Darauf ersuchte er den Baron, die Damen mit seinem Plane bekannt zu

machen. Dieser kam bald zurück und brachte die Nachricht, sie wollten

ihn selbst sprechen. Heute abend, wenn die Herren sich zum Spiele

setzten, das ohnedies wegen der Ankunft eines gewissen Generals

ernsthafter werden würde als gewöhnlich, wollten sie sich unter dem

Vorwande einer Unpäßlichkeit in ihr Zimmer zurückziehen, er sollte

durch die geheime Treppe eingeführt werden und könne alsdann seine

Sache auf das beste vortragen. Diese Art von Geheimnis gebe der

Angelegenheit nunmehr einen doppelten Reiz, und die Baronesse

besonders freue sich wie ein Kind auf dieses Rendezvous und mehr noch

darauf, daß es heimlich und geschickt gegen den Willen des Grafen

unternommen werden sollte.

Gegen Abend um die bestimmte Zeit ward Wilhelm abgeholt und mit

Vorsicht hinaufgeführt. Die Art, mit der ihm die Baronesse in einem

kleinen Kabinette entgegenkam, erinnerte ihn einen Augenblick an

vorige glückliche Zeiten. Sie brachte ihn in das Zimmer der Gräfin,

und nun ging es an ein Fragen, an ein Untersuchen. Er legte seinen

Plan mit der möglichsten Wärme und Lebhaftigkeit vor, so daß die Damen

dafür ganz eingenommen wurden, und unsere Leser werden erlauben, daß

wir sie auch in der Kürze damit bekannt machen.

In einer ländlichen Szene sollten Kinder das Stück mit einem Tanze

eröffnen, der jenes Spiel vorstellte, wo eins herumgehen und dem

andern einen Platz abgewinnen muß. Darauf sollten sie mit andern

Scherzen abwechseln und zuletzt zu einem immer wiederkehrenden

Reihentanze ein fröhliches Lied singen. Darauf sollte der Harfner mit

Mignon herbeikommen, Neugierde erregen und mehrere Landleute

herbeilocken; der Alte sollte verschiedene Lieder zum Lobe des

Friedens, der Ruhe, der Freude singen und Mignon darauf den Eiertanz

tanzen.

In dieser unschuldigen Freude werden sie durch eine kriegerische Musik

gestört und die Gesellschaft von einem Trupp Soldaten überfallen. Die

Mannspersonen setzen sich zur Wehre und werden überwunden, die Mädchen

fliehen und werden eingeholt. Es scheint alles im Getümmel zugrunde

zu gehen, als eine Person, über deren Bestimmung der Dichter noch

ungewiß war, herbeikommt und durch die Nachricht, daß der Heerführer

nicht weit sei, die Ruhe wiederherstellt. Hier wird der Charakter des

Helden mit den schönsten Zügen geschildert, mitten unter den Waffen

Sicherheit versprochen, dem übermut und der Gewalttätigkeit Schranken

gesetzt. Es wird ein allgemeines Fest zu Ehren des großmütigen

Heerführers begangen.

Die Damen waren mit dem Plane sehr zufrieden, nur behaupteten sie, es

müsse notwendig etwas Allegorisches in dem Stücke sein, um es dem

Herrn Grafen angenehm zu machen. Der Baron tat den Vorschlag, den

Anführer der Soldaten als den Genius der Zwietracht und der

Gewalttätigkeit zu bezeichnen; zuletzt aber müsse Minerva herbeikommen,

ihm Fesseln anzulegen, Nachricht von der Ankunft des Helden zu geben

und dessen Lob zu preisen. Die Baronesse übernahm das Geschäft, den

Grafen zu überzeugen, daß der von ihm angegebene Plan, nur mit einiger

Veränderung, ausgeführt worden sei; dabei verlangte sie ausdrücklich,

daß am Ende des Stücks notwendig die Büste, der verzogene Namen und

der Fürstenhut erscheinen mußten, weil sonst alle Unterhandlung

vergeblich sein würde.

