Eine Allee von Perseabäumen führte uns zum Hospiz der aragonesischen
Kapuziner. Bei einem Kreuz aus Brasilholz mitten auf einem großen Platz
machten wir Halt. Das Kreuz ist von Bänken umgeben, wo die kranken und
schwachen Mönche ihren Rosenkranz beten. Das Kloster lehnt sich an eine
ungeheure, senkrechte, dicht bewachsene Felswand. Das blendend weiße
Gestein blickt nur hin und wieder hinter dem Laube vor. Man kann sich kaum
eine malerischere Lage denken; sie erinnerte mich lebhaft an die Thäler
der Grafschaft Derby und an die höhlenreichen Berge bei Muggendorf in
Franken. An die Stelle der europäischen Buchen und Ahorne treten hier die
großartigeren Gestalten der Ceiba und der Praga- und Irassepalmen.
Unzählige Quellen brechen aus den Bergwänden, die das Becken von Caripe
kreisförmig umgeben und deren gegen Süd steil abfallende Hänge tausend Fuß
hohe Profile bilden. Diese Quellen kommen meist aus Spalten oder engen
Schluchten hervor. Die Feuchtigkeit, die sie verbreiten, befördert das
Wachsthum der großen Bäume, und die Eingeborenen, welche einsame Orte
lieben, legen ihre *Conucos* längs dieser Schluchten an. Bananen und
Melonenbäume stehen hier um Gebüsche von Baumfarn. Dieses Durcheinander
von cultivirten und wilden Gewächsen gibt diesen Punkten einen
eigenthümlichen Reiz. An den nackten Bergseiten erkennt man die Stellen,
wo Quellen zu Tage kommen, schon von weitem an den dichten Massen von
Grün, die anfangs am Gestein zu hängen scheinen und sich dann den
Windungen der Bäche nach ins Thal hinunter ziehen.
Wir wurden von den Mönchen im Hospiz mit der größten Zuvorkommenheit
aufgenommen. Der Pater Gardian war nicht zu Hause; aber er war von unserem
Abgang von Cumana in Kenntniß gesetzt und hatte Alles aufgeboten, um uns
den Aufenthalt angenehm zu machen. Das Hospiz hat einen innern Hof mit
einem Kreuzgang, wie die spanischen Klöster. Dieser geschlossene Raum war
sehr bequem für uns, um unsere Instrumente unterzubringen und zu
beobachten. Wir trafen im Kloster zahlreiche Gesellschaft: junge, vor
Kurzem aus Europa angekommene Mönche sollten eben in die Missionen
vertheilt werden, während alte kränkliche Missionäre in der scharfen
gesunden Gebirgsluft von Caripe Genesung suchten. Ich wohnte in der Zelle
des Gardians, in der sich eine ziemlich ansehnliche Büchersammlung befand.
Ich fand hier zu meiner Ueberraschung neben Feijos _teatro critico_ und
den »erbaulichen Briefen« auch Abbé Nollets »_traité d’électricité_.« Der
Fortschritt in der geistigen Entwicklung ist, sollte man da meinen, sogar
in den Wäldern Amerikas zu spüren. Der jüngste Kapuziner von der letzten
Mission(53) hatte eine spanische Uebersetzung von Chaptals Chemie
mitgebracht. Er gedachte dieses Werk in der Einsamkeit zu studiren, in der
er fortan für seine übrige Lebenszeit sich selbst überlassen seyn sollte.
Ich glaube kaum, daß bei einem jungen Mönche, der einsam am Ufer des Rio
Tigre lebt, der Wissenstrieb wach und rege bleibt; aber so viel ist sicher
und gereicht dem Geist des Jahrhunderts zur Ehre, daß wir bei unserern
Aufenthalt in den Klöstern und Missionen Amerikas nie eine Spur von
Unduldsamkeit wahrgenommen haben. Die Mönche in Caripe wußten wohl, daß
ich im protestantischen Deutschland zu Hause war. Mit den Befehlen des
Madrider Hofes in der Hand, hatte ich keinen Grund, ihnen ein Geheimniß
daraus zu machen; aber niemals that irgend ein Zeichen von Mißtrauen,
irgend eine unbescheidene Frage, irgend ein Versuch, eine Controverse
anzuknüpfen, dem wohlthuenden Eindruck der Gastfreundschaft, welche die
Mönche mit so viel Herzlichkeit und Offenheit übten, auch nur den
geringsten Eintrag. Wir werden weiterhin untersuchen, woher diese
Duldsamkeit der Missionare rührt und wie weit sie geht.
Das Kloster liegt an einem Orte, der in alter Zeit Areocuar hieß. Seine
Meereshöhe ist ungefähr dieselbe wie die der Stadt Caracas oder des
bewohnten Strichs in den blauen Bergen von Jamaica. Auch ist die mittlere
Temperatur dieser drei Punkte, die alle unter den Tropen liegen, so
ziemlich dieselbe. In Caripe fühlt man das Bedürfniß, sich Nachts
zuzudecken, besonders bei Sonnenaufgang. Wir sahen den hunderttheiligen
Thermometer um Mitternacht zwischen 16 und 17½ Grad (12°,8–14 R.) stehen,
Morgens zwischen 19 und 20. Gegen ein Uhr Nachmittags stand er nur auf 21°
bis 22°,5. Es ist dieß eine Temperatur, bei der die Gewächse der heißen
Zone noch wohl gedeihen; gegenüber der übermäßigen Hitze auf den Ebenen
bei Cumana könnte man sie eine Frühlingstemperatur nennen. Das Wasser, das
man in porösen Thongesäßen dem Luftzug aussetzt, kühlt sich in Caripe
während der Nacht auf 13° ab. Ich brauche nicht zu bemerken, daß solches
Wasser einem fast eiskalt vorkommt, wenn man in Einem Tage entweder von
der Küste oder von den glühenden Savanen von Terezen ins Kloster kommt und
daher gewöhnt ist, Flußwasser zu trinken, das meist 25–26° (20–20°,8 R.)
warm ist.
