I.

Wer am Abend des sechsten Septembers alten Stils, am Donnerstag vor

Mariä Geburt im Jahre unsers Herrn Eintausendfünfhundertneunundneunzig,

nach Sonnenuntergang einen Blick aus der Vogelschau über die Rheinebene

von Rees bis Emmerich und weit nach Ost und West ins Land hinein hätte

werfen können, der würde eines erschrecklichen Schauspiels teilhaftig

geworden sein.

Schwarze regendrohende Wolken verhingen das Himmelsgewölbe, und es würde

eine dunkle Nacht gewesen sein, wenn nicht der Mensch diesmal dafür

gesorgt hätte, daß es auf der weiten Fläche nicht ganz finster wurde.

Auf den Wällen von Rees leitete, an der Spitze seiner Hispanier,

Burgunder und Wallonen, Don Ramiro de Gusman die Verteidigung der Stadt

und Festung gegen das Reichsheer, welches schläfrig und matt genug der

Belagerung oblag, dafür aber auf andere Weise desto mehr Lärm machte,

wie es einer Armee des heiligen römischen Reichs deutscher Nation

zukam. Ein fahles, blitzartiges Leuchten lag hier über der Gegend, denn

wenn auch das schwere Geschütz seit Mittag schwieg, so knatterte doch

das Musketenfeuer, schwächer oder stärker, rund um die Stadt fort und

fort, und manch ein Wachtfeuer flackerte auf beiden Ufern des Flusses,

welcher manche Leiche in seinen nachtschwarzen Fluten mit sich hinab

führte in das leichenvolle Holland, wo der finstere Admiral von

Aragonien, Don Francisco de Mendoza, und der Sohn der schönen Welserin,

der bigotte Kardinal Andreas von Österreich, die Zeiten Albas

erneuerten. --

Wir haben es jedoch nur mit der rechten Seite des Rheines zu tun, wo

tief in das Land hinein unter den zusammengewürfelten Tausenden des

Reichsheeres, Hessen, Brandenburgern, Braunschweigern, Westfalen, der

_furor teutonicus_, die sinnlose, trunkene, deutsche Furie ausgebrochen

war und in Verwüstungen aller Art sich Luft machte. In allen Dörfern

und Lagerplätzen Sturmglocken, Trommeln und rufende Trompeten --

Geschrei und Jammer des elenden, geplünderten, mißhandelten Landvolkes

-- bittende, drohende Befehlshaber -- flüchtende Herden, Weiber,

Kinder, Kranke, Greise -- Reitergeschwader, die sich sammelten,

Reitergeschwader, die auseinanderstoben -- brennende Häuser und

Zeltreihen, und zwischen allem die Cleveschen Milizen, die

»Hahnenfedern«, zur Wut gebracht durch die Ausschweifungen derer,

welche da Hilfe bringen sollten gegen die Ausschweifungen des fremden

Feindes! Überall Blut und Feuer und Brand -- ein unbeschreibliches,

wüstes, grauenhaftes Durcheinander, zu dessen Schilderung Menschenrede

nicht hinreicht!...

Lange genug hatte an diesem Abend Don Ramiro, hinter seiner Brustwehr an

eine zerschossene Lafette gelehnt, hinübergeschaut nach den Laufgräben

und Angriffswerken der tollgewordenen Belagerer; jetzt stieg er langsam

herab von seinem Lugaus, und begleitet von zwei Fackelträgern und

mehreren seiner Unterbefehlshaber schritt er durch die Gassen von Rees,

dessen zitternde Bewohner jedes Fenster hatten erhellen müssen, und

dessen Straßen dumpf dröhnten unter den Schritten der gegen die

östlichen Ausfallspforten heranmarschierenden Besatzung.

»Francisco Orticio!« sagte der spanische Kommandant, und im nächsten

Augenblick stand der Geforderte vor ihm.

»Alles bereit?« fragte Don Ramiro wieder.

