FÜNFTES KAPITEL

Die Halbinsel Araya — Salzsümpfe — Die Trümmer des Schlosses

Santiago

Die ersten Wochen unseres Aufenthaltes in Cumana verwendeten wir dazu,

unsere Instrumente zu berichtigen, in der Umgegend zu botanisieren und die

Spuren des Erdbebens vom 14. Dezember 1797 zu beobachten. Die

Mannigfaltigkeit der Gegenstände, die uns zumal in Anspruch nahmen, ließ

uns nur schwer den Weg zu geordneten Studien und Beobachtungen finden.

Wenn unsere ganze Umgebung den lebhaftesten Reiz für uns hatte, so machten

dagegen unsere Instrumente die Neugier der Einwohnerschaft rege. Wir

wurden sehr durch Besuche von der Arbeit abgezogen, und wollte man nicht

Leute vor den Kopf stoßen, die so seelevergnügt durch einen Dollond die

Sonnenflecken betrachteten oder auf galvanische Berührung einen Frosch

sich bewegen sahen, so mußte man sich wohl herbeilassen, auf oft

verworrene Fragen Auskunft zu geben und stundenlang dieselben Versuche zu

wiederholen.

So ging es uns fünf ganze Jahre, so oft wir uns an einem Orte aufhielten,

wo man in Erfahrung gebracht hatte, daß wir Mikroskope, Fernrohre oder

elektromotorische Apparate besitzen. Dergleichen Auftritte wurden meist

desto angreifender, je verworrener die Begriffe waren, welche die Besucher

von Astronomie und Physik hatten, welche Wissenschaften in den spanischen

Colonien den sonderbaren Titel: »neue Philosophie,« _nueva filosofia_

führen. Die Halbgelehrten sahen mit einer gewissen Geringschätzung auf uns

herab, wenn sie hörten, daß sich unter unsern Büchern weder das _spectac1e

de la nature_ vom Abbé Pluche, noch der _cours de physique_ von Sigand la

Fond, noch das Wörterbuch von Valmont de Bomare befanden. Diese drei Werke

und der _traité d’économie politique_ von Baron Bielfeld sind die

bekanntesten und geachtetsten fremden Bücher im spanischen Amerika von

Caracas und Chili bis Guatimala und Nordmexico. Man gilt nur dann für

gelehrt, wenn man die Uebersetzungen derselben recht oft citiren kann, und

nur in den großen Hauptstädten, in Lima, Santa Fe de Bogota und Mexico,

fangen die Namen Haller, Cavendish und Lavoisier an jene zu verdrängen,

deren Ruf seit einem halben Jahrhundert populär geworden ist.

Die Neugierde, mit der die Menschen sich mit den Himmelserscheinungen und

verschiedenen naturwissenschaftlichen Gegenständen abgeben, äußert sich

ganz anders bei altcivilisirten Völkern als da, wo die Geistesentwicklung

noch geringe Fortschritte gemacht hat. In beiden Fällen finden sich in den

höchsten Ständen viele Personen, die den Wissenschaften ferne stehen; aber

in den Colonien und bei jungen Völkern ist die Wißbegier keineswegs müßig

und vorübergehend, sondern entspringt aus dem lebendigen Trieb, sich zu

belehren; sie äußert sich so arglos und naiv, wie sie in Europa nur in

früher Jugend auftritt.

Erst am 28. Juli konnte ich eine ordentliche Reihe astronomischer

Beobachtungen beginnen, obgleich mir viel daran lag, die Länge, wie sie

Louis Berthouds Chronometer angab, kennen zu lernen. Der Zufall wollte,

daß in einem Lande, wo der Himmel beständig rein und klar ist, mehrere

Nächte sternlos waren. Zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den

Meridian zog jeden Tag ein Gewitter aus und es wurde mir schwer

rorrespondirende Sonnenhöhen zu erhalten, obgleich ich in verschiedenen

Intervallen drei, vier Gruppen aufnahm. Die vom Chronometer angegebene

Länge von Cumana differirte nur um 4 Secunden Zeit von der, welche ich

durch Himmelsbeobachtungen gefunden, und doch hatte unsere Ueberfahrt

einundvierzig Tage gewährt und bei der Besteigung des Pic von Teneriffa

war der Chronometer starken Temperaturwechseln ausgesetzt gewesen.

Aus meinen Beobachtungen in den Jahren 1799 und 1800 ergibt sich als

Gesammtresultat, daß der große Platz von Cumana unter 10° 27’ 52" der

Breite und 66° 30’ 2" der Länge liegt. Die Bestimmung der Länge gründet

sich auf den Uebertrag der Zeit, aus Monddistanzen, auf die

Sonnenfinsterniß vom 28. Oktober 1799 und aus zehn Immersionen der

Jupiterstrabanten, verglichen mit in Europa angestellten Beobachtungen.

Sie weicht nur um sehr weniges von der ab, die Fidalgo vor mir, aber durch

rein chronometrische Mittel gefunden. Unsere älteste Karte des neuen

Continents, die von Diego Ribeiro, Geographen Kaiser Carls des Fünften,

setzt Cumana unter 9° 30’ Breite, was um 58 Minuten von der wahren Breite

abweicht und einen halben Grad von der, die Jefferys in seinem im

Jahr 1794 herausgegebenen »Amerikanischen Steuermann« angibt. Dreihundert

Jahre lang zeichnete man die ganze Küste von Paria zu weit südlich, weil

in der Nähe der Insel Trinidad die Strömungen nach Nord gehen und die

Schiffer nach der Angabe des Logs weiter gegen Süd zu seyn glauben, als

sie wirklich sind.

Am 17. August machte ein Hof oder eine Lichtkrone um den Mond den

Einwohnern viel zu schaffen. Man betrachtete es als Vorboten eines starken

Erdstoßes, denn nach der Volksphysik stehen alle ungewöhnlichen

Erscheinungen in unmittelbarem Zusammenhang. Die farbigen Kreise um den

Mond sind in den nördlichen Ländern weit seltener als in der Provence, in

Italien und Spanien. Sie zeigen sich, und dieß ist auffallend, bei reinem

Himmel, wenn das gute Wetter sehr beständig scheint. In der heißen Zone

sieht man fast jede Nacht schöne prismatische Farben, selbst bei der

größten Trockenheit. Zuweilen habe ich zwischen dem 15. Grad der Breite

und dem Aequator sogar um die Venus kleine Höfe gesehen; man konnte

Purpur, Orange und Violett unterscheiden; aber um Sirius, Canopus und

Achernar habe ich niemals Farben gesehen.

Während der Mondhof in Cumana zu sehen war, zeigte der Hygrometer große

Feuchtigkeit an; die Wasserdünste schienen aber so vollkommen aufgelöst,

oder vielmehr so elastisch und gleichförmig verbreitet, daß sie der

Durchsichtigkeit der Luft keinen Eintrag thaten. Der Mond ging nach einem

Gewitterregen hinter dem Schlosse San Antonio auf. Wie er am Horizont

erschien, sah man zwei Kreise, einen großen, weißlichen von 44 Grad

Durchmesser und einen kleinen, der in allen Farben des Regenbogens glänzte

und 1 Grad 43 Minuten breit war. Der Himmelsraum zwischen beiden Kronen

war dunkelblau. Bei 40 Grad Höhe verschwanden sie, ohne daß die

meteorologischen Instrumente die geringste Veränderung in den niedern

Luftregionen anzeigten. Die Erscheinung hatte nichts Auffallendes außer

der großen Lebhaftigkeit der Farben, neben dem Umstand, daß nach Messungen

mit einem Ramsden¿schen Sextanten die Mondscheibe nicht ganz in der Mitte

der Höfe stand. Ohne die Messung hätte man glauben können, diese

Excentricität rühre von der Projection der Kreise auf die scheinbare

Concavität des Himmels her. Die Form der Höfe und die Farben, welche in

der Luft unter den Tropen beim Mondlicht zu Tage kommen, verdienen es von

den Physikern von Neuem in den Kreis der Beobachtungen gezogen zu werden.

In Mexico habe ich bei vollkommen klarem Himmel breite Streifen in den

Farben des Regenbogens über das Himmelsgewölbe und gegen die Mondscheibe

hin zusammenlaufen sehen; dieses merkwürdige Meteor erinnert an das von

Cotes im Jahr 1716 beschriebene.

Wenn unser Haus in Cumana für die Beobachtung des Himmels und der

meteorologischen Vorgänge sehr günstig gelegen war, so mußten wir dagegen

zuweilen bei Tage etwas ansehen, was uns empörte. Der große Platz ist zum

Teil mit Bogengängen umgeben, über denen eine lange hölzerne Galerie

hinläuft, wie man sie in allen heißen Ländern sieht. Hier wurden die

Schwarzen verkauft, die von der afrikanischen Küste herüberkommen. Unter

allen europäischen Regierungen war die von Dänemark die erste und lange

die einzige, die den Sklavenhandel abgeschafft hat, und dennoch waren die

ersten Sklaven, die wir aufgestellt sahen, auf einem dänischen

Sklavenschiff gekommen. Der gemeine Eigennutz, der mit Menschenpflicht,

Nationalehre und den Gesetzen des Vaterlandes im Streite liegt, läßt sich

durch nichts in seinen Speculationen stören.