Die mittlere Temperatur des Thals von Caripe scheint, nach der des Monats
September zu schließen, 18°,5 zu seyn. Nach den Beobachtungen, die man in
Cumana gemacht, weicht unter dieser Zone die Temperatur des Septembers von
der des ganzen Jahres kaum um einen halben Grad ab. Die mittlere
Temperatur von Caripe ist gleich der des Monats Juni zu Paris, wo übrigens
die größte Hitze 10 Grad mehr beträgt als an den heißesten Tagen in
Caripe. Da das Kloster nur 400 Toisen über dem Meere liegt, so fällt es
auf, wie rasch die Wärme von der Küste an abnimmt. Wegen der dichten
Wälder können die Sonnenstrahlen nicht vom Boden abprallen, und dieser ist
feucht und mit einem dicken Gras- und Moosfilz bedeckt. Bei anhaltend
nebligter Witterung ist von Sonnenwirkung ganze Tage lang nichts zu spüren
und gegen Einbruch der Nacht wehen frische Winde von der Sierra del
Guacharo ins Thal herunter.
Die Erfahrung hat ausgewiesen, daß das gemäßigte Klima und die leichte
Luft des Orts dem Anbau des Kaffeebaums, der bekanntlich hohe Lagen liebt,
sehr förderlich sind. Der Superior der Kapuziner, ein thätiger,
aufgeklärter Mann, hat in seiner Provinz diesen neuen Kulturzweig
eingeführt. Man baute früher Indigo in Caripe, aber die Pflanze, die
starke Hitze verlangt, lieferte hier so wenig Farbstoff, daß man es
aufgab. Wir fanden im Gemeinde-Conuco viele Küchenkräuter, Mais,
Zuckerrohr und fünftausend Kaffeestämme, die eine reiche Ernte
versprachen. Die Mönche hofften in wenigen Jahren ihrer dreimal so viel zu
haben. Man sieht auch hier wieder, wie die geistliche Hierarchie überall,
wo sie es mit den Anfängen der Cultur zu thun hat, in derselben Richtung
ihre Thätigkeit entwickelt. Wo die Klöster es noch nicht zum Reichthum
gebracht haben, auf dem neuen Continent wie in Gallien, in Syrien wie im
nördlichen Europa, überall wirken sie höchst vortheilhaft auf die
Urbarmachung des Bodens und die Einführung fremdländischer Gewächse. In
Caripe stellt sich der Gemeinde-Conuco als ein großer schöner Garten dar.
Die Eingeborenen sind gehalten, jeden Morgen von sechs bis zehn Uhr darin
zu arbeiten. Die Alcaden und Alguazils von indianischem Blut führen dabei
die Aufsicht. Es sind das die hohen Staatsbeamten, die allein einen Stock
tragen dürfen und vom Superior des Klosters angestellt werden. Sie legen
auf jenes Recht sehr großes Gewicht. Ihr pedantischer, schweigsamer Ernst,
ihre kalte, geheimnißvolle Miene, der Eifer, mit dem sie in der Kirche und
bei den Gemeindeversammlungen repräsentiren, kommt den Europäern höchst
lustig vor. Wir waren an diese Züge im Charakter des Indianers noch nicht
gewöhnt, fanden sie aber später gerade so am Orinoco, in Mexico und Peru
bei Völkern von sehr verschiedenen Sitten und Sprachen. Die Alcaden kamen
alle Tage ins Kloster, nicht sowohl um mit den Mönchen über
Angelegenheiten der Mission zu verhandeln, als unter dem Vorwand, sich
nach dem Befinden der kürzlich angekommenen Reisenden zu erkundigen. Da
wir ihnen Branntwein gaben, wurden die Besuche häufiger, als die
Geistlichen gerne sahen.
So lange wir uns in Caripe und in den andern Missionen der Chaymas
aufhielten, sahen wir die Indianer überall milde behandeln. Im Allgemeinen
schien uns in den Missionen der aragonesischen Kapuziner grundsätzlich
eine Ordnung und eine Zucht zu herrschen, wie sie leider in der neuen Welt
selten zu finden sind. Mißbräuche, die mit dem allgemeinen Geist aller
klösterlichen Anstalten zusammenhängen, dürfen dem einzelnen Orden nicht
zur Last gelegt werden. Der Gardian des Klosters Verkauft den Ertrag des
Gemeinde-Conuco, und da alle Indianer darin arbeiten, so haben auch alle
gleichen Theil am Gewinn. Mais, Kleidungsstücke, Ackergeräthe, und, wie
man versichert, zuweilen auch Geld werden unter ihnen vertheilt. Diese
Mönchsanstalten haben, wie ich schon oben bemerkt, Aehnlichkeit mit den
Gemeinden der mährischen Brüder; sie fördern die Entwicklung in der
Bildung begriffener Menschenvereine, und in den katholischen Gemeinden,
die man Missionen nennt, wird die Unabhängigkeit der Familien und die
Selbstständigkeit der Genossenschaftsglieder mehr geachtet, als in den
protestantischen Gemeinden nach Zinzendorfs Regel.
