I.

In der Gasse Quincampoix.

Wenn man bedenkt, was für wunderliche Geschichten in dieser Welt

tagtäglich geschehen, so muß man sich sehr wundern, daß es immerfort

Leute gegeben hat und noch gibt, welche sich abmühten und abmühen,

selbst seltsame Abenteuer zu erfinden und sie ihren leichtgläubigen

Nebenmenschen durch Schrift und Wort für Wahrheit aufzubinden. Die

Leute, die solches tun, verfallen denn auch meistens -- wenn sie ihr

leichtfertig Handwerk nicht ins Große treiben und was man nennt große

Dichter werden, -- der öffentlichen Mißachtung als Flausenmacher und

Windbeutel, und alle Vernünftigen und Verständigen, die sich durch ein

ehrlich Handwerk ernähren, als wie Prediger, Leinweber und Juristen,

Bürstenbinder, Ärzte, Schneider, Schuster und dergleichen, blicken mit

mitleidiger Geringschätzung auf sie herab, und das mit Recht!

So sage ich denn reu- und wehmütig _confiteor, confiteor; -- mea culpa,

mea culpa!_ so beginne ich denn meine -- =wahre Geschichte=.

Es war in dem durch die Seeschlacht von La Hogue für das Glück und den

Glanz des französischen Königs und Volkes so unheilvollen Jahre 1692.

Viel Not und Elend herrschte im Lande; in Guienne, Bearn, Languedoc und

der Dauphinée starben die Menschen zu Tausenden vor Hunger; Bankerotte,

greuliche Mordtaten, Aufstände waren an der Tagesordnung; -- es war, als

wolle es abwärts gehen mit dem großen Louis. Es regnete, und der

Novemberwind fuhr in kurzen Stößen scharf über die Stadt Paris und durch

die Gasse Quincampoix, welche letztere gar wüst, schmutzig und

verwahrlost ausschauete. Und sah die Gasse Quincampoix an diesem düstern

Novembernachmittag häßlich aus, so gewährten die Menschen, welche sie

bevölkerten, einen noch schlimmern Anblick. War es nicht, als ob das

allgemeine Unglück jedem Gesicht seinen Stempel aufgedrückt habe? -- O

wie verkommen erschien diese französische Nation, welche sich für die

erste der Welt hielt.

