Abreise von Caripe. — Berg und Wald Santa Maria. — Die Mission
Catuaro. — Hafen von Cariaco.
Rasch verflossen uns die Tage, die wir im Kapuzinerkloster in den Bergen
von Caripe zubrachten, und doch war unser Leben so einfach als einförmig.
Von Sonnenaufgang bis Einbruch der Nacht streiften wir durch die
benachbarten Wälder und Berge, um Pflanzen zu sammeln, deren wir nie genug
beisammen haben konnten. Konnten wir des starken Regens wegen nicht weit
hinaus, so besuchten wir die Hütten der Indianer, den Gemeinde-Conuco oder
die Versammlungen, in denen die Alcaden jeden Abend die Arbeiten für den
folgenden Tag austheilen. Wir kehrten erst ins Kloster zurück, wenn uns
die Glocke ins Refectorium an den Tisch der Missionäre rief. Zuweilen
gingen wir mit ihnen früh Morgens in die Kirche, um der »_Doctrina_«
beizuwohnen, das heißt dem Religionsunterricht der Eingeborenen. Es ist
ein zum wenigsten sehr gewagtes Unternehmen, mit Neubekehrten über Dogmen
zu verhandeln, zumal wenn sie des Spanischen nur in geringem Grade mächtig
sind. Andererseits verstehen gegenwärtig die Ordensleute von der Sprache
der Chaymas so gut wie nichts, und die Aehnlichkeit gewisser Laute
verwirrt den armen Indianern die Köpfe so sehr, daß sie sich die
wunderlichsten Vorstellungen machen. Ich gebe nur Ein Beispiel. Wir sahen
eines Tags, wie sich der Missionär große Mühe gab, darzuthun, daß
_infierno_ die Hölle, und _invierno_ der Winter, nicht dasselbe Ding
seyen, sondern so verschieden wie Hitze und Frost. Die Chaymas kennen
keinen andern Winter als die Regenzeit, und unter der »Hölle der Weißen«
dachten sie sich einen Ort, wo die Bösen furchtbaren Regengüssen
ausgesetzt seyen. Der Missionär verlor die Geduld, aber es half Alles
nichts: der erste Eindruck, den zwei ähnliche Consonanten hervorgebracht,
war nicht mehr zu verwischen; im Kopfe der Neophyten waren die
Vorstellungen Regen und Hölle, _invierno_ und _infierno_, nicht mehr aus
einander zu bringen.
Nachdem wir fast den ganzen Tag im Freien zugebracht, schrieben wir Abends
im Kloster unsere Beobachtungen und Bemerkungen nieder, trockneten unsere
Pflanzen und zeichneten die, welche nach unserer Ansicht neue Gattungen
bildeten. Die Mönche ließen uns volle Freiheit und wir denken mit
Vergnügen an einen Aufenthalt zurück, der so angenehm als für unser
Unternehmen förderlich war. Leider war der bedeckte Himmel in einem Thal,
wo die Wälder ungeheure Wassermassen an die Luft abgeben, astronomischen
Beobachtungen nicht günstig. Ich blieb Nachts oft lange auf, um den
Augenblick zu benützen, wo sich ein Stern vor seinem Durchgang durch den
Meridian zwischen den Wolken zeigen würde. Oft zitterte ich vor Frost,
obgleich der Thermometer nie unter 16 Grad fiel. Es ist dieß in unserem
Klima die Tagestemperatur gegen Ende Septembers. Die Instrumente blieben
mehrere Stunden im Klosterhof aufgestellt, und fast immer harrte ich
vergebens. Ein paar gute Beobachtungen Fomahaults und Denebs im Schwan
ergaben für Caripe 10° 10’ 14" Breite, wornach es auf der Karte von Caulin
um 18’, auf der von Arrowsmith um 14’ unrichtig eingezeichnet ist.
Der Verdruß, daß der bedeckte Himmel uns die Sterne entzog, war der
einzige, den wir im Thal von Caripe erlebt. Wildheit und Friedlichkeit,
Schwermuth und Lieblichkeit, beides zusammen ist der Charakter der
Landschaft. Inmitten einer so gewaltigen Natur herrscht in unserm Innern
nur Friede und Ruhe. Ja noch mehr, in der Einsamkeit dieser Berge wundert
man sich weniger über die neuen Eindrücke, die man bei jedem Schritte
erhält, als darüber, daß die verschiedensten Klimate so viele Züge mit
einander gemein haben. Auf den Hügeln, an die das Kloster sich lehnt,
stehen Palmen und Baumfarn; Abends, wenn der Himmel auf Regen deutet,
schallt das eintönige Geheul der rothen Brüllaffen durch die Luft, das dem
fernen Brausen des Windes im Walde gleicht. Aber trotz dieser unbekannten
Töne, dieser fremdartigen Gestalten der Gewächse, all dieser Wunder einer
neuen Welt, läßt doch die Natur den Menschen aller Orten eine Stimme
hören, die in vertrauten Lauten zu ihm spricht. Der Rasen am Boden, das
alte Moos und das Farnkraut auf den Baumwurzeln, der Bach, der über die
geneigten Kalksteinschichten niederstürzt, das harmonische Farbenspiel von
Wasser, Grün und Himmel, Alles ruft dem Reisenden wohlbekannte
Empfindungen zurück.
Die Naturschönheiten dieser Berge nahmen uns völlig in Anspruch, und so
wurden wir erst am Ende gewahr, daß wir den guten gastfreundlichen Mönchen
zur Last fielen. Ihr Vorrath von Wein und Weizenbrod war nur gering, und
wenn auch der eine wie das andere dort zu Lande bei Tisch nur als
Luxusartikel gelten, so machte es uns doch sehr verlegen, daß unsere
Wirthe sie sich selbst versagten. Bereits war unsere Brodration auf ein
Viertheil herabgekommen, und doch nöthigte uns der furchtbare Regen,
unsere Abreise noch einige Tage zu verschieben. Wie unendlich lang kam uns
dieser Aufschub vor! wie bange war uns vor der Glocke, die uns ins
Refectorium rief! Das Zartgefühl der Mönche ließ uns recht lebhaft
empfinden, wie ganz anders wir hier daran waren als die Reisenden, die
darüber zu klagen haben, daß man ihnen in den coptischen Klöstern
Ober-Egyptens ihren Mundvorrath entwendet.
Endlich am 22. September brachen wir auf mit vier Maulthieren, die unsere
Instrumente und Pflanzen trugen. Wir mußten den nordöstlichen Abhang der
Kalkalpen von Neu-Andalusien, die wir als die große Kette des Brigantin
und Cocollar bezeichnet, hinunter. Die mittlere Höhe dieser Kette beträgt
nicht leicht über 6–700 Toisen, und sie läßt sich in dieser wie in
geologischer Hinsicht mit dem Jura vergleichen. Obgleich die Berge von
Cumana nicht sehr hoch sind, so ist der Weg hinunter gegen Cariaco zu doch
sehr beschwerlich, ja sogar gefährlich. Besonders berüchtigt ist in dieser
Beziehung der Cerro de Santa Maria, an dem die Missionäre hinauf müssen,
wenn sie sich von Cumana in ihr Kloster Caripe begeben. Oft, wenn wir
diese Berge, die Anden von Peru, die Pyrenäen und die Alpen, dir wir nach
einander besucht, verglichen, wurden wir inne, daß die Berggipfel von der
geringsten Meereshöhe nicht selten die unzugänglichsten sind.
Als das Thal von Caripe hinter uns lag, kamen wir zuerst über eine
Hügelkette, die nordostwärts vom Kloster liegt. Der Weg führte immer
bergan über eine weite Savane auf die Hochebene *Guardia de San Augustin*.
Hier hielten wir an, um auf den Indianer zu warten, der den Barometer
trug; wir befanden uns in 533 Toisen absoluter Höhe, etwas höher als der
Hintergrund der Höhle des Guacharo. Die Savanen oder natürlichen Wiesen,
die den Klosterkühen eine treffliche Weide bieten, sind völlig ohne Baum
und Buschwerk. Es ist dieß das eigentliche Bereich der Monocothyledonen,
denn aus dem Grase erhebt sich nur da und dort eine Agave [_Agave
americana_] (Maguey), deren Blüthenschaft über 26 Fuß hoch wird. Auf der
Hochebene von Guardia sahen wir uns wie auf einen alten, vom langen
Aufenthalt des Wassers wagrecht geebneten Seeboden versetzt, Man meint
noch die Krümmungen des alten Ufers zu erkennen, die vorspringenden
Landzungen, die steilen Klippen, welche Eilande gebildet. Auf diesen
früheren Zustand scheint selbst die Vertheilung der Gewächse hinzudeuten.