Am berühmtesten ist das Thal von Caripe, neben der ausnehmenden Kühle des
Klimas, durch die große *Cueva* oder Höhle des *Guacharo*. In einem Lande,
wo man so großen Hang zum Wunderbaren hat, ist eine Höhle, aus der ein
Strom entspringt und in der Tausende von Nachtvögeln leben, mit deren Fett
man in den Missionen kocht, natürlich ein unerschöpflicher Gegenstand der
Unterhaltung und des Streits. Kaum hat daher der Fremde in Cumana den Fuß
ans Land gesetzt, so hört er zum Ueberdruß vom Augenstein von Araya, vom
Landmann in Arenas, der sein Kind gesäugt, und von der Höhle des Guacharo,
die mehrere Meilen lang seyn soll. Lebhafte Theilnahme an
Naturmerkwürdigkeiten erhält sich überall, wo in der Gesellschaft kein
Leben ist, wo in trübseliger Eintönigkeit die alltäglichen Vorkommnisse
sich ablösen, bei denen die Neugierde keine Nahrung findet.
Die Höhle, welche die Einwohner eine »Fettgrube« nennen, liegt nicht im
Thal von Caripe selbst, sondern drei kleine Meilen vom Kloster gegen
West-Süd-West. Sie mündet in einem Seitenthale aus, das der *Sierra des
Guacharo* zuläuft. Am 18. September brachen wir nach der Sierra auf,
begleitet von den indianischen Alcaden und den meisten Ordensmännern des
Klosters. Ein schmaler Pfad führte zuerst anderthalb Stunden lang südwärts
über eine lachende, schön beraste Ebene, dann wandten wir uns westwärts an
einem kleinen Flusse hinauf, der aus der Höhle hervorkommt. Man geht drei
Viertelstunden lang aufwärts bald im Wasser, das nicht tief ist, bald
zwischen dem Fluß und einer Felswand, auf sehr schlüpfrigem, morastigem
Boden. Zahlreiche Erdfälle, umherliegende Baumstämme, über welche die
Maulthiere nur schwer hinüber kommen, die Rankengewächse am Boden machen
dieses Stück des Weges sehr ermüdend. Wir waren überrascht, hier, kaum
500 Toisen über dem Meere, eine Kreuzblüthe zu finden, den _Raphanus
pinnatus_. Man weiß, wie selten Arten dieser Familie unter den Tropen
sind; sie haben gleichsam einen *nordischen Typus*, und auf diesen waren
wir hier auf dem Plateau von Caripe, in so geringer Meereshöhe, nicht
gefaßt.
Wenn man am Fuß des hohen Guacharoberges nur noch vierhundert Schritte von
der Höhle entfernt ist, sieht man den Eingang noch nicht. Der Bach läuft
durch eine Schlucht, die das Wasser eingegraben, und man geht unter einem
Felsenüberhang, so daß man den Himmel gar nicht sieht. Der Weg schlängelt
sich mit dem Fluß und bei der letzten Biegung steht man auf einmal vor der
ungeheuren Mündung der Höhle. Der Anblick hat etwas Großartiges selbst für
Augen, die mit der malerischen Scenerie der Hochalpen vertraut sind. Ich
hatte damals die Höhlen am Pic von Derbyshire gesehen, wo man, in einem
Rachen ausgestreckt, unter einem zwei Fuß hohen Gewölbe über einen
unterirdischen Fluß setzt. Ich hatte die schöne Höhle von Treshemienshiz
in den Karpathen befahren, ferner die Höhlen im Harz und in Franken, die
große Grabstätten sind für die Gebeine von Tigern, Hyänen und Bären, die
so groß waren, wie unsere Pferde. Die Natur gehorcht unter allen Zonen
unabänderlichen Gesetzen in der Vertheilung der Gebirgsarten, in der
äußeren Gestaltung der Berge, selbst in den gewaltsamen Veränderungen,
welche die äußere Rinde unseres Planeten erlitten hat. Nach dieser großen
Einförmigkeit konnte ich glauben, die Höhle von Caripe werde im Aussehen
von dem, was ich der Art auf meinen früheren Reisen beobachtet, eben nicht
sehr abweichen; aber die Wirklichkeit übertraf meine Erwartung weit. Wenn
einerseits alle Höhlen nach ihrer ganzen Bildung, durch den Glanz der
Stalaktiten, in allem, was die unorganisches Natur betrifft, auffallende
Aehnlichkeit mit einander haben, so gibt andererseits der großartige
tropische Pflanzenwuchs der Mündung eines solchen Erdlochs einen ganz
eigenen Charakter.
Die Cueva del Guacharo öffnet sich im senkrechten Profil eines Felsen. Der
Eingang ist nach Süd gekehrt; es ist eine Wölbung achtzig Fuß breit und
siebzig hoch, also bis auf ein Fünftheil so hoch als die Colonnade des
Louvre. Auf dem Fels über der Grotte stehen riesenhafte Bäume. Der Mamei
und der Genipabaum mit breiten glänzenden Blättern strecken ihre Aeste
gerade gen Himmel, während die des Courbaril und der Erythrina sich
ausbreiten und ein dichtes grünes Gewölbe bilden. Pothos mit saftigen
Stengeln, Oxalis und Orchideen von seltsamem Bau [Ein _Dendrobium_ mit
goldgelber, schwarzgefleckter, drei Zoll langer Blüthe] wachsen in den
dürrsten Felsspalten, während vom Winde geschaukelte Rankengewächse sich
vor dem Eingang der Höhle zu Gewinden verschlingen. Wir sahen in diesen
Blumengewinden eine violette Bignonie, das purpurfarbige Dolichos und zum
erstenmal die prachtvolle Solandra, deren orangegelbe Blüthe eine über
vier Zoll lange fleischige Röhre hat. Es ist mit dem Eingang der Höhlen,
wie mit der Ansicht der Wasserfälle; der Hauptreiz besteht in der mehr
oder weniger großartigen Umgebung, die den Charakter der Landschaft
bestimmt. Welcher Contrast zwischen der Cueva de Caripe und den Höhlen im
Norden, die von Eichen und düstern Lerchen beschattet sind!
