Wilhelm, der sich im Zimmer der Baronesse wieder angekleidet und

einigermaßen erholt hatte, kam nicht ohne Sorgen auf den Befehl herbei.

Der Graf gab ihm ein Buch, aus welchem er eine abenteuerliche

Novelle nicht ohne Beklemmung vorlas. Sein Ton hatte etwas Unsicheres,

Zitterndes, das glücklicherweise dem Inhalt der Geschichte gemäß war.

Der Graf gab einigemal freundliche Zeichen des Beifalls und lobte den

besondern Ausdruck der Vorlesung, da er zuletzt unsern Freund entließ.

III. Buch, 11. Kapitel

Elftes Kapitel

Wilhelm hatte kaum einige Stücke Shakespeares gelesen, als ihre

Wirkung auf ihn so stark wurde, daß er weiter fortzufahren nicht

imstande war. Seine ganze Seele geriet in Bewegung. Er suchte

Gelegenheit, mit Jarno zu sprechen, und konnte ihm nicht genug für die

verschaffte Freude danken.

"Ich habe es wohl vorausgesehen", sagte dieser, "daß Sie gegen die

Trefflichkeiten des außerordentlichsten und wunderbarsten aller

Schriftsteller nicht unempfindlich bleiben würden."

"Ja", rief Wilhelm aus, "ich erinnere mich nicht, daß ein Buch, ein

Mensch oder irgendeine Begebenheit des Lebens so große Wirkungen auf

mich hervorgebracht hätte als die köstlichen Stücke, die ich durch

Ihre Gütigkeit habe kennenlernen. Sie scheinen ein Werk eines

himmlischen Genius zu sein, der sich den Menschen nähert, um sie mit

sich selbst auf die gelindeste Weise bekannt zu machen. Es sind keine

Gedichte! Man glaubt vor den aufgeschlagenen ungeheuren Büchern des

Schicksals zu stehen, in denen der Sturmwind des bewegtesten Lebens

saust und sie mit Gewalt rasch hin und wider blättert. Ich bin über

die Stärke und Zartheit, über die Gewalt und Ruhe so erstaunt und

außer aller Fassung gebracht, daß ich nur mit Sehnsucht auf die Zeit

warte, da ich mich in einem Zustande befinden werde, weiterzulesen."

"Bravo", sagte Jarno, indem er unserm Freunde die Hand reichte und sie

ihm drückte, "so wollte ich es haben! Und die Folgen, die ich hoffe,

werden gewiß auch nicht ausbleiben."

"Ich wünschte", versetzte Wilhelm, "daß ich Ihnen alles, was

gegenwärtig in mit vorgeht, entdecken könnte. Alle Vorgefühle, die

ich jemals über Menschheit und ihre Schicksale gehabt, die mich von

Jugend auf, mir selbst unbemerkt, begleiteten, finde ich in

Shakespeares Stücken erfüllt und entwickelt. Es scheint, als wenn er

uns alle Rätsel offenbarte, ohne daß man doch sagen kann: hier oder da

ist das Wort der Auflösung. Seine Menschen scheinen natürliche

Menschen zu sein, und sie sind es doch nicht. Diese geheimnisvollsten

und zusammengesetztesten Geschöpfe der Natur handeln vor uns in seinen

Stücken, als wenn sie Uhren wären, deren Zifferblatt und Gehäuse man

von Kristall gebildet hätte, sie zeigen nach ihrer Bestimmung den Lauf

der Stunden an, und man kann zugleich das Räder- und Federwerk

erkennen, das sie treibt. Diese wenigen Blicke, die ich in

Shakespeares Welt getan, reizen mich mehr als irgend etwas andres, in

der wirklichen Welt schnellere Fortschritte vorwärts zu tun, mich in

die Flut der Schicksale zu mischen, die über sie verhängt sind, und

dereinst, wenn es mir glücken sollte, aus dem großen Meere der wahren

Natur wenige Becher zu schöpfen und sie von der Schaubühne dem

lechzenden Publikum meines Vaterlandes auszuspenden."

