IV.

Dominus Basilius Sadler, der heiligen Schrift Doktor und fürstlicher

Hofprediger zu Wolfenbüttel, hatte seine Predigt beendet und das

Vaterunser gebetet. Unter den letzten Klängen der Orgel strömte die

Menge aus der Marienkapelle in den dunkeln nebligen Herbsttag hinaus.

Man schrieb den vierten November 1599.

Was hatte das andächtige Volk? Statt ruhig und gemessen wie

gewöhnlich am heiligen Sonntag ihren Wohnungen und dem Sonntagsbraten

zuzuschreiten, blieben die Männer in Gruppen auf dem Kirchplatz stehen

und steckten die Köpfe zusammen; selbst die Weiber waren von derselben

Aufregung ergriffen. Kaum war nämlich der letzte Orgelton verhallt, so

durchzitterte von der Dammfestung her ein anhaltender Trommelwirbel die

stille Luft und schwieg dann einige Augenblicke. Darauf näherten sich

die kriegerischen Klänge im Marschtakt, und manche der Bürger eilten

ihnen, ihre Knaben an der Hand, entgegen; der größte Teil der Menge

blieb jedoch zurück und erwartete die Dinge, welche da kommen sollten.

»Nun geht es an! Das ist der Beginn!« hieß es unter dem Volk.

»Das ist der Gerichtswebel, Martin Braun von Kolberg,« sagte ein

Goldschmied, der von allem genau Bescheid wußte. »Der verkündet nun das

kaiserliche Malefizrecht an allen vier Orten der Welt.«

»Sie kommen! sie kommen!« hieß es unter der Menge, und eine Gasse

bildete sich jetzt, um die Nahenden durchzulassen. Von der Dammbrücke

her durchzog mit seinen drei Trommlern der Gerichtswebel, begleitet von

einigen Hellebardierern, feierlich und langsam die Heinrichsstadt gegen

das Kaisertor hin.

Wir lassen ihn ziehen und lassen das Volk seine Betrachtungen anstellen

und schreiten quer über den Platz vor der Marienkapelle, durch die

Löwenstraße, über die Dammbrücke an dem Schloß vorüber nach dem

Mühlentorturm, dessen Eingänge von einer stärkern Wache als gewöhnlich

umgeben sind. Wir führen den Leser in das obere Stockwerk des Gebäudes.

Ein weites Gewölbe tut sich uns hier auf, so dunkel, daß das Auge sich

erst an die Finsternis gewöhnen muß, ehe es irgend etwas in dem Raum

erkennen kann. Ist das geschehen, so bemerken wir, daß das trübe,

herbstliche Tageslicht, durch viele, aber enge und stark vergitterte

Fenster fällt. Die Wände entlang ist Stroh aufgeschichtet, auf welchem

dunkle Gestalten in den mannigfaltigsten Stellungen und Lagen sich

dehnen. Von dunkeln Gestalten sind auch einige hie und da aufgestellte

Tische umgeben. Ein Kohlenfeuer glimmt in dem Kamin unter dem gewaltigen

Rauchfang. Allmählich erkennen wir mehr in dem dunsterfüllten Raume:

bleiche, wilde Gesichter, umgeben von wirren zerzausten Haaren,

schlechtverbundene, mit blutigen Binden umwickelte Glieder. Ein leiseres

oder lauteres Klirren und Rasseln von Ketten erschreckt uns; -- wir sind

unter den -- Meuterern von Rees! Gekommen ist's, wie es kommen mußte;

morgen wird der Obriste des niedersächsischen Kreises, Herr Heinrich

Julius von Braunschweig, das Gericht über sie angehen lassen. Dumpf tönt

der ferne Trommelschlag des um die Wälle der Festung ziehenden

Gerichtswebels Martin Braun in ihr Gefängnis herüber. Lauschen wir ein

wenig den Worten der gefangenen wilden Gesellen!

»Ta, ta, ta! Was das für ein Wesen ist? Sollte man nicht meinen, der

Teufel sei den Kerlen in den Lärmkasten gefahren? Es gehet alles zum

Schlechteren, selbsten das Trommelschlagen,« sagte eine baumlange

Gestalt, sich über die Genossen erhebend.

