Trübe dämmerte der Morgen. Auf die wüste Nacht folgte ein ebenso wüster
Tag. Vergeblich hatte Herr Otto Heinrich von Beylandt, Herr zu Rethen
und Brembt, Leib und Leben und Seligkeit den Meuterern zum Pfande
eingesetzt, daß sie nicht von des Reichs Boden weggeführt werden
sollten; vergeblich hatte der Graf von Hohenlohe geflucht, gebeten und
gedroht. Zwischen sieben und acht Uhr waren zehn Fähnlein des
braunschweigischen Regiments aufgebrochen und aus dem Feld gezogen,
Münster zu. Weiber, Kinder, Dirnen folgten jetzt dem plündernden,
ehrvergessenen, eidbrüchigen Haufen durch den grauen Nebelregen. Keiner
befahl, keiner gehorchte. Die einen meinten, es gehe gradaus zum Herzog
von Braunschweig, ihrem Zahlherrn, nach Wolfenbüttel; andere glaubten,
es gehe gegen den Bischof von Münster; die meisten aber dachten gar
nichts, und so schwankte der tolle Zug, einem Betrunkenen gleich, hier
vom Wege ab, dort vom Wege ab, jetzt auf ein Dorf zu, jetzt auf ein
einsames Gehöft. Kleinere Banden schweiften zur Seite, oder vor und
nach -- fort und fort über die Heide; hier im Kampfe mit einer
ergrimmten Bauernschar, dort im Hader untereinander. Der Nebel ward
Regen und hing sich in perlenden Tropfen an die letzten Blüten des
Heidekrauts und träufelte von den Stacheln und Zweigen der Dornbüsche.
Krähenscharen begleiteten den Zug lautkrächzend, oder flatterten in
dichten Haufen westwärts dem Rhein zu, wo von Rees her das Feuer der
Berennung nur noch in einzelnen Schlägen dumpf grollte. Stärker und
stärker ward der Regen, die blutigen Spuren der vergangenen Nacht, der
Schlamm der Laufgräben mischten sich auf den pulvergeschwärzten
Gesichtern, den zerrissenen, verbrannten Kleidern, den verrosteten
Waffenstücken -- die Männer fluchten und sangen, die Weiber ächzten, die
Kinder schrien, und Anneke Mey auf ihrem Wagen, mit einem Bierfaß
beladen, hielt tröstend das Haupt des wunden Christoph von Denow in
ihrem Schoß und sprach ihm zu und verhüllte ihn, wie eine Mutter ihr
Kind, mit einem groben Soldatenmantel; während Hans Niekirche
zähneklappernd das magere Roß leitete, welches vor dem Karren ging. --
Lange Zeit hatte der Junker wie besinnungslos gelegen, jetzt hob er den
Kopf mühsam empor und strich die Haare aus der Stirn und warf einen
Blick auf seine Umgebung.
»O Anneke, weshalb hast mich nicht gelassen in dem Wasser -- oh! oh!«
»Still, still, lieget ruhig, Herr! Die ganze Welt ist auseinander --«
»Weshalb hast mich nicht gelassen im Lager -- im Heer vor Rees?«
»Es ist aus, aus! Alles aus, sagen sie. Alles läuft auseinander --«
»Und wohin gehen wir?«
»Weiß nicht! weiß nicht!«
»Bin also so weit! Ein Spießgesell von Räubern und Mördern und
landesflüchtigem Gesindel! Krächzt nur, ihr schwarzen Galgenvögel, ihr
habt einen feinen Geruch, wittert den Fraß, wann er noch lustig auf den
Beinen herumstolpert und den Bauerngänsen die Hälse abhaut und die
Rinder aus dem Stall zieht. O Christoph! Christoph! Und du könntest
einen adeligen Schild führen!«
Der junge Gesell stieß solch einen herzbrechenden Seufzer aus, daß ein
neben dem Karren reitender Söldner aufmerksam wurde. Er drängte sein
Pferd näher heran, zog seine Feldflasche hervor und reichte sie dem
Wunden zu.
»Hoho, Junker, was spinnst für Hanf? Da wärme dir das Herz, bis wir uns
den Münsterschen Dompfaffen in die warmen Nester legen! Aufgeschaut,
aufgeschaut, Christoffel! 's ist beschlossen, Ihr sollt unser Obrister
werden!«
Der Junker machte eine unwillige Handbewegung und antwortete nicht.
»Auch gut,« brummte der Reiter. »Der Satan hol' alle diese Maulhänger!
