Eins schlug die Uhr des Schloßturmes, und die Krähen fuhren auf aus
ihren Nestern und umflatterten krächzend die Spitze und die Wetterfahne,
bis der Klang ausgezittert hatte.
»So geh zu ihm!« flüsterte Arendt Jungbluth. »Um drei Uhr ist meine
Wacht zu Ende, dann klopf' ich und du kommst heraus. Nun gehab dich
wohl; des Wärtels Margaret lauert drunten am Gang.«
»Dank Euch, dank Euch!« flüsterte Anneke Mey. Die Gefängnistür im
Mühlenturm öffnete sich kaum weit genug, um das schmächtige junge
Mädchen einzulassen, und schloß sich sogleich wieder.
Die qualmende Hängelampe war wie ein roter Punkt in dem dunsterfüllten
Raume anzuschauen; die meisten der Gefangenen schnarchten auf dem Stroh
die Wände entlang, viele hatten aber auch die Köpfe auf den Tisch gelegt
und schliefen so. -- Dann und wann erklirrte leise eine Fessel, oder ein
Stöhnen und Geseufz ging durch die Wölbung. Niemand hatte den Eintritt
des Mädchens bemerkt.
Einige Minuten stand Anneke dicht an die Mauer gedrückt. Sie vermochte
kaum Atem zu holen. Wie sollte sie in dieser Hölle den finden, welchen
sie suchte?
Plötzlich ward es hell in ihr: anfangs leise, dann lauter begann sie das
alte Lied vom Falkensteiner zu singen:
»Sie ging den Turm wohl um und um:
Feinslieb bist du darinnen?
Und wenn ich dich nicht sehen kann,
So komm' ich von meinen Sinnen.
Sie ging den Turm wohl um und um,
Den Turm wollt' sie aufschließen:
Und wenn die Nacht ein Jahr läng wär',
Keine Stunde tät' mich verdrießen!«
Von ihrem Lager richteten sich die Schläfer auf, stärker klirrten die
Ketten an ihren Armen und Beinen.
»Ei, dürft' ich scharfe Messer tragen,
Wie unsers Herrn sein' Knechte,
Ich tät' mit dem Herrn vom Falkenstein,
Um meinen Herzliebsten fechten!«
»Was ist das? Wer ist das? Wer singet hier?« tönte es wild
durcheinander. »Anneke, Anneke, Anneke Mey,« rief die Stimme Christoph
von Denows dazwischen, und Erdwin Wüstemann hielt das junge Mädchen in
den Armen: »Hier, hier halt' ich sie, hier ist sie, wie ein Engel vom
Himmel mit ihrer Lerchenstimme! O Kind, Kind, was willst hier in dieser
Wüstenei? Junker, Junker, wo seid Ihr?«
»O Anneke! Anneke!« rief Christoph von Denow.
»Vivat Anneke, Anneke Mey!« riefen alle andern Gefangenen. »Das ist ein
wackeres Mädel! Vivat des Regiments Schenkin!«
Es fiel keine schnöde, böse Rede: im Gegenteil, es war, als ob durch das
Erscheinen des Kindes jedes trotzige wilde Herz milder geworden wäre.
Man hätte sie gern auf den Händen getragen, da sie das aber nicht leiden
wollte, suchte man ihr den bequemsten Platz aus und breitete Mäntel
unter ihre Füße, um sie vor der feuchten Kälte der Steinplatten zu
schützen. Eine Bank wurde zerschlagen, um das erlöschende Feuer im Kamin
damit zu nähren.
»So hast du uns nicht verlassen, Anneke!« rief Christoph und hielt ihre
beiden Hände in den seinigen, und der Knecht Erdwin wischte verstohlen
eine Träne aus den grauen Wimpern. »O, wie können wir dir je das
wiedervergelten?«
»Wie könnt ich Euch verlassen? Und wenn sie Euch zum Tode führen, ich
geh' mit Euch!«
Sie saßen beieinander, Christoph und Anneke, neben dem Kamin, und die
Dirne schluchzte und lächelte durch ihre Tränen. Sie vergaßen alles um
sich her, und der alte Wüstemann stand dabei, seufzte tief und schwer
und schüttelte das greise Haupt:
»Jammer, o Jammer!«
Um drei Uhr krähte zum ersten Mal der Hahn, um drei Uhr klopfte Arendt
Jungbluth an die Tür.