Wilhelm, der sich schon im Geiste vorgestellt hatte, wie fein er

seinen Helden aus dem Munde der Minerva preisen wollte, gab nur nach

langem Widerstande in diesem Punkte nach, allein er fühlte sich auf

eine sehr angenehme Weise gezwungen. Die schönen Augen der Gräfin und

ihr liebenswürdiges Betragen hätten ihn gar leicht bewogen, auch auf

die schönste und angenehmste Erfindung, auf die so erwünschte Einheit

einer Komposition und auf alle schicklichen Details Verzicht zu tun

und gegen sein poetisches Gewissen zu handeln. Ebenso stand auch

seinem bürgerlichen Gewissen ein harter Kampf bevor, indem bei

bestimmterer Austeilung der Rollen die Damen ausdrücklich darauf

bestanden, daß er mitspielen müsse.

Laertes hatte zu seinem Teil jenen gewalttätigen Kriegsgott erhalten.

Wilhelm sollte den Anführer der Landleute vorstellen, der einige sehr

artige und gefühlvolle Verse zu sagen hatte. Nachdem er sich eine

Zeitlang gesträubt, mußte er sich endlich doch ergeben; besonders fand

er keine Entschuldigung, da die Baronesse ihm vorstellte, die

Schaubühne hier auf dem Schlosse sei ohnedem nur als ein

Gesellschaftstheater anzusehen, auf dem sie gern, wenn man nur eine

schickliche Einleitung machen könnte, mitzuspielen wünschte. Darauf

entließen die Damen unsern Freund mit vieler Freundlichkeit. Die

Baronesse versicherte ihm, daß er ein unvergleichlicher Mensch sei,

und begleitete ihn bis an die kleine Treppe, wo sie ihm mit einem

Händedruck gute Nacht gab.

III. Buch, 7. Kapitel

Siebentes Kapitel

Befeuert durch den aufrichtigen Anteil, den die Frauenzimmer an der

Sache nahmen, ward der Plan, der ihm durch die Erzählung gegenwärtiger

geworden war, ganz lebendig. Er brachte den größten Teil der Nacht

und den andern Morgen mit der sorgfältigsten Versifikation des Dialogs

und der Lieder zu.

Er war so ziemlich fertig, als er in das neue Schloß gerufen wurde, wo

er hörte, daß die Herrschaft, die eben frühstückte, ihn sprechen

wollte. Er trat in den Saal, die Baronesse kam ihm wieder zuerst

entgegen, und unter dem Vorwande, als wenn sie ihm einen guten Morgen

bieten wollte, lispelte sie heimlich zu ihm: "Sagen Sie nichts von

Ihrem Stücke, als was Sie gefragt werden."

"Ich höre", rief ihm der Graf zu, "Sie sind recht fleißig und arbeiten

an meinem Vorspiele, das ich zu Ehren des Prinzen geben will. Ich

billige, daß Sie eine Minerva darin anbringen wollen, und ich denke

beizeiten darauf, wie die Göttin zu kleiden ist, damit man nicht gegen

das Kostüm verstößt. Ich lasse deswegen aus meiner Bibliothek alle

Bücher herbeibringen, worin sich das Bild derselben befindet."

In eben dem Augenblicke traten einige Bedienten mit großen Körben voll

Bücher allerlei Formats in den Saal.

Montfaucon, die Sammlungen antiker Statuen, Gemmen und Münzen, alle

Arten mythologischer Schriften wurden aufgeschlagen und die Figuren

verglichen. Aber auch daran war es noch nicht genug! Des Grafen

vortreffliches Gedächtnis stellte ihm alle Minerven vor, die etwa noch

auf Titelkupfern, Vignetten oder sonst vorkommen mochten. Es mußte

deshalb ein Buch nach dem andern aus der Bibliothek herbeigeschafft

werden, so daß der Graf zuletzt in einem Haufen von Büchern saß.

Endlich, da ihm keine Minerva mehr einfiel, rief er mit Lachen aus:

"Ich wollte wetten, daß nun keine Minerva mehr in der ganzen

Bibliothek sei, und es möchte wohl das erste Mal vorkommen, daß eine

Büchersammlung so ganz und gar des Bildes ihrer Schutzgöttin entbehren

muß."

Die ganze Gesellschaft freute sich über den Einfall, und besonders

Jarno, der den Grafen immer mehr Bücher herbeizuschaffen gereizt hatte,

lachte ganz unmäßig.

"Nunmehr", sagte der Graf, indem er sich zu Wilhelm wendete, "ist es

eine Hauptsache, welche Göttin meinen Sie? Minerva oder Pallas? die

Göttin des Krieges oder der Künste?"