»Sollt' meinen, Valtin, wir hätten uns um anderes zu kümmern als den

Trommelschlag,« sagte unwirsch ein zweiter Söldner.

Valentin Weisser ließ sich jedoch nicht von seinem Thema abbringen.

»Horchet nur, ist das die alte freudige deutsche Art? Aber jetzt will

jeder ein Neues einbringen! Auch die Hispanier machen's so; da lob' ich

mir die Italiener, die haben aufgehoben, was wir nicht mehr mochten, und

ziehen mit den fünf gleichen Schlägen bis ans Ende der Welt. Topp, topp,

topp, topp, topp! das erwecket das Herz zu Freud und Tapferkeit und

hilfet zu Leibeskräften. Topp, topp, topp, topp, topp! Hüt dich Bau'r,

ich komm'! -- das ist's! oder --«

»Hauptmann, gib uns Geld!« fiel lachend ein Dritter ein.

»Füg dich zu der Kann!« brummte Hans Römer von Erfurt, der Schmerbauch.

»Mach dich bald davon!« sang eine schrille Stimme dazwischen.

»Hüt dich vor dem Mann!« brummte Jobst Bengel von Heiligenstadt.

»Möchte nur wissen, wie lang wir noch in diesem Loch stecken sollen?

Alle blutigen Teufel, ich wollt', der Blitz schlüg' gleich mitten

unter uns, und nähme uns mit herauf oder herunter, ins Paradies oder

die Hölle! 's sollt' mir gleich sein -- 's wär' wenigstens eine

Veränderung!«

»Das greuliche Fluchen ist auch nicht an der Zeit!« sagte eine ernste

und finstere Stimme.

»Hilft auch zu nichts, Meister Wüstemann,« grinste der Vorige wieder.

»Dem Galgen entläuft man nit so leichtlich -- mit Verlaub, Junker, das

war nicht auf Euch gesagt.« Wir folgen dem höhnischen Blick des

Sprechenden. Neben dem Kamin, an die feuchtschwarze Wand gelehnt, steht

Christoph von Denow, gebrochen an Leib und Seele. Er schaute starr,

gradaus vor sich hin, bei den Worten Jobsts aber fuhr er auf, sank

jedoch in demselben Augenblick mit einer abwehrenden Bewegung der Hand

in seine vorige Stellung zurück. Die Entgegnung übernahm Erdwin

Wüstemann, der drohend seine gefesselten Fäuste nach dem schon

zurückweichenden Jobst ausstreckte: »Den Schädel zerschmettere ich dir

an der Wand, wenn du den Rachen nicht hältst, du Sohn einer Hündin --

sage noch ein Wort --«

»Auf ihn! so ist's recht!« schrien einige der Gefangenen. »Halt, halt!

trennt sie!« riefen andere.

»Seid ruhig, Erdwin,« sagte der Junker, »laß ihn, Alter, -- er hat

recht, der Strick des Hangmanns droht uns allen.«

»Euch nicht! Euch nicht!« rief der alte Wüstemann, die ihm

entgegengestreckte Hand seines Schützlings fassend. »O Ihr -- Ihr in

diesen Banden -- das Herz bricht mir darüber -- o die Schurken, die

Schurken!«

Ein Murren, welches bald in lautere Drohungen überging, folgte den

Verwünschungen des Alten, der alle ihn Umgebenden mit allen Flüchen

überhäufte, welche ihm auf die Zunge gerieten.

Wer weiß, was geschehen wäre, wenn man nicht plötzlich draußen vor der

eisenbeschlagenen Tür des Gefängnisses Schritte und eine befehlende

Stimme vernommen hätte. Hellebardenschäfte und Musketenkolben rasselten

nieder auf den Steinboden. Eine allgemeine Stille trat ein unter den

Gefangenen, die Schlösser der Tür kreischten und knarrten. Sie öffnete

sich, ein Gefreiter mit der Partisane auf der Schulter schritt herein

mit zwei Büchsenschützen, deren Lunten glimmten. Ihnen folgte ein

kleines schwarzes Männlein, welchem zur Seite, von Kopf bis zu Fuß

geharnischt, der Leutnant der Festung, Hans Sivers, sich hielt. Durch

die geöffnete Tür sah man den Gang angefüllt mit Bewaffneten von der

Besatzung.

