Liebling Racine loben und dadurch auch von sich eine gute Meinung
erwecken solle. Er fand dazu an einem solchen Nachmittage Gelegenheit,
da er auch mit vorgefordert worden war und der Prinz ihn fragte, ob
er auch fleißig die großen französischen Theaterschriftsteller lese,
darauf ihm denn Wilhelm mit einem sehr lebhaften ja antwortete. Er
bemerkte nicht, daß der Fürst, ohne seine Antwort abzuwarten, schon im
Begriff war, sich weg und zu jemand andern zu wenden, er faßte ihn
vielmehr sogleich und trat ihm beinah in den Weg, indem er fortfuhr:
er schätze das französische Theater sehr hoch und lese die Werke der
großen Meister mit Entzücken; besonders habe er zu wahrer Freude
gehört, daß der Fürst den großen Talenten eines Racine völlige
Gerechtigkeit widerfahren lasse. "Ich kann es mir vorstellen", fuhr
er fort, "wie vornehme und erhabene Personen einen Dichter schätzen
müssen, der die Zustände ihrer höheren Verhältnisse so vortrefflich
und richtig schildert. Corneille hat, wenn ich so sagen darf, große
Menschen dargestellt, und Racine vornehme Personen. Ich kann mir,
wenn ich seine Stücke lese, immer den Dichter denken, der an einem
glänzenden Hofe lebt, einen großen König vor Augen hat, mit den Besten
umgeht und in die Geheimnisse der Menschheit dringt, wie sie sich
hinter kostbar gewirkten Tapeten verbergen. Wenn ich seinen
"Britannicus", seine "Berenice" studiere, so kommt es mir wirklich vor,
ich sei am Hofe, sei in das Große und Kleine dieser Wohnungen der
irdischen Götter geweiht, und ich sehe durch die Augen eines
feinfühlenden Franzosen Könige, die eine ganze Nation anbetet,
Hofleute, die von viel Tausenden beneidet werden, in ihrer natürlichen
Gestalt mit ihren Fehlern und Schmerzen. Die Anekdote, daß Racine
sich zu Tode gegrämt habe, weil Ludwig der Vierzehnte ihn nicht mehr
angesehen, ihn seine Unzufriedenheit fühlen lassen, ist mir ein
Schlüssel zu allen seinen Werken, und es ist unmöglich, daß ein
Dichter von so großen Talenten, dessen Leben und Tod an den Augen
eines Königes hängt, nicht auch Stücke schreiben solle, die des
Beifalls eines Königes und eines Fürsten wert seien."
Jarno war herbeigetreten und hörte unserem Freunde mit Verwunderung zu;
der Fürst, der nicht geantwortet und nur mit einem gefälligen Blicke
seinen Beifall gezeigt hatte, wandte sich seitwärts, obgleich Wilhelm,
dem es noch unbekannt war, daß es nicht anständig sei, unter solchen
Umständen einen Diskurs fortzusetzen und eine Materie erschöpfen zu
wollen, noch gerne mehr gesprochen und dem Fürsten gezeigt hätte, daß
er nicht ohne Nutzen und Gefühl seinen Lieblingsdichter gelesen.
"Haben Sie denn niemals", sagte Jarno, indem er ihn beiseite nahm,
"ein Stück von Shakespearen gesehen?"
"Nein", versetzte Wilhelm, "denn seit der Zeit, daß sie in Deutschland
bekannter geworden sind, bin ich mit dem Theater unbekannt worden, und
ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, daß sich zufällig eine alte
jugendliche Liebhaberei und Beschäftigung gegenwärtig wieder erneuerte.
Indessen hat mich alles, was ich von jenen Stücken gehört, nicht
neugierig gemacht, solche seltsame Ungeheuer näher kennenzulernen, die
über alle Wahrscheinlichkeit, allen Wohlstand hinauszuschreiten
scheinen."