"Sollte es nicht am schicklichsten sein, Euer Exzellenz", versetzte

Wilhelm, "wenn man hierüber sich nicht bestimmt ausdrückte und sie,

eben weil sie in der Mythologie eine doppelte Person spielt, auch hier

in doppelter Qualität erscheinen ließe? Sie meldet einen Krieger an,

aber nur, um das Volk zu beruhigen, sie preist einen Helden, indem sie

seine Menschlichkeit erhebt, sie überwindet die Gewalttätigkeit und

stellt die Freude und Ruhe unter dem Volke wieder her."

Die Baronesse, der es bange wurde, Wilhelm möchte sich verraten, schob

geschwinde den Leibschneider der Gräfin dazwischen, der seine Meinung

abgeben mußte, wie ein solcher antiker Rock auf das beste gefertiget

werden könnte. Dieser Mann, in Maskenarbeiten erfahren, wußte die

Sache sehr leicht zu machen, und da Madame Melina ungeachtet ihrer

hohen Schwangerschaft die Rolle der himmlischen Jungfrau übernommen

hatte, so wurde er angewiesen, ihr das Maß zu nehmen, und die Gräfin

bezeichnete, wiewohl mit einigem Unwillen ihrer Kammerjungfern, die

Kleider aus der Garderobe, welche dazu verschnitten werden sollten.

Auf eine geschickte Weise wußte die Baronesse Wilhelmen wieder

beiseite zu schaffen und ließ ihn bald darauf wissen, sie habe die

übrigen Sachen auch besorgt. Sie schickte ihm zugleich den Musikus,

der des Grafen Hauskapelle dirigierte, damit dieser teils die

notwendigen Stücke komponieren, teils schickliche Melodien aus dem

Musikvorrate dazu aussuchen sollte. Nunmehr ging alles nach Wunsche,

der Graf fragte dem Stücke nicht weiter nach, sondern war

hauptsächlich mit der transparenten Dekoration beschäftigt, welche am

Ende des Stückes die Zuschauer überraschen sollte. Seine Erfindung

und die Geschicklichkeit seines Konditors brachten zusammen wirklich

eine recht angenehme Erleuchtung zuwege. Denn auf seinen Reisen hatte

er die größten Feierlichkeiten dieser Art gesehen, viele Kupfer und

Zeichnungen mitgebracht und wußte, was dazu gehörte, mit vielem

Geschmacke anzugeben.

Unterdessen endigte Wilhelm sein Stück, gab einem jeden seine Rolle,

übernahm die seinige, und der Musikus, der sich zugleich sehr gut auf

den Tanz verstand, richtete das Ballett ein, und so ging alles zum

besten.

Nur ein unerwartetes Hindernis legte sich in den Weg, das ihm eine

böse Lücke zu machen drohte. Er hatte sich den größten Effekt von

Mignons Eiertanze versprochen, und wie erstaunt war er daher, als das

Kind ihm mit seiner gewöhnlichen Trockenheit abschlug zu tanzen,

versicherte, es sei nunmehr sein und werde nicht mehr auf das Theater

gehen. Er suchte es durch allerlei Zureden zu bewegen und ließ nicht

eher ab, als bis es bitterlich zu weinen anfing, ihm zu Füßen fiel und

rief: "Lieber Vater! bleib auch du von den Brettern!" Er merkte nicht

auf diesen Wink und sann, wie er durch eine andere Wendung die Szene

interessant machen wollte.

Philine, die eins von den Landmädchen machte und in dem Reihentanz die

einzelne Stimme singen und die Verse dem Chore zubringen sollte,

freute sich recht ausgelassen darauf. übrigens ging ihr es vollkommen

nach Wunsche, sie hatte ihr besonderes Zimmer, war immer um die Gräfin,

die sie mit ihren Affenpossen unterhielt und dafür täglich etwas

geschenkt bekam: ein Kleid zu diesem Stücke wurde auch für sie

zurechtegemacht; und weil sie von einer leichten, nachahmenden Natur

war, so hatte sie sich bald aus dem Umgange der Damen soviel gemerkt,

als sich für sie schickte, und war in kurzer Zeit voll Lebensart und

guten Betragens geworden. Die Sorgfalt des Stallmeisters nahm mehr zu

als ab, und da die Offiziere auch stark auf sie eindrangen und sie

sich in einem so reichlichen Elemente befand, fiel es ihr ein, auch

einmal die Spröde zu spielen und auf eine geschickte Weise sich in

einem gewissen vornehmen Ansehen zu üben. Kalt und fein, wie sie war,

kannte sie in acht Tagen die Schwächen des ganzen Hauses, daß, wenn

sie absichtlich hätte verfahren können, sie gar leicht ihr Glück würde

gemacht haben. Allein auch hier bediente sie sich ihres Vorteils nur,

um sich zu belustigen, um sich einen guten Tag zu machen und

impertinent zu sein, wo sie merkte, daß es ohne Gefahr geschehen

konnte.