Der Boden des Beckens ist eine Savane, während die Ränder mit
hochstämmigen Bäumen bewachsen sind. Es ist wahrscheinlich das höchst
gelegene Thal in den Provinzen Cumana und Venezuela. Man kann bedauern,
daß ein Landstrich, wo man eines gemäßigten Klimas genießt, und der sich
ohne Zweifel zum Getreidebau eignete, völlig unbewohnt ist.
Von dieser Ebene geht es fortwährend abwärts bis zum indianischen Dorf
Santa Cruz. Man kommt zuerst über einen jähen, glatten Abhang, den die
Missionäre seltsamerweise das *Fegefeuer* nennen. Er besteht aus
verwittertem, mit Thon bedecktem Schiefersandstein und die Böschung
scheint furchtbar steil; denn in Folge einer sehr gewöhnlichen optischen
Täuschung scheint der Weg, wenn man oben auf der Anhöhe hinunter sieht,
unter einem Winkel von mehr als 60 Grad geneigt. Beim Hinabsteigen nähern
die Maulthiere die Hinterbeine den Vorderbeinen, senken das Kreuz und
rutschen auf Gerathewohl hinab. Der Reiter hat nichts zu befahren, wenn er
nur den Zügel fahren läßt und dem Thiere keinerlei Zwang anthut. An diesem
Punkte sieht man zur Linken die große Pyramide des Guacharo. Dieser
Kalksteinkegel nimmt sich sehr malerisch aus, man verliert ihn aber bald
wieder aus dem Gesicht, wenn man den dicken Wald betritt, der unter dem
Namen *Montana de Santa Maria* bekannt ist. Es geht nun sieben Stunden
lang in einem fort abwärts, und kaum kann man sich einen entsetzlicheren
Weg denken; es ist ein eigentlicher _chemin des échelles,_ eine Art
Schlucht, in der während der Regenzeit die wilden Wasser von Fels zu Fels
abwärts stürzen. Die Stufen sind zwei bis drei Fuß hoch, und die armen
Lastthiere messen erst den Raum ab, der erforderlich ist, um die Ladung
zwischen den Baumstämmen durchzubringen, und springen dann von einem
Felsblock auf den andern. Aus Besorgniß, einen Fehltritt zu thun, bleiben
sie eine Weile stehen, als wollten sie die Stelle untersuchen, und
schieben die vier Beine zusammen wie die wilden Ziegen. Verfehlt das Thier
den nächsten Steinblock, so sinkt es bis zum halben Leib in den weichen,
ockerhaltigen Thon, der die Zwischenräume der Steine ausfüllt. Wo diese
fehlen, finden Menschen- und Thierbeine Halt an ungeheuren Baumwurzeln.
Dieselben sind oft zwanzig Zoll dick und gehen nicht selten hoch über dem
Boden vom Stamme ab. Die Creolen vertrauen der Gewandtheit und dem
glücklichen Instinkt der Maulthiere so sehr, daß sie auf dem langen,
gefährlichen Wege abwärts im Sattel bleiben. Wir stiegen lieber ab, da wir
Anstrengung weniger scheuten, als jene, und gewöhnt waren langsam vorwärts
zu kommen, weil wir immer Pflanzen sammelten und die Gebirgsarten
untersuchten. Da unser Chronometer so schonend behandelt werden mußte,
blieb uns nicht einmal eine Wahl.
Der Wald, der den steilen Abhang des Berges von Santa Maria bedeckt, ist
einer der dichtesten, die ich je gesehen. Die Bäume sind wirklich
ungeheuer hoch und dick. Unter ihrem dichten, dunkelgrünen Laub herrscht
beständig ein Dämmerlicht, ein Dunkel, weit tiefer als in unsern Tannen-,
Eichen- und Buchenwäldern. Es ist als könnte die Luft trotz der hohen
Temperatur nicht all das Wasser aufnehmen, das der Boden, das Laub der
Bäume, ihre mit einem uralten Filz von Orchideen, Peperomien und andern
Saftpflanzen bedeckten Stämme ausdünsten. Zu den aromatischen Gerüchen,
welche Blüthen, Früchte, sogar das Holz verbreiten, kommt ein anderer, wie
man ihn bei uns im Herbst bei nebligtem Wetter spürt. Wie in den Wäldern
am Orinoco sieht man auch hier, wenn man die Baumwipfel ins Auge faßt,
häufig Dunststreifen an den Stellen, wo ein paar Sonnenstrahlen durch die
dicke Lust dringen. Unter den majestätischen Bäumen, die 120 bis 130 Fuß
hoch werden, machten uns die Führer auf den *Curucay* von Terecen
aufmerksam, der ein weißlichtes, flüssiges, starkriechendes Harz gibt. Die
indianischen Völkerschaften der Cumanagotas und Tagires räucherten einst
damit vor ihren Götzen. Die jungen Zweige haben einen angenehmen, aber
etwas zusammenziehenden Geschmack. Nach dem Curucay und ungeheuren, über 9
und 10 Fuß dicken Hymenäastämmen nahmen unsere Aufmerksamkeit am meisten
in Anspruch: das Drachenblut (_Croton sanguifluum_), dessen purpurbrauner
Saft an der weißen Rinde herabfließt; der Farn *Calahuala*, der nicht
derselbe ist wie der in Peru, aber fast eben so heilkräftig, und die
Irasse-, Macanilla-, Corozo- und Pragapalmen. Letztere gibt einen sehr
schmackhaften »Palmkohl,« den wir im Kloster Caripe zuweilen gegessen. Von
diesen Palmen mit gefiederten, stachligten Blättern stachen die Baumfarn
äußerst angenehm ab. Einer derselben, _Cyathea speciosa_ wird über 35 Fuß
hoch, eine ungeheure Größe für ein Gewächs aus dieser Familie. Wir fanden
hier und im Thal von Caripe fünf neue Arten Baumfarn; zu Linnés Zeit
kannten die Botaniker ihrer nicht vier auf beiden Continenten.
Man bemerkt, daß die Baumfarn im Allgemeinen weit seltener sind als die
Palmen. Die Natur hat ihnen gemäßigte, feuchte, schattige Standorte
angewiesen. Sie scheuen den unmittelbaren Sonnenstrahl, und während der
Pumos, die Corypha der Steppen und andere amerikanische Palmenarten die
kahlen, glühend heißen Ebenen aussuchen, bleiben die Farn mit Baumstämmen,
die von weitem wie Palmen aussehen, dem ganzen Wesen cryptogamer Gewächse
treu. Sie lieben versteckte Plätze, das Dämmerlicht, eine feuchte,
gemäßigte, stockende Luft. Wohl gehen sie hie und da bis zur Küste hinab,
aber dann nur im Schutze dichten Schattens.
Dem Fuße des Berges von Santa Maria zu wurden die Baumfarn immer seltener,
die Palmen häufiger. Die schönen Schmetterlinge mit großen Flügeln, die
Nymphalen, die ungeheuer hoch fliegen, mehrten sich: Alles deutete darauf,
daß wir nicht mehr weit von der Küste und einem Landstrich waren, wo die
mittlere Tagestemperatur 28–30 Grad der hunderttheiligen Scale beträgt.