Die zum Verkauf ausgesetzten Sklaven waren junge Leute von fünfzehn bis

zwanzig Jahren. Man lieferte ihnen jeden Morgen Kokosöl, um sich den

Körper damit einzureiben und die Haut glänzend schwarz zu machen. Jeden

Augenblick erschienen Käufer und schätzten nach der Beschaffenheit der

Zähne Alter und Gesundheitszustand der Sklaven; sie rissen ihnen den Mund

auf, ganz wie es auf dem Pferdemarkt geschieht. Dieser entwürdigende

Brauch schreibt sich aus Afrika her, wie die getreue Schilderung zeigt,

die Cervantes nach langer Gefangenschaft bei den Mauren in einem seiner

Theaterstücke [_El trado de Argel._] vom Verkauf der Christensklaven in

Algier entwirft. Es ist ein empörender Gedanke, daß es noch heutigen Tages

auf den Antillen spanische Ansiedler gibt, die ihre Sklaven mit dem

Glüheisen zeichnen, um sie wieder zu erkennen, wenn sie entlaufen. So

behandelt man Menschen, die anderen Menschen die Mühe des Säens, Ackerns

und Erntens ersparen [_La Bruyère, Charactères cap. XI._].

Je tieferen Eindruck der erste Verkauf von Negern in Cumana auf uns

gemacht hatte, desto mehr wünschten wir uns Glück, daß wir uns bei einem

Volk und auf einem Continent befanden, wo ein solches Schauspiel sehr

selten vorkommt und die Zahl der Sklaven im Allgemeinen höchst unbedeutend

ist. Dieselbe betrug im Jahr 1800 in den Provinzen Cumana und Barcelona

nicht über sechstausend, während man zur selben Zeit die

Gesammtbevölkerung auf hundert und zehntausend schätzte. Der Handel mit

afrikanischen Sklaven, den die spanischen Gesetze niemals begünstigt

haben, ist jetzt völlig bedeutungslos auf Küsten, wo im sechzehnten

Jahrhundert der Handel mit amerikanischen Sklaven schauerlich lebhaft war.

Macarapan, früher Amaracapana genannt, Cumana, Araya und besonders

Neu-Cadix, das auf dem Eiland Cubagua angelegt worden war, konnten damals

für Comptoirs gelten, die zur Betreibung des Sklavenhandels errichtet

waren. Girolamo Benzoni aus Mailand, der im Alter von zweiundzwanzig

Jahren nach Terra Firma gekommen war, machte im Jahr 1542 an den Küsten

von Bordones, Cariaco und Paria Raubzüge mit, bei denen unglückliche

Eingeborene weggeschleppt wurden. Er erzählt sehr naiv und oft mit einem

Gefühlsausdruck, wie er bei den Geschichtschreibern jener Zeit selten

vorkommt, von den Grausamkeiten, die er mit angesehen. Er sah die Sklaven

nach Neu-Cadix bringen, wo sie mit dem Glüheisen auf Stirne und Armen

gezeichnet und den Beamten der Krone der Quint entrichtet wurde. Aus

diesem Hafen wurden sie nach Haiti oder St. Domingo geschickt, nachdem sie

mehrmals die Herren gewechselt, nicht weil sie verkauft wurden, sondern

weil die Soldaten mit Würfeln um sie spielten.

Unser erster Ausflug galt der Halbinsel Araya und jenen ehemals durch

Sklavenhandel und die Perlenfischerei vielberufenen Landstrichen. Am

19. August gegen zwei Uhr nach Mitternacht schifften wir uns bei der

indischen Vorstadt auf dem Manzanares ein. Unser Hauptzweck bei dieser

kleinen Reise war, die Trümmer des alten Schlosses von Araya zu besehen,

die Salzwerke zu besuchen und auf den Bergen, welche die schmale Halbinsel

Maniquarez bilden, einige geologische Untersuchungen anzustellen. Die

Nacht war köstlich kühl, Schwärme leuchtender Insekten [_Elater

noctilucus._] glänzten in der Luft, auf dem mit Sesuvium bedeckten Boden

und in den Mimosenbüschen am Fluß. Es ist bekannt, wie häufig die

Leuchtwürmer in Italien und im ganzen mittaglichen Europa sind; aber ihr

malerischer Eindruck ist gar nicht zu vergleichen mit den zahllosen

zerstreuten, sich hin und her bewegenden Lichtpunkten, welche im heißen

Erdstrich der Schmuck der Nächte sind, wo einem ist, als ob das

Schauspiel, welches das Himmelsgewölbe bietet, sich auf der Erde, auf der

ungeheuren Ebene der Grasfluren wiederholte.

Als wir Fluß abwärts an die Pflanzungen oder *Charas* kamen, sahen wir

Freudenfeuer, die Neger angezündet hatten. Leichter, gekräuselter Rauch

stieg zu den Gipfeln der Palmen auf und gab der Mondscheibe einen

röthlichen Schein. Es war Sonntag Nacht und die Sklaven tanzten zur

rauschenden, eintönigen Musik einer Guitarre. Der Grundzug im Charakter

der afrikanischen Völker von schwarzer Rasse ist ein unerschöpfliches Maß

von Beweglichkeit und Frohsinn. Nachdem er die Woche über hart gearbeitet,

tanzt und musicirt der Sklave am Feiertage dennoch lieber, als daß er

ausschläft. Hüten wir uns, über diese Sorglosigkeit, diesen Leichtsinn

hart zu urteilen, wird ja doch dadurch ein Leben voll Entbehrung und

Schmerz versüßt.

Die Barke, in der wir über den Meerbusen von Cariaco fuhren, war sehr

geräumig. Man hatte große Jaguarfelle ausgebreitet, damit wir bei Nacht

ruhen könnten. Noch waren wir nicht zwei Monate in der heißen Zone, und

bereits waren unsere Organe so empfindlich für den kleinsten

Temperaturwechsel, daß wir vor Frost nicht schlafen konnten. Zu unserer

Verwunderung sahen wir, daß der hunderttheilige Thermometer auf 21°,8

stand. Dieser Umstand, der allen, die lange in beiden Indien gelebt haben,

wohl bekannt ist, verdient von den Physiologen beachtet zu werden. Boucher

erzählt, auf dem Gipfel der _Montagne Pelée_ auf Martiniques [der Berg ist

nach verschiedenen Angaben zwischen 666 und 736 Toisen hoch] haben er und

seine Begleiter vor Frost gebebt, obgleich die Wärme noch 21 ½ Grad

betrug. In der anziehenden Reisebeschreibung des Capitän Bligh, der in

Folge einer Meuterei an Bord des Schiffes Bounty zwölfhundert Meilen in

einer offenen Schaluppe zurücklegen mußte, liest man, daß er zwischen dem

zehnten und zwölften Grad südlicher Breite weit mehr vom Frost als vom

Hunger gelitten.(44) Im Januar 1803, bei unserem Aufenthalt in Guayaquil,

sahen wir die Eingeborenen sich über Kälte beklagen und sich zudecken,

wenn der Thermometer auf 23°,8 fiel, während sie bei 30°,5 die Hitze

erstickend fanden. Es brauchte nicht mehr als sieben bis acht Grad, um die

entgegengesetzten Empfindungen von Frost und Hitze zu erzeugen, weil an

diesen Küsten der Südsee die gewöhnliche Lufttemperatur 28° beträgt. Die

Feuchtigkeit, mit der sich die Leitungsfähigkeit der Lust für den

Wärmestoff ändert, spielt bei diesen Empfindungen eine große Rolle. Im

Hafen von Guayaquil, wie überall in der heißen Zone auf tief gelegenem

Boden, kühlt sich die Lust nur durch Gewitterregen ab, und ich habe

beobachtet, daß, während der Thermometer auf 23°,8 fällt, der Deluc’sche

Hygrometer auf 50–52 Grad stehen bleibt; dagegen steht er auf 37 bei einer

Temperatur von 30°,5. In Cumana hört man bei starken Regengüssen in den

Straßen schreien: _"Que hielo! Estoy emparamado!"_(45) und doch fällt der

dem Regen ausgesetzte Thermometer nur auf 21°,5. Aus allen diesen

Beobachtungen geht hervor, daß man zwischen den Wendekreisen auf Ebenen,

wo die Lufttemperatur bei Tag fast beständig über 27° ist, bei Nacht das

Bedürfniß fühlt, sich zuzudecken, so oft bei feuchter Luft der Thermometer

um 4–5½ Grad fällt.

Gegen acht Uhr Morgens stiegen wir an der Landspitze von Araya bei der

»Neuen Saline« ans Land. Ein einzelnes Haus steht auf einer kahlen Ebene

neben einer Batterie von drei Kanonen, auf die sich seit Zerstörung des

Forts St. Jakob die Verteidigung dieser Küste beschränkt. Der

Salineninspektor bringt sein Leben in einer Hängematte zu, in der er den

Arbeitern seine Befehle erteilt, und eine _Lancha del rey_ (königliche

Barke) führt ihm jede Woche von Cumana seine Lebensmittel zu. Man wundert

sich, daß bei einem Salzwert, das früher bei den Engländern, Holländern

und anderen Seemächten Eifersucht erregte, kein Dorf oder auch nur ein Hof

liegt. Kaum findet man am Ende der Landspitze von Araya ein paar armselige

indianische Fischerhütten.

Man übersieht von hier aus zugleich das Eiland Cubagua, die hohen

Berggipfel von Margarita, die Trümmer des Schlosses St. Jakob, den Cerro

de la Vela und das Kalkgebirge des Brigantin, das gegen Süden den Horizont

begrenzt. Wie reich die Halbinsel Araya an Kochsalz ist, wurde schon

Alonso Niño bekannt, als er im Jahr 1499 in Colombo’s, Djeda’s und Amerigo

Vespucci’s Fußstapfen diese Länder besuchte. Obgleich die Eingeborenen

Amerikas unter allen Völkern des Erdballes am wenigsten Salz verbrauchen,

weil sie fast allein von Pflanzenkost leben, scheinen doch bereits die

Guaykari im Ton- und Salzboden der *Punta Arenas* gegraben zu haben.