Die Rollen waren gelernt, eine Hauptprobe des Stücks ward befohlen,

der Graf wollte dabeisein, und seine Gemahlin fing an zu sorgen, wie

er es aufnehmen möchte. Die Baronesse berief Wilhelmen heimlich, und

man zeigte, je näher die Stunde herbeirückte, immer mehr Verlegenheit:

denn es war doch eben ganz und gar nichts von der Idee des Grafen

übriggeblieben. Jarno, der eben hereintrat, wurde in das Geheimnis

gezogen. Es freute ihn herzlich, und er war geneigt, seine guten

Dienste den Damen anzubieten. "Es wäre gar schlimm", sagte er,

"gnädige Frau, wenn Sie sich aus dieser Sache nicht allein

heraushelfen wollten; doch auf alle Fälle will ich im Hinterhalte

liegenbleiben." Die Baronesse erzählte hierauf, wie sie bisher dem

Grafen das ganze Stück, aber nur immer stellenweise und ohne Ordnung

erzählt habe, daß er also auf jedes Einzelne vorbereitet sei, nur

stehe er freilich in Gedanken, das Ganze werde mit seiner Idee

zusammentreffen. "Ich will mich", sagte sie, "heute abend in der

Probe zu ihm setzen und ihn zu zerstreuen suchen. Den Konditor habe

ich auch schon vorgehabt, daß er ja die Dekorationen am Ende recht

schön macht, dabei aber doch etwas Geringes fehlen läßt."

"Ich wüßte einen Hof", versetzte Jarno, "wo wir so tätige und kluge

Freunde brauchten, als Sie sind. Will es heute abend mit Ihren

Künsten nicht mehr fort, so winken Sie mir, und ich will den Grafen

herausholen und ihn nicht eher wieder hineinlassen, bis Minerva

auftritt und von der Illumination bald Sukkurs zu hoffen ist. Ich

habe ihm schon seit einigen Tagen etwas zu eröffnen, das seinen Vetter

betrifft und das ich noch immer aus Ursachen aufgeschoben habe. Es

wird ihm auch das eine Distraktion geben, und zwar nicht die

angenehmste."

Einige Geschäfte hinderten den Grafen, beim Anfange der Probe zu sein,

dann unterhielt ihn die Baronesse. Jarnos Hülfe war gar nicht nötig.

Denn indem der Graf genug zurechtzuweisen, zu verbessern und

anzuordnen hatte, vergaß er sich ganz und gar darüber, und da Frau

Melina zuletzt nach seinem Sinne sprach und die Illumination gut

ausfiel, bezeigte er sich vollkommen zufrieden. Erst als alles vorbei

war und man zum Spiele ging, schien ihm der Unterschied aufzufallen,

und er fing an nachzudenken, ob denn das Stück auch wirklich von

seiner Erfindung sei. Auf einen Wink fiel nun Jarno aus seinem

Hinterhalte hervor, der Abend verging, die Nachricht, daß der Prinz

wirklich komme, bestätigte sich, man ritt einigemal aus, die

Avantgarde in der Nachbarschaft kampieren zu sehen, das Haus war voll

Lärmen und Unruhe, und unsere Schauspieler, die nicht immer zum besten

von den unwilligen Bedienten versorgt wurden, mußten, ohne daß jemand

sonderlich sich ihrer erinnerte, in dem alten Schlosse ihre Zeit in

Erwartungen und übungen zubringen.

III. Buch, 8. Kapitel

Achtes Kapitel

Endlich war der Prinz angekommen; die Generalität, die Stabsoffiziere

und das übrige Gefolge, das zu gleicher Zeit eintraf, die vielen

Menschen, die teils zum Besuche, teils geschäftswegen einsprachen,

machten das Schloß einem Bienenstocke ähnlich, der eben schwärmen will.

Jedermann drängte sich herbei, den vortrefflichen Fürsten zu sehen,

und jedermann bewunderte seine Leutseligkeit und Herablassung,

jedermann erstaunte, in dem Helden und Heerführer zugleich den

gefälligsten Hofmann zu erblicken.