Der Himmel war bedeckt und drohte mit einem der Güsse, bei denen zuweilen
1 bis 1,3 Zoll Regen an Einem Tage fällt. Die Sonne beschien hin und
wieder die Baumwipfel, und obgleich wir vor ihrem Strahl geschützt waren,
erstickten wir beinahe vor Hitze. Schon rollte der Donner in der Ferne,
die Wolken hingen am Gipfel des hohen Guacharogebirgs, und das klägliche
Geheul der Araguatos, das wir in Caripe bei Sonnenuntergang so oft gehört
hatten, verkündete den nahen Ausbruch des Gewitters. Wir hatten hier zum
erstenmal Gelegenheit, diese Heulaffen in der Nähe zu sehen. Sie gehören
zur Gattung _Alouate_ (_Stentor_, Geoffroy), deren verschiedene Arten von
den Zoologen lange verwechselt worden sind. Während die kleinen
amerikanischen Sapajus, die wie Sperlinge pfeifen, ein einfaches, dünnes
Zungenbein haben, liegt die Zunge bei den großen Affen, den Alouaten und
Marimondas, ans einer großen Knochentrommel. Ihr oberer Kehlkopf hat sechs
Taschen, in denen sich die Stimme fängt, und wovon zwei,
taubennestförmige, große Aehnlichkeit mit dem untern Kehlkopf der Vögel
haben. Der den Araguatos eigene klägliche Ton entsteht, wenn die Luft
gewaltsam in die knöcherne Trommel einströmt. Ich habe diese den Anatomen
nur sehr unvollständig bekannten Organe an Ort und Stelle gezeichnet und
die Beschreibung nach meiner Rückkehr nach Europa bekannt gemacht
[_Observations de zoologie_]. Bedenkt man, wie groß bei den Alouatos die
Knochenschachtel ist und wie viele Heulaffen in den Wäldern von Cumana und
Guyana auf einem einzigen Baum beisammensitzen, so wundert man sich nicht
mehr so sehr über die Stärke und den Umfang ihrer vereinigten Stimmen.
Der Araguato, bei den Tamanacas-Indianern Aravata, bei den Maypures Marave
genannt, gleicht einem jungen Bären. Er ist vom Scheitel des kleinen,
stark zugespitzten Kopfes bis zum Anfang des Wickelschwanzes drei Fuß
lang; sein Pelz ist dicht und rothbraun von Farbe; auch Brust und Bauch
sind schön behaart, nicht nackt wie beim _Mono colorado_ oder Büffons
_Alouate roux_ den wir auf dem Wege von Carthagena nach Santa-Fe de Bogota
genau beobachtet haben. Das Gesicht des Araguato ist blauschwarz, die Haut
desselben fein und gefaltet. Der Bart ist ziemlich lang, und trotz seines
kleinen Gesichtswinkels von nur 30 Grad hat er in Blick und
Gesichtsausdruck so viel Menschenähnliches als die Marimonda (_Simia
Belzebuth_) und der Kapuziner am Orinoco (_S. chiropotes_). Bei den
Tausenden von Araguatos, die uns in den Provinzen Cumana, Caracas und
Guyana zu Gesicht gekommen, haben wir nie weder an einzelnen Exemplaren,
noch an ganzen Banden einen Wechsel im Rothbraun des Pelzes an Rücken und
Schultern wahrgenommen. Durch die Farbe unterschiedene Spielarten schienen
mir überhaupt bei den Affen nicht so häufig zu seyn, als die Zoologen
annehmen, und bei den gesellig lebenden Arten sind sie vollends sehr
selten.
Der Araguato bei Caripe ist eine neue Art der Gattung _Stentor_, die ich
unter dem Namen _Simia ursina_ bekannt gemacht habe. Ich habe ihn lieber
so benannt als nach der Farbe des Pelzes, und zwar desto mehr, da die
Griechen bereits einen stark behaarten Affen unter dem Namen
_Arctopithekos_ kannten. Derselbe unterscheidet sich sowohl vom Uarino
(_Simia Guariba_) als vom _Alouate roux_ (_S. Seniculus_). Blick, Stimme,
Gang, Alles an ihm ist trübselig. Ich habe ganz junge Araguatos gesehen,
die in den Hütten der Indianer aufgezogen wurden; sie spielen nie wie die
kleinen Sagoins, und Lopez del Gomara schildert zu Anfang des sechzehnten
Jahrhunderts ihr ernstes Wesen sehr naiv, wenn er sagt: »*Der Aranata de
los Cumaneses* hat ein Menschengesicht, einen Ziegenbart und eine
gravitätische Haltung (_honrado gesto_).« Ich habe anderswo die Bemerkung
gemacht, daß die Affen desto trübseliger sind, je mehr Menschenähnlichkeit
sie haben. Ihre Munterkeit und Beweglichkeit nimmt ab, je mehr sich die
Geisteskräfte bei ihnen zu entwickeln scheinen.
Wir hatten Halt gemacht, um den Heulaffen zuzusehen, wie sie zu dreißig,
vierzig in einer Reihe von Baum zu Baum auf den verschlungenen wagrechten
Aesten über den Weg zogen. Während dieses neue Schauspiel uns ganz in
Anspruch nahm, kam uns ein Trupp Indianer entgegen, die den Bergen von
Caripe zuzogen. Sie waren völlig nackt, wie meistens die Eingeborenen hier
zu Lande. Die ziemlich schwer beladenen Weiber schlossen den Zug; die
Männer, sogar die kleinsten Jungen, waren alle mit Bogen und Pfeilen
bewaffnet. Sie zogen still, die Augen am Boden, ihres Wegs. Wir hätten
gerne von ihnen erfahren, ob es noch weit nach der Mission Santa Cruz sey,
wo wir übernachten wollten. Wir waren völlig erschöpft und der Durst
quälte uns furchtbar. Die Hitze wurde drückender, je näher das Gewitter
kam, und wir hatten auf unserem Weg keine Quelle gefunden, um den Durst zu
löschen. Da die Indianer uns immer _si Padre, no Padre_ zur Antwort gaben,
meinten wir, sie verstehen ein wenig Spanisch. In den Augen der
Eingeborenen ist jeder Weiße ein Mönch, ein Pater; denn in den Missionen
zeichnet sich der Geistliche mehr durch die Hautfarbe als durch die Farbe
des Gewandes aus. Wie wir auch den Indianern mit Fragen, wie weit es noch
sey, zusetzten, sie erwiederten offenbar auf gerathewohl _si_ oder _no_,
und wir konnten aus ihren Antworten nicht klug werden. Dieß war uns um so
verdrießlicher, da ihr Lächeln und ihr Geberdenspiel verriethen, daß sie
uns gerne gefällig gewesen wären, und der Wald immer dichter zu werden
schien. Wir mußten uns trennen; die indianischen Führer, welche die
Chaymassprache verstanden, waren noch weit zurück, da die beladenen
Maulthiere bei jedem Schritt in den Schluchten stürzten.
Nach mehreren Stunden beständig abwärts über zerstreute Felsblöcke sahen
wir uns unerwartet am Ende des Waldes von Santa Maria. So weit das Auge
reichte, lag eine Grasflur vor uns, die sich in der Regenzeit frisch
begrünt hatte. Links sahen wir in ein enges Thal hinein, das sich dem
Guacharogebirge zuzieht und im Hintergrunde mit dichtem Walde bedeckt ist.
Der Blick streifte über die Baumwipfel weg, die 800 Fuß tief unter dem Weg
sich wie ein hingebreiteter, dunkelgrüner Teppich ausnahmen. Die
Lichtungen im Walde glichen großen Trichtern, in denen wir an der
zierlichen Gestalt und den gefiederten Blättern Praga- und Irassepalmen
erkannten. Vollends malerisch wird die Landschaft dadurch, daß die Sierra
del Guacharo vor einem liegt. Ihr nördlicher, dem Meerbusen von Cariaco
zugekehrter Abhang ist steil und bildet eine Felsmauer, ein fast
senkrechtes Profil, über dreitausend Fuß hoch. Diese Wand ist so schwach
bewachsen, daß man die Linien der Kalkschichten mit dem Auge verfolgen
kann. Der Gipfel der Sierra ist abgeplattet und nur am Ostende erhebt
sich, gleich einer geneigten Pyramide, der majestätische Pic Guacharo.
Seine Gestalt erinnert an die Aiguilles und Hörner der Schweizer Alpen
(Schreckhörner, Finsteraarhorn). Da die meisten Berge mit steilem Abhang
höher scheinen, als sie wirklich sind, so ist es nicht zu verwundern, daß
man in den Missionen der Meinung ist, der Guacharo überrage den
Turimiquiri und den Brigantin.