Vier Uhr schlug's, als ein junger Mensch von ungefähr achtundzwanzig

Jahren, hager, bleichgelblich von Gesicht, schwarzhaarig, schwarzäugig,

in luftigen, ärmlichen, schäbigen Kleidern, in der Gasse Quincampoix in

die Kneipe zum Dauphinswappen trat, um seine letzten Sols an eine

Mahlzeit zu wenden. =Stefano Vinacche= hieß dieser junge Mann; ein

Neapolitaner war er von Geburt, ein Abenteurer vom reinsten Wasser. Als

er in die Gargotte eintrat, herrschte in derselben ein wahrer

Höllenlärm; ein Sergeant vom Regiment Villequier war mit einem Kornet

vom Regiment Ruffey über dem Spiele in Streit geraten, ein

Perückenmacher zankte mit einem Lakaien der Prinzessin von Conti über

die Frage: ob es recht sei, daß Monsieur de Pomponne, der

Staatsminister, so viel einzunehmen habe, als ein Prinz von Geblüt; --

andere Gäste unterhielten sich über andere Gegenstände mit so viel Lärm

als möglich. Im Hinterzimmer, welches an die Kneipstube grenzte, war ein

äußerst hitziger Wortkampf ausgebrochen zwischen dem Wirt zum

Dauphinswappen, Claude Bullot, und seiner hübschen galanten Tochter, --

kurz, alles ging drunter und drüber, und nur Margot die Kellnerin, eine

Picarde, bewahrte ihren Gleichmut, blickte vom Kamin aus mit

untergeschlagenen Armen in das Getümmel und gab Achtung, daß dem

Sergeanten und dem Kornet jede zerbrochene Flasche, jedes zertrümmerte

Glas richtig angekreidet wurden. Margot die Picarde wußte, daß im

Notfall die Marechaussée in der Gaststube alles schon ins Gleichgewicht

bringen würde, und was im Hinterzimmer vorging, zwischen ihrem Herrn und

der Mademoiselle, machte ihr das höchste Vergnügen. --

Am Kamin legte Margot die Picarde dem Neapolitaner das Kuvert, und der

Fremde war allzu ausgehungert und allzu naß, um anfangs an etwas anderes

zu denken, als den Hunger aus dem Magen und die Kälte aus den übrigen

Gliedern zu verjagen. Ruhig setzte er sich auf den ihm angewiesenen

Platz, aß und trank, trocknete seine Kleider, bis er allgemach wieder

auflebte und fähig wurde, seine Aufmerksamkeit den Vorgängen in seiner

Umgebung zuzuwenden. Der Sergeant vom Regiment Villequier erhielt

richtig einen Degenstoß in die Schulter, verhaftet wurde darüber der

Kornet vom Regiment Ruffey; die Bürger, Lakaien, Diebe und Tagediebe

zerstreuten sich mit einbrechender Dämmerung, um sich vor der Dunkelheit

zu retten, oder in der Dunkelheit ihren lichtscheuen Geschäften

nachzugehen. Es wurde still in der Gargotte, nur im Hinterzimmer konnte

man sich immer noch nicht beruhigen. In der Tür, welche auf die Gasse

führte, stand die Kellnerin Margot und blickte in den Regen und die

Nacht hinaus, das Feuer im Kamine prasselte und knatterte und warf

seinen roten Schein über die Tische und Bänke des weiten Gemaches, die

trübe Hängelampe qualmte an der geschwärzten Decke; niemand störte jetzt

mehr den jungen Neapolitaner in seinen trüben Gedanken. Mechanisch

klimperte er mit den wenigen Geldstücken in seiner Tasche; -- was sollte

er beginnen, um nicht Hungers zu sterben, um nicht in den Gassen dieses

schmutzigen, kalten, stinkenden Paris zu erfrieren? »O Neapel, Neapel!«

seufzte Stefano Vinacche.

Jawohl, etwas anderes war es, eine Nacht obdachlos am Strande des

tyrrhenischen Meeres, ein anderes, eine Nacht obdachlos am Ufer der

Seine zuzubringen. Eine Art stumpfsinniger Schlaftrunkenheit überkam den

jungen Italiener, seine Augen schlossen sich unwillkürlich, und immer

dumpfer und verworrener vernahm er das Schluchzen der Mademoiselle

Bullot und die kreischende Stimme des zornigen Vaters.

Aber was war das? Plötzlich schwand jedes Zeichen von Ermüdung, von

Erschöpfung an dem Italiener. Vorgebeugt saß er auf seinem Stuhle und

horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach der Tür hin, welche in

das Hinterzimmer führte. Das Wechselgespräch zwischen Vater und Tochter

war dem Fremden auf einmal interessant geworden durch einen Namen, der

soeben mehrere Male darin vorgekommen war.

Immer gespannter horchte Vinacche.

Hatte nicht Meister Claude Bullot, ehe ihm Monseigneur der Herzog von

Chaulnes die Kneipe zum Dauphinswappen einrichtete, als Seifensieder

Bankerott gemacht?

War nicht Mademoiselle Bullot ein reizendes Schätzchen, dem man schon

etwas zu Gefallen tun konnte?

Hoch spitzte Stefano Vinacche die Ohren beim Namen des Herzogs von

Chaulnes.

»Oho, Stefano, solltest du da unvermutet in den Honigtopf gefallen sein?