Selbst die jetzt die *neuen* genannten Salzwerke, am Ende des Vorgebirgs

Araya, waren schon in der frühsten Zeit in Gang. Die Spanier, die sich

zuerst auf Cubagua und bald nachher auf der Küste von Cumana

niedergelassen hatten, beuteten schon zu Anfang des sechzehnten

Jahrhunderts die Salzsümpfe aus, die sich als Lagunen nordwestlich vom

Cerro de la Vela hinziehen. Da das Vorgebirge Araya damals keine ständige

Bevölkerung hatte, machten sich die Holländer den natürlichen Reichtum des

Bodens zunutze, den sie für ein Gemeingut aller Nationen ansahen.

Heutzutage hat jede Kolonie ihre eigenen Salzwerke und die

Schiffahrtskunst ist so weit fortgeschritten, daß die Cadizer Handelsleute

mit geringen Kosten spanisches und portugiesisches Salz 1900 Meilen

[8500 km] weit in die östliche Halbkugel senden können, um Montevideo und

Buenos Aires mit ihrem Bedarf für das Einsalzen zu versorgen. Solche

Vortheile waren zur Zeit der Eroberung unbekannt; die Industrie in den

Colonien war damals noch so weit zurück, dass das Salz von Araya mit

großen Kosten nach den Antillen, nach Carthagena und Portobelo verschifft

wurde. Im Jahr 1605 schickte der Madrider Hof bewaffnete Fahrzeuge nach

Punta Araya, mit dem Befehl, daselbst auf Station zu liegen und die

Holländer mit Gewalt zu vertreiben. Diese fuhren nichts desto weniger fort

heimlich Salz zu holen, bis man im Jahr 1622 bei den Salzwerken ein Fort

errichtete, das unter dem Namen _Castillo de Santiago_ oder _Real Fuerza

de Araya_ berühmt geworden ist.

Die großen Salzsümpfe sind auf den ältesten spanischen Karten bald als

Bucht, bald als Lagune angegeben. Laet, der seinen _Orbis novus_ im Jahr

1633 schrieb und sehr gute Nachrichten von diesen Küsten hatte, sagt sogar

ausdrücklich, die Lagune sey von der See durch eine über der Fluthhöhe

gelegene Landenge getrennt gewesen. Im Jahr 1726 zerstörte ein

außerordentliches Ereigniß die Saline von Araya und machte das Fort, das

über eine Million harter Piaster gekostet hatte, unnütz. Man spürte einen

heftigen Windstoß, eine große Seltenheit in diesen Strichen, wo die See

meist nicht unruhiger ist als das Wasser unserer Flüsse; die Fluth drang

weit ins Land hinein und durch den Einbruch des Meeres wurde der Salzsee

in einen mehrere Meilen langen Meerbusen verwandelt. Seitdem hat man

nördlich von der Hügelkette, welche das Schloß von der Nordküste der

Halbinsel trennt, künstliche Behälter oder Kasten angelegt. Der

Salzverbrauch war in den Jahren 1799 und 1800 in den beiden Provinzen

Cumana und Barcelona zwischen neun und zehn tausend Fanegas, jede zu

sechzehn Arrobas oder vier Centnern. Dieser Verbrauch ist sehr

beträchtlich, und es ergeben sich dabei, wenn man 50,000 Indianer

abrechnet, die nur sehr wenig Salz verzehren, sechzig Pfund auf den Kopf.

In Frankreich rechnet man, nach Necker, nur zwölf bis vierzehn Pfund, und

der Unterschied rührt daher, daß man so viel Salz zum Einsalzen braucht.

Das gesalzene Ochsenfleisch, *Tasajo* genannt, ist im Handel von Barcelona

der vornehmste Ausfuhrartikel. Von neun bis zehn tausend Fanegas Salz,

welche die beiden Provinzen zusammen liefern, kommen nur dreitausend vom

Salzwerk von Araya; das übrige wird bei Morro de Barcelona, Pozuelos,

Piritu und im *Golfo triste* aus Meerwasser gewonnen. In Mexico liefert

der einzige Salzsee *Pennon Blanco* jährlich über 250,000 Fanegas unreines

Salz.

Die Provinz Caracas hat schöne Salzwerke bei den Klippen los Noquez; das

früher aus der kleinen Insel Tortuga gelegene ist auf Befehl der

spanischen Regierung zerstört worden. Man grub einen Kanal, durch den das

Meer zu den Salzsümpfen dringen konnte. Andere Nationen, die auf den

kleinen Antillen Colonien haben, besuchten diese unbewohnte Insel, und der

Madrider Hof fürchtete in seiner argwöhnischen Politik, das Salzwerk von

Tortuga möchte Veranlassung zu einer festen Niederlassung werden, wodurch

dem Schleichhandel mit Terra Firma Vorschub geleistet würde. Die Salzwerke

von Araya werden erst seit dem Jahr 1792 von der Regierung selbst

betrieben. Bis dahin waren sie in den Händen indianischer Fischer, die

nach Belieben Salz bereiteten und verkauften, wofür sie der Regierung nur

die mäßige Summe von 300 Piastern bezahlten. Der Preis der Fanega war

damals vier Realen; [In dieser Reisebeschreibung sind alle Preise in

harten Piastern und Silberrealen, _reales de plata_ ausgedrückt. Acht

Realen gehen auf einen harten Piaster oder 105 Sous französischen Geldes.]

aber das Salz war sehr unrein, grau, und enthielt sehr viel salzsaure und

schwefelsaure Bittererde. Da zudem die Ausbeutung von Seiten der Arbeiter

äußerst unregelmäßig betrieben wurde, so fehlte es oft an Salz zum

Einsalzen des Fleisches und der Fische, das in diesen Ländern für den

Fortschritt des Gewerbfleißes von großem Belang ist, da das indianische

niedere Volk und die Sklaven von Fischen und etwas *Tasajo* leben. Seit

die Provinz Cumana unter der Intendauz von Caracas steht, besteht die

Salzregie, und die Fanega, welche die Guayqueries für einen halben Piaster

verkauften, kostet anderthalb Piaster. Für diese Preiserhöhung leistet nur

geringen Ersatz, daß das Salz reiner ist und daß die Fischer und

Colonisten es das ganze Jahr im Ueberfluß beziehen können. Die

Salinenverwaltung von Araya brachte im Jahr 1799 dem Schatze 8000 Piaster

jährlich ein. Aus diesen statistischen Notizen geht hervor, daß die

Salzbereitung in Araya, als Industriezweig betrachtet, von keinem großen

Belang ist.

Der Thon, aus dem zu Araya das Salz gewonnen wird, kommt mit dem

*Salzthon* überein, der in Berchtesgaden und in Südamerika in Zipaquira

mit dem Steinsalz vorkommt. Das salzsaure Natron ist in diesem Thon nicht

in sichtbaren Theilchen eingesprengt, aber sein Vorhandenseyn läßt sich

leicht bemerklich machen. Wenn man die Masse mit Regenwasser netzt und der

Sonne aussetzt, schießt das Salz in großen Krystallen an. Die Lagune

westlich vom Schloß Santiago zeigt alle Erscheinungen, wie sie von

Lepechin, Gmelin und Pallas in den sibirischen Salzseen beobachtet worden

sind. Sie nimmt übrigens nur das Regenwasser auf, das durch die

Thonschichten durchsickert und sich am tiefsten Punkte der Halbinsel

sammelt. So lange die Lagune den Spaniern und Holländern als Salzwerk

diente, stand sie mit der See in keiner Verbindung; neuerdings hat man nun

diese Verbindung wieder aufgehoben, indem man an der Stelle, wo das Meer

im Jahr 1726 eingebrochen war, einen Faschinendamm anlegte. Nach großer

Trockenheit werden noch jetzt vom Boden der Lagune drei bis vier Kubikfuß

große Klumpen krystallisirten, sehr reinen salzsauren Natrons

heraufgefördert. Das der brennenden Sonne ausgesetzte Salzwasser des Sees

verdunstet an der Oberfläche; in der gesättigten Lösung bilden sich

Salzkrusten, sinken zu Boden, und da Kristalle von derselben

Zusammensetzung und der gleichen Gestalt einander anziehen, so wachsen die

kristallinischen Massen von Tag zu Tag an. Man beobachtet im Allgemeinen,

daß das Wasser überall, wo sich Lachen im Thonboden gebildet haben,

salzhaltig ist. Im neuen Salzwerk bei den Batterien von Araya leitet man

allerdings das Meerwasser in die Kasten, wie in den Salzsümpfen im

mittäglichen Frankreich; aber auf der Insel Margarita bei Pampadar wird

das Salz nur dadurch bereitet, daß man süßes Wasser den salzhaltigen Thon

auslaugen läßt.