Alle Hausgenossen mußten nach Ordre des Grafen bei der Ankunft des

Fürsten auf ihrem Posten sein, kein Schauspieler durfte sich blicken

lassen, weil der Prinz mit den vorbereiteten Feierlichkeiten

überrascht werden sollte, und so schien er auch des Abends, als man

ihn in den großen, wohlerleuchteten und mit gewirkten Tapeten des

vorigen Jahrhunderts ausgezierten Saal führte, ganz und gar nicht auf

ein Schauspiel, viel weniger auf ein Vorspiel zu seinem Lobe

vorbereitet zu sein. Alles lief auf das beste ab, und die Truppe

mußte nach vollendeter Vorstellung herbei und sich dem Prinzen zeigen,

der jeden auf die freundlichste Weise etwas zu fragen, jedem auf die

gefälligste Art etwas zu sagen wußte. Wilhelm als Autor mußte

besonders vortreten, und ihm ward gleichfalls sein Teil Beifall

zugespendet.

Nach dem Vorspiele fragte niemand sonderlich, in einigen Tagen war es,

als wenn nichts dergleichen wäre aufgeführt worden, außer daß Jarno

mit Wilhelmen gelegentlich davon sprach und es sehr verständig lobte;

nur setzte er hinzu: "Es ist schade, daß Sie mit hohlen Nüssen um

hohle Nüsse spielen."--Mehrere Tage lag Wilhelmen dieser Ausdruck im

Sinne, er wußte nicht, wie er ihn auslegen noch was er daraus nehmen

sollte.

Unterdessen spielte die Gesellschaft jeden Abend so gut, als sie es

nach ihren Kräften vermochte, und tat das mögliche, um die

Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich zu ziehen. Ein unverdienter

Beifall munterte sie auf, und in ihrem alten Schlosse glaubten sie nun

wirklich, eigentlich um ihretwillen dränge sich die große Versammlung

herbei, nach ihren Vorstellungen ziehe sich die Menge der Fremden und

sie seien der Mittelpunkt, um den und um deswillen sich alles drehe

und bewege.

Wilhelm allein bemerkte zu seinem großen Verdrusse gerade das

Gegenteil. Denn obgleich der Prinz die ersten Vorstellungen von

Anfange bis zu Ende auf seinem Sessel sitzend mit der größten

Gewissenhaftigkeit abwartete, so schien er sich doch nach und nach auf

eine gute Weise davon zu dispensieren. Gerade diejenigen, welche

Wilhelm im Gespräche als die Verständigsten gefunden hatte, Jarno an

ihrer Spitze, brachten nur flüchtige Augenblicke im Theatersaale zu,

übrigens saßen sie im Vorzimmer, spielten oder schienen sich von

Geschäften zu unterhalten.

Wilhelmen verdroß gar sehr, bei seinen anhaltenden Bemühungen des

erwünschtesten Beifalls zu entbehren. Bei der Auswahl der Stücke, der

Abschrift der Rollen, den häufigen Proben, und was sonst nur immer

vorkommen konnte, ging er Melinan eifrig zur Hand, der ihn denn auch,

seine eigene Unzulänglichkeit im stillen fühlend, zuletzt gewähren

ließ. Die Rollen memorierte Wilhelm mit Fleiß und trug sie mit Wärme

und Lebhaftigkeit und mit soviel Anstand vor, als die wenige Bildung

erlaubte, die er sich selbst gegeben hatte.

Die fortgesetzte Teilnahme des Barons benahm indes der übrigen

Gesellschaft jeden Zweifel, indem er sie versicherte, daß sie die

größten Effekte hervorbringe, besonders indem sie eins seiner eigenen

Stücke aufführte, nur bedauerte er, daß der Prinz eine ausschließende

Neigung für das französische Theater habe, daß ein Teil seiner Leute

hingegen, worunter sich Jarno besonders auszeichne, den Ungeheuern der

englischen Bühne einen leidenschaftlichen Vorzug gebe.