Möcht' nur wissen, was die Gesellen für einen Narren an ihm gefressen
haben. Hat den Vorspruch gemacht gestern beim Grafen nach ihrem Willen
und soll den Führer spielen, und kann den Kopf nicht grad halten -- Bah!
Hätten hundert Bessere gefunden; kann mit seinem Adel weder den Mantel
noch die Ehre flicken. Fort, Mähre, was scheust? Dacht ich's doch, da
liegt wieder einer der trunkenen Schelme im Wege. Vorwärts, Schecke, laß
liegen, was nicht mehr laufen mag. Was will die Trompete? Holla, was ist
das?«
Ja, was wollte die Trompete? Auf der rechten Seite des Weges der
Meuterer waren zwar von Zeit zu Zeit vereinzelte Schüsse gefallen,
niemand hatte sie aber beachtet, weil man sie nur den obenerwähnten
Scharmützeln mit den Bauern und Hahnenfedern zuschrieb. Jetzt aber wurde
das Feuer regelmäßiger, Reitertrompeten erschallten. Der Zug stutzte und
hielt. Gestalten, schattenhaft, tummelten sich in dem dichten Nebel, und
erschreckte Stimmen erklangen: »Die Spanier! Die Spanier!«
»Zum Henker die Spanier; wie kommen die Spanier soweit über den Rhein?«
brummte der Reiter, welcher eben dem Junker die Feldflasche geboten
hatte. Er lockerte aber nichtsdestoweniger das Schwert in der Scheide
und wickelte den rechten Arm aus dem Mantel los.
»Der Feind! der Feind! die Speerreiter!« riefen die im Lauf
rückkehrenden Plünderer, zu den Genossen stoßend, und einige brachten
eine frische Wunde mit zurück. Näher und näher hörte man die Trompeten
und den Schlachtruf »_España! España!_« und dann »Hohenlohe! Hohenlohe!«
Keiner von den Meutmachern machte Miene, an dem Gefechte teilzunehmen;
aber die Musketen waren auf die Gabeln gelegt, die Lunten aufgeschroben,
die Spieße gesenkt, und man hatte instinktmäßig einen Kreis um die Wagen
mit den Weibern und Kindern und den Raub geschlossen.
Jetzt schienen die Spanier wieder zurückgedrängt zu werden; der Lärm des
Kampfes verlor sich in der Ferne. Der Zug der Aufrührer wollte sich
bereits wieder in Bewegung setzen.
»Halt, halt!« rief einer der Fußknechte, »da kommen sie wieder!
Rossestrab!« Er kniete nieder und legte das Ohr an den Boden. »Viel
Pferde im Galopp!« Man konnte kaum zehn Schritte weit im Nebel und Regen
deutlich sehen; es waren wieder nur unbestimmte Schatten, die man nahen
sah.
Ein »Halt« wurde ihnen zugerufen, und sie hielten, und eine einzelne
Gestalt löste sich von dem Haufen ab. Aus dem Ring der aufrührerischen
Söldner des Reichs traten ihr einige entgegen.
»Wer seid Ihr? Woher des Weges? Was für Begehr?«
Der Nahende ritt, ohne zu antworten, näher heran.
»Haltet, oder wir schießen!«
»Nur zu, eidbrüchig Gesindel; versucht, ob ihr einen ehrlichen
Reitersmann trefft!«
Wilde Flüche und der Ruf »Feuer, Feuer!« ertönten, und manche Büchse
wurde in Anschlag gebracht; aber dazwischen riefen auch Stimmen: »Halt,
halt, das sind keine Spanier, keine Speerreiter!«
»Nein, das sind keine Spanier,« rief der Reisige zurück. »Das sind auch
keine Meuterer, Mörder oder Diebshalunken; -- ehrliche Hohenlohesche
Reiter sind's, die euch Lumpengesindel wahren sollen, daß ihr nicht dem
Galgen entlauft! Glaubt's, der Graf hätte meinetwegen andere dazu
schicken mögen, als uns -- nehmt das Ab -- Henkermahl drauf!«
»Der Graf von Hollach hat Euch geschickt?« fragte es verwundert aus dem
Haufen, und mancher der wilden Kerle drängte sich vor, näher an den
Reitersmann.