"Wie freut mich die Gemütsverfassung, in der ich Sie sehe", versetzte

Jarno und legte dem bewegten Jüngling die Hand auf die Schulter.

"Lassen Sie den Vorsatz nicht fahren, in ein tätiges Leben überzugehen,

und eilen Sie, die guten Jahre, die Ihnen gegönnt sind, wacker zu

nutzen. Kann ich Ihnen behilflich sein, so geschieht es von ganzem

Herzen. Noch habe ich nicht gefragt, wie Sie in diese Gesellschaft

gekommen sind, für die Sie weder geboren noch erzogen sein können.

Soviel hoffe ich und sehe ich, daß Sie sich heraussehnen. Ich weiß

nichts von Ihrer Herkunft, von Ihren häuslichen Umständen; überlegen

Sie, was Sie mir vertrauen wollen. Soviel kann ich Ihnen nur sagen,

die Zeiten des Krieges, in denen wir leben, können schnelle Wechsel

des Glückes hervorbringen; mögen Sie Ihre Kräfte und Talente unserm

Dienste widmen, Mühe und, wenn es not tut, Gefahr nicht scheuen, so

habe ich eben jetzo eine Gelegenheit, Sie an einen Platz zu stellen,

den eine Zeitlang bekleidet zu haben Sie in der Folge nicht gereuen

wird." Wilhelm konnte seinen Dank nicht genug ausdrücken und war

willig, seinem Freunde und Beschützer die ganze Geschichte seines

Lebens zu erzählen.

Sie hatten sich unter diesem Gespräche weit in den Park verloren und

waren auf die Landstraße, welche durch denselben ging, gekommen.

Jarno stand einen Augenblick still und sagte: "Bedenken Sie meinen

Vorschlag, entschließen Sie sich, geben Sie mir in einigen Tagen

Antwort, und schenken Sie mir Ihr Vertrauen. Ich versichre Sie, es

ist mir bisher unbegreiflich gewesen, wie Sie sich mit solchem Volke

haben gemein machen können. Ich hab es oft mit Ekel und Verdruß

gesehen, wie Sie, um nur einigermaßen leben zu können, Ihr Herz an

einen herumziehenden Bänkelsänger und an ein albernes, zwitterhaftes

Geschöpf hängen mußten."

Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein Offizier zu Pferde eilends

herankam, dem ein Reitknecht mit einem Handpferd folgte. Jarno rief

ihm einen lebhaften Gruß zu. Der Offizier sprang vom Pferde, beide

umarmten sich und unterhielten sich miteinander, indem Wilhelm,

bestürzt über die letzten Worte seines kriegerischen Freundes, in sich

gekehrt an der Seite stand. Jarno durchblätterte einige Papiere, die

ihm der Ankommende überreicht hatte; dieser aber ging auf Wilhelmen zu,

reichte ihm die Hand und rief mit Emphase: "Ich treffe Sie in einer

würdigen Gesellschaft; folgen Sie dem Rate Ihres Freundes, und

erfüllen Sie dadurch zugleich die Wünsche eines Unbekannten, der

herzlichen Teil an Ihnen nimmt." Er sprach's, umarmte Wilhelmen,

drückte ihn mit Lebhaftigkeit an seine Brust. Zu gleicher Zeit trat

Jarno herbei und sagte zu dem Fremden: "Es ist am besten, ich reite

gleich mit Ihnen hinein, so können Sie die nötigen Ordres erhalten,

und Sie reiten noch vor Nacht wieder fort." Beide schwangen sich

darauf zu Pferde und überließen unsern verwunderten Freund seinen

eigenen Betrachtungen.