»Nun muß ich scheiden!« sagte Anneke. »Gott schütze uns; wenn das
Gericht angeht, steh' ich auf Eurem Wege, Herr.«
»Anneke, Gott lohn's dir, was du an uns tust!«
»Fahre wohl! Fahre wohl, Anneke!« riefen die gefangenen Meuterer. »Gott
segne dich, Anneke!«
Christoph von Denow schlug die Hände vors Gesicht; -- die Tür war hinter
dem jungen Mädchen zugefallen. Im Osten zeigte ein weißer Streif am
Nachthimmel, daß der Morgen nicht mehr fern sei, und der Wind machte
sich auf, fuhr von den Harzbergen nach dem deutschen Meer und verkündete
dasselbe.
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Sechs schlug die Uhr des Schloßturmes; wieder schossen die Krähen aus
ihren Nestern und umflatterten die Spitze, krochen aber diesmal nicht
wieder zurück in ihre Schlupfwinkel, sondern ließen sich, eine bei der
andern, nieder auf dem Rande der Galerie, welche nahe dem Dach, den Turm
umzieht. Neugierig reckten sie die Hälse und blickten herab in den
dichten weißen Nebel unter ihnen, aus welchem kaum die höchsten Giebel
der Stadt und Festung hervorlugten. Trommelschall erdröhnte auf dem
Schloßhofe und hallte wider von den Wällen, während eine kriegerische
Musik aus der Ferne dem Weckauf der Besatzung antwortete. Auf der
Festung trat die Soldateska unter die Waffen, und in der Heinrichsstadt
verkündete das klingende Spiel, daß die Bürgerschaft in Wehr und
Harnisch aufzog.
Von Zeit zu Zeit löste sich einer der schwarzen Vögel aus der Reihe der
Genossen los und flatterte mit kurzen Flügelschlägen hinein in den
Nebel, als wolle er Kundschaft holen über das Fest, welches ihm drunten
bereitet wurde. Kehrte er zurück, so wußte er mancherlei zu erzählen,
und freudekreischend erhoben sich die andern und wirbelten durcheinander
und überschlugen sich in der grauen Luft, um endlich wieder
zurückzufallen auf ihre Plätze in Reih und Glied.
Gegen sieben Uhr verflüchtigte sich der Schleier, welcher über der Stadt
lag, um sieben Uhr trat alles ins Licht! Vor dem fürstlichen Marstalle
waren die Schranken aufgestellt. Ein mit rotem Tuch bekleideter Tisch
und ebenso überzogene Bänke für den Gerichtsschulzen und die Beisitzer
standen in der Mitte. Das Volk umwogte dicht gedrängt den Platz. Jetzt
zog »mit dem Gespiel« die fürstliche Leibgarde aus dem Schloßtor, den
Graben entlang, und besetzte zwei Seiten der Schranken. Nach ihr rückte
in drei Fähnlein die Bürgerschaft von der Dammfestung, der Heinrichstadt
und dem Gotteslager heran und schloß die beiden andern Seiten ein. Der
Ring war gebildet; die Fahnen wurden zusammengewickelt und unter sich
gekehrt, die Obergewehre mit den Spitzen in die Erde gestoßen, nach
Kriegsgebrauch bei kaiserlichem Malefizrecht.
Abermals entstand eine Bewegung unter der Volksmenge; wieder schritt
ein Zug durch die gebildete Gasse feierlich und langsam vom Schloß her.
Das war der Gerichtsschulze Melchior Reicharts mit seinen einundzwanzig
Richtern, Hauptleuten, Gefreiten und Gemeinen, und dem Gerichtsschreiber
Fridericus Ortlepius die allesamt paarweise in den Ring eintraten.
Zuerst ließ sich der _notarius publicus_ nieder, zur linken Hand an dem
roten Tisch. Er ordnete seine Papiere, guckte in sein Tintenfaß, rückte
das Sandfaß zurecht, und der trübe Himmel und die Krähen auf dem
Schloßturm schauten ihm dabei zu. Er prüfte die Spitze seiner Feder auf
dem Daumennagel, das Murmeln und Murren der tausendköpfigen Menge machte
einer Totenstille Platz; von dem Mühlenturm her erklang ein taktmäßiges
Rasseln und Klirren und verkündete das Nahen der Gefangenen. -- -- -- --
»O mein Gott, hilf ihm und mir!« stöhnte Anneke Mey von Stadtoldendorf,
als an dem Mühlenturm die Pforte sich öffnete und die davor aufgestellte
Reiterwache, die Pferde rückwärtsdrängend, das Volk auseinander trieb.
»Da sind sie! die Meutmacher! die Schufte! Da sind die falschen
Schurken!« ging der unterdrückte Schrei durch das zornige Volk. Aus der
Gefängnispforte hervor glitt ein verwildertes, trotziges oder verzagtes
Gesicht nach dem andern an der zitternden Anneke vorüber.