War nun auf diese Weise die Kunst unsrer Schauspieler nicht auf das

beste bemerkt und bewundert, so waren dagegen ihre Personen den

Zuschauern und Zuschauerinnen nicht völlig gleichgültig. Wir haben

schon oben angezeigt, daß die Schauspielerinnen gleich von Anfang die

Aufmerksamkeit junger Offiziere erregten; allein sie waren in der

Folge glücklicher und machten wichtigere Eroberungen. Doch wir

schweigen davon und bemerken nur, daß Wilhelm der Gräfin von Tag zu

Tag interessanter vorkam, so wie auch in ihm eine stille Neigung gegen

sie aufzukeimen anfing. Sie konnte, wenn er auf dem Theater war, die

Augen nicht von ihm abwenden, und er schien bald nur allein gegen sie

gerichtet zu spielen und zu rezitieren. Sich wechselseitig anzusehen

war ihnen ein unaussprechliches Vergnügen, dem sich ihre harmlosen

Seelen ganz überließen, ohne lebhaftere Wünsche zu nähren oder für

irgendeine Folge besorgt zu sein.

Wie über einen Fluß hinüber, der sie scheidet, zwei feindliche

Vorposten sich ruhig und lustig zusammen besprechen, ohne an den Krieg

zu denken, in welchem ihre beiderseitigen Parteien begriffen sind, so

wechselte die Gräfin mit Wilhelm bedeutende Blicke über die ungeheure

Kluft der Geburt und des Standes hinüber, und jedes glaubte an seiner

Seite, sicher seinen Empfindungen nachhängen zu dürfen.

Die Baronesse hatte sich indessen den Laertes ausgesucht, der ihr als

ein wackerer, munterer Jüngling besonders gefiel und der, sosehr

Weiberfeind er war, doch ein vorbeigehendes Abenteuer nicht

verschmähete und wirklich diesmal wider Willen durch die Leutseligkeit

und das einnehmende Wesen der Baronesse gefesselt worden wäre, hätte

ihm der Baron zufällig nicht einen guten oder, wenn man will, einen

schlimmen Dienst erzeigt, indem er ihn mit den Gesinnungen dieser Dame

näher bekannt machte.

Denn als Laertes sie einst laut rühmte und sie allen andern ihres

Geschlechts vorzog, versetzte der Baron scherzend: "Ich merke schon,

wie die Sachen stehen, unsre liebe Freundin hat wieder einen für ihre

Ställe gewonnen." Dieses unglückliche Gleichnis, das nur zu klar auf

die gefährlichen Liebkosungen einer Circe deutete, verdroß Laertes

über die Maßen, und er konnte dem Baron nicht ohne ärgernis zuhören,

der ohne Barmherzigkeit fortfuhr:

"Jeder Fremde glaubt, daß er der erste sei, dem ein so angenehmes

Betragen gelte; aber er irrt gewaltig, denn wir alle sind einmal auf

diesem Wege herumgeführt worden; Mann, Jüngling oder Knabe, er sei,

wer er sei, muß sich eine Zeitlang ihr ergeben, ihr anhängen und sich

mit Sehnsucht um sie bemühen."

Den Glücklichen, der eben, in die Gärten einer Zauberin hineintretend,

von allen Seligkeiten eines künstlichen Frühlings empfangen wird, kann

nichts unangenehmer überraschen, als wenn ihm, dessen Ohr ganz auf den

Gesang der Nachtigall lauscht, irgendein verwandelter Vorfahr

unvermutet entgegengrunzt.

Laertes schämte sich nach dieser Entdeckung recht von Herzen, daß ihn

seine Eitelkeit nochmals verleitet habe, von irgendeiner Frau auch nur

im mindesten gut zu denken. Er vernachlässigte sie nunmehr völlig,

hielt sich zu dem Stallmeister, mit dem er fleißig focht und auf die

Jagd ging, bei Proben und Vorstellungen aber sich betrug, als wenn

dies bloß eine Nebensache wäre.

Der Graf und die Gräfin ließen manchmal morgens einige von der

Gesellschaft rufen, da jeder denn immer Philinens unverdientes Glück

zu beneiden Ursache fand. Der Graf hatte seinen Liebling, den

Pedanten, oft stundenlang bei seiner Toilette. Dieser Mensch ward

nach und nach bekleidet und bis auf Uhr und Dose equipiert und

ausgestattet.

Auch wurde die Gesellschaft manchmal samt und sonders nach Tafel vor

die hohen Herrschaften gefordert. Sie schätzten sich es zur größten

Ehre und bemerkten es nicht, daß man zu ebenderselben Zeit durch Jäger

und Bediente eine Anzahl Hunde hereinbringen und Pferde im Schloßhofe

vorführen ließ.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3 · 第 2 / 4 段