VII.

Der Schnee lag hoch in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt und

Festung Wolfenbüttel. Der Sturm hatte sich mit Anbruch des Tages ganz

gelegt, es war wieder still und ruhig geworden, und leise träufelte es

von den Dächern, denn die Luft war warm und mit Feuchtigkeit gefüllt;

mit dumpfem Geräusch bewegte sich das Volk in den Gassen.

Die Fenster der Schloßkirche glänzten rötlich in die trübe

Morgendämmerung herein, und feierlich erklang die Orgel und der Gesang

vieler Menschenstimmen:

Allein zu dir, Herr Jesu Christ,

Mein Hoffnung steht auf Erden. --

Im Schein der Lichter und Lampen erglänzte Harnisch an Harnisch in dem

heiligen Gebäude: den Verurteilten sollte ihre letzte Predigt gehalten

und das Abendmahl ihnen gereicht werden. Der junge Herzog saß in seinem

Stuhl, das Gebetbuch vor sich; alle Offiziere der Besatzung waren in

Wehr und Waffen zugegen, und die Wände entlang und im Schiff der Kirche

drängte sich ein bärtiges ernstes Kriegergesicht an das andere. Die

Vierundzwanzig, die sterben sollten, saßen auf einer niedern Bank unter

der Kanzel, auf welcher der Magister Basilius im schwarzen Chorrock mit

der Halskrause stand, bereit, seine Rede über die beiden Schächer am

Kreuz zu beginnen. In einem dunkeln Winkel unter der Orgel stand Erdwin

Wüstemann und hielt die schluchzende Anneke im Arm; um sie her knieten

oder standen die vom Tode losgesprochenen Meuterer, denen man die

Fesseln abgenommen hatte.

Und jetzt schwieg die Orgel und der Gesang. Das Wort des Evangelisten

Lukas wurde gelesen:

»Aber der Übeltäter einer, die da gehängt waren, lästerte ihn und

sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns! -- Da antwortete

der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor

Gott, der du in gleicher Verdammnis bist? Wir sind billig darinnen, denn

wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts

Ungeschicktes gehandelt! -- Und er sprach zu Jesu: Herr, gedenke an

mich, wenn du in dein Reich kommst! -- und Jesus sprach zu ihm:

Wahrlich, ich sage dir, heut wirst du mit mir im Paradiese sein!« --

Überlaut riefen bei diesen letzten Worten des Textes einige der

Verurteilten: »Das helfe uns der allmächtige Gott!« und hoben die

kettenklirrenden Hände gefaltet hoch empor. Das Auge Christoph von

Denows aber leuchtete plötzlich in einem Glanz, welcher darin bereits

für immer erloschen schien. Hatte er eine Vision? Rief ihm eine süße

bekannte Stimme von oben? Erschien ihm winkend die tote Mutter?

Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen · 第 19 / 32 题