Die Savane, über die wir zum indianischen Dorfe Santa Cruz zogen, besteht
aus mehreren sehr ebenen Plateaus, die wie Stockwerke über einander
liegen. Diese geologische Erscheinung, die in allen Erdstrichen vorkommt,
scheint darauf hinzudeuten, daß hier lange Zeit Wasserbecken übereinander
lagen und sich in einander ergossen. Der Kalkstein geht nicht mehr zu Tage
aus; er ist mit einer dicken Schicht Dammerde bedeckt. Wo wir ihn im Walde
von Santa Maria zum letztenmale sahen, fanden wir Nester von Eisenerz
darin, und, wenn wir recht gesehen haben, ein Ammonshorn; es gelang uns
aber nicht, es loszubrechen. Es maß sieben Zoll im Durchmesser. Diese
Beobachtung ist um so interessanter, als wir sonst in diesem Theile von
Südamerika nirgends einen Ammoniten gesehen haben. Die Mission Santa Cruz
liegt mitten in der Ebene. Wir kamen gegen Abend daselbst an, halb
verdurstet, da wir fast acht Stunden kein Wasser gehabt hatten. Der
Thermometer zeigte 26 Grad; wir waren auch nur noch 190 Toisen über dem
Meer. Wir brachten die Nacht in einer der Ajupas zu, die man »Häuser des
Königs« nennt, und die, wie schon oben bemerkt, den Reisenden als *Tombo*
oder Caravanserai dienen. Wegen des Regens war an keine Sternbeobachtung
zu denken, und wir setzten des andern Tags, 23. September, unsern Weg zum
Meerbusen von Cariaco hinunter fort. Jenseits Santa Cruz fängt der dichte
Wald von Neuem an. Wir fanden daselbst unter Melastomenbüschen einen
schönen Farn mit Blättern gleich denen der Osmunda, die in der Ordnung der
Polypodiaceen eine neue Gattung (_Polybotria_) bildet.
Von der Mission Catuaro aus wollten wir ostwärts über Santa Rosalia,
Casanay, San Josef, Carupano, Rio-Carives und den Berg Paria gehen,
erfuhren aber zu unserern großen Verdruß, daß der starke Regen die Wege
bereits ungangbar gemacht habe und wir Gefahr laufen, unsere frisch
gesammelten Pflanzen zu verlieren. Ein reicher Cacaopflanzer sollte uns
von Santa Rosalia in den Hafen von Carupano begleiten. Wir hatten noch zu
rechter Zeit gehört, daß er in Geschäften nach Cumana müsse. So
beschlossen wir denn, uns in Cariaco einzuschiffen und gerade über den
Meerbusen, statt zwischen der Insel Margarita und der Landenge Araya
durch, nach Cumana zurückzufahren.
Die Mission Catuaro liegt in ungemein wilder Umgebung. Hochstämmige Bäume
stehen noch um die Kirche her und die Tiger fressen bei Nacht den
Indianern ihre Hühner und Schweine. Wir wohnten beim Geistlichen, einem
Mönche von der Congregation der Observanten, dem die Kapuziner die Mission
übergeben hatten, weil es ihrem eigenen Orden an Leuten fehlte. Er war ein
Doktor der Theologie, ein kleiner, magerer, fast übertrieben lebhafter
Mann; er unterhielt uns beständig von dem Proceß, den er mit dem Gardian
seines Klosters führte, von der Feindschaft seiner Ordensbrüder, von der
Ungerechtigkeit der Alcaden, die ihn ohne Rücksicht auf seine
Standesvorrechte ins Gefängniß geworfen. Trotz dieser Abenteuer war ihm
leider die Liebhaberei geblieben, sich mit metaphysischen Fragen, wie er
es nannte, zu befassen. Er wollte meine Ansicht hören über den freien
Willen, über die Mittel, die Geister von ihren Körperbanden frei zu
machen, besonders aber über die Thierseelen, lauter Dinge, über die er die
seltsamsten Ideen hatte. Wenn man in der Regenzeit sich durch Wälder
durchgearbeitet hat, ist man zu Spekulationen der Art wenig aufgelegt.
Uebrigens war in der kleinen Mission Catuaro Alles ungewöhnlich, sogar das
Pfarrhaus. Es hatte zwei Stockwerke und hatte dadurch zu einem hitzigen
Streit zwischen den weltlichen und geistlichen Behörden Anlaß gegeben. Dem
Gardian der Kapuziner schien es zu vornehm für einen Missionär und er
hatte die Indianer zwingen wollen, es niederzureißen; der Statthalter
hatte kräftige Einsprache gethan und auch seinen Willen gegen die Mönche
durchgesetzt. Ich erwähne dergleichen an sich unbedeutende Vorfälle nur,
weil sie einen Blick in die innere Verwaltung der Missionen werfen lassen,
die keineswegs immer so friedlich ist, als man in Europa glaubt.
Wir trafen in der Mission Catuaro den Corregidor des Distrikts, einen
liebenswürdigen, gebildeten Mann. Er gab uns drei Indianer mit, die mit
ihren Machetes vor uns her einen Weg durch den Wald bahnen sollten. In
diesem wenig betretenen Lande ist die Vegetation in der Regenzeit so
üppig, daß ein Mann zu Pferd auf den schmalen, mit Schlingpflanzen und
verschlungenen Baumästen bedeckten Fußsteigen fast nicht durchkommt. Zu
unserem großen Verdruß wollte der Missionär von Catuaro uns durchaus nach
Cariaco begleiten. Wir konnten es nicht ablehnen; er ließ uns jetzt mit
seinen Faseleien über die Thierseelen und den menschlichen freien Willen
in Ruhe, er hatte uns aber nunmehr von einem ganz andern, traurigeren
Gegenstand zu unterhalten. Den Unabhängigkeitsbestrebungen, die im
Jahr 1798 in Caracas beinahe zu einem Ausbruch geführt hätten, war eine
große Aufregung unter den Negern zu Coro, Maracaybo und Cariaco
vorangegangen und gefolgt. In letzterer Stadt war ein armer Neger zum Tod
verurtheilt worden, und unser Wirth, der Seelsorger von Catuaro, ging
jetzt hin, um ihm seinen geistlichen Beistand anzubieten. Wie lang kam uns
der Weg vor, auf dem wir uns in Verhandlungen einlassen mußten »über die
Nothwendigkeit des Sklavenhandels, über die angeborene Bösartigkeit der
Schwarzen, über die Segnungen, welche der Race daraus erwachsen, daß sie
als Sklaven unter Christen leben!«
Gegenüber dem »Code noir« der meisten andern Völker, welche Besitzungen in
beiden Indien haben, ist die spanische Gesetzgebung unstreitig sehr mild.
Aber vereinzelt, auf kaum urbar gemachtem Boden leben die Neger in
Verhältnissen, daß die Gerechtigkeit, weit entfernt sie im Leben kräftig
schützen zu können, nicht einmal im Stande ist die Barbareien zu
bestrafen, durch die sie ums Leben kommen. Leitet man eine Untersuchung
ein, so schreibt man den Tod des Sklaven seiner Kränklichkeit zu, dem
heißen, nassen Klima, den Wunden, die man ihm allerdings beigebracht, die
aber gar nicht tief und durchaus nicht gefährlich gewesen. Die bürgerliche
Behörde ist in Allem, was die Haussklaverei angeht, machtlos, und wenn man
rühmt, wie günstig die Gesetze wirken, nach denen die Peitsche die und die
Form haben muß und nur so und so viel Streiche *auf einmal* gegeben werden
dürfen, so ist das reine Täuschung. Leute, die nicht in den Colonien oder
doch nur auf den Antillen gelebt haben, sind meist der Meinung, da es im
Interesse des Herrn liege, daß seine Sklaven ihm erhalten bleiben, müssen
sie desto besser behandelt werden, je weniger ihrer seyen. Aber in Cariaco
selbst, wenige Wochen bevor ich in die Provinz kam, tödtete ein Pflanzer,
der nur acht Neger hatte, ihrer sechs durch unmenschliche Hiebe. Er
zerstörte muthwillig den größten Theil seines Vermögens. Zwei der Sklaven
blieben auf der Stelle todt, mit den vier andern, die kräftiger schienen,
schiffte er sich nach dem Hafen von Cumana ein, aber sie starben auf der
Ueberfahrt. Vor dieser abscheulichen That war im selben Jahr eine ähnliche
unter gleich empörenden Umständen begangen worden. Solche furchtbare
Unthaten blieben so gut wie unbestraft; der Geist, der die Gesetze macht,
und der, der sie vollzieht, haben nichts mit einander gemein. Der
Statthalter von Cumana war ein gerechter, menschenfreundlicher Mann; aber
die Rechtsformen sind streng vorgeschrieben und die Gewalt des
Statthalters geht nicht so weit, um Mißbräuche abzustellen, die nun einmal
von jedem europäischen Colonisationssystem untrennbar sind.
