»Gott, Gott, laß so nicht das Haus Denow zu End kommen!« stöhnte in
seinem Winkel Erdwin, der Knecht. »Herr, schenke du ihm einen adeligen
Tod! Laß diesen Kelch an mir vorüber gehen!«
»Er soll mir den Kopf zertreten und über meinen leblosen Leib weggehen,
wenn er mich nicht hören will!« sagte Anneke Mey tonlos.
Und Dominus Basilius Sadler begann seine Buß- und Trostpredigt und
teilte sie in die zwei Punkte:
Erstlich, wie sich der »heilige« Schächer am Kreuz in einer letzten Not
gehalten.
Zum andern, wie herrlich ihn Christus getröstet habe.
Der Himmel im Osten aber färbte sich immer purpurner, und die Lichter
und Lampen der Kapelle erblaßten mehr und mehr vor dem Glanz, welchen
Gott über die winterliche Welt leuchten ließ. Die Gefangenen neigten die
Häupter tiefer und tiefer.
»-- Euer Weib und Kinder befehlet ihr, die ihr welche habt, Gott dem
Allmächtigen, der ist der Waisen Vater und der Witwen Richter. Ist schon
dieser Tod vor der Welt schmählich, so gedenket, wenn ihr euch bekehret,
daß ihr Gottes Kinder seid, dann wird solch Leiden ehrlich und herrlich.
Denn der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem Herrn.« --
»Einen ehrlichen Tod! o Gott, schenke ihm einen adeligen Tod!« murmelte
Erdwin, der Knecht.
»So gebe Gott der Allmächtige euch allen die Gnade seines heiligen
Geistes, daß ihr euer' Sünd von Herzen erkennt und euch leid sein
lasset, euch im wahren Glauben zu Christo wendet und darin bis ans Ende
verharret, euer' Seel in Geduld fasset, allen Menschen von Herzen
vergebet und verzeihet, heut, diesen Tag, Gott eure Seele opfert und
überantwortet und am großen Tag des Herrn mit Freuden auferstehet und
mit Leib und Seele ewig lebet! Amen, Amen, Amen!«
Der Sand war verlaufen in der Uhr auf der Kanzel. Der Herzog verließ mit
seinen Hofbeamten seinen Stuhl, Anneke Mey verschwand von der Seite
Erdwins, ohne daß dieser es bemerkte; -- unter den Klängen des alten
traurigen Chorales: Wenn mein Stündlein vorhanden ist -- wurde den
Verurteilten das Abendmahl gereicht.
Nun war auch das geschehen; in die letzten Klänge der Orgel mischte sich
grell und schneidend ein anderer Klang -- der Schall des
Armensünderglöckchens: Der Henker wartete an der Tür des Hauses Gottes!
Im langsamen Zug traten die Verurteilten und Gefangenen, von ihren
Wächtern umgeben, hinaus aus der Schloßkirche, vor welcher sie die
harrende Menge mit wildem Geschrei und Droh- und Schmähworten empfing.
Der schwere Gang begann, in das goldne Morgenrot hinein, über den
Schloßplatz, die Dammbrücke, durch die Heinrichsstadt dem Kaisertor zu.
Alle Gassen, durch welche der Zug ging, waren mit herzoglichen Reitern
und den gewaffneten Bürgern besetzt, um den Andrang des Volks zu
bändigen.
Vor dem Kaisertor waren die vier Galgen gebaut, woran die vierundzwanzig
Leben enden sollten. Fast eine halbe Stund verging, ehe die Verurteilten
unter ihnen standen. Der Ring war geschlossen auf zwei Seiten von den
Hellebardierern, auf den beiden andern Seiten von den Musketenschützen,
deren Röhre auf den Gabeln lagen, deren glimmende Lunten zum
augenblicklichen Gebrauch aufgeschroben waren. Dicht vor dem Gefreiten
Arendt Jungbluth hielten sich Erdwin Wüstemann und der Junker Christoph
von Denow.
