II.

Gold.

Während vor dem flackernden Kaminfeuer in seinem Hotel der Herzog von

Chaulnes dem obdachlosen Vagabunden Stefano Vinacche den annehmbaren

Vorschlag tut, Mademoiselle Bullot, das liebenswürdige Erzeugnis der

Gasse Quincampoix, zu -- heiraten und dadurch nicht nur sich selbst,

sondern auch Monseigneur aus mancherlei ärgerlichen Verdrießlichkeiten

des Lebens herauszureißen, wollen wir erzählen, wer Stefano Vinacche

eigentlich war. Im Jahre 1689 war der junge Neapolitaner als Lakai im

Gefolge des Herzogs, dem er zu Rom mancherlei Dienste kurioser Art

geleistet haben mochte, nach Frankreich gekommen, ohne jedoch in diesem

Lande anfangs die Träume, welche ihm seine südliche Phantasie

vorspiegelte, zu verwirklichen. Es wird uns nicht gesagt, was ihn im

folgenden Jahre schon aus dem Dienste seines Gönners trieb, und ihn

bewog, sich als gemeiner Soldat in das Regiment Royal-Roussillon

aufnehmen zu lassen. Wir wissen nur, daß er im Jahre 1691 dem

Regimentsschreiber Nicolle, seinem Schlafkameraden, einige

Offiziersuniformen, welche derselbe ausbessern sollte, stahl und mit

ihnen desertierte, welches Wagestück aber fast übel abgelaufen wäre. Auf

dem Wege nach Paris, der Stadt, nach welcher von jeher eine dumpfe

Ahnung künftiger Geschicke das seltsame Menschenkind trieb, gefangen und

als Fahnenflüchtiger ins Gefängnis geworfen und zum Tode verurteilt,

entging er nur durch Verwendung des Grafen von Auvergne dem Galgen. Im

nächsten Jahre in Freiheit gesetzt, machte sich Stefano Vinacche von

neuem auf den Weg nach Paris, und haben wir seiner Ankunft in der

Gargotte zum Wappen des Dauphins in der Gasse Quincampoix soeben

beigewohnt. --

Ei, wie wunderlich, wunderlich spinnt sich ein Menschenleben ab! Wir

armen blinden Leutlein auf diesem Erdenballe wandern freilich in einem

dichten Nebel, der sich nur zeitweilig ein wenig hier und da lüftet, um

im nächsten Augenblicke desto dichter sich wieder zusammenzuziehen. Wir

getriebenen und treibenden Erdbewohner haben freilich nur eine dumpfe

Ahnung von dem, was im Getümmel ringsumher vorgeht. Warum sollten wir

uns auch in der kurzen Spanne Lebenszeit, die uns gegeben ist, viel um

andere Leute bekümmern, da wir doch so viel mit uns selbst zu tun haben?

Über allen Nebeln ist Gott; der mag zusehen, daß alles mit rechten

Dingen zugeht; der mag acht geben, daß sich der Faden der Geschlechter,

welchen er durch die Jahrtausende von dem Erdknäuel abwickelt, nicht

verwirrt. Nur weil sie abgewickelt werden, drehen sich Sonne, Mond,

Sterne; -- von jeder leuchtenden Kugel läuft ein Faden zu dem großen

Knäuel in der Hand Gottes, zu dem großen letzten Knäuel, in welchem

jeglicher Knoten, der unterwegs entstanden sein mochte, gelöst sein

wird, in welchem alle Fäden nach Farben und Feinheit harmonisch sich

zusammenfinden werden.

Da ist solch ein Knötlein im Erdenfaden! wir finden es in unsrer

Erdgeschichte am Ende des siebenzehnten und Anfang des achtzehnten

Jahrhunderts nach Jesu Geburt, wo viel Sünde, Schande und Verderbnis

sich häßlich ineinander schlingen, wo Krieg und Sittenlosigkeit das

abscheulichste Bündnis geschlossen haben, daß das jetzige Gechlecht

schaudernd darob die Hände über dem Kopfe zusammenschlägt.

Der Erzähler aber, des letzten großen knotenlosen Knäuels in der Hand

Gottes gedenkend, schlägt nicht die Hände über dem Kopfe zusammen; --

den Handschuh hat er ausgezogen, mutig in die Wüstenei hineingegriffen,

einen längst begrabenen, vermoderten, vergessenen Gesellen

hervorgezogen. Da ist er -- =Stefano Vinacche= -- späterhin Monsieur

Etienne de Vinacche, großer Arzt, berühmter Chemiker, -- Goldmacher,

nächst Samuel Bernard der reichste Privatmann seiner Zeit!...