Die letzten Worte Jarnos klangen noch in seinen Ohren. Ihm war

unerträglich, das Paar menschlicher Wesen, das ihm unschuldigerweise

seine Neigung abgewonnen hatte, durch einen Mann, den er so sehr

verehrte, so tief heruntergesetzt zu sehen. Die sonderbare Umarmung

des Offiziers, den er nicht kannte, machte wenig Eindruck auf ihn, sie

beschäftigte seine Neugierde und Einbildungskraft einen Augenblick;

aber Jarnos Reden hatten sein Herz getroffen; er war tief verwundet,

und nun brach er auf seinem Rückwege gegen sich selbst in Vorwürfe aus,

daß er nur einen Augenblick die hartherzige Kälte Jarnos, die ihm aus

den Augen heraussehe und aus allen seinen Gebärden spreche, habe

verkennen und vergessen mögen. "Nein", rief er aus, "du bildest dir

nur ein, du abgestorbener Weltmann, daß du ein Freund sein könntest!

Alles, was du mir anbieten magst, ist der Empfindung nicht wert, die

mich an diese Unglücklichen bindet. Welch ein Glück, daß ich noch

beizeiten entdecke, was ich von dir zu erwarten hätte!"

Er schloß Mignon, die ihm entgegenkam, in die Arme und rief aus: "Nein,

uns soll nichts trennen, du gutes kleines Geschöpf! Die scheinbare

Klugheit der Welt soll mich nicht vermögen, dich zu verlassen noch zu

vergessen, was ich dir schuldig bin."

Das Kind, dessen heftige Liebkosungen er sonst abzulehnen pflegte,

erfreute sich dieses unerwarteten Ausdrucks der Zärtlichkeit und hing

sich so fest an ihn, daß er es nur mit Mühe zuletzt loswerden konnte.

Seit dieser Zeit gab er mehr auf Jarnos Handlungen acht, die ihm nicht

alle lobenswürdig schienen; ja es kam wohl manches vor, das ihm

durchaus mißfiel. So hatte er zum Beispiel starken Verdacht, das

Gedicht auf den Baron, welches der arme Pedant so teuer hatte bezahlen

müssen, sei Jarnos Arbeit. Da nun dieser in Wilhelms Gegenwart über

den Vorfall gescherzt hatte, glaubte unser Freund hierin das Zeichen

eines höchst verdorbenen Herzens zu erkennen; denn was konnte

boshafter sein, als einen Unschuldigen, dessen Leiden man verursacht,

zu verspotten und weder an Genugtuung noch Entschädigung zu denken.

Gern hätte Wilhelm sie selbst veranlaßt, denn er war durch einen sehr

sonderbaren Zufall den Tätern jener nächtlichen Mißhandlung auf die

Spur gekommen.

Man hatte ihm bisher immer zu verbergen gewußt, daß einige junge

Offiziere im unteren Saale des alten Schlosses mit einem Teile der

Schauspieler und Schauspielerinnen ganze Nächte auf eine lustige Weise

zubrachten. Eines Morgens, als er nach seiner Gewohnheit früh

aufgestanden, kam er von ungefähr in das Zimmer und fand die jungen

Herren, die eine höchst sonderbare Toilette zu machen im Begriff

stunden. Sie hatten in einen Napf mit Wasser Kreide eingerieben und

trugen den Teig mit einer Bürste auf ihre Westen und Beinkleider, ohne

sie auszuziehen, und stellten also die Reinlichkeit ihrer Garderobe

auf das schnellste wieder her. Unserm Freunde, der sich über diese

Handgriffe wunderte, fiel der weiß bestäubte und befleckte Rock des

Pedanten ein; der Verdacht wurde um soviel stärker, als er erfuhr, daß

einige Verwandte des Barons sich unter der Gesellschaft befänden.

Um diesem Verdacht näher auf die Spur zu kommen, suchte er die jungen

Herren mit einem kleinen Frühstücke zu beschäftigen. Sie waren sehr

lebhaft und erzählten viele lustige Geschichten. Der eine besonders,

der eine Zeitlang auf Werbung gestanden, wußte nicht genug die List

und Tätigkeit seines Hauptmanns zu rühmen, der alle Arten von Menschen

an sich zu ziehen und jeden nach seiner Art zu überlisten verstand.

Umständlich erzählte er, wie junge Leute von gutem Hause und

sorgfältiger Erziehung durch allerlei Vorspiegelungen einer

anständigen Versorgung betrogen worden, und lachte herzlich über die

Gimpel, denen es im Anfange so wohlgetan habe, sich von einem

angesehenen, tapferen, klugen und freigebigen Offizier geschätzt und

hervorgezogen zu sehen.

