Was man in Versailles dazu sagte.
Vinacche fuhr mit seiner Frau vierspännig durch die Straßen von Paris.
Lange war Claude Bullot tot und erinnerte sie nicht mehr an die
Dunkelheit ihrer Herkunft. In der Gasse Saint Sauveur besaß Stefano
jetzt ein prächtiges Haus, wo er die beste Gesellschaft von Paris bei
sich sah. Sein Leben strahlte im höchsten Glanz. Die Teilnehmer seiner
wunderlichen Operationen hatte er durch Drohungen, Versprechungen, List
und Überredung zu seinen Sklaven gemacht; er durfte ihnen drohen, sie
bei der geringsten Auflehnung gegen seinen Willen als Fälscher, Kipper
und Wipper hängen zu lassen. Seine Geschäftsverbindungen mit Samuel
Bernard, Tronchin, Menager, mit den beiden van der Hultz, mit
Saint-Robert und dem Sieur Buisson Destresoriers nahmen ihren
ungestörten Fortgang. Man sah in seinen Gemächern oft fünfzehn, zwanzig,
dreißig Säcke voll nagelneuer Louisdors aufgestellt. Neu geprägte
Goldstücke fanden die Diener und Dienerinnen, von denen das Haus
überquoll, im Kehricht, in den Winkeln, unter der schmutzigen Wäsche; --
sie verkauften Stückchen von Goldbarren an die Juden, und Madame de
Vinacche erschrak eines Tages heftig genug, als sie, ungesehen von
ihnen, ein Gespräch zwischen ihrer Kammerfrau La Martion und einigen
Lakaien ihres Mannes belauschte. --
Der spanische Erbfolgekrieg hatte begonnen. War das Geld im Hause
Stephano Vinacches im Überfluß vorhanden, so mangelte es um desto mehr
im Hause des Königs Ludwig des Vierzehnten. Herrschte im Hause Stefano
Vinacches Jubel und Übermut, so herrschte Mißmut, Angst, Sorge und Not
zu Versailles. Ein gewaltiger Umschwung aller Dinge trat in diesem
früher so glänzenden Frankreich mehr und mehr hervor. Auf die Zeit des
phantastischen, lebenvollen Karnevals folgte der Aschermittwoch mit
seinen Grabgedanken. Zu Grabe gegangen waren die Schriftsteller und
Dichter: Pascal und Franz von La Rochefoucauld ergründeten nicht mehr
die Tiefe des menschlichen Herzens. Jean de Lafontaine hielt nicht mehr
den lustigen Spiegel der Welt vor, Jean war »davongegangen wie er
gekommen war«; -- verstummt war die mächtige Leier des großen Corneille,
Jean Racine hatte sein Schwanenlied gesungen und war hinabgesunken in
die blaue Flut der Ewigkeit. Tot, tot war Molière, der gute Kämpfer
gegen Dummheit, Heuchelei, Aberglauben und Laster; tot war Jean Baptiste
Poquelin, genannt Molière, aber Tartuffe lebte noch!
Die Heiterkeit des Daseins war erblaßt, auch die feierlichen Stimmen der
großen Kanzelredner Bossuet, Bourdaloue, Flechier verstummten! König in
Frankreich war der Pater La Chaise, Königin in Frankreich war Franziska
d'Aubigné, die Witwe Paul Scarrons. Die Schutzherrschaft über das Land
nahm man dem heiligen Michael und gab sie der Jungfrau Maria, wie man
sie vorher dem heiligen Martin und vor diesem dem heiligen Denis
genommen hatte. Schaffe Geld, schaffe Geld, Geld, Geld, o heilige
Jungfrau Maria! Schaffe Geld, holde Schutzherrin, Geld zum Kampf gegen
deine und unsere Feinde! Schaffe Geld und abermals Geld und wiederum
Geld, süße Mutter Gottes! Schaffe Geld, Geld, Geld, o Schutzpatronin von
Frankreich und Versailles, Marly und Trianon!
Wiederum war ein Staatsrat gehalten worden zu Versailles über die besten
Mittel, Geld zu bekommen, und niemand hatte Rat gewußt; weder
Pontchartrain, noch Pomponne, noch du Harlay, Barbezieux, d'Argouges,
d'Agnesseau. Wohl war manche neue Steuer vorgeschlagen worden; doch ohne
zu einem Resultat gelangt zu sein, hatte Louis der Vierzehnte seine Räte
entlassen müssen. Verstimmt im höchsten Grade, ratlos bis zur
Verzweiflung schritt er auf und ab in seinem Gemach und seufzte:
»O Colbert, o Louvois!«
Der König von Frankreich befand sich vollständig in der Seelenstimmung
Sauls, des Königs der Juden, als er Verlangen trug nach dem Geiste
Samuels, des Hohenpriesters.