Das Salz, das in Thonbildungen enthalten ist, darf nicht verwechselt

werden mit dem Salz, das im Sand am Meeresufer vorkommt, und das an den

Küsten der Normandie ausgebeutet wird. Diese beiden Erscheinungen haben,

aus geologischen Gesichtspunkt betrachtet, so gut wie nichts mit einander

gemein. Ich habe salzhaltigen Thon am Meeresspiegel, bei Punta Araya, und

in 2000 Toisen Höhe in den Cordilleren von Neugrenada gesehen. Wenn

derselbe am erstgenannten Ort unter einer Muschelbreccie von sehr neuer

Bildung liegt, so tritt er dagegen bei Ischl in Oesterreich als mächtige

Schicht im Alpenkalk auf, der, obgleich gleichfalls jünger als die

Existenz organischer Wesen auf der Erde, doch sehr alt ist, wie die vielen

Gebirgsglieder zeigen, die ihm aufgelagert sind. Wir wollen nicht in

Zweifel ziehen, daß das reine [das von Wieliczka und Peru] oder mit

salzhaltigem Thon vermengte Steinsalz [das von Hallein, Ischl und

Zipaquira] der Niederschlag eines alten Meeres seyn könne; alles weist

aber darauf hin, daß es sich unter Naturverhältnissen gebildet hat, die

sehr bedeutend abweichen mußten von denen, unter welchen die jetzigen

Meere in Folge allmähliger Verdunstung hie und da ein paar Körner

salzsauren Natrons im Ufersande niederschlagen. Wie der Schwefel und die

Steinkohle sehr weit auseinander liegenden Formationen angehören, kommt

auch das Steinsalz bald im Uebergangsgips, bald im Alpenkalk, bald in

einem mit sehr neuem Muschelsandstein bedeckten Salzthon (Punta Araya),

bald in einem Gips vor, der jünger ist als die Kreide.

Das neue Salzwerk von Araya besteht aus fünf Behältern oder Kasten, von

denen die größten eine regelmäßige Form und 2300 Quadrattoisen Oberfläche

haben. Die mittlere Tiefe beträgt acht Zoll. Man bedient sich sowohl des

Regenwassers, das sich durch Einsickerung am tiefsten Punkt der Ebene

sammelt, als des Meerwassers, das durch Kanäle hereingeleitet wird, wenn

der Wind die See an die Küste treibt. Dieses Salzwerk ist nicht so günstig

gelegen wie die Lagune. Das Wasser, das in die letztere fällt, kommt von

stärker geneigten Abhängen und hat ein größeres Bodenstück ausgelaugt. Die

Indianer pumpen mit der Hand das Meerwasser aus einem Hauptbehälter in die

Kasten. Leicht ließe sich indessen der Wind als Triebkraft benützen, da

der Seewind fortwährend stark aus die Küste bläst. Man hat nie daran

gedacht, weder die bereits ausgelangte Erde wegzuschaffen, noch Schachte

im Salzthon niederzutreiben, um Schichten aufzusuchen, die reicher an

salzsaurem Natron sind. Die Salzarbeiter klagen meist über Regenmangel,

und beim neuen Salzwerk scheint es mir schwer auszumitteln, welches

Quantum von Salz allein auf Rechnung des Seewassers kommt. Die

Eingeborenen schätzen es aus ein Sechstheil des ganzen Ertrags. Die

Verdunstung ist sehr stark und wird durch den beständigen Luftzug

gesteigert; das Salz wird aber auch am achtzehnten bis zwanzigsten Tage,

nachdem man die Behälter gefüllt, ausgezogen. Wir fanden (am 19. August um

3 Uhr Nachmittags) die Temperatur des Salzwassers in den Kasten 32°,5,

während die Luft im Schatten 27°,2 und der Sand an der Küste in sechs Zoll

Tiefe 42°,5 zeigte. Wir tauchten den Thermometer in die See und sahen ihn

zu unserer Ueberraschung nur auf 23° steigen. Diese niedrige Temperatur

rührt vielleicht von den Untiefen her, welche die Halbinsel Araya und die

Insel Margarita umgeben, und an deren Abfällen sich tiefere

Wasserschichten mit den oberflächlichen vermischen.

Obgleich das salzsaure Natron aus der Halbinsel Araya nicht so sorgfältig

bereitet wird als in den europäischen Salzwerken, ist es dennoch reiner

und enthält weniger salzsaure und schwefelsaure Erden. Wir wissen nicht,

ob diese Reinheit dem Antheil von Salz, den das Meer liefert,

zuzuschreiben ist; denn wenn auch die Menge der im Meerwasser gelösten

Salze höchst wahrscheinlich unter allen Himmelsstrichen dieselbe ist,(46)

so weiß man doch nicht, ob auch das Verhältnis zwischen dem salzsauren

Natron, der salzsauren und schwefelsauren Bittererde und dem

schwefelsauren und kohlensauren Kalk sich gleich bleibt.

Nachdem wir die Salinen besehen und unsere geodätischen Arbeiten beendet

hatten, brachen wir gegen Abend auf, um einige Meilen weiterhin in einer

indianischen Hütte bei den Trümmern des Schlosses von Araya die Nacht zu

zuzubringen. Unsere Instrumente und unseren Mundvorrat schickten wir

voraus; denn wenn wir von der großen Hitze und der Reverberation des

Bodens erschöpft waren, spürten wir in diesen Ländern nur abends und in

der Morgenkühle Eßlust. Wir wandten uns nach Süd und gingen zuerst über

die kahle mit Salzton bedeckte Ebene und dann über zwei aus Sandstein

bestehende Hügelketten, zwischen denen die Lagune liegt. Die Nacht

überraschte uns, während wir einen schmalen Pfad verfolgten, der

einerseits vom Meer, andererseits von senkrechten Felswänden begrenzt ist.

Die Flut war im raschen Steigen und engte unseren Weg mit jedem Schritt

mehr ein. Am Fuße des alten Schlosses von Araya angelangt lag ein

Naturbild mit einem melancholischen, romantischen Anstrich vor uns, und

doch wurde weder durch die Kühle des finsteren Forstes, noch durch die

Großartigkeit der Pflanzengestalten die Schönheit der Trümmer gehoben. Sie

liegen auf einem kahlen, dürren Berge, mit Agaven, Säulenkaktus und

Mimosen bewachsen und gleichen nicht sowohl einem Werke von Menschenhand,

als vielmehr Felsmassen, die in den ältesten Umwälzungen des Erdballes

zertrümmert worden.

Wir wollten Halt machen, um das großartige Schauspiel zu genießen und den

Untergang der Venus zu beobachten, deren Scheibe von Zeit zu Zeit zwischen

dem Gemäuer des Schlosses erschien; aber der Mulatte, der uns als Führer

diente, wollte verdursten und drang lebhaft in uns, umzukehren. Er hatte

längst gemerkt, daß wir uns verirrt hatten, und da er hoffte, durch die

Furcht auf uns zu wirken, sprach er beständig von Tigern und

Klapperschlangen. Giftige Reptilien sind allerdings beim Schlosse Araya

sehr häufig, und erst vor kurzem waren beim Eingang des Dorfes Maniquarez

zwei Jaguars erlegt worden. Nach den aufbehaltenen Fellen waren sie nicht

viel kleiner als die ostindischen Tiger. Vergeblich führten wir unserem

Führer zu Gemüt, daß diese Tiere an einer Küste, wo die Ziegen ihnen

reichliche Nahrung bieten, keinen Menschen anfallen; wir mußten nachgeben

und hingehen, woher wir gekommen waren. Nachdem wir drei Viertelstunden

über einen von der steigenden Flut bedeckten Strand gegangen, stieß der

Neger zu uns, der unsern Mundvorrath getragen hatte; da er uns nicht

kommen sah, war er unruhig geworden und uns entgegengegangen. Er führte

uns durch ein Gebüsch von Fackeldisteln zu der Hütte einer indianischen

Familie. Wir wurden mit der herzlichen Gastfreundschaft aufgenommen, die

man in diesen Ländern bei Menschen aller Kasten findet. Von außen war die

Hütte, in der wir unsere Hängematten befestigten, sehr sauber; wir fanden

daselbst Fische, Bananen u. dgl. Und, was im heißen Landstrich über die

ausgesuchtesten Speisen geht, vortreffliches Wasser.

Des anderen Tages bei Sonnenaufgang sahen wir, daß die Hütte, in der wir

die Nacht zugebracht, zu einem Haufen kleienr Wohnungen am Ufer des

Salzsees gehörte. Es sind dies die schwachen Ueberbleibsel eines

ansehnlichen Dorfes, das sich einst um das Schloß gebildet. Die Trümmer

einer Kirche waren halb im Sand begraben und mit Strauchwerk bewachsen.

Nachdem im Jahre 1762 das Schloß von Araya, um die Unterhaltungskosten der

Besatzung zu sparen, gänzlich zerstört worden war, zogen sich die in der

Umgegend angesiedelten Indianer und Farbigen allmählich nach Maniquarez,

Cariaco und in die indianische Vorstadt von Cumana. Nur wenige blieben aus

Anhänglichkeit an den Heimathboden am wilden, öden Ort. Diese armen Leute

leben vom Fischfang, der an den Küsten und auf dem Untiefen in der Nähe

äußerst ergiebig ist. Sie schienen mit ihrem Loos zufrieden und fanden die

Frage seltsam, warum sie keine Gärten hätten unsd keine nutzbaren Gewächse

bauten. »Unsere Gärten,« sagten sie, »sind drüben über der Meerenge; wir

bringen Fische nach Cumana und verschaffen uns dafür Bananen, Cocosnüsse

und Manioc.« Diese Wirtschaft, die der Trägheit zusagt, ist in Maniquarez

und auf der ganzen Halbinsel Araya Brauch. Der Hauptreichtum der Einwohner

besteht in Ziegen, die sehr groß und schön sind. Sie laufen frei umher wie

die Ziegen auf dem Pic von Tenerifa; sie sind völlig verwildert und man

zeichnet sie wie die Maultiere, weil sie nach Aussehen, Farbe und

Zeichnung nicht zu unterscheiden wären. Die wilden Ziegen sind hellbraun

und nicht verschiedenfarbig wie die zahmen. Wenn ein Colonist auf der Jagd

eine Ziege schießt, die nicht seine eigene ist, so bringt er sie sogleich

dem Nachbar, dem sie gehört. Zwei Tage lang hörten wir als von einer

selten vorkommenden Niederträchtigkeit davon sprechen, daß einem Einwohner

von Maniquarez eine Ziege abhanden gekommen, und daß wahrscheinlich eine

Familie in der Nachbarschaft sich güthlich damit gethan habe. Dergleichen

Züge, die für große Sittenreinheit beim gemeinen Volk sprechen, kommen

häufig auch in Neu-Mexiko, in Canada und in den Ländern westlich von den

Aleghanys vor.