Der gerüstete Führer senkte stumm den Degen und wies mit der Linken auf

die Haufen der Krieger, welche jetzt alle an den ihnen bestimmten

Plätzen dicht gedrängt, regungslos standen. Des Spaniers Auge flog mit

düsterer Befriedigung über all diese im Glanz der Fackeln blitzenden

Harnische, Sturmhauben, Piken und Schwerter -- er nickte. »Sie würden

sich da draußen untereinander selbst fressen, gleich den hungrigen

Wölfen,« sagte er, »aber wir wollen zur Ehre Gottes und der heiligen

Jungfrau« -- hier lüftete er den Hut, und alle Umstehenden taten

das Gleiche -- »unsern Teil an dem Verdienst haben, die Ketzer zu

vertilgen! Erinnert Euch, Orticio, mit dem Schlage Elf beginnt das Feuer

wiederum -- mit dem Schlage Elf hinaus auf sie! Spanien und die

Jungfrau! die Losung.«

»An eure Plätze, ihr Herren!« erschallte das Kommandowort Francisco

Orticios -- ein dumpfes Gerassel und Geklirr der sich aneinander

reibenden Harnische -- Don Ramiro de Gusman schritt langsam prüfend die

Reihen entlang; dann stieg er schweigend wieder zu dem Walle empor, nach

einem letzten Wink und Gruß für Orticio, welcher sein Wehrgehäng fester

zog.

»Noch eine halbe Stund'! Spanien und die Jungfrau, Spanien und die

Jungfrau!« ging es dumpf durch die Reihen der harrenden Krieger. -- --

Unsere Geschichte beginnt!

»So hole der Teufel die meineidigen Schufte und meuterischen Hunde!«

schrie der Hauptmann Burghard Hieronymus Rußwurmb in Verzweiflung,

im Lager der dreizehn Fähnlein gewappneter Knechte, Reisiger und

Fußsöldner, welche Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof zu

Halberstadt, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg als Obrister des

niedersächsischen Kreises zufolge des Koblenzschen Reichsabschieds

für diesen Krieg geworben und aus aller deutschen Herren Ländern

zusammengebracht hatte. »Ist denn die Welt ganz umgekehrt? Es ist zum

Rasendwerden!... So schlage zum letzten Mal die Trommel, Hans Niekirche

-- o heiliges Wort Gottes, das ist das Jüngste Gericht!«

Hans Niekirche aus Braunschweig, der Trommelschläger, ein blutjunger

Wicht, welcher einem Schneider seiner Geburtsstadt aus der Lehre

gelaufen war, hatte, hierhin gestoßen, dahin gezerrt, sich fast zwischen

die langen Beine seines Hauptmanns gerettet und fing nun mit zitternden

Händen von neuem an, das Kalbfell zu bearbeiten; während der Hauptmann

hin und her lief, mit beiden Händen das Haupthaar durchwühlend. Er hatte

wohl das Recht, zornig zu sein, der Wackere! Dicht hinter sich hatte er

ein geplündertes Bauernhaus, dessen Fenster und Türen eingeschlagen

waren, und auf dessen Schwelle ein junges Weib mit zerrissenen Kleidern,

in der im letzten Krampf zusammengekniffenen Hand ein Büschel roter

Haare, leblos ausgestreckt lag. An sein linkes Bein hing sich jetzt auch

noch ein arm Kindlein in seiner Todesangst, zu seiner Rechten schlug

Niekirch seine Wirbel, und rings um ihn her schrie und stampfte, fluchte

und drohete sein meuterisch Fähnlein und rasaunte durcheinander, wie ein

aufgestört Rattennest.

»O ihr Schelme, ihr Hunde, das soll euch heimgezahlt werden!« brüllte

der Hauptmann. »Warte, Hans Diroff von Kahla, warte, Koburger, Christoph

Stern von Saalfeld, an den Galgen und aufs Rad kommt ihr; oder die

Gerechtigkeit ist krepiert auf Erden. Warte, du Schmalz von Gera, dein

Fett soll all werden, wie eine Kerze im Feuer! O Tag des Zorns, o Hunde!

Hunde!«

»Gebt Raum, Hauptmann!« schrie ein riesenhafter Kerl, genannt Valentin

Weisser von Roseneck, dem Führer den Büchsenkolben vor die Brust

setzend. »Ihr seid die Verräter, die Schelme, Ihr und Eure saubern

Gesellen und Euer Graf von Hohenlohe, der Holländer! Wollt Ihr uns nicht

etwa über das Wasser, über den Rhein, von des Reiches Boden führen? He,

sprecht!«

»Nicht über den Rhein! nicht über den Rhein! nicht vor Bommel! nicht vor

Bommel!« schrie es von allen Seiten, und weit über das Feld durch alle

Tausende wälzte sich dasselbe Wort. Der Hauptmann schlug den Kolben von

seiner Brust zur Seite.

»Du wirst gehängt, wie ein Spatz, Rosenecker,« schrie er.

