Nicht Leben, nicht Tod; nicht Vergessenheit, nicht Sinnesklarheit; nicht
Schlaf, nicht Wachen; -- alles ein wildes, wirres Chaos in dem
fieberkranken Kopfe Christoph von Denows! Jetzt legte es sich ihm, einem
feurigen Schleier gleich, vor die Augen, tausend Sturmglocken und der
Verzweiflungsschrei einer eroberten Stadt füllten ihm Ohr und Hirn; --
jetzt versank er wieder in ein endloses graues Nichts, in welchem ihn
allerlei unerkennbare Schatten umschwebten; -- jetzt vermochte er es
wieder, sich und seine Umgebung zu unterscheiden, ohne sich klar darüber
werden zu können, wer ihn von dannen führe und wohin man ihn führe.
Manchmal war der Himmel über ihm grau und ihn fror, dann wieder schaute
er empor in das reine Blau, und die Sonne schien herab auf ihn. Manchmal
glaubte er sich in einem auf dem Wasser fahrenden Schifflein zu
befinden, manchmal sah er wieder grüne Zweige über sich und hörte die
Vögel singen. Er gab es auf, zu denken, sich zu erinnern: willenlos
überließ er sich seinem Geschick. Es zog und zuckte durch seinen
Geist! -- Da ist der weite, kühle Saal in der väterlichen Burg, dem
einstmals am weitesten in das Polen- und Tartarenland vorgeschobenen
Posten des deutschen Wesens. Durch die bunten Scheiben der spitzen
Fenster fällt das Licht der Sonne und wirft die farbigen, flimmernden
Schattenbilder der gemalten Wappen und Heiligen auf den Estrich. Da
steht der Sessel des Ritters von Denow neben dem großen Kamine, und der
Sessel und der Gebetschemel der Mutter in der Fenstervertiefung, da
glitzern im Winkel auf dem künstlich geschnitzten Schenktisch die
riesigen, wie Silber glänzenden Zinnkrüge und Geschirre. Da blickt ernst
von der Wand der Ahnherr mit dem Ringpanzer auf der Brust, und manch
wunderlich Gewaffen aus den Polen- und Preußenschlachten hängt an dem
Mittelpfeiler, welcher den Saal stützt....
Feuer! Feuer! Das ist nicht der Widerschein der Abendsonne an den
Wänden. Feuer! Feuer! und das Wimmern der Burgglocken und der Schall der
Sturmhörner! -- Wo blieb das süße, mildlächelnde Bild der Mutter, das
eben noch durch den stillen dämmerigen Saal glitt? Feuer und Sturm! Die
Polen! die Polen! Allverloren! Allgewonnen! Allgewonnen!
Da taucht ein ehrliches bärtiges Gesicht auf -- das ist der Knecht
Erdwin Wüstemann, welcher den kleinen Christoph aus der brennenden
väterlichen Burg auf den Schultern trug und rettete.... Nun rauscht der
Wald, nun murmelt der Bach -- das ist die verlorene Forsthütte, wo der
treue Knecht und das Kind hausten so lange Jahre hindurch. Die Hunde
zerren bellend an der Kette, der Falk schaukelt sich auf seiner Stange.
Wilde Gesellen und Weiber -- fahrende Soldaten, Sänger und Studenten und
demütige Juden verlangen Obdach vor dem nahen Gewitter oder dem
Schneesturm. Sie lagern auf nackter Erde um das Feuer, an welchem die
Hirschkeule bratet. Der Weinkrug geht im Kreise umher; Lieder
erschallen! Lieder vom freien Landsknechtsleben, lutherische Lieder,
Spottlieder gegen den Papst und den Türken und lateinische Lieder
vom wandernden Scholarentum. Jetzt gerät der rote Heinz mit dem
landflüchtigen Leibeigenen oder dem Zigeuner in Streit; die Messer
blitzen, der Knecht Erdwin wirft sich zwischen die Kämpfenden -- es
rauscht der Wald, es murmelt der Bach, es klingt die Harfe des blinden
Sängers -- ah Wasser, Wasser und Waldfrische in dieser Glut, welche das
Gehirn verdorrt und die Knochen versengt!
