Erster Auftenthalt in Cumana. — Die Ufer des Manzanares

Wir waren am 16. Juli mit Tagesanbruch auf dem Ankerplatz, gegenüber der

Mündung des Rio Manzanares, angelangt, konnten uns aber erst spät am

Morgen ausschiffen, weil wir den Besuch der Hafenbeamten abwarten mußten.

Unsere Blicke hingen an den Gruppen von Cocosbäumen, die das Ufer säumten

und deren über sechzig Fuß [20 m] hohe Stämme die Landschaft beherrschten.

Die Ebene war bedeckt mit Büschen von Cassien, Capparis und den

baumartigen Mimosen, die gleich den Pinien Italiens ihre Zweige

schirmartig ausbreiten. Die gefiederten Blätter der Palmen hoben sich von

einem Himmelsblau ab, das keine Spur von Dunst trübte. Die Sonne stieg

rasch zum Zenith auf; ein blendendes Licht war in der Luft verbreitet und

lag auf den weißlichen Hügeln mit zerstreuten cylindrischen Cactus und auf

dem ewig ruhigen Meere, dessen Ufer von Alcatras [Ein brauner Pelikan von

der Größe des Schwans. _Pelicanus fuscus_, _Linné_.], Reihern und Flamingo

bevölkert sind. Das glänzende Tageslicht, die Kraft der Pflanzenfarben,

die Gestalten der Gewächse, das bunte Gefieder der Vögel, alles trug den

großartigen Stempel der tropischen Natur.

Cumana, die Hauptstadt von Neuandalusien, liegt eine Meile [4,5 km] vom

Landungsplatz oder der Batterie _de la Bocca_, bei der wir ans Land

gestiegen, nachdem wir über die Barre des Manzanares gefahren. Wir hatten

über eine weite Ebene [_El Salado_] zu gehen, die zwischen der Vorstadt

der Guayqueries und der Küste liegt. Die starke Hitze wurde durch die

Strahlung des zum Theil pflanzenlosen Bodens noch gesteigert. Der

hunderttheilige Thermometer, in den weißen Sand gesteckt, zeigte 37°,7. In

kleinen Salzwasserlachen stand er auf 30°,5, während im Hafen von Cumana

die Temperatur des Meeres an der Oberfläche meist 25°,2 bis 26°,3 beträgt.

Die erste Pflanze, die wir auf dem amerikanischen Festland pflückten, war

die _Avicennia tomentosa_ (_Mangle prieto_), die hier kaum zwei Fuß hoch

wird. Dieser Strauch, das _Sesuvium_, die gelbe _Gomphrena_ und die Cactus

bedecken den mit salzsaurem Natron geschwängerten Boden; sie gehören zu

den wenigen Pflanzen, die, wie die europäischen Heiden, gesellig leben,

und dergleichen in der heißen Zone nur am Meeresufer und auf den hohen

Plateaus der Anden vorkommen. Nicht weniger interessant ist die die

cumanische Avicennia durch eine andere Eigenthümlichkeit: diese Pflanze

gehört dem Gestade und der Küste von Malabar gemeinschaftlich an.

Der indische Lootse führte uns durch seinen Garten, der viel mehr einem

Gehölz als einem bebauten Lande glich. Er zeigte uns als Beweis der

Fruchtbarkeit des Klimas einen Käsebaum _(Bombax heptaphyllum)_, dessen

Stamm im vierten Jahre bereits gegen dritthalb Fuß [75 cm] Durchmesser

hatte. Wir haben an Ufern des Orinoco und des Magdalenenflusses die

Beobachtung gemacht, daß die Bombax, die Carolineen, die Ochromen und

andere Bäume aus der Familie der Malven ausnehmend rasch wachsen. Ich

glaube aber doch, daß die Angabe des Indianers über das Alter des

Käsebaumes etwas übertrieben war; denn in der gemäßigten Zone, auf dem

feuchten und warmen Boden Nordamerikas zwischen dem Mississippi und den

Aleghanis werden die Bäume in zehn Jahren nicht über einen Fuß [32 cm]