Der Weg durch den Wald von Catuaro ist nicht viel anders als der vom Berge
Santa Maria herab; auch sind die schlimmsten Stellen hier eben so
sonderbar getauft wie dort. Man geht wie in einer engen, durch die
Bergwasser ausgespülten, mit feinem, zähem Thon gefüllten Furche dahin.
Bei den jähsten Abhängen senken die Maulthiere das Kreuz und rutschen
hinunter; das nennt man nun *Saca-Manteca*, weil der Koth so weich ist wie
*Butter*. Bei der großen Gewandtheit der einheimischen Maulthiere ist
dieses Hinabgleiten ohne alle Gefahr. Der Weg führt über die Felsschichten
herab, die am Ausgehenden Stufen von verschiedener Höhe bilden, und so ist
es auch hier ein wahrer »chemin des échelles.« Weiterhin, wenn man zum
Wald heraus ist, kommt man zum Berge *Buenavista*. Er verdient den Namen,
denn von hier sieht man die Stadt Cariaco in einer weiten, mit
Pflanzungen, Hütten und Gruppen von Cocospalmen bedeckten Ebene. Westwärts
von Cariaco breitet sich der weite Meerbusen aus, den eine Felsmauer vom
Ocean trennt; gegen Ost zeigen sich, gleich blauen Wolken, die hohen
Gebirge von Areo und Paria. Es ist eine der weitesten, prachtvollsten
Aussichten an der Küste von Neu-Andalusien.
Wir fanden in Cariaco einen großen Theil der Einwohner in ihren
Hängematten krank am Wechselfieber. Diese Fieber werden im Herbst bösartig
und gehen in Ruhren über. Bedenkt man, wie außerordentlich fruchtbar und
feucht die Ebene ist, und welch ungeheure Masse von Pflanzenstoff hier
zersetzt wird, so sieht man leicht, warum die Luft hier nicht so gesund
seyn kann wie über dem dürren Boden von Cumana. Nicht leicht finden sich
in der heißen Zone große Fruchtbarkeit des Bodens, häufige, lange dauernde
Wasserniederschläge, eine ungemein üppige Vegetation beisammen, ohne daß
diese Vortheile durch ein Klima ausgewogen würden, das der Gesundheit der
Weißen mehr oder weniger gefährlich wird. Aus denselben Ursachen, welche
den Boden so fruchtbar machen und die Entwicklung der Gewächse
beschleunigen, entwickeln sich auch Gase aus dem Boden, die sich mit der
Luft mischen und sie ungesund machen. Wir werden oft Gelegenheit haben,
auf die Verknüpfung dieser Erscheinungen zurückzukommen, wenn wir den
Cacaobau und die Ufer des Orinoco beschreiben, wo es Flecke gibt, an denen
sich sogar die Eingeborenen nur schwer acclimatisiren. Im Thale von
Cariaco hängt übrigens die Ungesundheit der Luft nicht allein von den eben
erwähnten allgemeinen Ursachen ab; es machen sich dabei auch lokale
Verhältnisse geltend. Es wird nicht ohne Interesse seyn, den Landstrich,
der die Meerbusen von Cariaco und von Paria von einander trennt, näher zu
betrachten.
Vom Kalkgebirge des Brigantin und Cocollar läuft ein starker Ast nach Nord
und hängt mit dem Urgebirg an der Küste zusammen. Dieser Ast heißt _Sierra
de Meapire_; der Stadt Cariaco zu führt er den Namen _Cerro grande de
Cariaco_. Er schien mir im Durchschnitt nicht über 150–200 Toisen hoch; wo
ich ihn untersuchen konnte, besteht er aus dem Kalkstein des Uferstrichs.
Mergel- und Kalkschichten wechseln mit andern, welche Quarzkörner
enthalten. Wer die Reliefbildung des Landes zu seinem besondern Studium
macht, muß es auffallend finden, daß ein quergelegter Gebirgskamm unter
rechtem Winkel zwei Ketten verbindet, deren eine, südliche, aus secundären
Gebirgsbildungen besteht, während die andere, nördliche, Urgebirge ist.
Auf dem Gipfel des Cerro de Meapire sieht man das Gebirge einerseits nach
dem Meerbusen von Paria, andererseits nach dem von Cariaco sich abdachen.
Ostwärts und westwärts vom Kamm liegt ein niedriger, sumpfiger Boden, der
ohne Unterbrechung fortstreicht, und nimmt man an, daß die beiden
Meerbusen dadurch entstanden sind, daß der Boden durch Erdbeben zerrissen
worden ist und sich gesenkt hat, so muß man voraussetzen, daß der Cerro de
Meapire diesen gewaltsamen Erschütterungen widerstanden hat, so daß der
Meerbusen von Paria und der von Cariaco nicht zu Einem verschmelzen
konnten. Wäre dieser Felsdamm nicht da, so bestünde wahrscheinlich auch
die Landenge nicht. Vom Schlosse Araya bis zum Cap Paria würde die ganze
Gebirgsmasse an der Küste eine schmale, Margarita parallel laufende,
viermal längere Insel bilden. Diese Ansichten gründen sich nicht nur auf
unmittelbare Untersuchung des Bodens und die Schlüsse aus der
Reliefbildung desselben; schon ein Blick auf die Umrisse der Küsten und
die geognostische Karte des Landes muß auf dieselben Gedanken bringen. Die
Insel Margarita hat, wie es scheint, früher mit der Küstenkette von Araya
durch die Halbinsel Chacopata und die caraibischen Inseln Lobo und Coche
zusammengehangen, wie die Kette noch jetzt mit den Gebirgen des Cocollar
und von Caripe durch den Gebirgskamm Meapire zusammenhängt.
Im gegenwärtigen Zustand der Dinge sieht man die feuchten Ebenen, die ost-
und westwärts vom Kamm streichen und uneigentlich die Thäler von San
Bonifacio und Cariaco heißen, sich fortwährend in das Meer hinaus
verlängern. Das Meer zieht sich zurück, und diese Verrückung der Küste ist
besonders bei Cumana auffallend. Wenn die Höhenverhältnisse des Bodens
darauf hinweisen, daß die Meerbusen von Cariaco und Paria früher einen
weit größeren Umfang hatten, so läßt sich auch nicht in Zweifel ziehen,
daß gegenwärtig das Land sich allmählich vergrößert. Bei Cumana wurde im
Jahr 1791 eine Batterie, die sogenannte Bocca, dicht am Meer gebaut, im
Jahr 1799 sahen wir sie weit im Lande liegen. An der Mündung des Rio
Nevari, beim Morro de Nueva Barcelona, zieht sich das Meer noch rascher
zurück. Diese lokale Erscheinung rührt wahrscheinlich von Anschwemmungen
her, deren Zunahmeverhältnisse noch nicht gehörig beobachtet sind.
Geht man von der Sierra de Meapire, welche die Landenge zwischen den
Ebenen von San Bonifacio und von Cariaco bildet, herab, so kommt man gegen
Ost an den großen Putacuao, der mit dem Rio Areo in Verbindung steht und
4–5 Meilen breit ist. Das Gebirgsland um dieses Becken ist nur den
Eingeborenen bekannt. Hier kommen die großen Boas vor, welche die
Chaymas-Indianer *Guainas* nennen, und denen sie einen Stachel unter dem
Schwanz andichten. Geht man von der Sierra Meapire nach West hinunter, so
betritt man zuerst einen »hohlen Boden« (_tierra hueca_), der bei dem
großen Erdbeben des Jahres 1766 in zähes Erdöl gehüllten Asphalt auswarf;
weiterhin sieht man eine Unzahl warmer, schwefelwasserstoffhaltiger
Quellen aus dem Boden brechen, und endlich kommt man zum See Campoma,
dessen Ausdünstungen zum Theil die Ungesundheit des Klimas von Cariaco
veranlassen. Die Eingeborenen glauben, der Boden sey deßhalb hohl, weil
die warmen Wasser sich hier aufgestaut haben, und nach dem Schall des
Hufschlags scheinen sich die unterirdischen Höhlungen von West nach Ost
bis Casanay, drei bis viertausend Toisen weit zu erstrecken. Ein Flüßchen,
der Rio Azul, läuft durch diese Ebenen. Sie sind zerklüftet in Folge von
Erdbeben, die hier einen besondern Herd haben und sich selten bis Cumana
fortpflanzen. Das Wasser des Rio Azul ist kalt und hell; er entspringt am
westlichen Abhang des Meapire, und man glaubt, er sey deßhalb so stark,
weil das Gewässer des Putacuao-Sees auf der andern Seite des Gebirgszugs
durchsickere. Das Flüßchen und die schwefelwasserstoffhaltigen Quellen
ergießen sich zusammen in die Laguna de Campoma. So heißt ein weites
Sumpfland, das in der trockenen Jahreszeit in drei Becken zerfällt, die
nordwestlich von der Stadt Cariaco am Ende des Meerbusens liegen.