»Ihr sollt es wenigstens nit erschauen!« brüllte der Schütz wieder, die

brennende Lunte über dem Haupte schwingend. Er nahm sich nicht die Mühe,

sie aufzuschrauben, das Feuerrohr lag auf der Gabel -- im nächsten

Augenblick wäre der Hauptmann ein Kind des Todes gewesen, wenn nicht

plötzlich zwischen dem Bedrohten und dem Drohenden ein Reiter im vollen

Galopp angehalten und dem wütenden Musketierer den Büchsenlauf in die

Höhe geschlagen hätte, daß der Schuß in die Luft ging.

»Der Junker! der Junker!« schrie es auf allen Seiten. »Der Junker

zurück! sprecht, sprecht, was ist's? was sagt der Graf? Haben sie uns

verkauft an die holländischen Juden, ihnen ihre Festung Bommel zu

entsetzen?... Der Junker, der Junker! Nicht nach Bommel, nicht vor

Bommel! nicht über den Rhein! nicht über den Rhein! In die Spieße der

von Hollach!«

»Ja, schreit nur, bis ihr berstet!« zischte blau vor Grimm der

Hauptmann durch die zusammengebissenen Zähne und ballte die Hände, daß

die Nägel tief ins Fleisch drangen. »Schreit nur -- es ist noch nicht

im Topf, darin es gekocht wird -- Christoph von Denow, sprecht zu den

Meutmachern! sagt den räudigen Hunden Eure Botschaft!«

Der junge Reiter richtete sich hoch auf im Sattel, und alle die wilden

Gesichter im Fackelschein ringsumher wandten sich ihm zu.

»Der wohlgeborene und edle Graf Philipp von Hohenlohe, unser gnädiger

Feldhauptmann --«

»Nichts von dem Grafen von Hollach, dem Verräter, dem Judas!« schrien

einige. »Stille! Ruhe! Hört ihn!« riefen die andern und gewannen die

Oberhand, daß der Reiter fortfahren konnte.

»Der Graf läßt den Fähnlein des braunschweigischen Regiments zu Roß und

zu Fuß vermelden, daß ihr Begehren und Gebaren unehrlich und treulos

sei, deutscher Nation zu Schimpf und Schande und großem Schaden

gereiche --«

Ein allgemeines Wut- und Spottgebrüll unterbrach den Redner, der erst

nach langem Harren weiter rufen konnte.

»Es sagt der Graf von Hohenlohe, daß er befehle, Generalmarsch zu

schlagen vor jeglichem Quartier und auszurücken in die Linien gen Rees,

auf weitern Befehl! Da kommt unser gnädigster Obrister, der Herr von

Rethen.«

Neues Geschrei empfing den ebenfalls im vollen Rosseslauf erscheinenden

Führer, welcher den schriftlichen Befehl des Grafen mit sich führte;

aber ebenfalls vergeblich durch Bitten, Drohungen, Erinnerungen an den

Artikelbrief das Volk zur Ruhe zu bringen versuchte. Atemlos,

zornesbleich hielt er zuletzt in dem kleinen Kreise der Hauptleute und

Offiziere und der wenigen treugebliebenen Söldner. Der Junker aber

befand sich, willenlos fortgerissen, inmitten des wildesten Getümmels

der aufrührerischen Knechte, die von Mord und Blut sprachen, und

bereits ihre Spieße senkten, ihre Feuergewehre richteten auf das

Häuflein der Getreuen, welche einen Ring schlossen um die Führer und die

geretteten Feldzeichen, und sich rüsteten, ihr Leben so teuer als

möglich zu verkaufen.

Auch das Reiterlager hatte sich in Bewegung gesetzt, von Minute

zu Minute wuchs der Tumult, und inmitten all dieser drohenden

Spieße, Schwerter und Büchsen, unter all diesen scheu gewordenen,

ausschlagenden, stampfenden Rossen und trunkenen Männern taucht jetzt

für uns eine Gestalt auf, klein und zierlich gebaut, aber trutzig und

unverzagt, im Heerlager aufgewachsen, gebräunt von Wind und Wetter,

abgehärtet in mancher bösen Sturmnacht am schwächlichen Lagerfeuer, ein

klein Hütlein, geziert mit einer Häherfeder, auf den krausen, wirren

Locken, ein Dolchmesser im Gürtel, -- bekannt bei Führern, Knechten und

Reisigen; zu Roß, zu Fuß, zu Wagen stets dem Heere zur Hand: =Anneke

Mey= von Stadtoldendorf, des braunschweigschen Regiments Marketenderin

und Schenkin!

