Der Schnee lag hoch in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt und
Festung Wolfenbüttel. Der Sturm hatte sich mit Anbruch des Tages ganz
gelegt, es war wieder still und ruhig geworden, und leise träufelte es
von den Dächern, denn die Luft war warm und mit Feuchtigkeit gefüllt;
mit dumpfem Geräusch bewegte sich das Volk in den Gassen.
Die Fenster der Schloßkirche glänzten rötlich in die trübe
Morgendämmerung herein, und feierlich erklang die Orgel und der Gesang
vieler Menschenstimmen:
Allein zu dir, Herr Jesu Christ,
Mein Hoffnung steht auf Erden. --
Im Schein der Lichter und Lampen erglänzte Harnisch an Harnisch in dem
heiligen Gebäude: den Verurteilten sollte ihre letzte Predigt gehalten
und das Abendmahl ihnen gereicht werden. Der junge Herzog saß in seinem
Stuhl, das Gebetbuch vor sich; alle Offiziere der Besatzung waren in
Wehr und Waffen zugegen, und die Wände entlang und im Schiff der Kirche
drängte sich ein bärtiges ernstes Kriegergesicht an das andere. Die
Vierundzwanzig, die sterben sollten, saßen auf einer niedern Bank unter
der Kanzel, auf welcher der Magister Basilius im schwarzen Chorrock mit
der Halskrause stand, bereit, seine Rede über die beiden Schächer am
Kreuz zu beginnen. In einem dunkeln Winkel unter der Orgel stand Erdwin
Wüstemann und hielt die schluchzende Anneke im Arm; um sie her knieten
oder standen die vom Tode losgesprochenen Meuterer, denen man die
Fesseln abgenommen hatte.
Und jetzt schwieg die Orgel und der Gesang. Das Wort des Evangelisten
Lukas wurde gelesen:
»Aber der Übeltäter einer, die da gehängt waren, lästerte ihn und
sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns! -- Da antwortete
der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor
Gott, der du in gleicher Verdammnis bist? Wir sind billig darinnen, denn
wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts
Ungeschicktes gehandelt! -- Und er sprach zu Jesu: Herr, gedenke an
mich, wenn du in dein Reich kommst! -- und Jesus sprach zu ihm:
Wahrlich, ich sage dir, heut wirst du mit mir im Paradiese sein!« --
Überlaut riefen bei diesen letzten Worten des Textes einige der
Verurteilten: »Das helfe uns der allmächtige Gott!« und hoben die
kettenklirrenden Hände gefaltet hoch empor. Das Auge Christoph von
Denows aber leuchtete plötzlich in einem Glanz, welcher darin bereits
für immer erloschen schien. Hatte er eine Vision? Rief ihm eine süße
bekannte Stimme von oben? Erschien ihm winkend die tote Mutter?