Wie segnete Wilhelm seinen Genius, der ihm so unvermutet den Abgrund

zeigte, dessen Rande er sich unschuldigerweise genähert hatte. Er sah

nun in Jarno nichts als den Werber; die Umarmung des fremden Offiziers

war ihm leicht erklärlich. Er verabscheuete die Gesinnungen dieser

Männer und vermied von dem Augenblicke, mit irgend jemand, der eine

Uniform trug, zusammenzukommen, und so wäre ihm die Nachricht, daß die

Armee weiter vorwärtsrücke, sehr angenehm gewesen, wenn er nicht

zugleich hätte fürchten müssen, aus der Nähe seiner schönen Freundin,

vielleicht auf immer, verbannt zu werden.

III. Buch, 12. Kapitel

Zwölftes Kapitel

Inzwischen hatte die Baronesse mehrere Tage, von Sorgen und einer

unbefriedigten Neugierde gepeinigt, zugebracht. Denn das Betragen des

Grafen seit jenem Abenteuer war ihr ein völliges Rätsel. Er war ganz

aus seiner Manier herausgegangen; von seinen gewöhnlichen Scherzen

hörte man keinen. Seine Forderungen an die Gesellschaft und an die

Bedienten hatten sehr nachgelassen. Von Pedanterie und gebieterischem

Wesen merkte man wenig, vielmehr war er still und in sich gekehrt,

jedoch schien er heiter und wirklich ein anderer Mensch zu sein. Bei

Vorlesungen, zu denen er zuweilen Anlaß gab, wählte er ernsthafte, oft

religiöse Bücher, und die Baronesse lebte in beständiger Furcht, es

möchte hinter dieser anscheinenden Ruhe sich ein geheimer Groll

verbergen, ein stiller Vorsatz, den Frevel, den er so zufällig

entdeckt, zu rächen. Sie entschloß sich daher, Jarno zu ihrem

Vertrauten zu machen, und sie konnte es um so mehr, als sie mit ihm in

einem Verhältnisse stand, in dem man sich sonst wenig zu verbergen

pflegt. Jarno war seit kurzer Zeit ihr entschiedener Freund; doch

waren sie klug genug, ihre Neigung und ihre Freuden vor der lärmenden

Welt, die sie umgab, zu verbergen. Nur den Augen der Gräfin war

dieser neue Roman nicht entgangen, und höchstwahrscheinlich suchte die

Baronesse ihre Freundin gleichfalls zu beschäftigen, um den stillen

Vorwürfen zu entgehen, welche sie denn doch manchmal von jener edlen

Seele zu erdulden hatte.

Kaum hatte die Baronesse ihrem Freunde die Geschichte erzählt, als er

lachend ausrief: "Da glaubt der Alte gewiß, sich selbst gesehen zu

haben! Er fürchtet, daß ihm diese Erscheinung Unglück, ja vielleicht

gar den Tod bedeute, und nun ist er zahm geworden wie alle die

Halbmenschen, wenn sie an die Auflösung denken, welcher niemand

entgangen ist noch entgehen wird. Nur stille! Da ich hoffe, daß er

noch lange leben soll, so wollen wir ihn bei dieser Gelegenheit

wenigstens so formieren, daß er seiner Frau und seinen Hausgenossen

nicht mehr zur Last sein soll."

Sie fingen nun, sobald es nur schicklich war, in Gegenwart des Grafen

an, von Ahnungen, Erscheinungen und dergleichen zu sprechen. Jarno

spielte den Zweifler, seine Freundin gleichfalls, und sie trieben es

so weit, daß der Graf endlich Jarno beiseite nahm, ihm seine

Freigeisterei verwies und ihn durch sein eignes Beispiel von der

Möglichkeit und Wirklichkeit solcher Geschichten zu überzeugen suchte.