Unter den Farbigen, deren Hütten um den Salzsee stehen, befand sich ein

Schuhmacher von castilianischem Blute. Er nahm uns mit dem Ernst und der

Selbstgefälligkeit auf, die unter diese Himmelsstrichen fast allen Leuten

eigen sind, die sich für besonders begabt halten. Er war eben daran, die

Sehne seines Bogens zu spannen und Pfeile zu spitzen, um Vögel zu

schießen. Sein Gewerbe als Schuster konnte in einem Lande, wo die meisten

Leute barfuß gehen, nicht viel eintragen; er beschwerte sich auch, daß das

europäische Pulver so teuer sey und ein Mann wie er zu denselben Waffen

greifen müsse wie die Indianer. Der Mann war das gelehrte Orakel des

Dorfs; er wußte, wie sich das Salz durch den Einfluß der Sonne und des

Vollmonds bildet, er kannte die Vorzeichen der Erdbeben, die Merkmale, wo

sich Gold und Silber im Boden finden, und die Arzneipflanzen, die er, wie

alle Colonisten von Chili bis Californien, in heiße und kalte [reizende

oder schwächende, sthenische oder asthenische nach Browns System]

eintheilte. Er hatte die geschichtlichen Ueberlieferungen des Landes

gesammelt, und gab uns interessante Notizen über die Perlen von Cubagua,

welchen Luxusartikel er höchst wegwerfend behandelte. Um uns zu zeigen,

wie bewandert er in der heiligen Schrift sey, führte er wohlgefällig den

Spruch Hiobs an, daß Weisheit höher zu wägen ist denn Perlen. Seine

Philosophie ging nicht über den engen Kreis der Lebensbedürfnisse hinaus.

Ein derber Esel, der eine tüchtige Ladung Bananen an den Landungsplatz

tragen könnte, war das höchste Ziel seiner Wünsche.

Nach einer langen Rede über die Eitelkeit menschlicher Herrlichkeit zog er

aus einer Ledertasche sehr kleine und trübe Perlen und drang uns dieselben

auf. Zugleich hieß er uns, es in unsere Schreibtafel aufzuzeichnen, daß

ein armer Schuster von Araya, aber ein weißer Mann und von edlem

castilischen Blute, uns etwas habe schenken können, das drüben über dem

Meer für eine große Kostbarkeit gelte. Ich komme dem Versprechen, das ich

dem braven Manne gab, etwas spät nach und freue mich, dabei bemerken zu

können, daß seine Uneigennützigkeit ihm nicht gestattete, irgend eine

Vergütung anzunehmen. An der Perlenküste sieht es allerdings so armselig

aus, wie im »Gold- und Diamantenland,« in Choco und Brasilien; aber mit

dem Elend paart sich hier nicht die zügellose Gewinnsucht, wie sie durch

Schätze des Mineralreichs erzeugt wird.

Die Perlenmuschel ist auf den Untiefen, sie sich von Kap Paria zum Kap

Vela erstrecken, sehr häufig. Die Insel Margarita, Cubagua, Coche, Punta

Araya und die Mündung des Rio la Hacha waren im sechzehnten Jahrhundert

berühmt, wie im Altertum der Persische Meerbusen und die Insel Taprobante.

[_Strabo lib. XV. Plinius Lib. IX, c. 35, Lib. XII, c. 18. Solinus,

Polyhistor c. 68_; besonders _Athenaeus, Deipnosoph. Lib. III, c. 45._] Es

ist nicht richtig, wie mehrere Geschichtsschreiber behaupten, daß die

Eingeborenen Amerikas die Perlen als Luxusartikel nicht gekannt haben

sollen. Die Spanier, die zuerst an Terra Firma landeten, sahen bei den

Wilden Hals- und Armbänder, und bei den zivilisierten Völkern in Mexiko

und Peru waren Perlen von schöner Form ungemein gesucht. Ich habe die

Basaltbüste einer mexikanischen Priesterin bekanntgemacht, [Humboldt,

_Atlas pittoresque_ Tafel 1 und 2.] deren Kopfputz, der auch sonst mit der

*Calantica* der Isisköpfe Aehnlichkeit hat, mit Perlen besetzt ist. Las

Casas und Benzoni erzählen, und zwar nicht ohne Uebertreibung, wie grausam

man mit den Indianern und Negwern umging, die man zur Perlenfischerei

brauchte. In der ersten Zeit der Eroberung lieferte die Insel Coche allein

1500 Mark Perlen monatlich. Der *Quint*, den die königlichen Beamten vom

Ertrag an Perlen erhoben, belief sich auf 15,000 Dukaten, nach dem

damaligen Werth der Metalle und in Betracht des starken Schmuggels eine

sehr bedeutende Summe. Bis zum Jahre 1530 scheint sich der Werth der nach

Europa gesendeten Perlen im Jahresdurchschnitt auf mehr als 800,000

Piaster belaufen zu haben. Um zu ermessen, von welcher Bedeutung dieser

Handelszweig in Sevilla, Toledo, Antwerpen und Genua seyn mochte, muß man

bedenken, daß zur selben Zeit alle Bergwerke Amerikas nicht zwei Millionen

Piaster lieferten und daß die Flotte Ovandos für unermeßlich reich galt,

weil sie gegen 2600 Mark Silber führte.

Die Perlen waren desto gesuchter, da der asiatische Luxus auf zwei gerade

entgegengesetzten Wegen nach Europa gedrungen war, von Konstantinopel her,

wo die Paläologen reich mit Perlen gestickte Kleider trugen, und von

Granada her, wo die maurischen Könige saßen, an deren Hof der ganze

asiatische Prunk herrschte. Die ostindischen Perlen waren geschätzter als

die westindischen; indessen kamen doch die letzteren in der ersten Zeit

nach der Entdeckung von Amerika in Menge in den Handel. In Italien wie in

Spanien wurde die Insel Cubagua das Ziel zahlreicher

Handelsunternehmungen. Benzoni erzählt, was einem gewissen Ludwig

Lampagnano begegnete, dem Karl der Fünfte das Privilegium ertheilt hatte,

mit fünf »Caravelen« an die Küste von Cumana zu gehen und Perlen zu

fischen. Die Ansiedler schickten ihn mit der kecken Antwort heim, der

Kaiser gehe mit etwas, das nicht sein gehöre, allzu freigebig um; es stehe

ihm nicht das Recht zu, über Austern zu verfügen, die auf dem Meeresboden

leben.

Gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts nahm die Perlenfischerei rasch

ab, und nach Laets Angabe(47) hatte sie im Jahr 1633 längst aufgehört.

Durch den Gewerbfleiß der Venediger, welche die echten Perlen täuschen

nachmachten, und den starken Gebrauch der geschnittenen Diamanten [Das

Schneiden der Diamanten wurde im Jahre 1456 von Ludwig de Berquen

erfunden; in allgemeinen Gebrauch kam es aber erst im folgenden

Jahrhundert.] wurden die Fischereien in Cubagua weniger einträglich.

Zugleich wurden die Perlenmuscheln seltener, nicht wie man nach der

Volkssage glaubt, weil die Tiere vom Geräusch der Ruder verscheucht

wurden, sondern, weil man im Unverstand die Muscheln zu Tausenden

abgerissen und so ihrer Fortpflanzung Einhalt getan hatte. Die

Perlenmuschel ist noch von zarterer Constitution als die meisten andern

kopflosen Weichthiere. Auf der Insel Ceylon, wo in der Bucht von

Condeatchy die Perlenfischerei sechshundert Taucher beschäftigt und der

jährliche Ertrag über eine halbe Million steigt, hat man das Thier

vergeblich auf andere Küstenpunkte zu verpflanzen gesucht. Die Regierung

gestattet die Fischerei nur einen Monat lang, während man in Cubagua die

Muschelbank das ganze Jahr hindurch ausbeutete. Um sich eine Vorstellung

davon zu machen, in welchem Maße die Taucher unter diesem Thiergeschlecht

aufräumen, muß man bedenken, daß manches Fahrzeug in zwei, drei Wochen

über 35,000 Muscheln aufnimmt. Das Thier lebt nur neun bis zehn Jahre und

die Perlen fangen erst im vierten Jahre an zum Vorschein zu kommen. In

10,000 Muscheln ist oft nicht Eine werthvolle Perle. Nach der Sage

öffneten die Fischer auf der Bank bei der Insel Margarita die Muscheln

Stück für Stück; auf Ceylon schüttet man die Thiere aus und läßt sie

faulen, und um die Perlen zu gewinnen, welche nicht an den Schalen hängen,

wascht man die Haufen thierischen Gewebes aus, gerade wie man in den Minen

den Sand auswascht, der Gold- oder Zinngeschiebe oder Diamanten enthält.