Aber diese Pflanzenpracht schmückt nicht allein die Außenseite des
Gewölbes, sie dringt sogar in den Vorhof der Höhle ein. Mit Erstaunen
sahen wir, daß achtzehn Fuß hohe prächtige Heliconien mit Pisangblättern,
Pragapalmen und baumartige Arumarten die Ufer des Baches bis unter die
Erde säumten. Die Vegetation zieht sich in die Höhle von Caripe hinein,
wie in die tiefen Felsspalten in den Anden, in denen nur ein Dämmerlicht
herrscht, und sie hört erst 30–40 Schritte vom Eingang auf. Wir maßen den
Weg mittelst eines Stricks und waren gegen vier hundert dreißig Fuß weit
gegangen, ehe wir nöthig hatten die Fackeln anzuzünden. Das Tageslicht
dringt so weit ein, weil die Höhle nur Einen Gang bildet, der sich in
derselben Richtung von Südost nach Nordwest hineinzieht. Da wo das Licht
zu verschwinden anfängt, hört man das heisere Geschrei der Nachtvögel,
die, wie die Eingeborenen glauben, nur in diesen unterirdischen Räumen zu
Hause sind.
Der Guacharo hat die Größe unserer Hühner, die Stimme der Ziegenmelker und
Procnias, die Gestalt der geierartigen Vögel mit Büscheln steifer Seide um
den krummen Schnabel. Streicht man nach Cuvier die Ordnung der _Picae_
(Spechte), so ist dieser merkwürdige Vogel unter die _Passeres_ stellen,
deren Gattungen fast unmerklich in einander übergehen. Ich habe ihn im
zweiten Band meiner _Observations de zoologie et d’anatomie comparée_ in
einer eigenen Abhandlung unter dem Namen _Steatornis_ (Fettvogel)
beschrieben. Er bildet eine neue Gattung, die sich von _Caprimulgus_ durch
den Umfang der Stimme, durch den ausnehmend starken mit einem doppelten
Zahn versehenen Schnabel, durch den Mangel der Haut zwischen den vorderen
Zehengliedern wesentlich unterscheidet. In der Lebensweise kommt er sowohl
den Ziegenmelkern als den Alpenkrähen [_Corvus Pyrrhocorax_] nahe. Sein
Gefieder ist dunkel graublau, mit kleinen schwarzen Streifen und Tupfen;
Kopf, Flügel und Schwanz zeigen große, weiße, herzförmige, schwarz
gesäumte Flecken. Die Augen des Vogels können das Tageslicht nicht
ertragen, sie sind blau und kleiner als bei den Ziegenmelkern. Die Flügel
haben 17–18 Schwungfedern und ihre Spannung beträgt 3½ Fuß. Der Guacharo
verläßt die Höhle bei Einbruch der Nacht, besonders bei Mondschein. Es ist
so ziemlich der einzige körnerfressende Nachtvogel, den wir bis jetzt
kennen; schon der Bau seiner Füße zeigt, daß er nicht jagt wie unsere
Eulen. Er frißt sehr harte Samen, wie der Nußheher (_Corvus
cariocatactes_) und der _Pyrrhocorax_. Letzterer nistet auch in
Felsspalten und heißt der »Nachtrabe.« Die Indianer behaupten, der
Guacharo gehe weder Insekten aus der Ordnung der Lamellicornia (Käfern),
noch Nachtschmetterlingen nach, von denen die Ziegenmelker sich nähren.
Man darf nur die Schnäbel des Guacharo und des Ziegenmelkers vergleichen,
um zu sehen, daß ihre Lebensweise ganz verschieden seyn muß.
Schwer macht man sich einen Begriff vom furchtbaren Lärm, den Tausende
dieser Vögel im dunkeln Innern der Höhle machen. Er läßt sich nur mit dem
Geschrei unserer Krähen vergleichen, die in den nordischen Tannenwäldern
gesellig leben und auf Bäumen nisten, deren Gipfel einander berühren. Das
gellende durchdringende Geschrei der Guacharos hallt wider vom Felsgewölbe
und aus der Tiefe der Höhle kommt es als Echo zurück. Die Indianer zeigten
uns die Nester der Vögel, indem sie Fackeln an eine lange Stange banden.
Sie stacken 60–70 Fuß hoch über unsern Köpfen in trichterförmigen Löchern,
von denen die Decke wimmelt. Je tiefer man in die Höhle hinein kommt, je
mehr Vögel das Licht der Copalfackeln aufscheucht, desto stärker wird der
Lärm. Wurde es ein paar Minuten ruhiger um uns her, so erschallte von
weither das Klaggeschrei der Vögel, die in andern Zweigen der Höhle
nisteten. Die Banden lösten einander im Schreien ordentlich ab.
Jedes Jahr um Johannistag gehen die Indianer mit Stangen in die Cueva del
Guacharo und zerstören die meisten Nester. Man schlägt jedesmal mehrere
tausend Vögel todt, wobei die Alten, als wollten sie ihre Brut
vertheidigen, mit furchtbarem Geschrei den Indianern um die Köpfe fliegen.