»Hab' ich dich auf den Fuß getreten, Anneke?« fragte ganz kleinmütig der

wilde Valentin Weisser, der eben das Feuergewehr gegen den Hauptmann

hatte losgehen lassen. »Nimm dich in acht, daß sie dich nicht

erdrücken, Engel-Anneke -- stelle dich hinter mich, du wirst gleich dein

blaues Wunder sehen.«

»Nehmet Ihr Euch in acht, Rosenecker,« lachte das wildherzige Kind, »Ihr

spielt ein hoch Spiel diese Nacht!«

Der Riese warf einen trotzigen, lachenden Blick über die hin und her

wogenden Massen. --

»Hoho, sind wir nicht unsrer genug, zu gewinnen? Nicht vor Bommel!

Ju -- ho! ho! nicht vor Bommel! nicht übern Rhein! Fort mit den

Hauptleuten, fort mit dem Grafen von Hollach!«

In diesem Augenblick riefen wieder Hunderte von Stimmen nach dem

Junker -- dem Christoph von Denow. Da zuckte ein seltsamer Glanz über

das Gesicht des Mädchens. Es stellte sich zuerst auf die Zehen, dann

kletterte es mit katzengleicher Behendigkeit und Schnelligkeit auf einen

Schutthaufen, wo sich bereits mehrere Soldatenweiber mit ihren Kindern

und Habseligkeiten zusammengedrängt hatten und alle zugleich in den Lärm

hineinkreischten.

»Mein Mann! mein Mann! Jesus, sie würgen sich alle! Gottes Sohn --

Franz! Franz!«

»Was macht der Junker? wo ist der Junker?« rief Anneke Mey, eine Hand,

welche ihr entgegengestreckt wurde, ergreifend.

»Da! da! er spricht zu denen vom vierten Fähnlein -- da -- da -- Jesus,

sie werfen den Hauptmann Eberbach nieder, und mein Mann, Jesus, mein

Mann!« --

Die Augen der Armen wurden starr, mit einem Sprung war sie von der Höhe

herab und stürzte sich mitten in das Getümmel; über den am Boden

liegenden Hauptmann sank unter den Hieben und Stößen der Meutrer der

Doppelsöldner Franz Hase von Erfurt zusammen. Vergeblich hatte sich

Christoph von Denow unter die Piken und Hellebarden geworfen, mit seinem

Schwert die Spitzen niederschlagend; im vollen Lauf stürzte jetzt das

aufrührerische Kriegsvolk auf die Treugebliebenen und die Befehlshaber,

Schüsse krachten hinüber und herüber. Ihr Messer aus der Scheide reißend

trieb Anneke Mey in den Aufruhr hinein. Christoph von Denow sah sie

plötzlich an seiner Seite unter den Füßen der Kämpfenden; -- noch ein

Augenblick, und sie war verloren, noch ein Augenblick, und er hatte sie,

fast ohne zu wissen, was er tat, zu sich emporgezogen aufs Pferd; alles

drehte sich um ihn her -- »Mordio! Mordio!« brüllte es auf allen

Seiten -- -- Da -- -- urplötzlich -- -- blieben alle die zum Verbrechen

gezückten und geschwungenen Waffen, wie durch ein Zauberwort aufgehalten

in der Luft -- jeder Wut- und Angstschrei erstarrte auf den Lippen --

Angreifer und Angegriffene standen lautlos, bewegungslos!

Im Westen über Rees hatte sich, begleitet von einem donnerartigen

Krachen, der dunkle Nachthimmel blutig-rot gefärbt. Alle Geschütze auf

den Wällen, alle Geschütze in den Angriffslinien brüllten los; im Lager

des Reichsheeres flog ein Pulvervorrat in die Luft, dazwischen rollte,

immer stärker werdend, das kleine Gewehrfeuer.

Mit einem Male hatte sich die Szene im aufrührerischen Lager vollständig

verändert.

»Sturm! Sturm! Rees zu Sturm geschossen!« ging es von Mund zu Mund.