dick, und das Wachsthum ist dort im Allgemeinen nur um ein Fünftheil

rascher als in Europa, selbst wenn man zum Vergleich die Platane, den

Tulpenbaum und _Cupressus disticha_ wählt, die zwischen neun und fünfzehn

Fuß [3 und 4,5 m] dick werden. Im Garten des Lootsen am Gestade von Cumana

sahen wir auch zum erstenmal einen *Guama*(37) voll Blüthen, deren

zahlreiche Staubfäden sich durch ihre ungemeine Länge und ihren

Silberglanz auszeichnen. Wir gingen durch die Vorstadt der Indianer, deren

Straßen geradlinigt und mit kleinen, ganz neuen Häusern von sehr

freundlichem Ansehen besetzt sind. Dieser Stadttheil war infolge des

Erdbebens, das Cumana anderthalb Jahre vor unserer Ankunft zerstört hatte,

eben erst neu aufgebaut worden. Kaum waren wir auf einer hölzernen Brücke

über den Manzanares gegangen, in dem hier Bava oder Krokodile von der

kleinen Art vorkommen, begegneten uns überall die Spuren dieser

schrecklichen Katastrophe; neue Gebäude erhoben sich auf den Trümmern der

alten.

Wir wurden vom Capitän des Pizarro zum Statthalter der Provinz, Don

Vicente Emparan, geführt, um ihm die Pässe zu überreichen, die das

Staatssecretariat uns ausgestellt. Er empfing uns mit der Offenheit und

edlen Einfachheit, die von jeher Züge des baskischen Volkscharakters

waren. Ehe er zum Statthalter von Portobelo und Cumana ernannt wurde,

hatte er sich als Schiffscapitän in der königlichen Marine ausgezeichnet.

Sein Name erinnert an einen der merkwürdigsten und traurigsten Vorfälle in

der Geschichte der Seekriege. Nach dem letzten Bruch zwischen Spanien und

England schlugen sich zwei Brüder des Statthalters Emparan bei Nacht vor

dem Hafen von Cadix mit ihren Schiffen, weil jeder das andere Schiff für

ein feindliches hielt. Der Kampf war so furchtbar, daß beide Schiffe fast

zugleich sanken. Nur ein sehr kleiner Theil der beiderseitigen Mannschaft

wurde gerettet, und die beiden Brüder hatten das Unglück, einander kurz

vor ihrem Tode zu erkennen.

Der Statthalter von Cumana äußerte sich sehr zufrieden über unseren

Entschluß, uns eine Zeitlang in Neuandalusien aufzuhalten, das zu jener

Zeit in Europa kaum dem Namen nach bekannt war, und das in seinen Gebirgen

und an den Ufern seiner zahlreichen Ströme der Naturforschung das reichste

Feld der Beobachtung bietet. Der Statthalter zeigte uns mit einheimischen

Pflanzen gefärbte Baumwolle und schöne Möbeln ganz aus einheimischen

Hölzern; er interessirte sich lebhaft für alle physischen Wissenschaften

und fragte uns zu unserer großen Verwunderung, ob wir nicht glaubten, daß

die Luft unter dem schönen tropischen Himmel weniger Stickstoff

_(azotico)_ enthalte als in Spanien, oder ob, wenn das Eisen hierzulande

rascher oxydire, dies allein von der größeren Feuchtigkeit herrühre, die

der Haarhygrometer anzeige. Dem Reisenden kann der Name des Vaterlandes,

wenn er ihn auf einer fernen Küste aussprechen hört, nicht lieblicher in

den Ohren klingen, als uns hier die Worte Stickstoff, Eisenoxyd,

Hygrometer. Wir wußten, daß wir, trotz der Befehle des Hofs und der

Empfehlung eines mächtigen Ministers, bei unserem Aufenthalt in den

spanischen Colonien mit zahllosen Unannehmlichkeiten zu kämpfen haben

würden, wenn es uns nicht gelang, bei den Regenten dieser ungeheuren

Landstrecken besondere Theilnahme für uns zu wecken. Emparan war ein zu

warmer Freund der Wissenschaft, um es seltsam zu finden, daß wir so weit

hergekommen, um Pflanzen zu sammeln und die Lage gewisser Oertlichkeiten

astronomisch zu bestimmen. Er argwöhnte keine andern Beweggründe unserer

Reise als die in unseren Pässen angegebenen, und die öffentlichen Beweise

von Achtung, die er uns während unseren langen Aufenthaltes in seinem

Regierungsbezirke gegeben, haben Großes dazu beigetragen, uns überall in

Südamerika eine freundliche Aufnahme zu verschaffen.