Der Alte hatte den Arm um seinen jungen Herrn geschlungen, und dieser
das Haupt an die Brust des treuen Knechts gelegt. Sie sprachen leise
zueinander.
»Weiß nicht, wo sie geblieben ist! weiß nicht, wo sie bleibt!« sagte der
Alte.
»Sie hat mich nicht sterben sehen wollen; -- 's ist auch besser so! O
schütze sie -- halte sie, trag sie auf den Händen und im Herzen und
verlaß sie nie und nimmer -- ich will meiner Mutter von ihr sagen, wenn
ich zu ihr komm'.«
»O Junker, Junker, und Euer Vater« --
»Vergiß nicht, was du ihm versprochen hast.«
»Es wird geschehen, so wahr mir Gott helfe!« sagte dumpf der Alte.
»Schau, es geht an -- da hast du den Ring -- mein Schwert liegt versenkt
im Moor, es ist ein gutes, tadelloses Schwert geblieben! -- Ihr sag -- o
Anneke! Anneke!« Der Junker brach ab; er vermochte es nicht, weiter zu
sprechen.
Unterdessen war eine Totenstille in der Menschenmenge eingetreten, die
aber jedesmal, wenn die Henker einen der Meuterer des Reichsheeres von
der Leiter stießen, in ein gräßliches, langanhaltendes Geheul, durch
welches scharf das Wirbeln der Trommel klang, überging. -- --
Dreiundzwanzig Mal hatte das Volk aufgeschrien. --
»Christoph von Denow!« rief nun der Profoß mit lauter Stimme.
Zum letztenmal lagen sich Christoph und Erdwin in den Armen.
»Lebe wohl! lebe wohl!« flüsterte der erste -- »vergiß nicht!« --
»So gnade Gott mir und Euch!« schrie der Knecht Wüstemann und strich die
langen greisen Haare aus der Stirn zurück. Der Junker von Denow stand
am Fuße der Leiter!
Er drückte die Hand auf das Herz und setzte den Fuß auf die erste
Staffel: »O Anneke, süße Anneke!«
Der Gedanke kam ihm, er würde sie erblicken in der Menge, welche wieder
in unheimlichster Stille den Richtplatz bedeckte; mit einem Sprung war
er oben an der Seite des Henkers, der ihn mit dem Strick in der Hand
erwartete. Er stieß die Hand desselben zurück -- seine Augen schweiften
über all die Tausende emporgerichteter Gesichter. --
»O Anneke Mey, liebe Anneke, wo bist du? wo bist du? weshalb hast du
mich verlassen?!«
Wieder streckte der Henker die Hand nach ihm aus; er hielt ein Blech,
auf welchem die Worte standen »Meutmacher und Meineidiger« und wollte es
dem Verurteilten an einem Bande um den Hals werfen.
»Lebe wohl, süße Anneke Mey!« flüsterte Christoph von Denow; er schlug
die Hand des Henkers abermals zur Seite, klirrend fiel das Blech, die
Leiter nieder, zur Erde. --
Mit einem wilden, entsetzlichen Schrei sprang Erdwin Wüstemann einen
Schritt zurück, mit einem Griff riß er das Feuerrohr aus den Händen
Arendt Jungbluths und an seine Wange. Der Schuß krachte -- »Gnade Gott
mir und dir!«
»Dank, Erdwin -- hast -- Wort gehalten!« sprach Christoph von Denow. Er
schwankte -- breitete die Arme aus: »Lebe -- wohl -- süße -- Anneke!«
Der entsetzte Henker wollte ihn halten, aber im dumpfen Fall stürzte der
Körper die Leiter herab in den blutigen Schnee.
Aufbrüllte die Menge und tobte durcheinander, der Ring löste sich -- die
Offiziere, die Beamten, der Gewaltiger stürzten sich auf den Knecht
Erdwin, welcher regungslos dastand, das abgeschossene Rohr in der Hand.