»Also Etienne,« sprach der Herzog von Chaulnes zu dem halb verhungerten,

obdachlosen Vagabunden, »eine allerliebste Frau und eine vortreffliche

Aussteuer....«

»_Servitore umilissimo!_«

»Und, Etienne, eine Empfehlung an meinen Freund, den Herzog von Brissac.

Ihr geht nach Anjou, -- lebt auf dem Lande, wie die Engel _à la Claude

Gillot_, -- ich besuche Euch -- stehe Gevatter --«

»Ah!« machte der Italiener mit einer unbeschreiblichen Bewegung des

ganzen Oberkörpers.

»_Plait-il?_«

»O nichts, Monseigneur!« sagte der Italiener. »Ihr seid mein

gnädigster, gütigster Herr und Gebieter.« Er machte eine Verbeugung bis

auf den Boden.

»Wann soll die Hochzeit sein, Monseigneur?«

»So schnell als möglich -- ach!«

»Monseigneur seufzt?!« rief Stefano schnell. »Noch ist's Zeit, daß

Monseigneur Sein Wort zurücknehme; Mademoiselle Bullot ist ein reizendes

Mädchen; aber wenn Monseigneur die hohe Gnade haben wollte, mich wieder

zu seinem Kammerdiener zu machen --«

»Nein, nein, nein, es bleibt dabei, Vinacche; Ihr heiratet die Schöne,

und ich -- _ah notre Dame de Miracle_ -- ich will hingehen und sorgen,

daß Madame von Maintenon und der Pater La Chaise davon zu hören

bekommen. Also geht, Vinacche; bis zur Hochzeit gehört Ihr wieder zu

meinem Haus. Der Intendant soll für Euch sorgen.«

»Monseigneur ist der großmütigste Herr der Welt!« rief Vinacche, dem

Herzog die Hand küssend. Unter tiefen Bücklingen schritt er rücklings

zur Tür hinaus, und tief seufzend blickte ihm sein Gönner nach.

Als sich die Tür hinter dem Italiener geschlossen hatte, murmelte

dieser: »_Corpo di Bacco_, Achtung, Achtung, Vinacche, Stefano mein

Söhnchen! Halte die Augen offen, mein Püppchen! Ist's mir nicht

versprochen bei meiner Geburt, daß ich vierspännig fahren sollte in der

Hauptstadt der Franzosen?!«

Drinnen rieb sich der Herzog die Stirn und ächzte:

»Ach, Madame von Maintenon ist eine große Dame! _Vive la messe!_«

Acht Tage nach dem eben Erzählten war eine Hochzeit in der Gasse

Quincampoix. Der Wirt zum Dauphinswappen Claude Bullot verheiratete zu

seiner eigenen Verwunderung und zur Verwunderung sämtlicher Nachbaren

und Nachbarinnen seine hübsche Tochter mit einem ganz unbekannten jungen

Menschen, der nicht einmal ein Franzose war. Mancherlei Glossen wurden

darüber gemacht, und allgemein hieß es, Mademoiselle Bullot sei eine

Törin, welche nicht wisse, was man mit einem hübschen Gesicht und

tadellosen Wuchs in Paris anfangen könne.

Da aber Mademoiselle Bullot und Stefano Vinacche mit ziemlich vergnügten

Mienen ihr Schicksal trugen, so mochten Papa und Nachbarschaft nach

Belieben sich wundern, nach Belieben Glossen machen. Sämtliche

Dienerschaft des Herzogs von Chaulnes verherrlichte die Hochzeit durch

ihre Gegenwart; Flöten und Geigen erklangen in der Gargotte zum Wappen

des Dauphins. Man sang, jubelte, trank auf das Wohl der Neuvermählten

bis tief in die Nacht. Zuletzt artete das Gelage nach der Sitte der Zeit

in eine wahre Orgie aus; blutige Köpfe gab's, und zum Schluß mußte der

Polizeileutnant einschreiten und die ausgelassene Gesellschaft

auseinander treiben. Am folgenden Tage machte das junge Paar sich auf

den Weg zum Gouverneur von Anjou, dem Herzog von Brissac, einem »armen

Heiligen, dessen Name nicht im Kalender steht«.

Ein tüchtiges Schneegestöber wirbelte herab, als der Wagen der

Neuvermählten hervorfuhr aus der Gasse Quincampoix. Auf der Schwelle

seiner Tür stand der Vater Bullot mit der Kellnerin Margot, und beide

blickten dem Fuhrwerk nach, so lange sie es sehen konnten. Dann zog der

Wirt zum Dauphinswappen die Schultern so hoch als möglich in die Höhe

und trat mit der Picarde zurück in die Schenkstube, welche noch deutlich

die Spuren der Hochzeitsnacht an sich trug.

»Alles in allem genommen, ist's doch ein Trost und ein Glück, daß ich

sie los bin,« brummte der zärtliche Papa. »Es hätte noch ein Unglück

gegeben; das war ja immer, als brenne der Scheuerlappen zwischen uns.