Gegenwärtig bringt das spanische Amerika nur noch die Perlen in den

Handel, die aus dem Meerbusen von Panama und von der Mündung des Rio de la

Hacha kommen. Auf den Untiefen um Cubagua, Coche und Margarita ist die

Fischerei aufgegeben, wie an der californischen Küste.(48) Man glaubt in

Cumana, die Perlenmuschel habe sich nach zweihundertjähriger Ruhe wieder

bedeutend vermehrt [Im Jahr 1812 sind bei Margarita einige Versuche

gemacht worden, die Perlenfischerei wieder aufzunehmen], und man fragt

sich, warum die Perlen, die man jetzt in Muscheln findet, die an den

Fischnetzen hängen bleiben [Die Einwohner von Araya verkaufen zuweilen

solche kleine Perlen an die Kaufleute von Cumana. Der gewöhnliche Preis

ist ein Piaster für das Dutzend.], so klein sind und so wenig Glanz haben,

während man bei der Ankunft der Spanier sehr schöne bei den Indianern

fand, die doch schwerlich darnach tauchten. Diese Frage ist desto schwerer

zu beantworten da wir nicht wissen, ob etwa Erdbeben die Beschaffenheit

des Seebodens verändert haben, oder ob Richtungsänderungen in

untermeerischen Strömen auf die Temperatur des Wassers oder auf die

Häufigkeit gewisser Weichthiere, von denen sich die Muscheln nähren,

Einfluß geäußert haben.

Am 20. Morgens führte uns der Sohn unseres Wirths, ein sehr kräftiger

Indianer, über den Barigon und Caney ins Dorf Maniquarez. Es waren vier

Stunden Weges. Durch das Rückprallen der Sonnenstrahlen vom Sand stieg der

Thermometer auf 31.3°. Die Säulenkaktus, die am Wege stehen, geben der

Landschaft einen grünen Schein, ohne Kühle und Schatten zu bieten. Unser

Führer setzte sich, ehe er eine Meile [5 km] gegangen war, jeden

Augenblick nieder. Im Schatten eines schönen Tamarindenbaumes bei den

Casas de la Vela wollte er sich gar niederlegen, um den Anbruch der Nacht

abzuwarten. Ich hebe diesen Charakterzug hervor, da er einem überall

entgegentritt, so oft man mit den Indianern reist, und zu den irrigsten

Vorstellungen von der Körperverfassung der verschiedenen Menschenracen

Anlaß gegeben hat. Der kupferfarbene Eingeborene, der besser als der

reisende Europäer an die glühende Hitze des Himmelsstriches gewöhnt ist,

beklagt sich nur deshalb mehr darüber, weil ihn kein Reiz antreibt. Geld

ist keine Lockung für ihn, und hat er sich je einmal durch Gewinnsucht

verführen lassen, so reut ihn sein Entschluß, sobald er auf dem Wege ist.

Derselbe Indianer aber, der sich beklagt, wenn man ihm beim Botanisieren

eine Pflanzenbüchse zu tragen gibt, treibt einen Kahn gegen die rascheste

Strömung und rudert so vierzehn bis fünfzehn Stunden in einem fort, weil

er sich zu den Seinen zurücksehnt. Will man die Muskelkraft der Völker

richtig schätzen lernen, muß man sie ¿ unter Umständen beobachten, wo ihre

Handlungen durch einen gleich kräftigen Willen bestimmt werden.

Wir besahen in der Nähe die Trümmer des Schlosses Santiago, das durch

seine ausnehmend feste Bauart merkwürdig ist. Die Mauern aus behauenen

Steinen sind fünf Fuß dick; man mußte sie mit Minen sprengen; man sieht

noch Mauerstücke von sieben-, achthundert Quadratfuß, die kaum einen Riß

zeigen. Unser Führer zeigte uns eine Cisterne (_el aljibe_), die dreißig

Fuß tief ist und, obgleich ziemlich schadhaft, den Bewohnern der Halbinsel

Araya Wasser liefert. Diese Cisterne wurde im Jahr 1681 vom Statthalter

Don Juan Padilla Guardiola vollendet, demselben, der in Cumana das kleine

Fort Santa Maria gebaut hat. Da der Behälter mit einem Gewölbe im

Rundbogen geschlossen ist, so bleibt das Wasser darin frisch und sehr gut.

Conserven, die den Kohlenwasserstoff zersetzen und zugleich Würmern und

Insekten zum Aufenthalt dienen, bilden sich nicht darin. Jahrhunderte lang

hatte man geglaubt, die Halbinsel Araya habe gar keine Quellen süßen

Wassers, aber im Jahr 1797 haben die Einwohner von Maniquarez nach langem

vergeblichem Suchen doch solches gefunden.

Als wir über die kahlen Hügel am Vorgebirge Cirial gingen, spürten wir

einen starken Bergölgeruch. Der Wind kam vom Orte her, wo die

Bergölquellen liegen, deren schon die ersten Beschreibungen dieser Länder

erwähnen. — Das Töpfergeschirr von Maniquarez ist seit unvordenklicher

Zeit berühmt, und dieser Industriezweig ist ganz in den Händen der

Indianerweiber. Es wird noch gerade so fabriziert wie vor der Eroberung.

Dieses Verfahren ist einerseits eine Probe vom Zustand der Künste in ihrer

Kindheit und andererseits von der Starrheit der Sitten, die allen

eingeborenen Völkern Amerikas als ein Charakterzug eigen ist. In

dreihundert Jahren konnte die Töpferscheibe keinen Eingang auf einer Küste

finden, die von Spanien nur dreißig bis vierzig Tagreisen zur See entfernt

ist. Die Eingeborenen haben eine dunkle Vorstellung davon, daß es ein

solches Werkzeug gibt, und sie würden sich desselben bedienen, wenn man

ihnen das Muster in die Hand gäbe. Die Thongruben sind eine halbe Meile

östlich von Maniquarez. Dieser Thon ist das Zersetzungsprodukt eines durch

Eisenoxyd roth gefärbten Glimmerschiefers. Die Indianerinnen nehmen

vorzugsweise solchen, der viel Glimmer enthält. Sie formen mit großem

Geschick Gefäße von zwei bis drei Fuß Durchmesser mit sehr regelmäßiger

Krümmung. Da sie den Brennofen nicht kennen, so schichten sie Strauchwerk

von Desmanthus, Cassia und baumartiger Capparis um die Töpfe und brennen

sie in freier . Luft. Weiter westwärts von der Thongrube liegt die

Schlucht der *Mina* (Bergwerk). Nicht lange nach der Eroberung sollen

venetianische Goldschürfer dort Gold aus dem Glimmerschiefer gewonnen

haben. Dieses Metall scheint hier nicht auf Quarzgängen vorzukommen,

sondern im Gestein eingesprengt zu seyn, wie zuweilen im Granit und Gneiß.

Wir trafen in Maniquarez Kreolen, die von einer Jagdpartie auf Cubagua

kamen. Die Hirsche von der kleinen Art sind auf diesem unbewohnten Eilande

so häufig, daß man täglich drei und vier schießen kann. Ich weiß nicht,

wie die Thiere hinübergekommen sind; denn Laet und andere Chronisten des

Landes, die von der Gründung von Neucadix berichten, sprechen nur von der

Menge Kaninchen auf der Insel. Der *Venado* auf Cubagua gehört zu einer

der vielen kleinen amerikanischen Hirscharten, die von den Zoologen lange

unter dem allgemeinen Namen _Cervus Americanus_ zusammengeworfen wurden.

Er scheint mir nicht identisch mit der _Biche des Savanes_ von Guadeloupe

oder dem *Guazuti* in Paraguay, der auch in Rudeln lebt. Sein Fell ist auf

dem Rücken rothbraun, am Bauche weiß; es ist gefleckt, wie beim Axis. In

den Ebenen am Cari zeigte man uns als eine große Seltenheit in diesen

heißen Ländern eine weiße Spielart. Es war eine Hirschkuh von der Größe

des europäischen Rehs und von äußerst zierlicher Gestalt. *Albinos* kommen

in der Neuen Welt sogar unter den Tigern vor. Azara sah einen Jaguar, auf

dessen ganz weißem Fell man nur hier und da gleichsam einen Schatten von

den runden Flecken sah.

Für den merkwürdigsten, man kann sagen für den wunderbarsten aller

Naturkörper auf der Küste von Araya gilt beim Volke der *Augenstein*,

_Piedra de los ojos_. Dieses Gebilde aus Kalkerde ist in aller Munde; nach

der Volksphysik ist es ein Stein und ein Thier zugleich. Man findet es im

Sande, und da rührt es sich nicht; nimmt man es aber einzeln auf und legt

es auf eine ebene Fläche, z. B. auf einen Zinn- oder Fayence-Teller, so

bewegt es sich, sobald man es durch Citronsaft reizt. Steckt man es ins

Auge, so dreht sich das angebliche Tier um sich selbst und schiebt jeden

fremden Körper heraus, der zufällig ins Auge geraten ist. Auf der neuen

Saline und im Dorfe Maniquarez brachte man uns solche Augensteine zu

Hunderten, und die Eingeborenen machten uns den Versuch mit dem Citronsaft

eifrig vor. Man wollte uns Sand in die Augen bringen, damit wir uns selbst

von der Wirksamkeit des Mittels überzeugten. Wir sahen alsbald, daß diese

Steine die dünnen, porösen Deckel kleiner einschaliger Muscheln sind. Sie

haben 1–4 Linien Durchmesser; die eine Fläche ist eben, die andere

gewölbt. Diese Kalkdeckel brausen mit Zitronensaft auf und rücken von der

Stelle, indem sich die Kohlensäure entwickelt. In Folge ähnlicher Reaction

bewegt sich zuweilen das Brod im Backofen auf wagerechter Fläche, was in

Europa zum Volksglauben an bezauberte Oefen Anlaß gegeben hat. Die

_pietras de los ojos_ wirken, wenn man sie ins Auge schiebt, wie die

kleinen Perlen und verschiedene runde Samen, deren sich die Wilden in

Amerika bedienen, um den Thränenfluß zu steigern. Diese Erklärungen waren

aber gar nicht nach dem Geschmack der Einwohner von Araya. Die Natur

erscheint dem Menschen desto größer, je geheimnißvoller sie ist, und die

Volksphysik weist alles von sich, was einfach ist.