Die Jungen, die zu Boden fallen, werden auf der Stelle ausgeweidet. Ihr
Bauchfell ist stark mit Fett durchwachsen, und eine Fettschicht läuft vom
Unterleib zum After und bildet zwischen den Beinen des Vogels eine Art
Knopf. Daß körnerfressende Vögel, die dem Tageslicht nicht ausgesetzt sind
und ihre Muskeln wenig brauchen, so fett werden, erinnert an die uralten
Erfahrungen beim Mästen der Gänse und des Viehs. Man weiß, wie sehr
dasselbe durch Dunkelheit und Ruhe befördert wird. Die europäischen
Nachtvögel sind mager, weil sie nicht wie der Guacharo von Früchten,
sondern vom dürftigen Ertrag ihrer Jagd leben. Zur Zeit der »Fetternte«
(_cosecha de la manteca_), wie man es in Caripe nennt, bauen sich die
Indianer aus Palmblättern Hütten am Eingang und im Vorhof der Höhle. Wir
sahen noch Ueberbleibsel derselben. Hier läßt man das Fett der jungen,
frisch getödteten Vögel am Feuer aus und gießt es in Thongefässe. Dieses
Fett ist unter dem Namen Guacharoschmalz oder Oel (_manteca_ oder
_aceite_) bekannt; es ist halbflüssig, hell und geruchlos. Es ist so rein,
daß man es länger als ein Jahr aufbewahren kann, ohne daß es ranzig wird.
In der Klösterküche zu Caripe wurde kein anderes Fett gebraucht als das
aus der Höhle, und wir haben nicht bemerkt, daß die Speisen irgend einen
unangenehmen Geruch oder Geschmack davon bekämen.
Die Menge des gewonnenen Oels steht mit dem Gemetzel, das die Indianer
alle Jahre in der Höhle anrichten, in keinem Verhältniß. Man bekommt,
scheint es, nicht mehr als 150 bis 160 Flaschen (zu 44 Kubikzoll) ganz
reine Manteca; das übrige weniger helle wird in großen irdenen Gefässen
aufbewahrt. Dieser Industriezweig der Eingeborenen erinnert an das Sammeln
des Taubenfetts [Das _pigeon oil_ kommt von der Wandertaube, _Columba
migratoria_.] in Carolina, von dem früher mehrere tausend Fässer gewonnen
wurden. Der Gebrauch des Guacharofetts ist in Caripe uralt und die
Missionare haben nur die Gewinnungsart geregelt. Die Mitglieder einer
indianischen Familie Namens Morocoymas behaupten von den ersten Ansiedlern
im Thale abzustammen und als solche rechtmäßige Eigenthümer der Höhle zu
seyn; sie beanspruchen das Monopol des Fetts, aber in Folge der
Klosterzucht sind ihre Rechte gegenwärtig nur noch Ehrenrechte. Nach dem
System der Missionare haben die Indianer Guacharoöl für das ewige
Kirchenlicht zu liefern; das Uebrige, so behauptet man, wird ihnen
abgekauft. Wir erlauben uns kein Urtheil weder über die Rechtsansprüche
der Morocoymas, noch über den Ursprung der von den Mönchen den Indianern
auferlegten Verpflichtung. Es erschiene natürlich, daß der Ertrag der Jagd
denen gehörte, die sie anstellen; aber in den Wäldern der neuen Welt, wie
im Schooße der europäischen Cultur, bestimmt sich das öffentliche Recht
darnach, wie sich das Verhaltniß zwischen dem Starken und dem Schwachen,
zwischen dem Eroberer und dem Unterworfenen gestaltet.
Das Geschlecht der Guacharos ware längst ausgerottet, wenn nicht mehrere
Umstände zur Erhaltung desselben zusammenwirkten. Aus Aberglauben wagen
sich die Indianer selten weit in die Höhle hinein. Auch scheint derselbe
Vogel in benachbarten, aber dem Menschen unzugänglichen Höhlen zu nisten.
Vielleicht bevölkert sich die große Höhle immer wieder mit Colonien,
welche aus jenen kleinen Erdlöchern ausziehen; denn die Missionäre
versicherten uns, bis jetzt habe die Menge der Vögel nicht merkbar
abgenommen. Man hat junge Guacharos in den Hafen von Cumana gebracht; sie
lebten da mehrere Tage, ohne zu fressen, da die Körner, die man ihnen gab,
ihnen nicht zusagten. Wenn man in der Höhle den jungen Vögeln Kropf und
Magen ausschneidet, findet man mancherlei harte, trockene Samen darin, die
unter dem seltsamen Namen »Guacharosamen« (_semilla del Guacharo_) ein
vielberufenes Mittel gegen Wechselfieber sind. Die Alten bringen diese
Samen den Jungen zu. Man sammelt sie sorgfältig und läßt sie den Kranken
in Cariaco und andern tief gelegenen Fieberstrichen zukommen.
Wir gingen in die Höhle hinein und am Bache fort, der daraus entspringt.
Derselbe ist 28–30 Fuß breit. Man verfolgt das Ufer, so lange die Hügel
aus Kalkincrustationen dieß gestatten; oft, wenn sich der Bach zwischen
sehr hohen Stalaktitenmassen durchschlängelt, muß man in das Bette selbst
hinunter, das nur zwei Fuß tief ist. Wir hörten zu unserer Ueberraschung,
diese unterirdische Wasserader sey die Quelle des Rio Caripe, der wenige
Meilen davon, nach seiner Vereinigung mit dem kleinen Rio de Santa Maria,
für Piroguen schiffbar wird. Am Ufer des unterirdischen Baches fanden wir
eine Menge Palmholz; es sind Ueberbleibsel der Stämme, auf denen die
Indianer zu den Vogelnestern an der Decke der Höhle hinaufsteigen. Die von
den Narben der alten Blattstiele gebildeten Ringe dienen gleichsam als
Sprossen einer aufrecht stehenden Leiter.