Einen Augenblick lang öffnete der Kranke die Augen, er hörte Stimmen um
sich her; jemand hielt ihm einen Krug voll frischen Wassers an die
heißen Lippen. Er hatte nicht fragen können, wo er sei, wer ihm helfe in
seiner Not? -- von neuem ergriff ihn der Fiebertraum.
Aus dem Kinde ist im lustigen Wildschützenleben ein wackerer Bub
geworden. Hinaus aus dem grünen Wald zieht der Knecht Erdwin mit dem
Schützling. Die Zeiten sind danach -- wer kühn die Würfel wirft, kann
wohl den Venuswurf werfen. Mancher gelangte in der Fremde zu hohen Ehren
und Würden, der im Vaterlande kaum den heilen Rock trug. Gern kaufen
Franzosen, Spanier, Holländer mit rotem Golde rotes deutsches Blut.
Ho, so hattest du dir die Welt draußen vor dem Wald wohl nicht gedacht,
Christoph von Denow? Hei, das waren andere Gestalten und Bilder:
Städte, Klöster und Burgen; Fürsten mit Rittern und Rossen, schöne
Damen, Äbte und Bischöfe mit reichem Gefolge, Bürgeraufzüge, bunte
Landsknechtsrotten auf dem Wege nach Italien, nach Frankreich -- für den
Kaiser und wider den Kaiser!
Aus dem Reitersbuben ist ein Reitersmann geworden, welcher nichts sein
nennt, als sein gutes Schwert, und welchem von den Vätern her nichts
geblieben ist, als der eiserne Siegelring mit dem Wappen derer von
Denow, welchen er am Finger trägt.
Immer weiter hinein in das bunte Leben, in den bunten Traum -- tagelang,
wochenlang im Wundfieber kämpfend zwischen Sein und Vernichtung, bis
endlich eine Glocke dumpf und feierlich erklingt, eine Glocke, die nicht
mehr allein in dem Gehirn des Kranken läutet!
»Wo bin ich?... Die Glocke, was will die Glocke?« murmelte Christoph
von Denow, die Augen aufschlagend.
Anneke Mey stieß einen Freudenschrei aus und hob das Haupt des Junkers
ein wenig aus ihrem Schoße: »Er lebt, o guter Gott, er wird leben!«
»Die Glocke! die Glocke?«
»Still, lieget still, Herr! das ist Sankt Lambert zu Münster, und da --
horcht! das ist der Dom! Morgen ist der heilige Matthiastag -- still,
still, lieget ruhig.«
Es wurde dunkel über dem Junker; das Wäglein fuhr in diesem Augenblick
durch die Torwölbung. Der Junker schloß die Augen wieder, er glaubte
einen Wortwechsel zu hören, er glaubte zu bemerken, daß der Wagen hielt,
Annekes Stimme erklang ängstlich und bittend dazwischen. Er glaubte ein
bärtiges Gesicht über sich zu sehen und einen Ausruf des Schreckens zu
hören. Der Wagen bewegte sich wieder -- er fuhr aus dem dunklen Tor in
das Licht der Straße hinein. -- --
Das war das Gesicht des alten Knechts Erdwin, welches der Junker von
Denow über sich sah, bis im folgenden Moment alles verschwand und es
wieder Nacht war im Geiste Christophs. -- Allmählich aber wurde diese
Nacht jetzt Dämmerung; die Gedanken ordneten sich mehr und mehr.
Christoph von Denow erwachte wieder zum Leben.