Ostwärts von Maniquarez an der Südküste liegen nahe an einander drei

Landzungen, genannt Punta de Soto, Punta de la Brea und Punta Guaratarito.

In dieser Gegend besteht der Meeresboden offenbar aus Glimmerschiefer, und

aus dieser Gebirgsart entspringt bei Punta de la Brea, aber achtzig Fuß

vom Ufer, eine *Naphthaquelle*, deren Geruch sich weit in die Halbinsel

hinein verbreitet. Man mußte bis zum halben Leibe ins Wasser gehen, um die

interessante Erscheinung in der Nähe zu beobachten. Das Wasser ist mit

_Zostera_ bedeckt, und mitten in einer sehr großen Bank dieses Gewächses

sieht man einen freien runden Fleck von drei Fuß Durchmesser, auf dem

einzelne Massen von _Ulva lactuca_ schwimmen. Hier kommen die Quellen zu

Tag. Der Boden des Meerbusens ist mit Sand bedeckt, und das Bergöl, das

durchsichtig und von gelber Farbe der eigentlichen Naphtha nahe kommt,

sprudelt stoßweise unter Entwicklung von Luftblasen hervor. Stampft man

den Boden mit den Füßen fest, so sieht man die kleinen Quellen wegrücken.

Die Naphtha bedeckt das Meer über tausend Fuß [320 m] weit. Nimmt man an,

daß das Fallen der Schichten sich gleich bleibt, so muß der

Glimmerschiefer wenige Toisen unter dem Sande liegen.

Der Salzthon von Araya enthält festes, zerreibliches Bergöl. Dieses

geologische Verhältniß zwischen salzsaurem Natron und Erdpech kommt in

allen Steinsalzgruben und bei allen Salzquellen vor; aber als ein höchst

merkwürdiger Fall erscheint das Vorkommen einer Naphtaquelle in einer

Urgebirgsart. Alle bis jetzt bekannten gehören secundären Formationen an,

und dieser Umstand schien für die Annahme zu sprechen, daß alles

mineralische Harz Produkt der Zersetzung von Pflanzen und Thieren oder des

Brandes der Steinkohlen sey. Auf der Halbinsel Araya aber fließt Naphtha

aus dem Urgebirge selbst, und diese Erscheinung wird noch bedeutender,

wenn man bedenkt, daß in diesem Urgebirge der Herd des unterirdischen

Feuers ist, daß man am Rande brennender Krater zuweilen Naphthageruch

bemerkt, und daß die meisten heißen Quellen Amerikas aus Gneis und

Glimmerschiefer hervorbrechen.

Nachdem wir uns in der Umgegend von Maniquarez umgesehen, bestiegen wir

ein Fischerboot, um nach Cumana zurückzukehren. Nichts zeigt so deutlich,

wie ruhig die See in diesen Strichen ist, als die Kleinheit und der

schlechte Zustand dieser Kähne, die ein sehr hohes Segel führen. Der Kahn,

den wir ausgesucht hatten, weil er noch am wenigsten beschädigt war,

zeigte sich so leck, daß der Sohn des Steuermannes fortwährend mit einer

Tutuma, der Frucht der _Crescentia cujete_, das Wasser ausschöpfen mußte.

Es kommt im Meerbusen von Cariaco, besonders nordwärts von der Halbinsel

Araya, nicht selten vor, daß die mit Kokosnüssen beladenen Piroguen

umschlagen, wenn sie zu nahe am Winde gerade gegen den Wellenschlag

steuern. Vor solchen Unfällen fürchten sich aber nur Reisende, die nicht

gut schwimmen können; denn wird die Pirogue von einem indianischen Fischer

mit seinem Sohne geführt, so dreht der Vater den Kahn wieder um und macht

sich daran, das Wasser hinauszuschaffen, während der Sohn schwimmend die

Kokosnüsse zusammenholt. In weniger als einer Viertelstunde ist die

Pirogue wieder unter Segel, ohne daß der Indianer in seinem

unerschöpflichen Gleichmut eine Klage hätte hören lassen.

Die Einwohner von Araya, die wir auf der Rückkehr vom Orinoco noch einmal

besuchten, haben nicht vergessen, daß ihre Halbinsel einer der Punkte ist,

wo sich am frühesten Castilianer niedergelassen. Sie sprechen gerne von

der Perlenfischerei, von den Ruinen des Schlosses Santiago, das, wie sie

hoffen, einst wieder aufgebaut wird, überhaupt von dem, was sie den

ehemaligen Glanz des Landes nennen. In China und Japan gilt alles, was man

erst seit zweitausend Jahren kennt, für neue Erfindung; in den

europäischen Niederlassungen erscheint ein Ereigniß, das dreihundert

Jahre, bis zur Entdeckung von Amerika hinausreicht, als ungemein alt.

Dieser Mangel an alter Ueberlieferung, der den jungen Völkern in den

Vereinigten Staaten wie in den spanischen und portugiesischen Besitzungen

eigen ist, verdient alle Beachtung. Er hat nicht nur etwas Peinliches für

den Reisenden, der sich dadurch um den höchsten Genuß der Einbildungskraft

gebracht sieht, er äußert auch seinen Einfluß auf die mehr oder minder

starken Bande, die den Colonisten an den Boden fesseln, auf dem er wohnt,

an die Gestalt der Felsen, die seine Hütte umgeben, an die Bäume, in deren

Schatten seine Wiege gestanden.

Bei den Alten, z. B. bei Phöniziern und Griechen, gingen Ueberlieferungen

und geschichtliches Bewußtseyn des Volks vom Mutterland auf die Colonien

über, erbten dort von Geschlecht zu Geschlecht fort und äußerten

fortwährend den besten Einfluß auf Geist, Sitten und Politik der

Ansiedler. Das Klima in jenen ersten Niederlassungen über dem Meere war

vom Klima des Mutterlandes nicht sehr verschieden. Die Griechen in

Kleinasien und aus Sicilien entfremdeten sich nicht den Einwohnern von

Argos, Athen und Corinth, von denen abzustammen ihr Stolz war. Große

Uebereinstimmuug in Sitte und Brauch that das ihrige dazu, eine Verbindung

zu befestigen, die sich auf religiöse und politische Interessen gründete.

Häufig opferten die Colonien die Erstlinge ihrer Ernten in den Tempeln der

Mutterstädte, und wenn durch einen unheilvollen Zufall das heilige Feuer

auf den Altären von Hestia erloschen war, so schickte man von hinten in

Jonien nach Griechenland und ließ es aus den Prytaneen wieder holen.

Ueberall, in Cyrenaica wie an den Ufern des Sees Mäotis, erhielten sich

die alten Ueberlieserungen des Mutterlandes. Andere Erinnerungen, die

gleich mächtig zur Einbildungskraft sprechen, hafteten an den Colonien

selbst. Sie hatten ihre heiligen Haine, ihre Schutzgottheiten, ihren

lokalen Mythenkreis; sie hatten, was den Dichtungen der frühesten

Zeitalter Leben und Dauer verleiht, ihre Dichter, deren Ruhm selbst über

das Mutterland Glanz verbreitete.

Dieser und noch mancher andern Vortheile entbehren die heutigen

Ansiedlungen. Die meisten wurden in einem Landstrich gegründet, wo Klima,

Naturprodukte, der Anblick des Himmels und der Landschaft ganz anders sind

als in Europa. Wenn auch der Ansiedler Bergen, Flüssen, Thälern Namen

beilegt, die an vaterländische Landschaften erinnern, diese Namen

verlieren bald ihren Reiz und sagen den nachkommenden Geschlechtern nichts

mehr. In fremdartiger Naturumgebung erwachsen aus neuen Bedürfnissen

andere Sitten; die geschichtlichen Erinnerungen verblassen allmählich, und

die sich erhalten, knüpfen sich fortan gleich Phantasiegebilden weder an

einen bestimmten Ort, noch an eine bestimmte Zeit. Der Ruhm Don Pelagio’s

und des Cid Campeador ist bis in die Gebirge und Wälder Amerikas

gedrungen; dem Volk kommen je zuweilen diese glorreichen Namen auf die

Zunge, aber sie schweben seiner Seele vor wie Wesen aus einer idealen

Welt, aus dem Dämmer der Fabelzeit.

Der neue Himmel, das ganz veränderte Klima, die physische Beschaffenheit

des Landes wirken weit stärker auf die gesellschaftlichen Zustände in den

Colonien ein, als die gänzliche Trennung vom Mutterland. Die Schifffahrt

hat im neuerer Zeit solche Fortschritte gemacht, daß die Mündungen des

Orinoco und Rio de la Plata näher bei Spanien zu liegen scheinen, als

einst der Phasis und Tartessus von den griechischen und phönicischen

Küsten. Man kann auch die Bemerkung machen, daß sich in gleich weit von

Europa entfernten Ländern Sitten und Ueberlieferungen desselben im

gemäßigten Erdstrich und auf dem Rücken der Gebirge unter dem Aequator

mehr erhalten haben, als in den Tiefländern der heißen Zone. Die

Aehnlichkeit der Naturumgebung trägt in gewissem Grad dazu bei, innigere

Beziehungen zwischen den Colonisten und dem Mutterland aufrecht zu

erhalten. Dieser Einfluß physischer Ursachen auf die Zustände jugendlicher

gesellschaftlicher Vereine tritt besonders auffallend hervor, wenn es sich

von Gliedern desselben Volksstannnes handelt, die sich noch nicht lange

getrennt haben. Durchreist man die neue Welt, so meint man überall da, wo

das Klima den Anbau des Getreides gestattet, mehr Ueberlieferungen, einem

lebendigeren Andenken an das Mutterlaud zu begegnen. In dieser Beziehung

kommen Pennsylvanien, Neu-Mexico und Chili mit den hochgelegenen Plateaus

von Quito und Neuspanien überein, die mit Eichen und Fichten bewachsen

sind.