Vorwärts, Margot! einen Kuß und an die Arbeit, mein Liebchen, auf daß

das Haus rein werde.«

Liebe Freunde, wer das Leben Stefano Vinacches beschreibt, der muß recht

acht geben, daß er seinen Weg im Nebel nicht verliere. Schattenhaft

gleitet die Gestalt des Abenteurers vor dem Erzähler her, bald zu einem

Zwerg sich zusammenziehend, bald riesenhaft anwachsend, gleich jener

seltsamen Naturerscheinung, die den Wanderer im Gebirge unter dem Namen

des Nebelgespenstes erschreckt. Bald klarer, bald unbestimmter tritt

Stefano Vinacche aus den Berichten seiner Zeitgenossen uns entgegen. Wir

wissen nicht, was ihn mit seiner Frau so schnell aus Anjou nach Paris

zurücktrieb; wir wissen nur, daß am neunten April 1693, an dem Tage, an

welchem Roger von Rabutin, Graf von Bussy, sein wechselvolles Leben

beschloß, der Papa Bullot in höchster Verblüffung die Hände über dem

Kopfe zusammenschlug, als er Tochter und Schwiegersohn zu Fuß,

kotbespritzt, mit höchst winziger Bagage, durch die Gasse Quincampoix

auf das Dauphinswappen zuschreiten sah. Der gute Alte traute seinen

Augen nicht und überzeugte sich nicht eher von der Wirklichkeit dessen,

was er erblickte, bis ihm Madame Vinacche schluchzend um den Hals fiel,

und Stefano ihn herzzerbrechend anflehte, ihn und sein Weib für eine

Zeit wieder unter sein Dach zu nehmen.

»Wir wollen auch recht artige Kinder sein!« bat Madame Vinacche.

»Und wir werden nicht lange Euch zur Last sein!« rief Stefano.

»_Diable! diable!_« ächzte Meister Claude Bullot, und Margot, die

Picarde, gab ihm verstohlen einen Rippenstoß, daß er fest bleibe und

sich nicht beschwatzen lasse.

Wer hätte aber den beredten Worten Stefano Vinacches widerstehen können?

Das Ende vom Liede war, daß das junge Ehepaar mit seinen armen

Habseligkeiten einzog in die Kneipe zum Dauphinswappen, und daß Meister

Bullot und Margot, die Kellnerin, nachdem Madame Vinacche die Schwelle

überschritten hatte, seufzend sich in das Unvermeidliche fügten.

»Ach, Margot, Margot, nun sind die schönen Tage wieder vorüber!« seufzte

Meister Claude, und während die Heimgekehrten im oberen Stockwerk des

Hauses ihre Einrichtungen trafen, saßen am Kamin in der leeren

Schenkstube der Wirt und seine Kellnerin trübselig einander gegenüber

und konnten sich nur durch das weise Wort, daß man das Leben nehmen

müsse, wie es komme, -- trösten. Dann schlossen die beiden Parteien

einen Kompromiß, in welchem festgestellt wurde, daß weder Monsieur

Etienne noch Madame in die Angelegenheiten des Papas und der Kellnerin

Margot sich mischen sollten, und daß sie durch ihnen passend scheinende

Mittel für ihrer Leiber Nahrung und Kleidung selbst zu sorgen hätten.

Wohnung, Licht und Feuerung versprachen Meister Bullot und Margot die

Picarde zu liefern.

Feierlich wurde dieser Vertrag von einem Stammgast der Gargotte, dem

Sieur Le Poudrier, einem Winkeladvokaten, verbrieft und besiegelt, und

man lebte fortan miteinander, wie man konnte.

Da der Herzog von Chaulnes seine Verpflichtungen gegen das junge Ehepaar

glänzend abgetragen zu haben glaubte, so floß die Quelle seiner Gnaden

immer spärlicher und versiegte zuletzt ganz. Die Haushaltung im zweiten

Stockwerk des Dauphinswappens mußte für Eröffnung anderer Geldquellen

sorgen, zumal da noch im Laufe des Sommers ein kleiner Vinacchetto das

Licht der Gasse Quincampoix erblickte. Die Not und der Zug der Zeit

machten Stefano zu einem Charlatan; aber jedenfalls zu einem genialen

Charlatan.

»_Anima mia_, laß den Mut nicht sinken, wir fahren doch noch

vierspännig!« sagte er zu seiner hungernden Frau und fing an, den

Nachbarn und Nachbarinnen, sowie den Gästen, welche die Gargotte seines

Schwiegervaters besuchten, Mittel gegen das Fieber und andere

unangenehme Übel zu verkaufen.

