V.

Eins schlug die Uhr des Schloßturmes, und die Krähen fuhren auf aus

ihren Nestern und umflatterten krächzend die Spitze und die Wetterfahne,

bis der Klang ausgezittert hatte.

»So geh zu ihm!« flüsterte Arendt Jungbluth. »Um drei Uhr ist meine

Wacht zu Ende, dann klopf' ich und du kommst heraus. Nun gehab dich

wohl; des Wärtels Margaret lauert drunten am Gang.«

»Dank Euch, dank Euch!« flüsterte Anneke Mey. Die Gefängnistür im

Mühlenturm öffnete sich kaum weit genug, um das schmächtige junge

Mädchen einzulassen, und schloß sich sogleich wieder.

Die qualmende Hängelampe war wie ein roter Punkt in dem dunsterfüllten

Raume anzuschauen; die meisten der Gefangenen schnarchten auf dem Stroh

die Wände entlang, viele hatten aber auch die Köpfe auf den Tisch gelegt

und schliefen so. -- Dann und wann erklirrte leise eine Fessel, oder ein

Stöhnen und Geseufz ging durch die Wölbung. Niemand hatte den Eintritt

des Mädchens bemerkt.

Einige Minuten stand Anneke dicht an die Mauer gedrückt. Sie vermochte

kaum Atem zu holen. Wie sollte sie in dieser Hölle den finden, welchen

sie suchte?

Plötzlich ward es hell in ihr: anfangs leise, dann lauter begann sie das

alte Lied vom Falkensteiner zu singen:

»Sie ging den Turm wohl um und um:

Feinslieb bist du darinnen?

Und wenn ich dich nicht sehen kann,

So komm' ich von meinen Sinnen.

Sie ging den Turm wohl um und um,

Den Turm wollt' sie aufschließen:

Und wenn die Nacht ein Jahr läng wär',

Keine Stunde tät' mich verdrießen!«

Von ihrem Lager richteten sich die Schläfer auf, stärker klirrten die

Ketten an ihren Armen und Beinen.

»Ei, dürft' ich scharfe Messer tragen,

Wie unsers Herrn sein' Knechte,

Ich tät' mit dem Herrn vom Falkenstein,

Um meinen Herzliebsten fechten!«

»Was ist das? Wer ist das? Wer singet hier?« tönte es wild

durcheinander. »Anneke, Anneke, Anneke Mey,« rief die Stimme Christoph

von Denows dazwischen, und Erdwin Wüstemann hielt das junge Mädchen in

den Armen: »Hier, hier halt' ich sie, hier ist sie, wie ein Engel vom

Himmel mit ihrer Lerchenstimme! O Kind, Kind, was willst hier in dieser

Wüstenei? Junker, Junker, wo seid Ihr?«

»O Anneke! Anneke!« rief Christoph von Denow.

»Vivat Anneke, Anneke Mey!« riefen alle andern Gefangenen. »Das ist ein

wackeres Mädel! Vivat des Regiments Schenkin!«

Es fiel keine schnöde, böse Rede: im Gegenteil, es war, als ob durch das

Erscheinen des Kindes jedes trotzige wilde Herz milder geworden wäre.

Man hätte sie gern auf den Händen getragen, da sie das aber nicht leiden

wollte, suchte man ihr den bequemsten Platz aus und breitete Mäntel

unter ihre Füße, um sie vor der feuchten Kälte der Steinplatten zu

schützen. Eine Bank wurde zerschlagen, um das erlöschende Feuer im Kamin

damit zu nähren.

»So hast du uns nicht verlassen, Anneke!« rief Christoph und hielt ihre

beiden Hände in den seinigen, und der Knecht Erdwin wischte verstohlen

eine Träne aus den grauen Wimpern. »O, wie können wir dir je das

wiedervergelten?«

»Wie könnt ich Euch verlassen? Und wenn sie Euch zum Tode führen, ich

geh' mit Euch!«

Sie saßen beieinander, Christoph und Anneke, neben dem Kamin, und die

Dirne schluchzte und lächelte durch ihre Tränen. Sie vergaßen alles um

sich her, und der alte Wüstemann stand dabei, seufzte tief und schwer

und schüttelte das greise Haupt:

»Jammer, o Jammer!«

Um drei Uhr krähte zum ersten Mal der Hahn, um drei Uhr klopfte Arendt

Jungbluth an die Tür.