»Sturm! Sturm! Gen Rees! gen Rees!«

Und als peitsche der Satan sie vorwärts, seiner Hölle zu, hatte sich

plötzlich diese ganze Masse von Kriegern, Führern, Weibern, Troßknechten

in Bewegung gesetzt, dem flammenden Vulkan im Westen entgegen. Gier nach

Beute, unbefriedigte Gier nach Blut trieb sie von dannen. Im wildesten

Taumel, Reiter und Fußvolk und Wagen bunt durcheinander, raste sie über

das Feld durch die Nacht. Im wildesten Taumel und Traum, das Schwert am

Faustriemen, vor sich auf dem Sattel das Mädchen aus den Weserbergen,

saß Christoph von Denow auf seinem schwarzen Roß. -- --

»Sturm! Sturm! Rees zu Sturm geschossen! Vivat der Graf! Vivat der Graf

von Hollach! Vorwärts! Vorwärts!«

Ein sekundenlanges Anhalten in dieser wüsten Menschenflut war eine

Unmöglichkeit, ein Fehltritt, ein Straucheln der sichere Tod. Schon

hörte man zwischen dem Donnern und Krachen um die Stadt den Schlachtruf

der Feinde: »Spanien und die Jungfrau! Spanien und die Jungfrau!« und

lauter und näher den Ruf der angegriffenen Belagerer: »Das Reich! das

Reich! Vorwärts, das Reich!«

Hinein in die Atmosphäre von Blut und Feuer brauste die anstürzende

Menschenmasse, und die Letzten drängten bereits die Vordersten

in die angegriffenen Laufgräben, aus denen eine andere Flut ihnen

entgegen wogte. Das waren die Hessischen, die schlecht bewaffneten,

halbverhungerten, im Regen und Rheinwasser fast ertränkten

Schanzgräber, welche dem wilden Anprall der Spanier nicht hatten

widerstehen können.

»Spanien! Spanien! Spanien und die Jungfrau!« rief Francisco Orticio,

sich über einen Schanzkorb in die Höhe schwingend.

»Spanien! Spanien und die Jungfrau!« wiederholten seine Krieger ihm

nachdringend.

»Rette, Hessen! Rette!« schrien die flüchtigen Söldner des Landgrafen im

panischen Schrecken.

»Braunschweig! Braunschweig!« brüllte es von den Höhen der Böschungen.

»Up dei Düvels!« schrie Heinrich Weber aus Schöppenstedt, eine Fackel in

der Hand mitten unter die Hessen springend. Der flammende Brand flog im

weiten Bogen gegen die Spanier -- ein zweiter Satz -- die zu Grund, der

Bergstadt im Harz, gehämmerte Hellebarde schmetterte nieder auf eine zu

Cordova geschmiedete Sturmhaube: Diego Lua aus Toboso stürzte mit einem

»_Valga me Dios!_« tot zurück.

»Braunschweig! Braunschweig!« brauste es dem Schöppenstedter nach, und

»Braunschweig! Braunschweig!« jubelten auch die Hessen, welche mit neuem

Mut sich wandten gegen ihre Verfolger.

»Braunschweig! Braunschweig!« rief Christoph von Denow, dem es gelungen

war, sich von seinem Pferde zu werfen, welches sich auf der Böschung

hoch bäumte, im nächsten Augenblick aber, von einer Kugel getroffen,

zusammenbrach. Anneke Mey stand unbeschädigt auf den Füßen, doch auch

sie wurde mit hinabgerissen in die Gräben, wo sie jedoch samt Hans

Niekirche hinter einem Haufen umgestürzter Schanzkörbe den verlorenen

Atem wieder gewinnen konnte.

Und jetzt Angriff und wütende Verteidigung, Flüche in sechs Sprachen,

Todesrufe; -- auf engstem Raum Vernichtung jeder Art! -- Alle Hauptleute

der Braunschweiger: Adebar, Maxen, Wulffen, Wobersnau, Rußwurmb, Dux,

Statz, und wie sie hießen, hatten ihre Stellen als Befehlshaber wieder

eingenommen und drängten tapfer kämpfend die Spanier zurück. Tapfer

stritten aber auch die Spanier. Sechs Geschütze hatten sie in den

hessischen Schanzen genommen und in den Rheingraben versenkt, Schritt

für Schritt wichen sie zu den flammenden Mauern und Wällen der Stadt

über die Leichen ihrer Landsleute und ihrer Feinde. Der Graf von

Hohenlohe in vollster Rüstung mit seinen Herren führte stets neue

Truppen an; Haufen auf Haufen ließ Don Ramiro de Gusman hervorbrechen.