"Ich will Ihnen denn doch raten", versetzte jener, "einen Versuch zu
machen; es kann nichts schaden, wenn man auch das Seltsame mit eigenen
Augen sieht. Ich will Ihnen ein paar Teile borgen, und Sie können
Ihre Zeit nicht besser anwenden, als wenn Sie sich gleich von allem
losmachen und in der Einsamkeit Ihrer alten Wohnung in die
Zauberlaterne dieser unbekannten Welt sehen. Es ist sündlich, daß Sie
Ihre Stunden verderben, diese Affen menschlicher auszuputzen und diese
Hunde tanzen zu lehren. Nur eins bedinge ich mir aus, daß Sie sich an
die Form nicht stoßen; das übrige kann ich Ihrem richtigen Gefühle
überlassen."
Die Pferde standen vor der Tür, und Jarno setzte sich mit einigen
Kavalieren auf, um sich mit der Jagd zu erlustigen. Wilhelm sah ihm
traurig nach. Er hätte gern mit diesem Manne noch vieles gesprochen,
der ihm, wiewohl auf eine unfreundliche Art, neue Ideen gab, Ideen,
deren er bedurfte.
Der Mensch kommt manchmal, indem er sich einer Entwicklung seiner
Kräfte, Fähigkeiten und Begriffe nähert, in eine Verlegenheit, aus der
ihm ein guter Freund leicht helfen könnte. Er gleicht einem Wanderer,
der nicht weit von der Herberge ins Wasser fällt; griffe jemand
sogleich zu, risse ihn ans Land, so wäre es um einmal naß werden getan,
anstatt daß er sich auch wohl selbst, aber am jenseitigen Ufer,
heraushilft und einen beschwerlichen, weiten Umweg nach seinem
bestimmten Ziele zu machen hat.
Wilhelm fing an zu wittern, daß es in der Welt anders zugehe, als er
es sich gedacht. Er sah das wichtige und bedeutungsvolle Leben der
Vornehmen und Großen in der Nähe und verwunderte sich, wie einen
leichten Anstand sie ihm zu geben wußten. Ein Heer auf dem Marsche,
ein fürstlicher Held an seiner Spitze, so viele mitwirkende Krieger,
so viele zudringende Verehrer erhöhten seine Einbildungskraft. In
dieser Stimmung erhielt er die versprochenen Bücher, und in kurzem,
wie man es vermuten kann, ergriff ihn der Strom jenes großen Genius
und führte ihn einem unübersehlichen Meere zu, worin er sich gar bald
völlig vergaß und verlor.
III. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
Das Verhältnis des Barons zu den Schauspielern hatte seit ihrem
Aufenthalte im Schlosse verschiedene Veränderungen erlitten. Im
Anfange gereichte es zu beiderseitiger Zufriedenheit: denn indem der
Baron das erstemal in seinem Leben eines seiner Stücke, mit denen er
ein Gesellschaftstheater schon belebt hatte, in den Händen wirklicher
Schauspieler und auf dem Wege zu einer anständigen Vorstellung sah,
war er von dem besten Humor, bewies sich freigebig und kaufte bei
jedem Galanteriehändler, deren sich manche einstellten, kleine
Geschenke für die Schauspielerinnen und wußte den Schauspielern manche
Bouteille Champagner extra zu verschaffen; dagegen gaben sie sich auch
mit seinen Stücken alle Mühe, und Wilhelm sparte keinen Fleiß, die
herrlichen Reden des vortrefflichen Helden, dessen Rolle ihm
zugefallen war, auf das genaueste zu memorieren.