»Tut Eure Pflicht, Herr Notarius!« sagte der Leutnant, und das kleine

schwarze Männlein -- Herr Friedericus Ortlepius, _notarius publicus_ und

des peinlichen Gerichts zu Wolfenbüttel bestallter und beeidigter

Gerichtsschreiber, räusperte sich, nahm das Barett vom Haupt und

entfaltete ein Papier, welches er in der Rechten trug. Ein Söldner, der

eine Lampe hielt, näherte sich. Der Leutnant hob den Arm gegen die

Gefangenen, abermals räusperte sich Herr Ortlepius und las dann seine

Schrift ab wie folgt:

»Daß der Hochwürdige, Durchlauchtige, Hochgeborne Fürst und Herr,

Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof des Stifts Halberstadt,

Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, unser allerseits gnädiger Fürst

und Herr, unlängst nach Besage und Inhalt des Koblenzschen Abschieds,

als verordneter Kriegsobrister dieses niedersächsischen Kreises,

zur Beschützung des lieben Vaterlandes wider das tyrannische Einfallen

des hispanischen Kriegsvolkes, unter andern ein Regiment deutscher

Knechte von dreizehn Fähnlein hat werben lassen, solches ist _notorium_

und männiglich bekannt. Sind dieselben auch nachher von Seiner

Fürstlichen Gnaden selbst gemustert, bewehrt, und haben sie in

derselben persönlichen Gegenwart in dem Ring, altem löblichem

Kriegsgebrauch nach, auf den Artikulbrief geschworen.

Ob nun wohl I. F. G. sich gänzlich versehen und verhofft, nachdem

I. F. G. es so treulich gemeinet, auch dem gemeinen Vaterland zum Besten es

sich so sauer haben werden lassen, -- es würde gemeldetes Regiment sich

vermöge geschworenen Eides, Treu und Pflicht, wie Solches ehrlichen,

redlichen Kriegsleuten eignet und gebühret, verhalten haben, so hat sich

aber befunden, daß zehn Fähnlein von solchem Regiment, ohne einige

rechtmäßige gegebene Ursach, wider ihre geschworene Treu und Pflicht,

I. F. G. zu sonderlichen Schimpf, der ganzen deutschen Nation zum

sonderlichen Spott und Hohn, dieser Kriegsexpedition zum Nachteil, dem

Feind aber zum Frohlocken mit fliegenden Fähnlein aus dem Felde gezogen

sind. Haben ihre verordnete Obrigkeit nicht bei sich leiden wollen, auch

in solcher Meuterei so lange kontinuiret, bis daß I. F. G., zur

Erhaltung Deroselben Autorität, ein' Ernst zu diesen Sachen haben tun

müssen, und sie durch ihren damaligen Statthalter und Generallieutenant

den Wohlgebornen und Edeln Grafen Philipp zu Hohenlohe, auf der Heide

zwischen der Ucht und Barenburg, hinter dem Moor, genannt das hessische

Darlaten, haben trennen und zum Gehorsam bringen lassen. Und obwohl

I. F. G. damals nach Kriegsgebrauch und scharfen Rechten sie zu

massakrieren und sämtlich zu Schelmen zu machen, und über sie als

Schelmen die Fähnlein abreißen und schleifen zu lassen, befugt gewesen

sein, so haben doch I. F. G. zu Deroselbst eigenen Glimpf den

gelindesten Weg für die Hand nehmen wollen und haben sich resolviret,

euch die bestrickten Knechte, welche eines Teils bei I. F. G. als die

Prinzipalisten Meutemacher angegeben sind, andernteils von ihren eigenen

Spießgesellen dafür geliefert worden sind, -- vor ein öffentlich

Malefizrecht stellen zu lassen.