Uebelriechende Dünste steigen fortwährend vom stehenden Sumpfwasser auf.
Sie riechen nach Schwefelwasserstoff und zugleich nach faulen Fischen und
zersetzten Vegetabilien.
Die Miasmen bilden sich im Thale von Cariaco gerade wie in der römischen
Campagna; aber durch die tropische Hitze wird ihre verderbliche Kraft
gesteigert. Durch die Lage der Laguna von Campoma wird der Nordwest, der
sehr oft nach Sonnenuntergang weht, den Einwohnern der kleinen Stadt
Cariaco höchst gefährlich. Sein Einfluß unterliegt desto weniger einem
Zweifel, da die Wechselfieber dem Sumpfe zu, der der Hauptherd der faulen
Miasmen ist, immer häufiger in Nervenfieber übergehen. Ganze Familien
freier Neger, die an der Nordküste des Meerbusens von Cariaco kleine
Pflanzungen besitzen, liegen mit Eintritt der Regenzeit siech in ihren
Hängematten. Diese Fieber nehmen den Charakter remittirender bösartiger
Fieber an, wenn man sich, erschöpft von langer Arbeit und starker
Hautansdünstung, dem feinen Regen aussetzt, der gegen Abend häufig fällt.
Die Farbigen, besonders aber die Creolenneger, widerstehen den
klimatischen Einflüssen mehr als irgend ein anderer Menschenschlag. Man
behandelt die Kranken mit Limonade, mit dem Aufguß von _Scoparia dulcis_,
selten mit Euspare, das heißt mit der Chinarinde von Angostura.
Im Ganzen ist bei den Epidemien in Cariaco die Sterblichkeit geringer, als
man erwarten sollte. Wenn das Wechselfieber mehrere Jahre hinter einander
einen Menschen befällt, so greift es den Körper stark an und bringt ihn
herunter; aber dieser Schwächezustand, der in ungesunden Gegenden so
häufig vorkommt, führt nicht zum Tode. Auch ist es merkwürdig, daß hier,
wie in der römischen Campagna, der Glaube herrscht, die Luft sey in dem
Maße ungesunder geworden, je mehr Morgen Landes man urbar gemacht. Die
Miasmen, die diesen Ebenen entsteigen, haben indessen nichts gemein mit
jenen, die sich bilden, wenn man einen Wald niederschlägt und nun die
Sonne eine dicke Schicht abgestorbenen Laubs erhitzt; bei Cariaco ist das
Land kahl und sehr sparsam bewaldet. Soll man glauben, daß frisch
ausgewählte und vom Regen durchfeuchtete Dammerde die Luft mehr verderbt
als der dichte Pflanzenfilz, der einen nicht bebauten Boden bedeckt? Zu
diesen örtlichen Ursachen kommen andere, weniger zweifelhafte. Das nahe
Meeresufer ist mit Manglebäumen, Avicennien und andern Baumarten mit
adstringirender Rinde bedeckt. Alle Tropenbewohner sind mit den
schädlichen Ausdünstungen dieser Gewächse bekannt, und man fürchtet sie
desto mehr, wenn Wurzeln und Stamm nicht immer unter Wasser stehen,
sondern abwechselnd naß und von der Sonne erhitzt werden. Die Manglebäume
erzeugen Miasmen, weil sie, wie ich anderswo gezeigt habe, einen
thierisch-vegetabilischen, an Gerbstoff gebundenen Stoff enthalten. Man
behauptet, der Kanal, durch den die Laguna de Campoma mit dem Meer
zusammenhängt, ließe sich leicht erweitern und so dem stehenden Wasser ein
Abfluß verschaffen. Die freien Neger, die das Sumpfland häufig betreten,
versichern sogar, der Durchstich brauchte gar nicht tief zu seyn, da das
kalte, klare Wasser des Rio Azul sich auf dem Boden des Sees befindet und
man beim Nachgraben aus den untern Schichten trinkbares, geruchloses
Wasser erhält.
Die Stadt Cariaco ist mehreremale von den Caraiben verheert worden. Die
Bevölkerung hat rasch zugenommen, seit die Provinzialbehörden, den
Verboten des Madrider Hofs zuwider, nicht selten dem Handel mit fremden
Colonien Vorschub geleistet haben. Sie hat sich in zehn Jahren verdoppelt
und betrug im Jahr 1800 über 6000 Seelen. Die Einwohner treiben sehr
fleißig Baumwollenbau; die Baumwolle ist sehr schön und es werden mehr als
10,000 Centner erzeugt. Die leeren Hülsen der Baumwolle werden sorgsam
verbrannt; wirft man sie in den Fluß, wo sie faulen, so erzeugen sie
Ausdünstungen, die man für schädlich hält. Der Bau des Cacaobaums hat in
letzter Zeit sehr abgenommen. Dieser köstliche Baum trägt erst im achten
bis zehnten Jahr. Die Frucht ist schwer in Magazinen aufzubewahren, und
nach Jahresfrist »geht sie an,« wenn sie noch so sorgfältig getrocknet
worden ist. Dieser Nachtheil ist für den Colonisten von großem Belang. Auf
diesen Küsten ist je nach der Laune eines Ministeriums und dem mehr oder
minder kräftigen Widerstand der Statthalter der Handel mit den Neutralen
bald verboten, bald mit gewissen Beschränkungen gestattet. Die Nachfrage
nach einer Waare und die Preise, die sich nach der Nachfrage bestimmen,
unterliegen daher dem raschesten Wechsel. Der Colonist kann sich diese
Schwankungen nicht zu Nutze machen, weil sich der Cacao in den Magazinen
nicht hält. Die alten Cacaostämme, die meist nur bis zum vierzigsten Jahre
tragen, sind daher nicht durch junge ersetzt worden. Im Jahr 1792 zählte
man ihrer noch 254,000 im Thal von Cariaco und am Ufer des Meerbusens.
Gegenwärtig zieht man andere Culturzweige vor, welche gleich im ersten
Jahr einen Ertrag liefern, und deren Produkte nicht nur nicht so lange aus
sich warten lassen, sondern auch leichter aufzubewahren sind. Solche sind
Baumwolle und Zucker, die nicht der Verderbniß unterliegen wie der Cacao
und sich aufbewahren lassen, so daß man sie im günstigsten Zeitpunkt
losschlagen kann. Die Umwandlungen, die in Folge der fortschreitenden
Cultur und des Verkehrs mit Fremden Sitten und Charakter der
Küstenbewohner erlitten, haben anuch bestimmend mitgewirkt, wenn sie jetzt
diesem und jenem Culturzweig den Vorzug geben. Jenes Maß in der sinnlichen
Begierde, jene Geduld, die lange warten kann, jene Gemüthsruhe, welche die
trübselige Eintönigkeit des einsamen Lebens ertragen läßt, verschwinden
nach und nach aus dem Charakter der Hispano-Amerikaner. Sie werden
unternehmender, leichtsinniger, beweglicher und werfen sich mehr auf
Unternehmungen, die einen raschen Ertrag geben.