»Nun muß ich scheiden!« sagte Anneke. »Gott schütze uns; wenn das

Gericht angeht, steh' ich auf Eurem Wege, Herr.«

»Anneke, Gott lohn's dir, was du an uns tust!«

»Fahre wohl! Fahre wohl, Anneke!« riefen die gefangenen Meuterer. »Gott

segne dich, Anneke!«

Christoph von Denow schlug die Hände vors Gesicht; -- die Tür war hinter

dem jungen Mädchen zugefallen. Im Osten zeigte ein weißer Streif am

Nachthimmel, daß der Morgen nicht mehr fern sei, und der Wind machte

sich auf, fuhr von den Harzbergen nach dem deutschen Meer und verkündete

dasselbe.

-- -- -- -- --

Sechs schlug die Uhr des Schloßturmes; wieder schossen die Krähen aus

ihren Nestern und umflatterten die Spitze, krochen aber diesmal nicht

wieder zurück in ihre Schlupfwinkel, sondern ließen sich, eine bei der

andern, nieder auf dem Rande der Galerie, welche nahe dem Dach, den Turm

umzieht. Neugierig reckten sie die Hälse und blickten herab in den

dichten weißen Nebel unter ihnen, aus welchem kaum die höchsten Giebel

der Stadt und Festung hervorlugten. Trommelschall erdröhnte auf dem

Schloßhofe und hallte wider von den Wällen, während eine kriegerische

Musik aus der Ferne dem Weckauf der Besatzung antwortete. Auf der

Festung trat die Soldateska unter die Waffen, und in der Heinrichsstadt

verkündete das klingende Spiel, daß die Bürgerschaft in Wehr und

Harnisch aufzog.

Von Zeit zu Zeit löste sich einer der schwarzen Vögel aus der Reihe der

Genossen los und flatterte mit kurzen Flügelschlägen hinein in den

Nebel, als wolle er Kundschaft holen über das Fest, welches ihm drunten

bereitet wurde. Kehrte er zurück, so wußte er mancherlei zu erzählen,

und freudekreischend erhoben sich die andern und wirbelten durcheinander

und überschlugen sich in der grauen Luft, um endlich wieder

zurückzufallen auf ihre Plätze in Reih und Glied.

Gegen sieben Uhr verflüchtigte sich der Schleier, welcher über der Stadt

lag, um sieben Uhr trat alles ins Licht! Vor dem fürstlichen Marstalle

waren die Schranken aufgestellt. Ein mit rotem Tuch bekleideter Tisch

und ebenso überzogene Bänke für den Gerichtsschulzen und die Beisitzer

standen in der Mitte. Das Volk umwogte dicht gedrängt den Platz. Jetzt

zog »mit dem Gespiel« die fürstliche Leibgarde aus dem Schloßtor, den

Graben entlang, und besetzte zwei Seiten der Schranken. Nach ihr rückte

in drei Fähnlein die Bürgerschaft von der Dammfestung, der Heinrichstadt

und dem Gotteslager heran und schloß die beiden andern Seiten ein. Der

Ring war gebildet; die Fahnen wurden zusammengewickelt und unter sich

gekehrt, die Obergewehre mit den Spitzen in die Erde gestoßen, nach

Kriegsgebrauch bei kaiserlichem Malefizrecht.

Abermals entstand eine Bewegung unter der Volksmenge; wieder schritt

ein Zug durch die gebildete Gasse feierlich und langsam vom Schloß her.

Das war der Gerichtsschulze Melchior Reicharts mit seinen einundzwanzig

Richtern, Hauptleuten, Gefreiten und Gemeinen, und dem Gerichtsschreiber

Fridericus Ortlepius die allesamt paarweise in den Ring eintraten.

Zuerst ließ sich der _notarius publicus_ nieder, zur linken Hand an dem

roten Tisch. Er ordnete seine Papiere, guckte in sein Tintenfaß, rückte

das Sandfaß zurecht, und der trübe Himmel und die Krähen auf dem

Schloßturm schauten ihm dabei zu. Er prüfte die Spitze seiner Feder auf

dem Daumennagel, das Murmeln und Murren der tausendköpfigen Menge machte

einer Totenstille Platz; von dem Mühlenturm her erklang ein taktmäßiges

Rasseln und Klirren und verkündete das Nahen der Gefangenen. -- -- -- --

»O mein Gott, hilf ihm und mir!« stöhnte Anneke Mey von Stadtoldendorf,

als an dem Mühlenturm die Pforte sich öffnete und die davor aufgestellte

Reiterwache, die Pferde rückwärtsdrängend, das Volk auseinander trieb.

»Da sind sie! die Meutmacher! die Schufte! Da sind die falschen

Schurken!« ging der unterdrückte Schrei durch das zornige Volk. Aus der

Gefängnispforte hervor glitt ein verwildertes, trotziges oder verzagtes

Gesicht nach dem andern an der zitternden Anneke vorüber.

Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen · 第 16 / 32 题