»Zurück!« rief dieser, »wir gehen mit euch, wie befohlen, jagen die
Speerreiter, die euch die Gurgel abschneiden könnten, -- man sparte nur
die Stricke -- und schützen das arme Landvolk vor euch Hunden. Damit
holla! -- na, wohin geht der Marsch?«
»Packt Euch zum Teufel, wir brauchen Euch nicht!« schrie Jobst Bengel
aus Heiligenstadt. »Wer hat Euch gerufen? Sagt dem Grafen, dem
Holländer, unsern schönsten Dank und wir könnten unsern Weg allein
finden.«
»Geht nicht! Alles auf Befehl! Kümmert euch so wenig als möglich um uns;
ihr handelt nach Belieben, wir nach Befehl!«
»Aber unser Belieben ist, daß ihr euch hinschert, woher ihr gekommen
seid!« brüllte Hans Römer aus Erfurt. »Geht, oder es setzt mein' Seel
blutige Köpfe!«
»Unser Befehl ist, daß wir gehen, wohin euch der Satan treibt. Am
Höllentor kehren wir um, das ist der Befehl. Genug der Worte.«
Damit wandte der Hohenlohesche Rittmeister sein Roß und sprengte zurück
zu seinen Reitern, welche unbeweglich auf einer kleinen Erderhöhung
hielten und im Gegensatz zu dem tobsüchtigen, wüsten Gebaren der
Meuterer nur leise Worte des Zorns und der Verachtung hatten.
Auf seinem Schmerzenslager hatte Christoph von Denow halbblinden Auges
und klingenden Ohres den Vorgang angesehen und angehört. Jetzt mußte er
auch ohnmächtiger Zeuge der wilden Reden um ihn her sein.
»Das ist solch ein falsch Spiel von dem Grafen -- das ist eine Falle.
Sollen uns schützen vor den Speerreitern! -- Lauter Sorg und Lieb, bis
sie uns den Hals zuschnüren! -- Nichts von dem Grafen von Hollach! Fort
mit den Reitern des Holländers! Feuer auf sie! In die Spieße! in die
Spieße mit ihnen!«
»Die Rasenden! die Niederträchtigen!« stöhnte Christoph von Denow, die
Hände ringend. »Und hier liegen zu müssen gleich einem abgestochenen
Schaflamme! Halt, halt, was wollen sie tun?!«
Seine schwache Stimme ging verloren in dem Lärm »fort mit Holländern,
fort mit dem Grafen von Hollach!«
Mit einem Schlage setzte die ganze Masse der Meuterer im Sturmlauf an
gegen das kleine Häuflein der Reiter.
»Hab's mir wohl gedacht,« brummte der Rittmeister in den grauen Bart.
»Achtung, Gesellen! Stand gehalten -- das ist der Befehl. Herunter mit
den Schuften, wenn sie euch nahe kommen.«
Sie griffen wirklich an. Im nächsten Augenblick war die Reiterschar
umringt, durchbrochen. Die meisten sanken nach tapfrer Gegenwehr vom
Pferd; nur wenige schlugen sich durch und flohen über die Heide.
Zuletzt kämpfte noch ein einzelner. Das war der tapfere alte Führer, der
sich wie ein Verzweifelter wehrte. Endlich erstach ihm Balthasar
Eschholz aus Berlin das Roß, und eine Kugel durchfuhr seine treue Brust.
Einige Minuten standen die Mörder wie erstarrt. Schlug ihnen diesmal das
Herz? Sie wagten es nicht, die Gefallenen zu berauben, ein plötzlicher
Schrecken kam über sie, wie von Gott dem Richter gesandt, und Mann und
Roß und Wagen stürzten von dannen, hinein in den Nebel, der sie
verschlang, als seien sie nicht wert, von Himmel und Erde gesehen zu
werden.
»Das ist ein schlechter -- schlechter Tod!« seufzte der zu Boden
liegende Reiterhauptmann. »Ein schlechter Tod! -- In deine Hände -- aber
alles der Befehl -- nun kann der Rat von Nürnberg mein Weib und meine
Jungen auffüttern -- ein schlechter Tod -- Amen! Alles -- der --
Befehl!«
Er griff noch einmal mit beiden Händen krampfhaft in das Heidekraut --
es war vorüber.
Ein Wäglein und drei Menschenkinder waren zurückgeblieben beim
Fortstürzen der Mörderschar. Das waren Anneke Mey aus Stadtoldendorf,
welche das Haupt des Erschlagenen stützte, das war Christoph von Denow,
der auf seinem Lager das Vaterunser weiter betete, welches der
Rittmeister nicht hatte zu Ende bringen können. Das war Hans Niekirche,
der Trommelschläger, welcher schluchzend das Rößlein vor dem Wagen
hielt!........