Dazu war die Frau Marquise nach Saint Cyr zu ihren jungen Damen
gefahren, und der Vater La Chaise gab einigen Brüdern in Christo in
der Vorstadt Saint Antoine in seinem Hause ein kleines Fest. Armer,
großer Louis! zu seinem letzten Mittel mußte er greifen, um sich zu
zerstreuen; -- Fagon, sein Leibarzt, wurde gerufen. In der Unterhaltung
mit diesem klugen Manne ging dem Monarchen, freilich doch langsam
genug, dieser trübe Oktobernachmittag des Jahres 1703 hin, und zuletzt
kam auch Madame von Maintenon zurück. Der König seufzte auf, gleich
einem, der von einer schweren Last befreit wird; Fagon machte seine
Verbeugungen und entfernte sich, ebenfalls höchlichst erfreut über seine
Erlösung.
Im klagenden Tone erzählte nun der König seiner Ratgeberin von seiner
trüben Nachmittagsstimmung, von seiner Sehnsucht nach ihr, seiner
einzigen Freundin, von der Dummheit der Ärzte und von der vergeblichen
Ratssitzung.
»Sire,« sagte die Marquise lächelnd, »ich bin Eure demütige Dienerin;
die besten Ärzte sind die, welche die Seele zu heilen verstehen, was
aber die Ratlosigkeit Eurer Räte betrifft, so ist hier ein Billett,
welches die Mittel angibt, dem Staat Geld zu schaffen. Von unbekannter
Hand wurde es mir in den Wagen geworfen. Leset es, Sire, wir haben schon
einmal über den Mann gesprochen, von dem es handelt.«
Der König nahm das Schreiben und überflog es.
»Vinacche?! der Goldmacher!« murmelte er und zuckte die Achseln.
»Ich höre Erstaunliches über den Mann,« meinte die Marquise. »Sein
Luxus geht ins Grenzenlose. Die größten Herren Eures Hofes, Sire, gehen
bei ihm ein und aus. Der Herzog von Brissac hat mir neulich stundenlang
von dem geheimnisvollen Menschen gesprochen. Neulich war auch Madame von
Chamillard bei mir; sie steht in Verbindung mit dem reichen
holländischen Bankier van der Hultz. Auch dieser Mann soll vollständig
überzeugt sein, Monsieur de Vinacche habe das Projektionspulver
gefunden, Monsieur de Vinacche mache in Wahrheit Gold.«
»Ach, Marquise, von wie vielen haben wir das geglaubt!«
»Sire, wäre ich an Eurer Stelle, ich würde d'Argenson beauftragen,
diesen Italiener etwas genauer zu beobachten.«
Der König zuckte abermals die Achseln und gab das Billett zurück.
»Wenn d'Argenson das für nötig hält, so mag er seine Anordnungen
treffen; -- ich will nichts damit zu tun haben. Was beginnen Eure
Fräulein zu Saint Cyr, Marquise?«
Nachdem der König das Gespräch auf eine andere Bahn geleitet hatte, war
es vergeblich, von neuem den verlassenen Punkt zu berühren; aber die
Marquise schob das Billett in ihre Tasche und faßte einen Beschluß. Am
andern Tage schickte sie ihren Stallmeister Manceau in die Gasse Saint
Sauveur zu Vinacche, unter dem Vorgeben: er solle Diamanten kaufen für
eine fremde Prinzessin. Manceau, von seiner Herrin bestens instruiert,
ließ nichts in dem Hause des Alchymisten außer Augen und erzählte
nachher Wunder von der Pracht und dem Glanze, die darinnen herrschten.
Pferde, Gemälde, Silbergeschirr, Meubles, alles taxierte er, wie ein
Auktionskommissär; auf seine Frage nach Juwelen antwortete aber
Vinacche, er besitze deren wohl sehr schöne, aber er handle nicht damit.
Fast schwindelnd von dem Geschauten kam der Abgesandte der Marquise nach
Versailles zurück und stattete seiner Herrin Bericht ab. Einige Tage
nachher wurde Stefano Vinacche selbst nach Versailles beschieden und
daselbst sehr höflich und zuvorkommend von Herrn von Chamillard
empfangen! Ein langes Gespräch hatten die beiden Herren miteinander, und
hinter einem Vorhange lauschte die Marquise von Maintenon demselben.
Aber aalglatt entschlüpfte Vinacche jeder Frage, die sich auf seine
große Kunst bezog; er nahm Abschied und bestieg seine Karosse wieder,
ohne daß die Marquise und Chamillard ihrem Ziel im geringsten
nähergekommen wären.
»Lassen wir d'Argenson kommen!« sagte Frau von Maintenon. »Um keinen
Preis darf uns dieser Mann entgehen.«
Monsieur de Chamillard verbeugte sich bis zur Erde, und -- d'Argenson
ward gerufen.