VI.

Liege still, Kind,« sagte am zwanzigsten November bei Tagesanbruch auf

der Hauptwache im Schloß zu Wolfenbüttel der Gefreite Arendt Jungbluth.

»Liege ruhig und schlaf weiter: der Morgen ist dunkel und dräuet Schnee.

Es geht noch nicht an.«

Anneke Mey hatte sich auf der harten Holzbank, erschreckt aus tiefem

Traum auffahrend, in die Höhe gerichtet, bei dem Ruf der Wacht draußen,

die zur Ablösung herausrief.

»Schlafe wieder ein, Anneke, ich wecke dich, wenn es Zeit ist,« sagte

Arendt, die Sturmhaube auf den Kopf stülpend.

»Der letzte Tag!« murmelte das Soldatenkind, und das müde Haupt sank

wieder zurück auf das harte Lager, die Augen schlossen sich wieder.

»Hui, der Wind -- Teufel!« brummte Arendt, als die Söldner wieder

zurücktraten in die Wachtstube. »Schläft sie wieder? -- Richtig! ach,

ich wollt', sie verschlief' es ganz. Ruhig, Kerle -- haltet eure Mäuler!

Donner -- ist es nicht grad, als ob der Sturm den alten Kasten einem

über dem Kopf zusammenreißen wollte? Das wird das rechte Wetter sein für

die da draußen im Ring, das bläst ihnen die Urteile vom Munde weg. Wie

sie da liegt! ist das nicht ein Jammer? Ich wollt', sie verschlief' die

böse Stund.«

Wild jagte der Wind die schweren Schneewolken vor sich her und heulte

und pfiff in den Gängen des Schlosses wie der böse Feind, klapperte mit

den Ziegeln, rüttelte an den Fenstern und trieb die Wetterfahnen mit den

Löwen auf den Turmspitzen im Kreise umher, heftiger und heftiger, wie

der Tag zunahm.

Anneke Mey lag noch immer, nicht im Schlaf, sondern in stumpfsinniger

Erschöpfung. Was kein Kriegszug vollbracht hatte, das hatten die letzten

vierzehn Tage getan; sie hatten das Kind gebrochen, es matt und müd

gemacht bis zum Tode. Vergeblich sahen sich diesmal auf ihrem Wege zum

Gericht Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann nach dem abgehärmten

Gesicht ihres Schutzengels um.

»Gottlob, gottlob, sie verschläft's!« murmelte Arendt Jungbluth, sich

über das Lager der Armen beugend.

Im Ring, unter dem düstern, schwarzen Himmel mit den jagenden Wolken las

Friedrich Ortlepp, der Gerichtsschreiber, ein Todesurteil nach dem

andern; einen Stab nach dem andern brach der Schultheiß und warf ihn auf

den Richtplatz.

»Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit. Amen!« sprach er bei jeder weißen

Rute, welche zerknickt auf den Boden fiel.

Und jetzt -- jetzt der letzte Spruch!

»Auf eingebrachte Klage des Profoßen, Gegenrede des Beklagten,

produzierte Kundschaft und Zeugnis, ist durch einhellige Umfrage zu

Recht erkannt, daß -- =Christoph von Denow= nicht gebührt hat, sich für

einen Vorsprecher bei der vorgesetzten Obrigkeit, noch für einen

Hauptmann aufzuwerfen, noch die Befehle zu vergeben und auszuteilen,

noch die Wacht zu bestellen. Warum er dem Profoß überantwortet werden

soll, welcher ihn in sein Gewahrsam führen und ihn dem Nachrichter

einantworten und befehlen soll, daß er ihn hinausführe und an den

nächsten Galgen hänge und mit dem Strange zwischen Himmel und Erde

erwürge, damit der Wind unter ihm und über ihn durchwehen könne, ihm zu

verwirkter Strafe und andern zum abscheulichen Exempel!«

Wieder fiel der gebrochene Stab zu den anderen auf die Erde.

»Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit, Amen!«

Auf die Knie stürzten dreiundachtzig der Verurteilten: »Gnade, Gnade!

Gnade ist besser denn Recht!«

Hochauf richteten sich Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann, und der

Junker hob die gefesselte Rechte zum Himmel, während der Wind seine

Locken zerwühlte und die Schneewolken sich öffneten und das weiße

Gestöber wirbelnd herabfuhr:

»Keine Gnade! Recht! Recht! Recht ist besser denn Gnade!«

In den Ring sprang der Profoß mit der Wache und stürzte sich auf die

Gefangenen -- wild und anhaltend brach das Geschrei des Volkes los, die

Kommandoworte erschallten dazwischen, die Trommeln wirbelten, die

Trompeten schmetterten, aus der Erde wurden die Waffen gerissen und hoch

in die Luft geschwungen, die Fähnlein entfalteten sich im Winde. Die

Krähen aber schossen in einem schwarzen Haufen herab von dem Schloßturm

und umflatterten krächzend die Stätte des Gerichts. Gleich dem bewegten

Meer wogte und donnerte das Volk, und durch die Menschenflut kämpfte

sich mit zerrissenen Kleidern, losgegangenen Haarflechten Anneke Mey.

»Christoph! Christoph! O du heiliger Gott im Himmel! verloren!

verloren!«

Dem Herzog am geöffneten Fenster seines Gemachs riß der Sturm den Griff

des Flügels aus der Hand, daß er klirrend zuschlug. Über den Schloßhof

schritt der Gerichtsschultheiß Melchior Reicharts mit den Hauptleuten

Georg Frost, Peter Köhler, Heinrich Jordans und Moritz Ahlemann nach

getaner Pflicht den jungen Fürsten, Zahlherrn und Kreis-Obersten für

die Verurteilten zu bitten. Fridericus Ortlepius trug »fürsichtiglich

und sorgsamlich« die Akten und Protokolle. Tief in die Nacht hinein saß

der Herzog mit den sechs Männern über diesen Papieren. Vierundzwanzig

Todesurteile bestätigte er, und unter diesen befand sich das Christoph

von Denows. Zweiunddreißig der Verurteilten begnadigte er dahin, »daß

sie zur Straf sich verpflichten sollen, im Land zu Ungarn auf dem

Grenzhause Groß-Wardein wider den Erbfeind der Christenheit zu Wasser

und zu Lande, in Sturm und Schlachten jederzeit, wie ehrlichen

Kriegsleuten solches gebührt, sich gebrauchen zu lassen«. --

Siebenundzwanzig Männern wurde auf einen gewöhnlichen »Urfried« das

Leben und die Ehre geschenket und sie ihrem Fähnlein wieder

einverleibt. -- Zweien wurde das Leben und die Ehre ohne Bedingung

geschenkt. Der erste war Erdwin Wüstemann, der andere ein Söldner,

genannt Klaus Rischemann von Calvörde. Alle diese Schlüsse wurden den

Gefangenen noch in derselben Nacht bekannt gemacht.

Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen · 第 18 / 32 题