Jarno spielte den Betroffenen, Zweifelnden und endlich den

überzeugten, machte sich aber gleich darauf in stiller Nacht mit

seiner Freundin desto lustiger über den schwachen Weltmann, der nun

auf einmal von seinen Unarten durch einen Popanz bekehrt worden und

der nur noch deswegen zu loben sei, weil er mit so vieler Fassung ein

bevorstehendes Unglück, ja vielleicht gar den Tod erwarte.

"Auf die natürlichste Folge, welche diese Erscheinung hätte haben

können, möchte er doch wohl nicht gefaßt sein", rief die Baronesse mit

ihrer gewöhnlichen Munterkeit, zu der sie, sobald ihr eine Sorge vom

Herzen genommen war, gleich wieder übergehen konnte. Jarno ward

reichlich belohnt, und man schmiedete neue Anschläge, den Grafen noch

mehr kirre zu machen und die Neigung der Gräfin zu Wilhelm noch mehr

zu reizen und zu bestärken.

In dieser Absicht erzählte man der Gräfin die ganze Geschichte, die

sich zwar anfangs unwillig darüber zeigte, aber seit der Zeit

nachdenklicher ward und in ruhigen Augenblicken jene Szene, die ihr

zubereitet war, zu bedenken, zu verfolgen und auszumalen schien.

Die Anstalten, welche nunmehr von allen Seiten getroffen wurden,

ließen keinen Zweifel mehr übrig, daß die Armeen bald vorwärtsrücken

und der Prinz zugleich sein Hauptquartier verändern würde; ja es hieß,

daß der Graf zugleich auch das Gut verlassen und wieder nach der Stadt

zurückkehren werde. Unsere Schauspieler konnten sich also leicht die

Nativität stellen; doch nur der einzige Melina nahm seine Maßregeln

darnach, die andern suchten nur noch von dem Augenblicke soviel als

möglich das Vergnüglichste zu erhaschen.

Wilhelm war indessen auf eine eigene Weise beschäftigt. Die Gräfin

hatte von ihm die Abschrift seiner Stücke verlangt, und er sah diesen

Wunsch der liebenswürdigen Frau als die schönste Belohnung an.

Ein junger Autor, der sich noch nicht gedruckt gesehn, wendet in einem

solchen Falle die größte Aufmerksamkeit auf eine reinliche und

zierliche Abschrift seiner Werke. Es ist gleichsam das goldne

Zeitalter der Autorschaft; man sieht sich in jene Jahrhunderte

versetzt, in denen die Presse noch nicht die Welt mit so viel unnützen

Schriften überschwemmt hatte; wo nur würdige Geistesprodukte

abgeschrieben und von den edelsten Menschen verwahrt wurden; und wie

leicht begeht man alsdann den Fehlschluß, daß ein sorgfältig

abgezirkeltes Manuskript auch ein würdiges Geistesprodukt sei, wert,

von einem Kenner und Beschützer besessen und aufgestellt zu werden.

Man hatte zu Ehren des Prinzen, der nun in kurzem abgehen sollte, noch

ein großes Gastmahl angestellt. Viele Damen aus der Nachbarschaft

waren geladen, und die Gräfin hatte sich beizeiten angezogen. Sie

hatte diesen Tag ein reicheres Kleid angelegt, als sie sonst zu tun

gewohnt war. Frisur und Aufsatz waren gesuchter, sie war mit allen

ihren Juwelen geschmückt. Ebenso hatte die Baronesse das mögliche

getan, um sich mit Pracht und Geschmack anzukleiden.

Philine, als sie merkte, daß den beiden Damen in Erwartung ihrer Gäste

die Zeit zu lang wurde, schlug vor, Wilhelmen kommen zu lassen, der

sein fertiges Manuskript zu überreichen und noch einige Kleinigkeiten

vorzulesen wünsche. Er kam und erstaunte im Hereintreten über die

Gestalt, über die Anmut der Gräfin, die durch ihren Putz nur

sichtbarer geworden waren. Er las nach dem Befehle der Damen, allein

so zerstreut und schlecht, daß, wenn die Zuhörerinnen nicht so

nachsichtig gewesen wären, sie ihn gar bald würden entlassen haben.