Indessen hatten sich doch auch nach und nach einige Mißhelligkeiten
eingeschlichen. Die Vorliebe des Barons für gewisse Schauspieler
wurde von Tag zu Tag merklicher, und notwendig mußte dies die übrigen
verdrießen. Er erhob seine Günstlinge ganz ausschließlich und brachte
dadurch Eifersucht und Uneinigkeit unter die Gesellschaft. Melina,
der sich bei streitigen Fällen ohnedem nicht zu helfen wußte, befand
sich in einem sehr unangenehmen Zustande. Die Gepriesenen nahmen das
Lob an, ohne sonderlich dankbar zu sein, und die Zurückgesetzten
ließen auf allerlei Weise ihren Verdruß spüren und wußten ihrem erst
hochverehrten Gönner den Aufenthalt unter ihnen auf eine oder die
andere Weise unangenehm zu machen; ja es war ihrer Schadenfreude keine
geringe Nahrung, als ein gewisses Gedicht, dessen Verfasser man nicht
kannte, im Schlosse viele Bewegung verursachte. Bisher hatte man sich
immer, doch auf eine ziemlich feine Weise, über den Umgang des Barons
mit den Komödianten aufgehalten, man hatte allerlei Geschichten auf
ihn gebracht, gewisse Vorfälle ausgeputzt und ihnen eine lustige und
interessante Gestalt gegeben. Zuletzt fing man an zu erzählen, es
entstehe eine Art von Handwerksneid zwischen ihm und einigen
Schauspielern, die sich auch einbildeten, Schriftsteller zu sein, und
auf diese Sage gründet sich das Gedicht, von welchem wir sprachen und
welches lautete wie folgt:
Ich armer Teufel, Herr Baron,
Beneide Sie um Ihren Stand,
Um Ihren Platz so nah am Thron
Und um manch schön' Stück Ackerland,
Um Ihres Vaters festes Schloß,
Um seine Wildbahn und Geschoß.
Mich armen Teufel, Herr Baron,
Beneiden Sie, so wie es scheint,
Weil die Natur vom Knaben schon
Mit mir es mütterlich gemeint.
Ich ward mit leichtem Mut und Kopf
Zwar arm, doch nicht ein armer Tropf.
Nun dächt ich, lieber Herr Baron,
Wir ließen's beide, wie wir sind:
Sie blieben des Herrn Vaters Sohn,
Und ich blieb' meiner Mutter Kind.
Wir leben ohne Neid und Haß,
Begehren nicht des andern Titel,
Sie keinen Platz auf dem Parnaß,
Und keinen ich in dem Kapitel.
Die Stimmen über dieses Gedicht, das in einigen fast unleserlichen
Abschriften sich in verschiedenen Händen befand, waren sehr geteilt,
auf den Verfasser aber wußte niemand zu mutmaßen, und als man mit
einiger Schadenfreude sich darüber zu ergötzen anfing, erklärte sich
Wilhelm sehr dagegen.
"Wir Deutschen", rief er aus, "verdienten, daß unsere Musen in der
Verachtung blieben, in der sie so lange geschmachtet haben, da wir
nicht Männer von Stande zu schätzen wissen, die sich mit unserer
Literatur auf irgendeine Weise abgeben mögen. Geburt, Stand und
Vermögen stehen in keinem Widerspruch mit Genie und Geschmack, das
haben uns fremde Nationen gelehrt, welche unter ihren besten Köpfen
eine große Anzahl Edelleute zählen. War es bisher in Deutschland ein
Wunder, wenn ein Mann von Geburt sich den Wissenschaften widmete,
wurden bisher nur wenige berühmte Namen durch ihre Neigung zu Kunst
und Wissenschaft noch berühmter; stiegen dagegen manche aus der
Dunkelheit hervor und traten wie unbekannte Sterne an den Horizont: so
wird das nicht immer so sein, und wenn ich mich nicht sehr irre, so
ist die erste Klasse der Nation auf dem Wege, sich ihrer Vorteile auch
zu Erringung des schönsten Kranzes der Musen in Zukunft zu bedienen.
Es ist mir daher nichts unangenehmer, als wenn ich nicht allein den
Bürger oft über den Edelmann, der die Musen zu schätzen weiß, spotten,
sondern auch Personen von Stande selbst, mit unüberlegter Laune und
niemals zu billigender Schadenfreude, ihresgleichen von einem Wege
abschrecken sehe, auf dem einen jeden Ehre und Zufriedenheit erwartet."