Bei den Alten waren die Geschichte, die religiösen Vorstellungen und die

physische Beschaffenheit des Landes durch unauslösliche Bande verknüpft.

Um die Landschaften und die alten bürgerlichen Stürme des Mutterlandes zu

vergessen, hätte der Ansiedler auch dem von seinen Voreltern überlieferten

Götterglauben entsagen müssen. Bei den neueren Völkern hat die Religion,

so zu sagen, keine Localfarbe mehr. Das Christenthum hat den Kreis der

Vorstellungen erweitert, es hat alle Völker darauf hingewiesen, daß sie

Glieder Einer Familie sind, aber eben damit hat es das Nationalgefühl

geschwächt; es hat in beiden Welten die uralten Ueberlieferungen des

Morgenlandes verbreitet, neben denen, die ihm eigenthümlich angehören.

Völker von ganz verschiedener Herkunft und völlig abweichender Mundart

haben damit gemeinschaftliche Erinnerungen erhalten, und wenn durch die

Missionen in einem großen Theil des neuen Festlandes die Grundlagen der

Cultur gelegt worden sind, so haben eben damit die christlichen

kosmogonischen und religiösen Vorstellungen ein merkbares Uebergewicht

über die rein nationalen Erinnerungen erhalten.

Noch mehr: die amerikanischen Colonien sind fast durchaus in Ländern

angelegt, wo die dahingegangenen Geschlechter kaum eine Spur ihres Daseyns

hinterlassen haben. Nordwärts vom Rio Gila, an den Usern des Missouri, auf

den Ebenen, die sich im Osten der Anden ausbreiten, gehen die

Ueberlieferungen nicht über ein Jahrhundert hinauf. In Peru, in Guatimala

und in Mexico sind allerdings Trümmer von Gebäuden, historische Malereien

und Bildwerke Zeugen der alten Kultur der Eingeborenen; aber in einer

ganzen Provinz findet man kaum ein paar Familien, die einen klaren Begriff

von der Geschichte der Incas und der mexikanischen Fürsten haben. Der

Eingeborene hat seine Sprache, seine Tracht und seinen Volkscharakter

behalten; aber mit dem Aufhören des Gebrauches der Quippus und der

symbolischen Malereien, durch die Einführung des Christentums und andere

Umstände, die ich anderswo auseinander gesetzt, sind die geschichtlichen

und religiösen Ueberlieferungen allmählich untergegangen. Andererseits

sieht der Ansiedler von europäischer Abkunft verächtlich auf alles herab,

was sich auf die unterworfenen Völker bezieht. Er sieht sich in die Mitte

gestellt zwischen die frühere Geschichte des Mutterlandes und die seines

Geburtslandes, und die eine ist ihm so gleichgültig wie die andere; in

einem Klima, wo bei dem geringen Unterschied der Jahreszeiten der Ablauf

der Jahre fast unmerklich wird, überläßt er sich ganz dem Genusses der

Gegenwart und wirft selten einen Blick in Vergangene Zeiten.

Aber auch welch ein Abstand zwischen der eintönigen Geschichte neuerer

Niederlassungen und dem lebenvollen Bilde, das Gesetzgebung, Sitten und

politische Stürme der alten Colonien darbieten! Ihre durch abweichende

Regierungsformen verschieden gefärbte geistige Bildung machte nicht selten

die Eifersucht der Mutterländer rege. Durch diesen glücklichen Wetteifer

gelangten Kunst und Literatur in Jonien, Großgriechenland und Sicilien zur

herrlichsten Entwicklung. Heutzutage dagegen haben die Colonien weder eine

eigene Geschichte noch eine eigene Literatur. Die in der neuen Welt haben

fast nie mächtige Nachbarn gehabt, und die gesellschaftlichen Zustände

haben sich immer nur allgemach umgewandelt. Des politischen Lebens bar,

haben diese Handels- und Ackerbaustaaten an den großen Welthändeln immer

nur passiven Antheil genommen.

Die Geschichte der neuen Kolonien hat nur zwei merkwürdige Ereignisse

aufzuweisen, ihre Gründung und ihre Trennung vom Mutterlande. Da Erstere

ist reich an Erinnerungen, die sich wesentlich an die von den Colonisten

bewohnten Länder knüpfen; aber statt Bilder des friedlichen Fortschrittes

des Gewerbefleißes und der Entwickelung der Gesetzgebung in den Kolonien

vorzuführen, erzählt diese Geschichte nur von verübtem Unrecht und von

Gewaltthaten. Welchen Reiz können jene außerordentlichen Zeiten haben, wo

die Spanier unter Carls V. Regierung mehr Mut als sittliche Kraft

entwickelten, und die ritterliche Ehre wie der kriegerische Ruhm durch

Fanatismus und Golddurst befleckt wurden? Die Colonisten sind von sanfter

Gemüthsart, sie sind durch ihre Lage den Nationalvorurtheilen enthoben,

und so wissen sie die Thaten bei der Eroberung nach ihrem wahren Werthe zu

schätzen. Die Männer, die sich damals ausgezeichnet, sind Europäer, sind

Krieger des Mutterlandes. In den Augen des Colonisten sind sie Fremde,

denn drei Jahrhunderte haben hingereicht, die Bande des Blutes aufzulösen.

Unter den "Konquistadoren" waren sicher rechtschaffene und edle Männer,

aber sie verschwinden in der Masse und konnten der allgemeinen Verdammnis

nicht entgehen.

Ich glaube hiermit die hauptsächlichsten Ursachen angegeben zu haben, aus

denen in den heutigen Kolonien die Nationalerinnerungen sich verlieren,

ohne daß andere, auf das nunmehr bewohnte Land sich beziehende, würdig in

ihre Stelle träten. Dieser Umstand, wir können es nicht genug wiederholen,

äußert einen bedeutenden Einfluß auf die ganze Lage der Ansiedler. In der

stürmevollen Zeit einer staatlichen Wiedergeburt sehen sie sich auf sich

selbst gestellt, und es ergeht ihnen, wie einem Volke, das es verschmähte,

seine Geschichtsbücher zu befragen und aus den Unfällen vergangner

Jahrhunderte Lehren der Weisheit zu schöpfen.

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44 Die Mannschaft der Schaluppe wurde häufig von den Wellen durchnäßt;

wir wissen aber, daß unter dieser Breite die Temperatur des

Meerwassers nicht unter 23° seyn kann, und daß die durch Verdunstung

entstehende Abkühlung in Nächten, wo die Lufttemperaur selten über

25° steigt, nur unbeträchtlich ist.

45 "Welche Eiseskälte. Ich friere, als wäre ich auf dem Rücken der

Berge!" [Das provincielle Wort _emparamarse_ läßt sich nur durch

lange Umschreibung wiedergeben. _Paramo_, peruanisch _Puna_ ist ein

Name, den man auf allen Karten des spanischen Amerikas findet. Er

bedeutet in den Colonien weder eine Wüste noch eine »_lande_«,

sondern einen gebirgigen, mit verkrüppelten Bäumen bewachsenen, den

Winden ausgesetzten Landstrich, wo es beständig naßkalt ist. In der

heißen Zone liegen die Paramos gewöhnlich 1600–2000 Toisen hoch. Es

fällt häufig Schnee, der nur ein paar Stunden liegen bleibt; denn

man darf die Worte _Paramo_ und _Puna_ nicht, wie es den Geographen

häufig begegnet, mit dem Wort _Nevado_ peruanisch _Ritticapa_

verwechseln, was einen zur Linie des ewigen Schnees emporragenden

Berg bedeutet. Diese Begriffe sind für die Geologie und die

Pflanzengeographie sehr wichtig, weil man in Ländern, wo noch kein

Berggipfel gemessen ist, eine richtige Vorstellung von der

*geringsten Höhe* erhält, zu der sich die Cordilleren erheben, wenn

man die Worte _Paramo_ und _Nevado_ aussucht. Da die Paramos fast

beständig in kalten, dichten Nebel gehüllt sind, so sagt das Volk in

Santa Fe und Mexico: _cae un paramito_, wenn ein feiner Regen fällt

und die Lufttemperatur bedeutend abnimmt. Aus _Paramo_ hat man

_emparamarse_ gemacht, d. h. frieren, als wäre man auf dem Rücken

der Anden.

46 Mit Ausnahme der Binnenmeere und der Länder, wo sich Polargletscher

bilden. Dieses Sichgleichbleiben des Salzgehaltes des Meeres

erinnert an die noch weit größere Gleichförmigkeit der Vertheilnng

des Sauerstoffs im Luftmeer. In beiden Elementen wird das

Gleichgewicht in der Lösung oder im Gemenge durch Strömungen

hergestellt und erhalten.

47 »_Insularum Cubaguae et Coches quondam fuit dignitos, quum unionum

captura floreret, nunc, illa deficiente, obscura admodum fama_«

Laet. Nov. Orbis, p. 669. Dieser sorgfältige Compilater sagt, wo er

von der Punta Araya spricht, weiter, das Land sey dergestalt in

Vergessenheit gerathen, »_ut vix ulla alia Americae meridionalis

pars hodie obscurior sit_«

48 Es wundert mich, auf unsern Reisen nirgends gehört zu haben, daß in

Südamerika Perlen in Süßwassermuscheln gefunden worden wären, und

doch kommen manche Arten der Gattung _Unio_ in den peruanischen

Flüssen in großer Menge vor.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 1. · 第 12 / 16 题