Die Höhle von Caripe behält, genau gemessen, auf 472 Meter oder 1458 Fuß
dieselbe Richtung, dieselbe Breite und die anfängliche Höhe von 60–70 Fuß.
Ich kenne auf beiden Continenten keine zweite Höhle von so gleichförmiger,
regelmäßiger Gestalt. Wir hatten viele Mühe, die Indianer zu bewegen, daß
sie über das vordere Stück hinausgingen, das sie allein jährlich zum
Fettsammeln besuchen. Es brauchte das ganze Ansehen der Patres, um sie bis
zu der Stelle zu bringen, wo der Boden rasch unter einem Winkel von
60 Grad ansteigt und der Bach einen kleinen unterirdischen Fall bildet.
Diese von Nachtvögeln bewohnte Höhle ist für die Indianer ein schauerlich
geheimnißvoller Ort; sie glauben, tief hinten wohnen die Seelen ihrer
Vorfahren. Der Mensch, sagen sie, soll Scheu tragen vor Orten, die weder
von der Sonne, *Zis*, noch vom Monde, *Nuna*, beschienen sind. Zu den
Guacharos gehen, heißt so viel, als zu den Vätern versammelt werden,
sterben. Daher nahmen auch die Zauberer, *Piaches*, und die Giftmischer,
*Imorons*, ihre nächtlichen Gaukeleien am Eingang der Höhle vor, um den
Obersten der bösen Geister, *Ivorokiamo*, zu beschwören. So gleichen sich
unter allen Himmelsstrichen die ältesten Mythen der Völker, vor allen
solche, die sich aus zwei die Welt regierende Kräfte, auf den Aufenthalt
der Seelen nach dem Tod, auf den Lohn der Gerechten und die Strafe der
Bösen beziehen. Die verschiedensten und darunter die rohesten Sprachen
haben gewisse Bilder mit einander gemein, weil diese unmittelbar aus dem
Wesen unseres Denk- und Empfindungsvermögens fließen. Finsterniß wird
aller Orten mit der Vorstellung des Todes in Verbindung gebracht. Die
Höhle von Caripe ist der Tartarus der Griechen, und die Guacharos, die
unter kläglichem Geschrei über dem Wasser flattern, mahnen an die
stygischen Vögel.
Da wo der Bach den unterirdischen Fall bildet, stellt sich das dem
Höhleneingang gegenüber liegende, grün bewachsene Gelände ungemein
malerisch dar. Man sieht vom Ende eines geraden, 240 Toisen langen Ganges
daraus hinaus. Die Stalaktiten, die von der Decke herabhängen und in der
Luft schwebenden Säulen gleichen, heben sich von einem grünen Hintergrunde
ab. Die Oeffnung der Höhle erscheint um die Mitte des Tages auffallend
enger als sonst, und wir sahen sie vor uns im glänzenden Lichte, das
Himmel, Gewächse und Gestein zumal widerstrahlen. Das ferne Tageslicht
stach grell ab von der Finsterniß, die uns in diesen unterirdischen Räumen
umgab. Wir hatten unsere Gewehre fast auf Gerathewohl abgeschossen, so oft
wir aus dem Geschrei und dem Flügelschlagen der Nachtvögel schließen
konnten, daß irgendwo recht viele Nester beisammen seyen. Nach mehreren
fruchtlosen Versuchen gelang es Bonpland, zwei Guacharos zu schießen, die,
vom Fackelschein geblendet, uns nachflatterten. Damit fand ich
Gelegenheit, den Vogel zu zeichnen, der bis dahin den Zoologen ganz
unbekannt gewesen war. Wir erkletterten nicht ohne Beschwerde die
Erhöhung, über die der unterirdische Bach herunter kommt. Wir sahen da,
daß die Höhle sich weiterhin bedeutend verengert, nur noch 40 Fuß hoch ist
und nordostwärts in ihrer ursprünglichen Richtung, parallel mit dem großen
Thale des Caripe, fortstreicht.
In dieser Gegend der Höhle setzt der Bach eine schwärzlichte Erde ab, die
große Aehnlichkeit hat mit dem Stoff, der in der Muggendorfer Höhle in
Franken »Opfererde« heißt. Wir konnten nicht ausfindig machen, ob diese
feine, schwammigte Erde durch Spalten im Gestein, die mit dem Erdreich
außerhalb in Verbindung stehen, hereinfällt, oder ob sie durch das
Regenwasser, das in die Höhle dringt, hereingeflötzt wird. Es war ein
Gemisch von Kieselerde, Thonerde und vegetabilischem Detritus. Wir gingen
in dickem Koth bis zu einer Stelle, wo uns zu unserer Ueberraschung, eine
unterirdische Vegetation entgegentrat. Die Samen, welche die Vögel zum
Futter für ihre Jungen in die Höhle bringen, keimen überall, wo sie auf
die Dammerde fallen, welche die Kalkincrustationen bedeckt. Vergeilte
Stengel mit ein paar Blattrudimenten waren zum Theil zwei Fuß hoch. Es war
unmöglich, Gewächse, die sich durch den Mangel an Licht nach Form, Farbe
und ganzem Habitus völlig umgewandelt hatten, specifisch zu unterscheiden.