Oho, Glück geht immer über Verstand, -- _va' piu un' oncia di fortuna,

che una libra di sapere_. Achtung, Achtung, Vinacche!«

Mancherlei sprach der Vater im Hinterzimmer der Kneipe zum Wappen des

Dauphins. Mancherlei sprach das Töchterlein dagegen; immer fröhlicher

rieb sich Stefano die Hände, bis endlich die Verbindungstür mit Macht

aufgerissen wurde und Mademoiselle -- _éplorée_ in das Schenkzimmer

stürzte. Hinter ihr erschien der zornige Papa, einen zusammengedrehten

Strick in der Hand:

»Warte, Kreatur!«

Stefano Vinacche wußte schon längst, was er zu tun hatte. Er warf sich

auf den ergrimmten Gargottier und packte seinen erhobenen Arm.

»Monsieur?!«

»Monsieur!«

»Laßt mich frei! was fällt Euch ein?«

»Ich leid's nicht, daß Ihr Mademoiselle mißhandelt; -- tretet hinter

mich, Mademoiselle!«

»Margot, Margot!« rief endlich der Wirt zum Dauphinswappen.

Margot erschien, stemmte aber nur die Arme in die Seite und sah der

Szene zu, ohne ihrem Herrn zu Hilfe zu kommen.

»Haltet ihn, um Gottes willen, haltet ihn, er wird mich ermorden, wenn

Ihr ihn freilaßt!« rief Mademoiselle Bullot.

»Seid ruhig, Schönste; er soll Euch nichts zuleide tun. Pfui, schämt

Euch, Monsieur, wie könnt Ihr eine liebenswürdige Tochter also

behandeln?«

»Ich frage Euch zum letztenmal, wollt Ihr mich loslassen?«

»In Ewigkeit nicht, wenn Ihr mir nicht den Strick gebt, Signor, und

versprecht artig zu sein gegen die Damen, Signor!«

»Morbleu!« schrie der Wirt zum Dauphinswappen, und der Himmel weiß, was

geschehen wäre, wenn nicht der Eintritt eines in einen Mantel

gewickelten Mannes der Szene ein Ende gemacht hätte.

Der Mantel fiel zur Erde, und Wirt und Töchterlein und Kellnerin und

Italiener riefen mit einer Stimme:

»Monseigneur!«

Der Eingetretene war Karl d'Albert, Herzog von Chaulnes, Pair von

Frankreich, Vidame von Amiens, ein ältlicher Mann, dem man den »großen

Herrn« nicht im mindesten ansah, woran der bürgerliche Anzug durchaus

nicht schuld war; ein Mann, von welchem einige Jahre später ein

deutscher Schriftsteller sagte: »Er erwartet den Tod mitten in seinen

Vergnügungen; er ist freigebig ohne Unterschied und von einem sehr

abgenutzten Gehirne.«

»Holla, das geht ja lustig her!« rief der Herzog. »_Notre Dame de

Miracle_, und auch Vinacche dabei! Sagt mir um aller Teufel willen --«

Mademoiselle Bullot ließ ihn nicht aussprechen; sie eilte auf den hohen

Herrn zu und -- warf sich an seinen Hals, schluchzend, Gift und Galle

speiend:

»Monseigneur, ich halt's nicht mehr aus; Monseigneur, errettet mich aus

den Händen meines Vaters! Wäre dieser edle junge Mann eben nicht

dazwischen gekommen, er hätte mich gewißlich zu Tode geschlagen.«

»Wieder das alte Lied? Bullot, Bullot, ich frage Euch um Gottes willen,

glaubt Ihr in der Tat, ich habe Euch Eurer roten Nase wegen zum

Eigentümer dieses Dauphinswappens gemacht? Ich sage Euch, auf den Knieen

solltet Ihr Eure liebenswürdige Tochter verehren; -- _notre Dame de

Miracle_, ich sage Euch zum allerletzten Male, behandelt Mademoiselle,

wie es sich ziemt, oder --«

»O Monseigneur!« flehte Meister Claude, welcher seinen Strick längst

ganz verstohlen in den Winkel geworfen hatte und katzenbuckelnd so

gemein und niederträchtig aussah, wie man unter der Regierung des

großen Louis nur aussehen konnte. »O Monseigneur, ich versichere Euch,

=sie= hat's darauf abgesehen, ihren unglückseligen Vater in ein

frühzeitig Grab zu bringen. Monseigneur, Ihr kennt sie nur von der einen

Seite; aber ich -- o Monseigneur!« --

»Still! Ihr seid ein Schurke, und Mademoiselle ist ein Engel! --

beruhige dich, Kind --«

»Monseigneur, er ist zu boshaft. Monseigneur, wenn Ihr mich wirklich

liebt, so laßt mich nicht in seiner Gewalt.«

»Ruhig, ruhig, süßes Kind. Was ist denn nur eigentlich vorgefallen?«

Ja, was war vorgefallen?

Eine Zungenfertigkeit sondergleichen entwickelten Mademoiselle Bullot

und Meister Claude Bullot gegeneinander, doch haben wir mit dem

Ausgangspunkte des Streites nicht das mindeste zu schaffen und brauchen

nur zu sagen, daß der Herzog von Chaulnes, obgleich er im Grunde seines

Herzens dem erzürnten Papa recht geben mußte, in Anbetracht seiner

zarten Stellung zu Mademoiselle sich auf deren Seite stellte. Sehr

ärgerlich war der Herzog von Chaulnes! In äußerst lebendiger Stimmung

war er durch die Gasse Quincampoix zum Dauphinswappen geschlichen, nun

fand er statt Ruhe und Behagen, Unzufriedenheit und Streit; wo er

Lächeln und Lachen erwartet hatte, mußte er Tränen trocknen; -- _notre

Dame de Miracle_, es war zu ärgerlich!

»Etienne,« sagte der Herzog zu Vinacche, »Etienne, ich bin dieses Lärms

müde; ich will nach Haus und du magst mit mir kommen. Meister Claude,

ich versichere Euch meiner gnädigsten Ungnade! Mademoiselle, Eure

rotgeweinten Augen betrüben mich sehr -- gute Nacht, Mademoiselle --

dazu zweihundert Louisdor im Landsknecht verloren -- kommt, Etienne

Vinacche, Ihr mögt mit mir zum Hotel fahren, ich habe Euch etwas zu

sagen; ich habe eine Idee!«

Vergebens hing sich Mademoiselle Bullot an den Arm des Herzogs mit den

süßesten Schmeicheleien und Liebkosungen. Er machte sich los, streckte

dem niedergeschmetterten Wirt zum Dauphinswappen eine Faust entgegen,

ließ sich von Vinacche den Mantel wieder um die Schultern legen und

verließ, im höchsten Grade mißmutig gestimmt, mit seiner »Idee« die

Gargotte, in welcher nach seinem Abzuge der Tanz zwischen Vater und

Tochter von neuem anging, doch diesmal mit allem Vorteil auf Seiten von

Mademoiselle. Meister Claude Bullot sah ein, daß er ein Esel -- ein

gewaltiger Esel war; demütig kroch er zu Kreuze und nahm jede Injurie,

welche ihm das Töchterlein an den Kopf warf, mit gekrümmtem Rücken in

Empfang.

Unterdessen wateten mühsam der Herzog und der Italiener durch den

Schmutz und die Gefahren der Gassen von Paris, bis sie an einer Ecke zu

der harrenden Karosse des Herzogs gelangten. Mit tiefen Bücklingen riß

der Lakai den Wagenschlag auf.

»Steig hinten auf, Etienne; ich habe mit dir zu reden,« sagte der Herzog

und warf sich in die Kissen seiner Kutsche.

»Achtung, Stefano, jetzt mag's in deinen Topf regnen!« murmelte der

schlaue Neapolitaner, und schwerfällig setzte sich die Karosse in

Bewegung.

Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen · 第 22 / 32 题