Sooft er die Gräfin anblickte, schien es ihm, als wenn ein

elektrischer Funke sich vor seinen Augen zeigte; er wußte zuletzt

nicht mehr, wo er Atem zu seiner Rezitation hernehmen solle. Die

schöne Dame hatte ihm immer gefallen; aber jetzt schien es ihm, als ob

er nie etwas Vollkommneres gesehen hätte, und von den tausenderlei

Gedanken, die sich in seiner Seele kreuzten, mochte ungefähr folgendes

der Inhalt sein:

Wie töricht lehnen sich doch so viele Dichter und sogenannte

gefühlvolle Menschen gegen Putz und Pracht auf und verlangen nur in

einfachen, der Natur angemessenen Kleidern die Frauen alles Standes zu

sehen. Sie schelten den Putz, ohne zu bedenken, daß es der arme Putz

nicht ist, der uns mißfällt, wenn wir eine häßliche oder minder schöne

Person reich und sonderbar gekleidet erblicken; aber ich wollte alle

Kenner der Welt hier versammeln und sie fragen, ob sie wünschten,

etwas von diesen Falten, von diesen Bändern und Spitzen, von diesen

Puffen, Locken und leuchtenden Steinen wegzunehmen. Würden sie nicht

fürchten, den angenehmen Eindruck zu stören, der ihnen hier so willig

und natürlich entgegenkommt? Ja, "natürlich" darf ich wohl sagen!

Wenn Minerva ganz gerüstet aus dem Haupte des Jupiter entsprang, so

scheinet diese Göttin in ihrem vollen Putze aus irgendeiner Blume mit

leichtem Fuße hervorgetreten zu sein.

Er sah sie oft im Lesen an, als wenn er diesen Eindruck sich auf ewig

einprägen wollte, und las einigemal falsch, ohne darüber in Verwirrung

zu geraten, ob er gleich sonst über die Verwechselung eines Wortes

oder Buchstabens als über einen leidigen Schandfleck einer ganzen

Vorlesung verzweifeln konnte.

Ein falscher Lärm, als wenn die Gäste angefahren kämen, machte der

Vorlesung ein Ende; die Baronesse ging weg, und die Gräfin, im Begriff,

ihren Schreibtisch zuzumachen, der noch offenstand, ergriff ein

Ringkästchen und steckte noch einige Ringe an die Finger. "Wir werden

uns bald trennen", sagte sie, indem sie ihre Augen auf das Kästchen

heftete; "nehmen Sie ein Andenken von einer guten Freundin, die nichts

lebhafter wünscht, als daß es Ihnen wohl gehen möge." Sie nahm darauf

einen Ring heraus, der unter einem Kristall ein schön von Haaren

geflochtenes Schild zeigte und mit Steinen besetzt war. Sie

überreichte ihn Wilhelmen, der, als er ihn annahm, nichts zu sagen und

nichts zu tun wußte, sondern wie eingewurzelt in den Boden dastand.

Die Gräfin schloß den Schreibtisch zu und setzte sich auf ihren Sofa.

"Und ich soll leer ausgehn", sagte Philine, indem sie zur rechten Hand

der Gräfin niederkniete; "seht nur den Menschen, der zur Unzeit so

viele Worte im Munde führt und jetzt nicht einmal eine armselige

Danksagung herstammeln kann. Frisch, mein Herr, tun Sie wenigstens

pantomimisch Ihre Schuldigkeit, und wenn Sie heute selbst nichts zu

erfinden wissen, so ahmen Sie mir wenigstens nach."

Philine ergriff die rechte Hand der Gräfin und küßte sie mit

Lebhaftigkeit. Wilhelm stürzte auf seine Knie, faßte die linke und

drückte sie an seine Lippen. Die Gräfin schien verlegen, aber ohne

Widerwillen.

"Ach!" rief Philine aus, "so viel Schmuck hab ich wohl schon gesehen,

aber noch nie eine Dame, so würdig, ihn zu tragen. Welche Armbänder!

aber auch welche Hand! Welcher Halsschmuck! aber auch welche Brust!"