Diese Spuren von Organisation im Schoße der Finsterniß reizten gewaltig
die Neugier der Eingeborenen, die sonst so stumpf und schwer anzuregen
sind. Sie betrachteten sie mit stillem, nachdenklichem Ernst, wie er sich
an einem Orte ziemte, der für sie solche Schauer hat. Diese unterirdischen
bleichen, formlosen Gewächse mochten ihnen wie Gespenster erscheinen, die
vom Erdboden hieher gebannt waren. Mich aber erinnerten sie an eine der
glücklichsten Zeiten meiner frühen Jugend, an einen langen Aufenthalt in
den Freiberger Erzgruben, wo ich über das Vergeilen der Pflanzen Versuche
anstellte, die sehr verschieden ausfielen, je nachdem die Luft rein war
oder viel Wasserstoff und Stickstoff enthielt.
Mit aller ihrer Autorität konnten die Missionäre die Indianer nicht
vermögen, noch weiter in die Höhle hinein zu gehen. Je mehr die Decke sich
senkte, desto gellender wurde das Geschrei der Guacharos. Wir mußten uns
der Feigheit unserer Führer gefangen geben und umkehren. Man sah auch
überall so ziemlich das Nämliche. Ein Bischof von St. Thomas in Guyana
scheint weiter gekommen zu seyn als wir; er hatte vom Eingang bis zum
Punkt, wo er Halt machte, 2500 Fuß gemessen, und die Höhle lief noch
weiter sort. Die Erinnerung an diesen Vorfall hat sich im Kloster Caripe
erhalten, nur weiß man den Zeitpunkt nicht genau. Der Bischof hatte sich
mit dicken Kerzen aus weißem spanischem Wachs versehen; wir hatten nur
Fackeln aus Baumrinde und einheimischem Harz. Der dicke Rauch solcher
Fackeln in engem unterirdischem Raum thut den Augen weh und macht das
Athmen beschwerlich.
Wir gingen dem Bache nach wieder zur Höhle hinaus. Ehe unsere Augen vom
Tageslicht geblendet wurden, sahen wir vor der Höhle draußen das Wasser
durch das Laub der Bäume glänzen. Es war, als stünde weit weg ein Gemälde
vor uns und die Oeffnung der Höhle wäre der Rahmen dazu. Als wir endlich
heraus waren, setzten wir uns am Bache nieder und ruhten von der
Anstrengung aus. Wir waren froh, daß wir das heisere Geschrei der Vögel
nicht mehr hörten und einen Ort hinter uns hatten, wo sich mit der
Dunkelheit nicht der wohlthuende Eindruck der Ruhe und Stille paart. Wir
konnten es kaum glauben, daß der Name der Höhle von Caripe bis jetzt in
Europa völlig unbekannt gewesen seyn sollte. Schon wegen der Guacharos
hätte sie berühmt werden sollen; denn außer den Bergen von Caripe und
Cumanacoa hat man diese Nachtvögel bis jetzt nirgends angetroffen.
Die Missionäre hatten am Eingang der Höhle ein Mahl zurichten lassen.
Pisang- und Bijaoblätter, die seidenartig glänzen, dienten uns, nach
Landessitte als Tischtuch. Wir wurden trefflich bewirthet, sogar mit
geschichtlichen Erinnerungen die so selten sind in Ländern, wo die
Geschlechter einander ablösten, ohne eine Spur ihres Daseyns zu
hinterlassen. Wohlgefällig erzählten uns unsere Wirthe, die ersten
Ordensleute, die in diese Berge gekommen, um das kleine Dorf Santa Maria
zu gründen, haben einen Monat lang in der Höhle hier gelebt und auf einem
Stein bei Fackellicht das heilige Meßopfer gefeiert. Die Missionäre hatten
am einsamen Orte Schutz gefunden vor der Verfolgung eines Häuptlings der
Tuapocans, der am Ufer des Rio Caripe sein Lager aufgeschlagen.
So viel wir uns auch bei den Einwohnern von Caripe, Cumanacoa und Cariaco
erkundigten, wir hörten nie, daß man in der Höhle des Guacharo je Knochen
von Fleischfressern oder Knochenbreccien mit Pflanzenfressern gefunden
hätte, wie sie in den Höhlen Deutschlands und Ungarns oder in den Spalten
des Kalksteins bei Gibraltar vorkommen. Die fossilen Knochen der
Megatherien, Elephanten und Mastodonten, welche Reisende aus Südamerika
mitgebracht, gehören sämmtlich dem ausgeschwemmten Land in den Thälern und
auf hohen Plateans an. Mit Ausnahme des Megalonyx,(54) eines Faulthiers
von der Größe eines Ochsen, das Jefferson beschrieben, kenne ich bis jetzt
auch nicht Einen Fall, daß in einer Höhle der neuen Welt ein Thierskelett
gefunden worden wäre. Daß diese zoologische Erscheinung hier so ausnehmend
selten ist, erscheint weniger auffallend, wenn man bedenkt, daß es in
Frankreich, England und Italien auch eine Menge Höhlen gibt, in denen man
nie eine Spur von fossilen Knochen entdeckt hat.