Dicht an den Spaniern kämpfte Christoph von Denow, das Blut rieselte aus

einer Stirnwunde, -- er merkte es nicht. Anneke Mey hatte sich mutig auf

ihren Schanzkorb geschwungen und den widerstrebenden Niekirche

nachgezogen. Sie hielt ihr Messer noch immer gezückt in der Rechten, mit

der Linken hielt sie den schlotternden Trommelschläger am Kragen.

»So schlage den Sturmmarsch, Junge!« rief sie lachend. »Willst' nicht?

Wart, gleich fliegst du herunter, daß sie dich drunten zu Brei

vertreten, Feigling!«

»Ja! ja! ich will!« jammerte Hans. »Ach wär' ich doch daheim! Ach wär'

ich doch zu Haus! Mein Mutter! mein Mutter!«

»Na, na, schlage nur immer zu, du kommst noch davon!« sagte Anneke

begütigend und ließ den Kragen des Armen los. »Dein' Mutter wartet schon

a bissel! Schau, wie lustig das aussieht -- da, guck, sie geben's den

welschen Bluthunden! Wär' ich 'n Knab, wie du -- hei, ich wollt's ihnen

auch schon zeigen!« Und mit heller Stimme fing das Mädchen an zu

singen:

»Mein Vater wollt' ein Knäbelein,

Mein Mutter wollt' ein Mägdelein,

Mein' Mutter tät gewinnen,

Des muß den Flachs ich spinnen -- Ja spinnen!

Das ist mir großes Leid!«

Immer mutiger schlug Hans Niekirche, durch seine Gefährtin aufgemuntert,

seine Wirbel, und unter beiden Kindern vorbei drängten ununterbrochen

die Scharen des Reichs vor und zurück, wie der Kampf vor- und

zurückwich; bis die Spanier in die Stadt gedrängt waren, und das Zeichen

zum Sammeln von allen Seiten den Deutschen gegeben wurde. Don Ramiro

hatte die Rheinschleusen, welche er in seiner Gewalt hatte, öffnen

lassen.

»Sieh das Wasser! das Wasser!« rief Hans Niekirche in neuer Angst. »Laß

uns fort, Anneke, sie wollen uns ersäufen, wie die jungen Katzen.«

Ein allgemeiner Schrei erhob sich unter dem Getümmel in den Laufgräben;

schon standen manche Haufen bis an den Gürtel in der reißend schnell

steigenden Flut.

»Halt, halt!« rief Anneke Mey. »Er ist noch nicht zurück; aber -- geh

nur -- geh -- ich bleib'!«

»Und ich bleib' auch!« schrie Hans der Trommler.

»Zurück! zurück!« tönte es aus den rückwärts weichenden Scharen des

Reichsheeres: »Das Wasser! Der Rhein! Das Wasser!« Und immerfort

donnerte das Geschütz der Spanier von den Wällen, immerfort schlugen die

Kugeln verheerend in das wirre, verzweiflungsvolle Durcheinander.

Es war eine böse Belagerung -- die Belagerung der Stadt Rees am Rhein:

es war kein Glück, es war keine Ehre dabei zu holen.

»Der Junker! der Junker! Christoph! Christoph von Denow!« schrie die

junge Dirne auf ihrer Höhe, die Hände ringend, und das Wasser stieg und

stieg. Schon waren die letzten der Haufen unter ihr vorüber, und die

Toten, von den Fluten gehoben, wirbelten um sie her. Da griff eine Hand

aus den Wassern nach dem Schanzkorbe, auf welchem sie stand, und ein

bleiches Haupt erhob sich zu ihren Füßen: »Rette! Rette!«

»Christoph! Christoph!« schrie das Mädchen, sie lag auf den Knien, sie

faßte die triefenden Locken, sie faßte den Schwertriemen -- der Junker

von Denow war gerettet. Valentin Weisser, der Riese, dessen Blutdurst

und Mut durch den Kampf und den Rhein bedeutend gekühlt war, brachte

mit Hilfe gutwilliger Genossen den wunden Junker, die Dirne und Hans,

den Trommelschläger, glücklich auf das Trockene und weit hinein ins

Feld, wo die gelichteten, zerrissenen, wunden Krieger des Reichsheeres

um die Wachtfeuer murrend und grollend in stumpfsinniger Ermattung lagen

und die Führer bereits wieder unheimliche und drohende Worte zu hören

bekamen.

Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen · 第 12 / 32 题