"Stille, Schmeichlerin!" rief die Gräfin.

"Stellt denn das den Herrn Grafen vor?" sagte Philine, indem sie auf

ein reiches Medaillon deutete, das die Gräfin an kostbaren Ketten an

der linken Seite trug.

"Er ist als Bräutigam gemalt", versetzte die Gräfin.

"War er denn damals so jung?" fragte Philine, "Sie sind ja nur erst,

wie ich weiß, wenige Jahre verheiratet."

"Diese Jugend kommt auf die Rechnung des Malers", versetzte die Gräfin.

"Es ist ein schöner Mann", sagte Philine. "Doch sollte wohl niemals",

fuhr sie fort, indem sie die Hand auf das Herz der Gräfin legte, "in

diese verborgene Kapsel sich ein ander Bild eingeschlichen haben?"

"Du bist sehr verwegen, Philine!" rief sie aus, "ich habe dich

verzogen. Laß mich so etwas nicht zum zweitenmal hören."

"Wenn Sie zürnen, bin ich unglücklich", rief Philine, sprang auf und

eilte zur Türe hinaus.

Wilhelm hielt die schönste Hand noch in seinen Händen. Er sah

unverwandt auf das Armschloß, das zu seiner größten Verwunderung die

Anfangsbuchstaben seiner Namen in brillantenen Zügen sehen ließ.

"Besitz ich", fragte er bescheiden, "in dem kostbaren Ringe denn

wirklich Ihre Haare?"

"Ja", versetzte sie mit halber Stimme; dann nahm sie sich zusammen und

sagte, indem sie ihm die Hand drückte: "Stehen Sie auf, und leben Sie

wohl!"

"Hier steht mein Name", rief er aus, "durch den sonderbarsten Zufall!"

Er zeigte auf das Armschloß.

"Wie?" rief die Gräfin, "es ist die Chiffer einer Freundin!"

"Es sind die Anfangsbuchstaben meines Namens. Vergessen Sie meiner

nicht. Ihr Bild steht unauslöschlich in meinem Herzen. Leben Sie

wohl, lassen Sie mich fliehen!"

Er küßte ihre Hand und wollte aufstehn; aber wie im Traum das

Seltsamste aus dem Seltsamsten sich entwickelnd uns überrascht, so

hielt er, ohne zu wissen, wie es geschah, die Gräfin in seinen Armen,

ihre Lippen ruhten auf den seinigen, und ihre wechselseitigen

lebhaften Küsse gewährten ihnen eine Seligkeit, die wir nur aus dem

ersten aufbrausenden Schaum des frisch eingeschenkten Bechers der

Liebe schlürfen.

Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter, und der zerdrückten Locken und

Bänder ward nicht gedacht. Sie hatte ihren Arm um ihn geschlungen; er

umfaßte sie mit Lebhaftigkeit und drückte sie wiederholend an seine

Brust. O daß ein solcher Augenblick nicht Ewigkeiten währen kann, und

wehe dem neidischen Geschick, das auch unsern Freunden diese kurzen

Augenblicke unterbrach.

Wie erschrak Wilhelm, wie betäubt fuhr er aus einem glücklichen Traume

auf, als die Gräfin sich auf einmal mit einem Schrei von ihm losriß

und mit der Hand nach ihrem Herzen fuhr.

Er stand betäubt vor ihr da; sie hielt die andere Hand vor die Augen

und rief nach einer Pause: "Entfernen Sie sich, eilen Sie!"

Er stand noch immer.

"Verlassen Sie mich", rief sie, und indem sie die Hand von den Augen

nahm und ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke ansah, setzte sie mit

der lieblichsten Stimme hinzu: "Fliehen Sie mich, wenn Sie mich lieben."

Wilhelm war aus dem Zimmer und wieder auf seiner Stube, eh er wußte,

wo er sich befand.

Die Unglücklichen! Welche sonderbare Warnung des Zufalls oder der

Schickung riß sie auseinander?

Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 3"

von Johann Wolfgang von Goethe.

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Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 · 第 4 / 4 段