Es schien die letzte äußerung gegen den Grafen gerichtet zu sein, von
welchem Wilhelm gehört hatte, daß er das Gedicht wirklich gut finde.
Freilich war diesem Herrn, der immer auf seine Art mit dem Baron zu
scherzen pflegte, ein solcher Anlaß sehr erwünscht, seinen Verwandten
auf alle Weise zu plagen. Jedermann hatte seine eigenen Mutmaßungen,
wer der Verfasser des Gedichtes sein könnte, und der Graf, der sich
nicht gern im Scharfsinn von jemand übertroffen sah, fiel auf einen
Gedanken, den er sogleich zu beschwören bereit war: das Gedicht könnte
sich nur von seinem Pedanten herschreiben, der ein sehr feiner Bursche
sei und an dem er schon lange so etwas poetisches Genie gemerkt habe.
Um sich ein rechtes Vergnügen zu machen, ließ er deswegen an einem
Morgen diesen Schauspieler rufen, der ihm in Gegenwart der Gräfin, der
Baronesse und Jarnos das Gedicht nach seiner Art vorlesen mußte und
dafür Lob, Beifall und ein Geschenk einerntete und die Frage des
Grafen, ob er nicht sonst noch einige Gedichte von frühern Zeiten
besitze, mit Klugheit abzulehnen wußte. So kam der Pedant zum Rufe
eines Dichters, eines Witzlings und in den Augen derer, die dem Baron
günstig waren, eines Pasquillanten und schlechten Menschen. Von der
Zeit an applaudierte ihm der Graf nur immer mehr, er mochte seine
Rolle spielen, wie er wollte, so daß der arme Mensch zuletzt
aufgeblasen, ja beinahe verrückt wurde und darauf sann, gleich
Philinen ein Zimmer im Schlosse zu beziehen.
Wäre dieser Plan sogleich zu vollführen gewesen, so möchte er einen
großen Unfall vermieden haben. Denn als er eines Abends spät nach dem
alten Schlosse ging und in dem dunkeln, engen Wege herumtappte, ward
er auf einmal angefallen, von einigen Personen festgehalten, indessen
andere auf ihn wacker losschlugen und ihn im Finstern so zerdraschen,
daß er beinahe liegenblieb und nur mit Mühe zu seinen Kameraden
hinaufkroch, die, sosehr sie sich entrüstet stellten, über diesen
Unfall ihre heimliche Freude fühlten und sich kaum des Lachens
erwehren konnten, als sie ihn so wohl durchwalkt und seinen neuen
braunen Rock über und über weiß, als wenn er mit Müllern Händel gehabt,
bestäubt und befleckt sahen.
Der Graf, der sogleich hiervon Nachricht erhielt, brach in einen
unbeschreiblichen Zorn aus. Er behandelte diese Tat als das größte
Verbrechen, qualifizierte sie zu einem beleidigten Burgfrieden und
ließ durch seinen Gerichtshalter die strengste Inquisition vornehmen.
Der weißbestäubte Rock sollte eine Hauptanzeige geben. Alles, was nur
irgend mit Puder und Mehl im Schlosse zu schaffen haben konnte, wurde
mit in die Untersuchung gezogen, jedoch vergebens.
Der Baron versicherte bei seiner Ehre feierlich: jene Art zu scherzen
habe ihm freilich sehr mißfallen, und das Betragen des Herrn Grafen
sei nicht das freundschaftlichste gewesen, aber er habe sich darüber
hinauszusetzen gewußt, und an dem Unfall, der dem Poeten oder
Pasquillanten, wie man ihn nennen wolle, begegnet, habe er nicht den
mindesten Anteil.
Die übrigen Bewegungen der Fremden und die Unruhe des Hauses brachten
bald die ganze Sache in Vergessenheit, und der unglückliche Günstling
mußte das Vergnügen, fremde Federn eine kurze Zeit getragen zu haben,
teuer bezahlen.