Nur im Innern der Provinz, ostwärts von der Sierra de Meapire, auf dem
unbebauten Boden von Carupano an durch das Thal San Bonifacio bis zum
Meerbusen von Paria entstehen neue Cacaopflanzungen. Sie werden dort desto
einträglicher, je mehr die Luft über dem frisch urbar gemachten, von
Wäldern umgebenen Land stockt, je mehr sie mit Wasser und mephitischen
Dünsten geschwängert ist. Hier leben Familienväter, welche, treu den alten
Sitten der Colonisten, sich und ihren Kindern langsam, aber sicher
Wohlstand erarbeiten. Sie behelfen sich bei ihrer mühsamen Arbeit mit
einem einzigen Sklaven; sie brechen mit eigener Hand den Boden um, ziehen
die jungen Cacaobäume im Schatten der Erythrina und der Bananenbäume,
beschneiden den erwachsenen Baum, vertilgen die Massen von Würmern und
Insekten, welche Rinde, Blätter und Blüthen anfallen, legen Abzugsgräben
an, und unterziehen sich sieben, acht Jahre lang einem elenden Leben, bis
der Cacaobaum anfängt Ernten zu liefern. Dreißig tausend Stämme sichern
den Wohlstand einer Familie auf anderthalb Generationen. Wenn durch die
Baumwolle und den Kaffee der Bau des Cacao in der Provinz Caracas und im
kleinen Thale von Cariaco beschränkt worden ist, so hat dagegen letzterer
Zweig der Colonialindustrie im Innern der Provinzen Neubarcelona und
Cumana zugenommen. Warum die Cacaopflanzungen sich von West nach Ost mehr
und mehr ausbreiten, ist leicht einzusehen. Die Provinz Caracas ist die am
frühesten bebaute; je länger aber ein Land urbar gemacht ist, desto
baumloser wird es in der heißen Zone, desto dürrer, desto mehr den Winden
ausgesetzt. Dieser Wechsel in der äußern Natur ist dem Gedeihen des
Cacaobaums hinderlich, und deßhalb gehen die Pflanzungen in der Provinz
Caracas ein und häufen sich dafür westwärts auf unberührtem, erst kürzlich
urbar gemachtem Boden. Die Provinz Neu-Andalusien allein erzeugte im
Jahr 1799 18,000–20,000 Fanegas Cacao (zu 40 Piastern die Fanega in
Friedenszeiten), wovon 5000 nach der Insel Trinidad geschmuggelt wurden.
Der Cacao von Cumana ist ohne allen Vergleich besser als der von
Guayaquil.
Die in Cariaco herrschenden Fieber nöthigten uns zu unserem Bedauern,
unsern Aufenthalt daselbst abzukürzen. Da wir noch nicht recht
acclimatisirt waren, so riethen uns selbst die Colonisten, an die wir
empfohlen waren, uns auf den Weg zu machen. Wir lernten in der Stadt viele
Leute kennen, die durch eine gewisse Leichtigkeit des Benehmens, durch
umfassenderen Ideenkreis und, darf ich hinzusetzen, durch entschiedene
Vorliebe für die Regierungssorm der Vereinigten Staaten verriethen, daß
sie viel mit dem Ausland in Verkehr gestanden. Hier hörten wir zum
erstenmal in diesem Himmelsstriche die Namen Franklin und Washington mit
Begeisterung aussprechen. Neben dem Ausdruck dieser Begeisterung bekamen
wir Klagen zu hören über den gegenwärtigen Zustand von Neu-Andalusien,
Schilderungen, oft übertriebene, des natürlichen Reichthums des Landes,
leidenschaftliche, ungeduldige Wünsche für eine bessere Zukunft. Diese
Stimmung mußte einem Reisenden ausfallen, der unmittelbarer Zeuge der
großen politischen Erschütterungen in Europa gewesen war. Noch gab sich
darin nichts Feindseliges, Gewaltsames, keine bestimmte Richtung zu
erkennen. Gedanken und Ausdruck hatten die Unsicherheit, die, bei den
Völkern wie beim Einzelnen, als ein Merkmal der halben Bildung, der
voreilig sich entwickeln den Kultur erscheint. Seit die Insel Trinidad
eine englische Colonie geworden ist, hat das ganze östliche Ende der
Provinz Cumana, zumal die Küste von Paria und der Meerbusen dieses Namens
ein ganz anderes Gesicht bekommen. Fremde haben sich da niedergelassen und
den Bau des Kaffeebaums, des Baumwollenstrauchs, des otaheitischen
Zuckerrohrs eingeführt. In Carupano, im schönen Thal des Rio Caribe, in
Guire und im neuen Flecken Punta de Pietro gegenüber dem Puerto d’Espana
auf Trinidad hat die Bevölkerung sehr stark zugenommen. Im _Golfo triste_
ist der Boden so fruchtbar, daß der Mais jährlich zwei Ernten und das
380ste Korn gibt. Die Vereinzelung der Niederlassungen hat dem Handel mit
fremden Colonien Vorschub geleistet, und seit dem Jahr 1797 ist eine
geistige Umwälzung eingetreten, die in ihren Folgen dem Mutterland noch
lange nicht verderblich geworden wäre, hätte nicht das Ministerium fort
und fort alle Interessen gekränkt, alle Wünsche mißachtet, Es gibt in den
Streitigkeiten der Colonien mit dem Mutterland, wie fast in allen
Volksbewegnngen, einen Moment, wo die Regierungen, wenn sie nicht über den
Gang der menschlichen Dinge völlig verblendet sind, durch kluge,
fürsichtige Mäßigung das Gleichgewicht herstellen und den Sturm beschwören
können. Lassen sie diesen Zeitpunkt vorübergehen, glauben sie durch
physische Gewalt eine moralische Bewegung niederschlagen zu können, so
gehen die Ereignisse unaufhaltsam ihren Gang und die Trennung der Colonien
erfolgt mit desto verderblicherer Gewaltsamkeit, wenn das Mutterland
während des Streits seine Monopole und seine frühere Gewalt wieder eine
Zeitlang hatte aufrecht erhalten können.
Wir schifften uns Morgens sehr früh ein, in der Hoffnung, die Ueberfahrt
über den Meerbusen von Cariaco in Einem Tage machen zu können. Das Meer
ist hier nicht unruhiger als unsere großen Landseen, wenn sie vom Winde
sanft bewegt werden. Es sind vom Landungsplatz nach Cumana nur zwölf
Seemeilen. Als wir die kleine Stadt Cariaco im Rücken hatten, gingen wir
westwärts am Flusse Carenicuar hin, der schnurgerade wie ein künstlicher
Kanal durch Gärten und Baumwollenpflanzungen läuft. Der ganze, etwas
sumpfige Boden ist aufs sorgsamste angebaut. Während unseres Aufenthalts
in Peru wurde hier auf trockeneren Stellen der Kaffeebau eingeführt. Wir
sahen am Flusse indianische Weiber ihr Zeug mit der Frucht des *Parapara*
(_Sapindus saponaria_) waschen. Feine Wäsche soll dadurch sehr mitgenommen
werden. Die Schale der Frucht gibt einen starken Schaum und die Frucht ist
so elastisch, daß sie, wenn man sie auf einen Stein wirft, drei, viermal
sieben bis acht Fuß hoch aufspringt. Da sie kugeligt ist, verfertigt man
Rosenkränze daraus.
Kaum waren wir zu Schiffe, so hatten wir mit widrigen Winden zu kämpfen.
Es regnete in Strömen und ein Gewitter brach in der Nähe aus. Schaaren von
Flamingos, Reihern und Cormorans zogen dem Ufer zu. Nur der Alcatras, eine
große Pelicanart, fischte ruhig mitten im Meerbusen weiter. Wir waren
unser achtzehn Passagiere, und auf der engen, mit Rohzucker,
Pisangbüscheln und Cocosnüssen überladenen Pirogue (Fancha) konnten wir
unsere Instrumente und Sammlungen kaum unterbringen. Der Rand des
Fahrzeugs stand kaum über Wasser. Der Meerbusen ist fast überall 45–50
Faden tief, aber am östlichen Ende bei Curaguaca findet das Senkblei fünf
Meilen weit nur 3–4 Faden. Hier liegt der Baxo de la Cotua, eine Sandbank,
die bei der Ebbe als Eiland über Wasser kommt. Die Piroguen, die
Lebensmittel nach Cumana bringeng stranden manchmal daran, aber immer ohne
Gefahr, weil die See hier niemals hoch geht und scholkt. Wir fuhren über
den Strich des Meerbusens, wo auf dem Boden der See heiße Quellen
entspringen. Es war gerade Fluth und daher der Temperaturwechsel weniger
merkbar; auch fuhr unsere Pirogue zu nahe an der Südküste hin. Man sieht
leicht, daß man Wasserschichten von verschiedener Temperatur antreffen
muß, je nachdem die See mehr oder minder tief ist, oder je nachdem die
Strömungen und der Wind die Mischung des warmen Quellwassers und des
Wassers des Golfs befördern. Diese heißen Quellen, die, wie behauptet
wird, auf 10,000–12,000 Quadrattoisen die Temperatur der See erhöhen, sind
eine sehr merkwürdige Erscheinung. Geht man vom Vorgebirge Paria westwärts
über Irapa, _Aguas calientes_, den Meerbusen von Cariaco, den Brigantin
und die Thäler von Aragua bis zu den Schneegebirgen von Merida, so findet
man auf einer Strecke von mehr als 150 Meilen eine ununterbrochene Reihe
von warmen Quellen.