Allmählich verwandelte sich das Wohngemach der kleinen Familie in ein

schwarzangeräuchertes chemisches Laboratorium; mit wahrer Leidenschaft

warf sich Stefano Vinacche, obgleich er bis an sein Ende weder lesen

noch schreiben lernte, auf das Studium der Simpla und der Mineralien.

Eine gewaltige Veränderung ging mit dem seltsamen Menschen vor; -- nicht

mehr war er der vagabondierende Abenteurer, der das Glück seines Lebens

auf den Landstraßen, in den Gassen suchte. Tag und Nacht schritt er

grübelnd einher, das Haupt zur Brust gesenkt, die Arme über der Brust

gekreuzt. Wer konnte sagen, was er suchte?

Eine fast ebenso überraschende Veränderung kam über das junge Weib

Vinacches. Die frühere Mätresse des Herzogs von Chaulnes verehrte den

ihr aufgedrungenen Mann auf den Knien, sie war die treuste, liebendste

Gattin geworden, und ist es über den Tod Stefanos hinaus geblieben.

=Sie= konnte lesen, =sie= konnte schreiben: --wie viele alte vergilbte

Bouquins hat sie dem suchenden Forscher, in stillen Nächten, während sie

ihr Kind wiegte, vorgelesen!

Der Vater Bullot hatte nicht mehr Ursache, sich über das wilde,

unbändige Gebaren seiner Tochter zu beklagen. Die eigentümliche Gewalt,

welche Stefano Vinacche späterhin über die schärfsten, klarsten Geister

hatte, trat auch jetzt in der engeren Sphäre schon bedeutend hervor.

Papa Claude, Margot die Picarde, Gratien Le Poudrier der Rabulist, alle

Nachbaren und alle Nachbarinnen beugten sich dem schwarzen, funkelnden

Auge Stefanos. Der Stein war ins Wasser gefallen, und die Wellenringe

liefen in immer weitern Kreisen fort; -- weit, weit über die Gasse

Quincampoix hinaus verbreitete sich der Ruf Stefano Vinacches!

Unterdessen schlug man sich in Deutschland, Flandern, Spanien, Italien

und auf der See. In Deutschland verbrannte Melac Heidelberg, und der

Feldmarschallleutnant von Hettersdorf, der »die _poltronnerie_ seines

Herzens mit großen _Peruquen_ und bebremten Kleidern zu bedecken

pflegte«, -- Hettersdorf, der elende Kommandant der unglücklichen Stadt,

wurde auf einem Schinderkarren durch die Armee des Prinzen Ludwig von

Baden geführt, nachdem ihm der Degen vom Henker zerbrochen worden war.

Aus Flandern schickte der Marschall von Luxemburg durch d'Artagnan die

Nachricht vom Sieg bei Neerwinden. Roses in Katalonien wurde erobert. Zu

Versailles, zu Paris in der Kirche unserer lieben Frau sang man _Te Deum

laudamus_; aber im Bischoftum Limoges starben gegen zehntausend Menschen

Hungers. Zu Lyon wie zu Rouen fiel das Volk in den Gassen wie Fliegen,

und ihrer viel fand man, welche den Mund voll Gras hatten, ihr elendes

Leben damit zu fristen.

Stefano Vinacche, nach einer Reise in die Bretagne, verließ die Gasse

Quincampoix und das Haus seines Schwiegervaters und zog in die Gasse

Bourg l'Abbé. Strahlend brach die Glückssonne Stefanos durch die Wolken.

Fünf Monate war er in der Bretagne gewesen, und niemand hat jemals

erfahren, was er dort getrieben, -- gesucht, -- gefunden hat! Zu Fuß

zog er aus, in einer zweispännigen Karosse kehrte er zurück. Zwei

Lakaien und ein Kammerdiener bedienten ihn in der Straße Bourg l'Abbé,

wohin er aus der Gasse Quincampoix zog. Von neuem errichtete er in

seiner jetzigen Wohnung seine chemischen Feuerherde, von neuem braute er

seine Rezepte, und das Gerücht ging aus, Monsieur Etienne Vinacche suche

den Stein der Weisen, und es sei Hoffnung vorhanden, daß er denselben

binnen kurzem finden werde; und wieder tritt dem Erzähler der alte

Gönner des unbegreiflichen Mannes, der Herzog von Chaulnes, entgegen,

welcher ihm zum Ankauf von Kohlen, Retorten und dergleichen Apparaten

zweitausend Taler gibt.

Im Jahr der Gnade Eintausendsiebenhundert war das große Geheimnis

gefunden; -- Stefano Vinacche hatte das Projektionspulver hergestellt,

Etienne Vinacche machte --

=Gold!=

In demselben Jahre Eintausendsiebenhundert kaufte =Monsieur de Vinacche=

aus dem Inventar von Monsieur, dem Bruder des Königs, für sechzigtausend

Livres Diamanten.

Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen · 第 23 / 32 题