Unsere Truppe, die regelmäßig alle Abende fortspielte und im ganzen
sehr wohl gehalten wurde, fing nun an, je besser es ihr ging, desto
größere Anforderungen zu machen. In kurzer Zeit war ihnen Essen,
Trinken, Aufwartung, Wohnung zu gering, und sie lagen ihrem Beschützer,
dem Baron, an, daß er für sie besser sorgen und ihnen zu dem Genusse
und der Bequemlichkeit, die er ihnen versprochen, doch endlich
verhelfen solle. Ihre Klagen wurden lauter und die Bemühungen ihres
Freundes, ihnen genugzutun, immer fruchtloser.
Wilhelm kam indessen, außer in Proben und Spielstunden, wenig mehr zum
Vorscheine. In einem der hintersten Zimmer verschlossen, wozu nur
Mignon und dem Harfner der Zutritt gerne verstattet wurde, lebte und
webte er in der Shakespearischen Welt, so daß er außer sich nichts
kannte noch empfand.
Man erzählt von Zauberern, die durch magische Formeln eine ungeheure
Menge allerlei geistiger Gestalten in ihre Stube herbeiziehen. Die
Beschwörungen sind so kräftig, daß sich bald der Raum des Zimmers
ausfüllt und die Geister, bis an den kleinen gezogenen Kreis
hinangedrängt, um denselben und über dem Haupte des Meisters in ewig
drehender Verwandlung sich bewegend vermehren. Jeder Winkel ist
vollgepfropft und jedes Gesims besetzt. Eier dehnen sich aus, und
Riesengestalten ziehen sich in Pilze zusammen. Unglücklicherweise hat
der Schwarzkünstler das Wort vergessen, womit er diese Geisterflut
wieder zur Ebbe bringen könnte.--So saß Wilhelm, und mit unbekannter
Bewegung wurden tausend Empfindungen und Fähigkeiten in ihm rege, von
denen er keinen Begriff und keine Ahnung gehabt hatte. Nichts konnte
ihn aus diesem Zustande reißen, und er war sehr unzufrieden, wenn
irgend jemand zu kommen Gelegenheit nahm, um ihn von dem, was auswärts
vorging, zu unterhalten.
So merkte er kaum auf, als man ihm die Nachricht brachte, es sollte in
dem Schloßhofe eine Exekution vorgehen und ein Knabe gestäupt werden,
der sich eines nächtlichen Einbruchs verdächtig gemacht habe und, da
er den Rock eines Perückenmachers trage, wahrscheinlich mit unter den
Meuchlern gewesen sei. Der Knabe leugne zwar auf das hartnäckigste,
und man könne ihn deswegen nicht förmlich bestrafen, wolle ihm aber
als einem Vagabunden einen Denkzettel geben und ihn weiterschicken,
weil er einige Tage in der Gegend herumgeschwärmt sei, sich des Nachts
in den Mühlen aufgehalten, endlich eine Leiter an eine Gartenmauer
angelehnt habe und herübergestiegen sei.
Wilhelm fand an dem ganzen Handel nichts sonderlich merkwürdig, als
Mignon hastig hereinkam und ihm versicherte, der Gefangene sei
Friedrich, der sich seit den Händeln mit dem Stallmeister von der
Gesellschaft und aus unsern Augen verloren hatte.
Wilhelm, den der Knabe interessierte, machte sich eilends auf und fand
im Schloßhofe schon Zurüstungen. Denn der Graf liebte die
Feierlichkeit auch in dergleichen Fällen. Der Knabe wurde
herbeigebracht: Wilhelm trat dazwischen und bat, daß man innehalten
möchte, indem er den Knaben kenne und vorher erst verschiedenes
seinetwegen anzubringen habe. Er hatte Mühe, mit seinen Vorstellungen
durchzudringen, und erhielt endlich die Erlaubnis, mit dem
Delinquenten allein zu sprechen. Dieser versicherte, von dem
überfalle, bei dem ein Akteur sollte gemißhandelt worden sein, wisse
er gar nichts. Er sei nur um das Schloß herumgestreift und des Nachts
hereingeschlichen, um Philinen aufzusuchen, deren Schlafzimmer er
ausgekundschaftet gehabt und es auch gewiß würde getroffen haben, wenn
er nicht unterwegs aufgefangen worden wäre.