Der widrige Wind und der Regen nöthigten uns bei Pericantral, einem
kleinen Hofe aus der Südküste des Meerbusens, zu landen. Diese ganze,
schön bewachsene Küste ist fast ganz unbebaut; man zählt kaum
700 Einwohner und außer dem Dorfe Mariguitar sieht man nichts als
Pflanzungen von Cocosbäumen, die die Oelbäume des Landes sind. Diese Palme
wächst in beiden Continenten in einer Zone, wo die mittlere
Jahrestemperatur nicht unter 20° beträgt. Sie ist, wie der Chamärops im
Becken des Mittelmeers, eine wahre »Küstenpalme.« Sie zieht Salzwasser dem
süßen Wasser vor und kommt im Innern des Landes, wo die Luft nicht mit
Salztheilchen geschwängert ist, lange nicht so gut fort als auf den
Küsten. Wenn man in Terra Firma oder in den Missionen am Orinoco
Cocosnußbäume weit von der See pflanzt, wirft man ein starkes Quantum
Salz, oft einen halben Scheffel, in das Loch, in das die Cocosnüsse gelegt
werden. Unter den Culturgewächsen haben nur noch das Zuckerrohr, der
Bananenbaum, der Mammei und der Avocatier, gleich dem Cocosnußbaum, die
Eigenschaft, daß sie mit süßem oder mit Salzwasser begossen werden können.
Dieser Umstand begünstigt ihre Verpflanzung, und das Zuckerrohr von der
Küste gibt zwar einen etwas salzigten Saft, derselbe eignet sich aber, wie
man glaubt, besser zur Branntweindestillation als der Saft aus dem
Binnenlande.
Im übrigen Amerika wird der Cocosnußbaum meist nur um die Höfe gepflanzt,
und zwar um der eßbaren Frucht willen; am Meerbusen von Cariaco dagegen
sieht man eigentliche Pflanzungen davon. Man spricht in Cumana von einer
_hacienda de coco_, wie von einer _hacienda de caña_ oder _cacao_. Auf
fruchtbarem, feuchtem Boden fängt der Cocosbaum im vierten Jahre an
reichlich Früchte zu tragen; auf dürrem Lande dagegen erhält man vor dem
zehnten Jahre keine Ernte. Der Baum dauert nicht über 80–100 Jahre aus,
und er ist dann im Durchschnitt 70–80 Fuß hoch. Dieses rasche Wachsthum
ist desto ausfallender, da andere Palmen, z. B. der Moriche (_Mauritia
flexuosa_) und die _Palma de Sombrero_ (_Coripha tectorum_), die sehr
lange leben, im sechzigsten Jahr oft erst 14–18 Fuß hoch sind. In den
ersten dreißig bis vierzig Jahren trägt am Meerbusen von Cariaco ein
Cocosbaum jeden Monat einen Büschel mit 10–14 Früchten, von denen jedoch
nicht alle reif werden. Man kann im Durchschnitt jährlich auf den Baum
100 Nüsse rechnen, die acht Flascos [Der Flasco zu 70–80 Pariser
Cubikzoll] Oel geben. Der Flasco gilt zwei einen halben Silberrealen oder
32 Sous. In der Provence gibt ein dreißigjähriger Oelbaum zwanzig Pfund
oder sieben Flascos Oel, also etwas weniger als der Cocosbaum. Es gibt im
Meerbusen von Cariaco Haciendas mit 8000–9000 Cocosbäumen; ihr malerischer
Anblick erinnert an die herrlichen Dattelpflanzungen bei Elche in Murcia,
wo auf einer Quadratmeile über 70,000 Palmstämme bei einander stehen. Der
Cocosbaum trägt nur bis zum dreißigsten bis vierzigsten Jahr reichlich,
dann nimmt der Ertrag ab und ein hundertjähriger Stamm ist zwar nicht ganz
unfruchtbar, bringt aber sehr wenig mehr ein. In der Stadt Cumana wird
sehr viel Cocosnußöl geschlagen; es ist klar, geruchlos und ein gutes
Brennmaterial. Der Handel damit ist so lebhaft als auf der Westküste von
Afrika der Handel mit Palmöl, das von _Elays guinneensis_ kommt. Dieses
ist ein Speiseöl. In Cumana sah ich mehr als einmal Piroguen ankommen, die
mit 3000 Cocosnüssen beladen waren. Ein Baum von gutem Ertrag gibt ein
jährliches Einkommen von 2½ Piastern (14 Francs 5 Sous), da aber auf den
_Haciendas de Coco_ Stämme von verschiedenem Alter durch einander stehen,
so wird bei Schätzungen durch Sachverständige das Kapital nur zu
4 Piastern angenommen.
Wir verließen den Hof Pericantral erst nach Sonnenuntergang. Die Südküste
des Meerbusens in ihrem reichen Pflanzenschmuck bietet den lachendsten
Anblick, die Nordküste dagegen ist felsigt, nackt und dürr. Trotz des
dürren Bodens und des seltenen Regens, der zuweilen fünfzehn Monate
ausbleibt, wachsen auf der Halbinsel Araya (wie in der Wüste Canound in
Indien) 30–50 Pfund schwere *Patillas* oder Wassermelonen. In der heißen
Zone ist die Luft etwa zu 9/10 mit Wasserdunst gesättigt und die
Vegetation erhält sich dadurch, daß die Blätter die wunderbare Eigenschaft
haben, das in der Luft aufgelöste Wasser einzusaugen. Wir hatten auf der
engen, überladenen Pirogue eine recht schlechte Nacht und befanden uns um
drei Uhr Morgens an der Mündung des Rio Manzanares. Wir waren seit
mehreren Wochen an den Anblick der Gebirge, an Gewitterhimmel und finstere
Wälder gewöhnt, und so fielen uns jetzt die Naturverhältnisse von Cumana,
der ewig heitere Himmel, der kahle Boden, die Masse des überall
zurückgeworfenen Lichtes doppelt auf.
Bei Sonnenaufgang sahen wir Tamurosgeier (_Vultur aura_) zu Vierzigen und
Fünfzigen auf den Cocosnußbäumen sitzen. Diese Vögel hocken zum Schlafen
in Reihen zusammen, wie die Hühner, und sie sind so träge, daß sie, lange
ehe die Sonne untergeht, aufsitzen und erst wieder erwachen, wenn ihre
Scheibe bereits über dem Horizont steht. Es ist, als ob die Bäume mit
gefiederten Blättern nicht minder träge wären. Die Mimosen und Tamarinden
schließen bei heiterem Himmel ihre Blätter 25–30 Minuten vor
Sonnenuntergang, und sie öffnen sie am Morgen erst, wenn die Scheibe
bereits eben so lang am Himmel steht. Da ich Sonnen-Auf- und Untergang
ziemlich regelmäßig beobachtete, um das Spiel der Luftspiegelung und der
irdischen Refraction zu verfolgen, so konnte ich auch die Erscheinungen
des Pflanzenschlafs fortwährend im Auge behalten. Ich fand sie gerade so
in den Steppen, wo der Blick aus den Horizont durch keine Unebenheit des
Bodens unterbrochen wird. Die sogenannten Sinnpflanzen und andere
Schotengewächse mit seinen, zarten Blättern empfinden, scheint es, da sie
den Tag über an ein sehr starkes Licht gewöhnt sind, Abends die geringste
Abnahme in der Stärke der Lichtstrahlen, so daß für diese Gewächse, dort
wie bei uns, die Nacht eintritt, bevor die Sonnenscheibe ganz verschwunden
ist. Aber wie kommt es, daß in einem Erdstriche, wo es fast keine
Dämmerung gibt, die ersten Sonnenstrahlen die Blätter nicht um so stärker
aufregen, da durch die Abwesenheit des Lichts ihre Reizbarkeit gesteigert
worden seyn muß? Läßt sich vielleicht annehmen, daß die Feuchtigkeit, die
sich durch die Erkaltung der Blätter in Folge der nächtlichen Strahlung
auf dem Parenchym niederschlägt, die Wirkung der ersten Sonnenstrahlen
hindert? In unsern Himmelsstrichen erwachen die Schotengewächse mit
reizbaren Blättern schon ehe die Sonne sich zeigt, in der Morgendämmerung.
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