Die interessanteste Beobachtung, welche der Physiker in den Höhlen
anstellen kann, ist die genaue Bestimmung ihrer Temperatur. Die Höhle von
Caripe liegt ungefähr unter 10° 10’ der Breite, also mitten im heißen
Erdgürtel, und 506 Toisen über dem Spiegel des Wassers im Meerbusen von
Cariaco. Wir fanden im September die Temperatur der Luft im Innern
durchaus zwischen 18°,4 und 18°,9 der hunderttheiligen Scale. Die äußere
Luft hatte 16°,2. Beim Eingang der Höhle zeigte der Thermometer an der
Luft 17°,6, aber im Wasser des unterirdischen Bachs bis hinten in der
Höhle 16°,8. Diese Beobachtungen sind von großer Bedeutung, wenn man ins
Auge faßt, wie sich zwischen Wasser, Luft und Boden die Wärme ins
Gleichgewicht zu setzen strebt. Ehe ich Europa verließ, beklagten sich die
Physiker noch, daß man so wenig Anhaltspunkte habe, um zu bestimmen, was
man ein wenig hochtrabend *die Temperatur des Erdinnern* heißt, und erst
in neuerer Zeit hat man mit einigem Erfolg an der Lösung dieses großen
Problems der unterirdischen Meteorologie gearbeitet. Nur die
Steinschichten, welche die Rinde unseres Planeten bilden, sind der
unmittelbaren Forschung zugänglich, und man weiß jetzt, daß die mittlere
Temperatur dieser Schichten sich nicht nur nach der Breite und der
Meereshöhe verändert, sondern daß sie auch je nach der Lage des Orts im
Verlauf des Jahrs regelmäßige Schwingungen um die mittlere Temperatur der
benachbarten Luft beschreibt. Die Zeit ist schon fern, wo man sich
wunderte, wenn man in andern Himmelsstrichen in Höhlen und Brunnen eine
andere Temperatur beobachtete, als in den Kellern der Pariser Sternwarte.
Dasselbe Instrument, das in diesen Kellern 12 Grad zeigt, steigt in
unterirdischen Räumen auf Madera bei Funchal aus 16°,2, im
St. Josephsbrunnen in Cairo auf 21°,2, in den Grotten der Insel Cuba auf
22–23 Grad. Diese Zunahme ist ungefähr proportional der Zunahme der
mittleren Lufttemperaturen vom 48. Grad der Breite bis zum Wendekreis.
Wir haben eben gesehen, daß in der Höhle des Guacharo das Wasser des
Baches gegen 2 Grad kühler ist als die umgebende Luft im unterirdischen
Raum. Das Wasser, ob es nun durch das Gestein sickert oder über ein
steinigtes Bette fließt, nimmt unzweifelhaft die Temperatur des Gesteins
oder des Bettes an. Die Luft in der Höhle dagegen steht nicht still, sie
communicirt mit der Atmosphäre draußen. Und wenn nun auch in der heißen
Zone die Schwankungen in der äußern Temperatur sehr unbedeutend sind, so
bilden sich dennoch Strömungen, durch welche die Luftwärme im Innern
periodische Veränderungen erleidet. Demnach könnte man die Temperatur des
Wassers, also 16°,8, als die Bodentemperatur in diesen Bergen betrachten,
wenn man sicher wäre, daß das Wasser nicht rasch von benachbarten höheren
Bergen herabkommt.
Aus diesen Betrachtungen folgt, daß, wenn man auch keine ganz genauen
Resultate erhält, sich doch in jeder Zone *Grenzzahlen* auffinden lassen.
In Caripe, unter den Tropen, ist in 500 Toisen Meereshöhe die mittlere
Temperatur der Erde nicht unter 16°,8; dieß geht aus der Messung der
Temperatur des unterirdischen Wassers hervor. So läßt sich nun aber auch
beweisen, daß diese Temperatur des Bodens nicht höher seyn kann als 19°,
weil die Luft in der Höhle im September 18°,7 zeigt. Da die mittlere
Luftwärme im heißesten Monat 19°,5 nicht übersteigt, so würde man sehr
wahrscheinlich zu keiner Zeit des Jahres den Thermometer in der Luft der
Höhle über 19° steigen sehen. Diese Ergebnisse, wie so manche andere, die
wir in dieser Reisebeschreibung mittheilen, mögen für sich betrachtet von
geringem Belang scheinen; vergleicht man sie aber mit den kürzlich von
Leopold von Buch und Wahlenberg unter dem Polarcirkel angestellten
Beobachtungen, so verbreiten sie Licht über den Haushalt der Natur im
Großen und über den beständigen Wärmeaustausch zwischen Luft und Boden zu
Herstellung des Gleichgewichts. Es ist kein Zweifel mehr, daß in Lappland
die feste Erdrinde eine um 3 bis 4 Grad *höhere* mittlere Temperatur hat
als die Luft. Bringt die Kälte, welche in den Tiefen des tropischen Meeres
in Folge der Polarströme fortwährend herrscht, im heißen Erdstrich eine
merkbare Verminderung der Temperatur des Bodens hervor? Ist diese
Temperatur dort *niedriger* als die der Luft? Das wollen wir in der Folge
untersuchen, wenn wir in den hohen Regionen der Cordilleren mehr
Beobachtungen zusammengebracht haben werden.
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53 Außer den Dörfern, in denen Eingeborene unter der Obhut eines
Geistlichen stehen, nennt man in den spanischen Colonien *Mission*
auch die jungen Mönche, die mit einander aus einem spanischen Hafen
abgehen, um in der neuen Welt oder auf den Philippinen die
Niederlassungen der Ordensgeistlichen zu ergänzen. Daher der
Ausdruck: »in Cadix eine neue *Mission* holen.«
54 Der Megalonyx wurde in den Höhlen von Green-Briar in Virginien
gefunden, 1500 Meilen vom Megatherium, dem er sehr nahe steht und
das so groß war wie ein Nashorn.