Wilhelm, der, zur Ehre der Gesellschaft, das Verhältnis nicht gerne
entdecken wollte, eilte zu dem Stallmeister und bat ihn, nach seiner
Kenntnis der Personen und des Hauses diese Angelegenheit zu vermitteln
und den Knaben zu befreien.
Dieser launige Mann erdachte unter Wilhelms Beistand eine kleine
Geschichte, daß der Knabe zur Truppe gehört habe, von ihr entlaufen
sei, doch wieder gewünscht, sich bei ihr einzufinden und aufgenommen
zu werden. Er habe deswegen die Absicht gehabt, bei Nachtzeit einige
seiner Gönner aufzusuchen und sich ihnen zu empfehlen. Man bezeugte
übrigens, daß er sich sonst gut aufgeführt, die Damen mischten sich
darein, und er ward entlassen.
Wilhelm nahm ihn auf, und er war nunmehr die dritte Person der
wunderbaren Familie, die Wilhelm seit einiger Zeit als seine eigene
ansah. Der Alte und Mignon nahmen den Wiederkehrenden freundlich auf,
und alle drei verbanden sich nunmehr, ihrem Freunde und Beschützer
aufmerksam zu dienen und ihm etwas Angenehmes zu erzeigen.
III. Buch, 10. Kapitel
Zehntes Kapitel
Philine wußte sich nun täglich besser bei den Damen einzuschmeicheln.
Wenn sie zusammen allein waren, leitete sie meistenteils das Gespräch
auf die Männer, welche kamen und gingen, und Wilhelm war nicht der
letzte, mit dem man sich beschäftigte. Dem klugen Mädchen blieb es
nicht verborgen, daß er einen tiefen Eindruck auf das Herz der Gräfin
gemacht habe; sie erzählte daher von ihm, was sie wußte und nicht
wußte; hütete sich aber, irgend etwas vorzubringen, das man zu seinem
Nachteil hätte deuten können, und rühmte dagegen seinen Edelmut, seine
Freigebigkeit und besonders seine Sittsamkeit im Betragen gegen das
weibliche Geschlecht. Alle übrigen Fragen, die an sie geschahen,
beantwortete sie mit Klugheit, und als die Baronesse die zunehmende
Neigung ihrer schönen Freundin bemerkte, war auch ihr diese Entdeckung
sehr willkommen. Denn ihre Verhältnisse zu mehrern Männern, besonders
in diesen letzten Tagen zu Jarno, blieben der Gräfin nicht verborgen,
deren reine Seele einen solchen Leichtsinn nicht ohne Mißbilligung und
ohne sanften Tadel bemerken konnte.
Auf diese Weise hatte die Baronesse sowohl als Philine jede ein
besonderes Interesse, unsern Freund der Gräfin näherzubringen, und
Philine hoffte noch überdies, bei Gelegenheit wieder für sich zu
arbeiten und die verlorne Gunst des jungen Mannes sich wo möglich
wieder zu erwerben.
Eines Tags, als der Graf mit der übrigen Gesellschaft auf die Jagd
geritten war und man die Herren erst den andern Morgen zurückerwartete,
ersann sich die Baronesse einen Scherz, der völlig in ihrer Art war;
denn sie liebte die Verkleidungen und kam, um die Gesellschaft zu
überraschen, bald als Bauermädchen, bald als Page, bald als
Jägerbursche zum Vorschein. Sie gab sich dadurch das Ansehn einer
kleinen Fee, die überall und gerade da, wo man sie am wenigsten
vermutet, gegenwärtig ist. Nichts glich ihrer Freude, wenn sie
unerkannt eine Zeitlang die Gesellschaft bedient oder sonst unter ihr
gewandelt hatte und sie sich zuletzt auf eine scherzhafte Weise zu
entdecken wußte.
