soll's anders werden, sagt Franz. Eine bessere Stelle
haben wir schon, nämlich Franz, und dies hat sich schon mitten im Kriege
gemacht, wo merkwürdigerweise nicht bloß Leute zusammengeraten, die sich
auf den Tod hassen, sondern auch solche, die einander recht gut
gebrauchen können. Nun sagt er, jetzt gäbe er nicht mehr nach, und
sollte er noch dreimal so lange wie vor dem schrecklichen Metz vor dir
in die Erde gegraben liegen und dich belagern müssen. Er erzählt
furchtbare Dinge von seiner Hartnäckigkeit und neugewonnenen Erfahrung
in dergleichen Kriegskunststücken; und er behauptet, es wäre gar kein
Zweifel, jetzt kriegte er dich -- wir kriegten dich! O könnten wir's dir
doch zum tausendsten Teil vergelten, was du so viele kümmerliche Jahre
durch bis in unsere Brautzeit und bis zu unserer Heirat an uns getan
hast!
Ich glaube meinem Manne natürlich auf sein Wort, daß du jetzt zu uns
kommen wirst, aber ich verlasse mich eigentlich doch noch mehr auf
meinen Jungen. Was soll das arme Kind ohne dich anfangen,
Großmütterlein; jetzt, wo es anfängt zu laufen und ich doch nicht ewig
aufpassen kann? Großmütterchen, du gehörst zu unserm Richard wie die
Stadt Metz wieder zum Deutschen Reich, was aber eine recht schlechte
Vergleichung ist; ich kann aber nichts dafür, weil ich als jetzige
glorreiche Kriegsfrau so kurz nach den vielen Siegen und Eroberungen
mich nur in solchen Vergleichungen bewegen kann und übrigens auch eben
keine andere wußte.
Wir mieten natürlich eine größere Wohnung, und es wird ein Leben wie in
Frankreich, wo es freilich, wie Franz meint, die letzte Zeit durch kein
gutes Leben gewesen ist, was also eigentlich wieder nicht paßt. Nein,
wir wollen leben in Deutschland, wie ich es mir als das Schönste denke;
und denke du dir es auch so lieb, als wenn alle Dichtung auf Erden, wenn
du diesen Brief bekommst, eben zum Besuch bei dir gewesen wäre und dich
leise auf unsere Pläne und Absichten mit dir vorbereitet hätte, daß dir
der Schrecken nichts schade! Was ich dir eigentlich schreibe, weiß ich
gar nicht, und den Jungen habe ich auch beim Schreiben auf dem Schoße.
* Dieser Klex kommt auf seine Rechnung, denn greift er mir nicht in die
Frisur, so führt er mir mit die Feder.
Und nun nichts mehr; denn in acht Tagen sind wir bei dir; und obgleich
ich hier jetzt an keiner Stunde am Tage was auszusetzen finde, so wollte
ich doch, daß es erst über acht Tage wäre, um dir Auge in Auge, Mund auf
Mund sagen zu können, wie ich bis in den Tod dein dankbares Kind bin und
bleibe, du meine zweite Herzensmutter!«...
Die Frau Johanne hat viel Unglück im Leben gehabt. Eigene Familie hat
sie nicht mehr, ihr Mann ist tot, ihre Knaben sind ihr schon als Kinder
genommen, ihren Wohlstand hat sie auch verloren, und doch gibt es keine
andere Frau in der Stadt, die in dieser Stunde so glückliche Tränen
weint wie diese, welche nie dem Besuch, der in der Dämmerung bei ihr
war, die Tür verschloß, und die an seiner Hand in den Traum sich leiten
ließ, bis die Wirklichkeit anklopfte und ihr die reife liebliche Frucht
jenes »Einfalls« und Nachbarschaftsbesuchs der Tage der Jugend in den
Schoß legte.
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* Auf dem Altenteil *
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* Eine Silvester-Stimmung *
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