So fordere ich also auf unsers allerseits gnädigen Fürsten und Herrn

gnädigen Befehl euch: Christoph von Denow, Detlof Schrader von

Rendsburg, Erich Südfeld von Hannover usw. usw. -- so fordere ich euch

auf morgen früh um sieben Uhr, das ist den fünften November dieses

Jahres Eintausendfünfhundertneunundneunzig vor kaiserliches Recht in

den Ring, wo ihr gerichtet werden sollt, wie es am Jüngsten Tage vor

Gott dem Allmächtigen, wenn Gottes Sohn kommen wird zu richten die

Lebendigen und Toten, zu verantworten ist!« -- --

Fünfundachtzig Namen rief der Notarius Friedrich Ortlepp auf, und jeder

der Gefangenen antwortete durch ein: »Ist hier gegenwärtig.« Als die

Liste zu Ende gebracht war, hob der kleine schwarze Mann noch einmal,

lächelnd, die bebrillte Nase und ließ seine Äuglein wohlwollend über die

Gefangenen hingleiten; dann nickte er dem Geharnischten zu, dieser

winkte dem Gefreiten, welcher seine Partisane anzog, sein Kommandowort

rief. Die Musketierer schulterten ihre Büchsen, und die Beamten

schritten heraus aus dem Gewölbe, dessen Tür sogleich hinter ihnen

wieder zufiel.

Noch einen Augenblick tiefster Stille, dann ein dumpfes Gemurmel, dann

wildester Losbruch aller mächtig zusammengepreßten Gefühle und

Leidenschaften der gefesselten Meuterer! Ein wildes Durcheinander, --

Ausrufe des Zorns, des Hohns, der Besorgnis, der Angst, --

Kettengerassel!

»O Junker, Junker!« rief verzweiflungsvoll der Knecht Erdwin, das Haupt

seines jungen Herrn an seine breite Brust ziehend. »O Junker, Junker,

wenn das Euer Vater erlebt hätte!«

»Ja, meine Mutter, meine Mutter! 's ist gut, daß sie tot ist!« seufzte

Christoph von Denow, die Hand über die Augen legend. -- -- -- -- -- --

In den überfüllten Schenken der Stadt erschallte der tobende Gesang der

zum Kriegsgericht eingeforderten Söldner und Hauptleute; viel Zank und

Streit blieb nicht aus in den Gassen. Die Bürger zeigten sich nicht

allzuhäufig außerhalb ihrer Haustüren, und wenn es ja einen Nachbar oder

Gevatter allzusehr drängte, die Ereignisse des Tages mit einem Gevatter

oder Nachbar zu besprechen und abzuhandeln, so schlich er so vorsichtig

als möglich im Schatten der Hauswände dahin. Der Nebel ward dichter und

dichter, je mehr die Dämmerung Besitz ergriff von Stadt und Land. Der

Herzog auf dem Schloß ließ mehr Holz in den Kamin seines Gemaches

werfen, und der Geringste seiner Untertanen ahmte ihm darin so gut als

möglich nach. Immer unfreundlicher ward die Nacht.

Auf dem Prellsteine unter dem Torgewölbe des Mühlenturmes kauerte eine

weibliche, verhüllte Gestalt. Einen grauen Mantel von schwerem,

grobem Tuch hatte sie dicht um sich geschlagen, das spitze Hütlein,

durch welches ein klein rundes Loch ging, gleich der Spur einer

Büchsenkugel -- tief in die Stirn gedrückt; ein Bündel lag neben ihr.

Das war Anneke Mey aus Stadtoldendorf!

Ihr Haupt stützte sie auf beide Hände und starrte regungslos auf die

schwarzen Massen des fürstlichen Schlosses, welches jenseits des

Ockergrabens hoch emporragte in den dunkeln Nachthimmel, und in welchem

hie und da ein erleuchtetes Fenster schimmerte. -- So hatte Anneke den

ganzen lieben langen Tag über gesessen, so saß sie noch, als es schon

vollständig Nacht geworden war, und die Ronde sich näherte, das Tor zu

schließen.