Gegen Abend ließ sie Wilhelmen auf ihr Zimmer fordern, und da sie eben
noch etwas zu tun hatte, sollte Philine ihn vorbereiten.
Er kam und fand nicht ohne Verwunderung statt der gnädigen Frauen das
leichtfertige Mädchen im Zimmer. Sie begegnete ihm mit einer gewissen
anständigen Freimütigkeit, in der sie sich bisher geübt hatte, und
nötigte ihn dadurch gleichfalls zur Höflichkeit.
Zuerst scherzte sie im allgemeinen über das gute Glück, das ihn
verfolge und ihn auch, wie sie wohl merke, gegenwärtig hierhergebracht
habe; sodann warf sie ihm auf eine angenehme Art sein Betragen vor,
womit er sie bisher gequält habe, schalt und beschuldigte sich selbst,
gestand, daß sie sonst wohl so seine Begegnung verdient, machte eine
so aufrichtige Beschreibung ihres Zustandes, den sie den vorigen
nannte, und setzte hinzu, daß sie sich selbst verachten müsse, wenn
sie nicht fähig wäre, sich zu ändern und sich seiner Freundschaft wert
zu machen.
Wilhelm war über diese Rede betroffen. Er hatte zu wenig Kenntnis der
Welt, um zu wissen, daß eben ganz leichtsinnige und der Besserung
unfähige Menschen sich oft am lebhaftesten anklagen, ihre Fehler mit
großer Freimütigkeit bekennen und bereuen, ob sie gleich nicht die
mindeste Kraft in sich haben, von dem Wege zurückzutreten, auf den
eine übermächtige Natur sie hinreißt. Er konnte daher nicht
unfreundlich gegen die zierliche Sünderin bleiben; er ließ sich mit
ihr in ein Gespräch ein und vernahm von ihr den Vorschlag zu einer
sonderbaren Verkleidung, womit man die schöne Gräfin zu überraschen
gedachte.
Er fand dabei einiges Bedenken, das er Philinen nicht verhehlte;
allein die Baronesse, welche in dem Augenblick hereintrat, ließ ihm
keine Zeit zu Zweifeln übrig, sie zog ihn vielmehr mit sich fort,
indem sie versicherte, es sei eben die rechte Stunde.
Es war dunkel geworden, und sie führte ihn in die Garderobe des Grafen,
ließ ihn seinen Rock ausziehen und in den seidnen Schlafrock des
Grafen hineinschlüpfen, setzte ihm darauf die Mütze mit dem roten
Bande auf, führte ihn ins Kabinett und hieß ihn sich in den großen
Sessel setzen und ein Buch nehmen, zündete die Argandische Lampe
selbst an, die vor ihm stand, und unterrichtete ihn, was er zu tun und
was er für eine Rolle zu spielen habe.
Man werde, sagte sie, der Gräfin die unvermutete Ankunft ihres Gemahls
und seine üble Laune ankündigen; sie werde kommen, einigemal im Zimmer
auf und ab gehn, sich alsdann auf die Lehne des Sessels setzen, ihren
Arm auf seine Schultern legen und einige Worte sprechen. Er solle
seine Ehemannsrolle so lange und so gut als möglich spielen; wenn er
sich aber endlich entdecken müßte, so solle er hübsch artig und galant
sein.
Wilhelm saß nun unruhig genug in dieser wunderlichen Maske; der
Vorschlag hatte ihn überrascht, und die Ausführung eilte der
überlegung zuvor. Schon war die Baronesse wieder zum Zimmer hinaus,
als er erst bemerkte, wie gefährlich der Posten war, den er
eingenommen hatte. Er leugnete sich nicht, daß die Schönheit, die
Jugend, die Anmut der Gräfin einigen Eindruck auf ihn gemacht hatten;
allein da er seiner Natur nach von aller leeren Galanterie weit
entfernt war und ihm seine Grundsätze einen Gedanken an ernsthaftere
Unternehmungen nicht erlaubten, so war er wirklich in diesem
Augenblicke in nicht geringer Verlegenheit. Die Furcht, der Gräfin zu
mißfallen oder ihr mehr als billig zu gefallen, war gleich groß bei
ihm.