Er fühlte den wohltuenden Strahl der milden Herbstsonne, er vernahm die
Worte der Freunde um sich her. Jetzt erzählte Erdwin, der Knecht, jetzt
sprach Anneke Mey, jetzt lachte Hans der Trommelschläger. Die Landschaft
glitt an ihm vorüber, Städte, Dörfer, Flecken, er sah blaue Höhenzüge im
Osten auftauchen und vernahm, wie ein Wanderer dem Knechte Erdwin sagte,
das sei der altberühmte große Teutoburger Wald. Er schlummerte abermals
ein, und als er abermals erwachte, fand er sich mitten in den Bergen,
und ein Wasser rauschte seitwärts in das Dickicht. »Das Wässerlein kenn'
ich,« rief Anneke, »das ist die Else, die fließt in die Werre, und die
Werre fließt in die Weser, nun sind wir der Heimat nahe.«
»Und wie ziehen wir nun, Anneke?« fragte der getreue Knecht Erdwin,
welcher munter neben dem Wagen, den Spieß auf der Schulter, herschritt.
»Wo die Sonne aufgeht, fahren wir zu; aus dem Teutoburger Wald in den
Lippeschen Wald, zuletzt wird doch mal ein Berg kommen, von dem wir die
Weser glitzern sehen können. Dann sind wir zu Hause!«
»Anneke, Anneke!« murmelte Christoph.
»O, wachet Ihr wieder, Junkerlein? geduldet Euch und lieget still, wir
sind alle noch da, und der Meister Erdwin ist auch da und hat mir alles
von Euch erzählt und ich ihm auch alles von Euch.«
»O Junker, Junker, seid Ihr wach?« rief der Knecht Erdwin und schauete
über den Rand des Wagens. »Das Mütterlein im Himmel muß über uns wachen,
daß ich Euch grad am Tor zu Münster treffen mußt'. Von der Reichsschanze
bis nach Münster bin ich kreuz und quer Euern Spuren nachgezogen. Habt
mich schön in Angst und Not gebracht! Haltet das Maul, Junkerlein. Dem
Herzmädel da dankt Ihr Euer jung Leben. Lasset Euch tränken und atzen
und schlaft wieder ein, wir halten Euch oben, Hans und Anneke und ich!«
Christoph drückte schwach die Hand des wackern Alten, er wollte nach dem
Heere fragen, nach den Meuterern, aber er vergaß es. Sein wunder Kopf
ruhte noch immer an der Brust der jungen Dirne. Aus schwimmenden Augen
blickte er auf zu dem braunen, wildfreundlichen Gesicht über ihm.
»Ach, Anneke Mey, Anneke Mey, wohin willst du mich führen?«
»In meiner Heime ist es gar schön,« sagte das Mädchen. »Da sind die
Berge und die Wiesen so grün, da schaut die alte Burg, sie heißen sie
die Homburg herab auf das Städtel. Da sind die hohen weißen Felsen ganz
weiß, weiß -- da wohnen die klugen Zwerge in tiefen runden Löchern. Das
ist wahr, ganz gewiß wahr! Es ist auch schaurig da, manchmal rührt sich
der Boden, und der Wald sinkt ein in die Erde, tief, tief, -- und ein
Wässerlein springt dann unten in dem Grund auf; das Wasser trinken die
Leut nicht gern. Aber mitten in den Bergen, da ist ein kühler Bronn, der
Wellborn geheißen, aus dem kommt das Wasser durch Röhren in die Stadt,
und die Brunnen rauschen und plätschern immer zu. Und vor dem Burgtor
ist ein klein Haus dicht an der Stadtmauer, da sitzt meine alte Muhme,
die Alheit -- mein Vater und Mutter sind lang tot im Lager von Lafere,
wo wir mit dem französischen König Heinrich waren -- und ihre Katz sitzt
neben ihr, und wenn sie, ich mein' die Muhme -- an mich gedenkt, so
brummt und keift und bet't sie ein Vaterunser, grade weil sie mich gern
hat. Schläfst noch nicht, Junkerlein? Mach die Augen zu und kümmre dich
nicht um die Welt.«
Mit leiser Stimme fing das Mädchen an zu singen:
»Musikanten zum Spielen,
Schöne Mädchen zum Lieben:
So lasset uns fahren,
Mit Roß und mit Wagen,
In unser Quartier!
In unser Quartier!«
»Ach, der Wagen stößt zu hart; wisset Ihr was, Meister Erdwin? singet
Ihr weiter.«
»Wollen's versuchen!« sagte der Knecht Wüstemann und begann im Ton der
Schlacht von Pavia das Lied von der Schlacht vor Bremen, in welche er
als junger Bursch mit den Reitern des Grafen von Oldenburg gezogen war,
und frisch schallte sein Baß in den Wald hinein.