»Sitzt die Dirn da noch!« rief der Weibel. »Heda, Schätzchen, fort mit

dir, daß dir das Fallgatter nicht auf den Kopf fällt. Marsch, Liebchen!

weiß nicht, was du hier suchen könntest?« Anneke rührte sich nicht von

ihrem Platze.

»Na, wird's bald? Nimm Vernunft an, Kind, 's gibt wärmere Nester.« Damit

faßte er den Arm der Kauernden, um sie in die Höhe zu ziehen.

»O lasset mich hier! lasset mich hier!«

»Hoho, geht nicht, geht nicht. Aber nun lasset doch auch einmal Euch ins

Gesicht schauen. Hebt die Laterne hoch! Mädel, Kopf in die Höhe!«

Der Schein der Laterne fiel in das bleiche gramvolle Gesicht des

Mädchens. --

»Alle Teufel, das ist ja die Anneke, die Anneke Mey von Rees her!« rief

einer der Büchsenschützen sich vordrängend. »Weibel, mit der mußt du

säuberlich umgehen. Fürcht dich nit, Anneke -- wo kommst du her?«

»Aus dem Moor, aus dem hessischen Darlaten, Arendt Jungbluth!« sagte

Anneke tonlos.

»Wo sie die Meutmacher niedergelegt haben? Ei, ei, Anneke, und du bist

mit ihnen gezogen?«

»Sie sind im Wald über uns gekommen, weil sie der Graf von Hollach

abgedrängt hatt' von der Weser, und sie haben den Junker aufs Pferd

gezwungen, und er hat nichts anders gekonnt, er hat sie müssen führen;

nun aber haben sie doch geraubt und gebrannt und sind gezogen, wo sie

wollten, und wir haben müssen mit ihnen durch die Wiehenberge, ins Land

Hoya. Da ist es zum Ende gekommen -- da hat uns der Graf gestellt, und

Hans Niekirche ist tot, ist auch nicht heimgekommen zu seiner Mutter --

Gnade Gott uns allen!«

Lautlos umstanden die Söldner das junge Mädchen; endlich sagte der

Weibel: »So ist es geschehen, dagegen kann keiner sagen -- arm Mädel,

was sitzest nur hier auf dem kalten Stein?« Stumm deutete Anneke nach

dem Gefängnis im Turm über ihr; dann sagte sie: »Sie führten uns zuerst

auf das feste Haus Stolzenau; nun sind wir hier zum Gericht!«

»Und der Junker, von welchem du gesprochen hast, ist da oben bei den

andern?« fragte der Weibel.

Anneke nickte.

»Das ist der Knab Christoph von Denow, von den Reitern?« fragte wieder

der Gefreite Arendt Jungbluth, welcher zuerst Anneke erkannt hatte. »Ist

das dein Schatz?«

Ein leises Zittern überlief den Körper des Mädchens, sie antwortete

nicht und schüttelte das Haupt und senkte das Gesicht in die Hände und

legte den Kopf auf die Knie.

»Arm Kind! arm Mädel!« murmelten die Krieger. »Aber sie kann hier nicht

bleiben,« brummte der Weibel. »Wir müssen fort, der Böse fährt uns sonst

auf den Buckel!«

»Lasset mich einmal mit ihr sprechen,« sagte Arendt Jungbluth. Er beugte

sich nieder zu der Armen und flüsterte ihr zu; plötzlich stieß sie einen

Schrei aus, einen Freudenschrei und stand auf den Füßen: »Wirklich,

wirklich? Ihr könnt? Ihr wollt? O, Gott segne Euch tausendmal!«

»Herauf die Brücke! Herunter das Gatter! Ist's geschehen? -- Fort nach

der Schloßwach! -- Jürgen, marsch, voran mit der Laterne!« kommandierte

der Weibel. »Anneke, Ihr gehört zu uns, niemand tut Euch was zu Leid.

Marsch, marsch!«

Die Hellebarden lagen wieder auf der Schulter: inmitten der

Wachtmannschaft ging Anneke Mey, und Jürgen trug außer der Laterne auch

noch das Bündlein des Soldatenkindes.

Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen · 第 15 / 32 题