Jeder weibliche Reiz, der jemals auf ihn gewirkt hatte, zeigte sich
wieder vor seiner Einbildungskraft. Mariane erschien ihm im weißen
Morgenkleide und flehte um sein Andenken. Philinens Liebenswürdigkeit,
ihre schönen Haare und ihr einschmeichelndes Betragen waren durch
ihre neueste Gegenwart wieder wirksam geworden; doch alles trat wie
hinter den Flor der Entfernung zurück, wenn er sich die edle, blühende
Gräfin dachte, deren Arm er in wenig Minuten an seinem Halse fühlen
sollte, deren unschuldige Liebkosungen er zu erwidern aufgefordert war.
Die sonderbare Art, wie er aus dieser Verlegenheit sollte gezogen
werden, ahnete er freilich nicht. Denn wie groß war sein Erstaunen,
ja sein Schrecken, als hinter ihm die Türe sich auftat und er bei dem
ersten verstohlnen Blick in den Spiegel den Grafen ganz deutlich
erblickte, der mit einem Lichte in der Hand hereintrat. Sein Zweifel,
was er zu tun habe, ob er sitzen bleiben oder aufstehen, fliehen,
bekennen, leugnen oder um Vergebung bitten solle, dauerte nur einige
Augenblicke. Der Graf, der unbeweglich in der Türe stehengeblieben
war, trat zurück und machte sie sachte zu. In dem Moment sprang die
Baronesse zur Seitentüre herein, löschte die Lampe aus, riß Wilhelmen
vom Stuhle und zog ihn nach sich in das Kabinett. Geschwind warf er
den Schlafrock ab, der sogleich wieder seinen gewöhnlichen Platz
erhielt. Die Baronesse nahm Wilhelms Rock über den Arm und eilte mit
ihm durch einige Stuben, Gänge und Verschläge in ihr Zimmer, wo
Wilhelm, nachdem sie sich erholt hatte, von ihr vernahm: sie sei zu
der Gräfin gekommen, um ihr die erdichtete Nachricht von der Ankunft
des Grafen zu bringen. "Ich weiß es schon", sagte die Gräfin; "was
mag wohl begegnet sein? Ich habe ihn soeben zum Seitentor
hereinreiten sehen." Erschrocken sei die Baronesse sogleich auf des
Grafen Zimmer gelaufen, um ihn abzuholen.
"Unglücklicherweise sind Sie zu spät gekommen!" rief Wilhelm aus, "der
Graf war vorhin im Zimmer und hat mich sitzen sehen."
"Hat er Sie erkannt?"
"Ich weiß es nicht. Er sah mich im Spiegel, so wie ich ihn, und eh
ich wußte, ob es ein Gespenst oder er selbst war, trat er schon wieder
zurück und drückte die Türe hinter sich zu."
Die Verlegenheit der Baronesse vermehrte sich, als ein Bedienter sie
zu rufen kam und anzeigte, der Graf befinde sich bei seiner Gemahlin.
Mit schwerem Herzen ging sie hin und fand den Grafen zwar still und in
sich gekehrt, aber in seinen äußerungen milder und freundlicher als
gewöhnlich. Sie wußte nicht, was sie denken sollte. Man sprach von
den Vorfällen der Jagd und den Ursachen seiner früheren Zurückkunft.
Das Gespräch ging bald aus. Der Graf ward stille, und besonders mußte
der Baronesse auffallen, als er nach Wilhelmen fragte und den Wunsch
äußerte, man möchte ihn rufen lassen, damit er etwas vorlese.