»-- Unser Feldherr das vernahm,
Graf Albrecht von Mansfelde,
Sprach zu seinem Kriegsvolk lobesam:
Ihr lieben Auserwählten,
Nun seid ganz frisch und wohlgemut,
Ritterlich wolln wir fechten;
Gewinnen wolln wir Ehr und Gut,
Gott wird helfen dem Rechten.«
Als der Endvers kam, war Christoph wirklich eingesungen zu sanftem
Schlummer, und Hans Niekirche behielt den braunschweigschen Gassenhauer,
den er eben zum besten geben wollte, auf das Ersuchen des alten Erdwins
für sich. Mit einbrechender Nacht wurde bei einem Köhler mitten im Forst
das Nachtquartier aufgeschlagen.
»Was ist denn da draußen vorgegangen in der Welt?« fragte der schwarze
Waldmann. »Ihr seid die Ersten nicht, die hier durchkommen sind und hier
angehalten haben. Das ist ja auf einmal, als ob alles Kriegsvolk im
deutschen Land sich hier auf den Wald niedergeschlagen hätt', wie ein
Immenschwarm auf den Schlehenbusch. Ist es wahr, daß das Reichsheer
auseinandergelaufen ist?«
»Es ist wahr,« sagte der Knecht Erdwin düster. »Es ist aus, -- alles
vorbei!«
»Vorgestern zog hier ein Trupp durch, fast zehn Fähnlein stark, aber
anzusehen wie ein wüst Raubgesindel, Fußvolk und Reiter durcheinander.
Wollten gen die Weser und ließen sich vernehmen, sie wollten ihrem
Zahlherrn, dem Braunschweiger Herzog --«
»Die Braunschweiger?!« riefen Erdwin und Anneke und Hans Niekirche. »Die
Braunschweiger?!« murmelte Christoph von Denow und richtete sich halb
auf seinem Lager auf.
»Gehöret Ihr zu ihnen?« fragte der Köhler mißtrauisch. »Nehmt Euch in
acht; ich hab' einen gesprochen, der sagte, der Braunschweiger habe
seine Leibguardia und Reiter die Menge abgesandt, ihnen den Weg zu
verlegen. Sein Feldhauptmann, der Graf von Hohenlohe, ist auch, von
Mitternacht her, gegen sie aufgebrochen. Das kann ein übel Ende nehmen!«
»Gegen die Weser sind sie gezogen?«
»Wie ich Euch sagte, Maidlein.«
»Herr Gott, so müssen wir ab vom Weg!«
»Ihr gehört also nicht zu ihnen?«
»Nein! nein! nein!« riefen Christoph und Erdwin und Anneke.
»Und Ihr wollt auch über die Weser?«
»In meine Heimat!« rief Anneke.
»Mit dem wunden Mann? Geht nicht, wahrlich geht nicht! Weg und Steg sind
verlegt.«
Alle schwiegen erschrocken und verstört einige Minuten.
»Saget doch,« fuhr der Köhler dann fort, »weshalb wollt Ihr nicht bei
mir bleiben im Walde, bis der Kopf des Burschen dort wieder heil und
ganz ist? Hunger und Durst sollt Ihr nicht leiden. Ihr erzählet mir
alles, was da draußen in der Welt vorgegangen ist, dafür geb' ich Euch
Futter und Obdach. Gefällt's Euch?«
»Ihr wolltet --?«
»Gewiß will ich; ich will Euch sogar noch großen Dank schuldig sein
dafür!«
»Angenommen, Landsmann!« rief der Knecht Wüstemann freudig. »Junker, nun
streckt Euch lang auf Euerm Lager, und wehe dem ersten Rehbock, der mir
vor die Armbrust gerät, welche ich dort an der Wand sehe.«
So kamen am Tage Cornelii des Hauptmanns die vier Flüchtlinge des
Reichsheeres zum ersten Mal zu Ruhe.