Am Abend ließen wir unsere Instrumente ausschiffen und fanden zu unserer

Befriedigung keines beschädigt. Wir mietheten ein geräumiges, für die

astronomischen Beobachtungen günstig gelegenes Haus. Man genoß darin, wenn

der Südwind wehte, einer angenehmen Kühle; die Fenster waren ohne

Scheiben, nicht einmal mit Papier bezogen, das in Cumana meist statt des

Glases dient. Sämmtliche Passagiere des Pizarro verließen das Schiff, aber

die vom bösartigen Fieber Befallenen genasen sehr langsam. Wir sahen

welche, die nach einem Monat, trotz der guten Pflege, die ihnen von ihren

Landsleuten geworden, noch erschrecklich blaß und mager waren. In den

Spanischen Colonien ist die Gastfreundschaft so groß, daß ein Europäer,

käme er auch ohne Empfehlung und ohne Geldmittel an, so ziemlich sicher

auf Unterstützung rechnen kann, wenn er krank in irgend einem Hafen ans

Land geht. Die Catalonier, Galizier und Biscayer stehen im stärksten

Verkehr mit Amerika. Sie bilden dort gleichsam drei gesonderte

Corporationen, die auf die Sitten, den Gewerbsfleiß und den Handel der

Colonien bedeutenden Einfluß haben. Der ärmste Einwohner von Siges oder

Vigo ist sicher, im Hause eines catalonischen oder galizischen *Pulpero*

(Krämer) Aufnahme zu finden, ob er nun nach Chile oder nach Mexiko oder

auf die Philippinen kommt. Ich habe die rührendsten Beispiele gesehen, wie

für unbekannte Menschen ganze Jahre lang unverdrossen gesorgt wird. Man

kann hören, Gastfreundschaft sey leicht zu üben in einem herrlichen Klima,

wo es Nahrungsmittel im Ueberfluß gibt, wo die einheimischen Gewächse

wirksame Heilmittel liefern, und der Kranke in seiner Hängematte unter

einem Schuppen das nöthige Obdach findet. Soll man aber die Ueberlast,

welche die Ankunft eines Fremden, dessen Gemüthsart man nicht kennt, einer

Familie verursacht, für nichts rechnen? und die Beweise gefühlvoller

Theilnahme, die aufopfernde Sorgfalt der Frauen, die Geduld, die während

einer langen, schweren Wiedergenesung nimmer ermüdet, soll man von dem

allen absehen? Man will die Beobachtung gemacht haben, daß, vielleicht mit

Ausnahme einiger sehr volkreichen Städte, seit den ersten Niederlassungen

spanischer Ansiedler in der neuen Welt die Gastfreundschaft nicht merkbar

abgenommen habe. Der Gedanke thut wehe, daß dieß allerdings anders werden

muß, wenn einmal Bevölkerung und Industrie in den Colonien rascher

zunehmen, und wenn sich auf der Stufe gesellschaftlicher Eintwicklung, die

man als vorgeschrittene Kultur zu bezeichnen pflegt, die alte

castilianische Offenheit allmählich verliert.

Unter den Kranken, die in Cumana an Land kamen, befand sich ein Neger, der

einige Tage nach unserer Ankunft in Raserei verfiel; er starb in diesem

kläglichen Zustand, obgleich sein Herr, ein siebzigjähriger Mann, der

Europa verlassen hatte, um in San Blas, am Eingang des Golfs von

Californien, eine neue Heimath zu suchen, ihm alle erdenkliche Pflege

hatte zu Theil werden lassen. Ich erwähne dieses Falls, um zu zeigen, daß

zuweilen Menschen, die im heißen Erdstrich geboren sind, aber in einem

gemäßigten Klima gelebt haben, den verderblichen Einflüssen der tropischen

Hitze erliegen. Der Neger war ein junger Mensch von achtzehn Jahren, sehr

kräftig und auf der Küste von Guinea geboren. Durch mehrjährigen

Aufenthalt auf der Hochebene von Castilien hatte aber seine Constitution

den Grad von Reizbarkeit erhalten, der die Miasmen der heißen Zone für die

Bewohner nördlicher Länger so gefährlich macht.

Der Boden, auf dem die Stadt Cumana liegt, gehört einer geologisch sehr

interessanten Bildung an. Da mir aber seit meiner Rückkehr nach Europa

einige Reisende mit der Beschreibung von Küstenstrichen, die sie nach mir

besucht, zuvorgekommen sind, so beschränke ich mich hier auf Bemerkungen,

die außerhalb des Kreises ihrer Beobachtungen fallen. Die Kette der

Kalkalpen des Brigantin und Tataraqual streicht von Ost nach West vom

Gipfel *Imposible* bis zum Hafen von Mochima und nach Campanario. In einer

sehr fernen Zeit scheint das Meer diesen Gebirgsdamm von der Felsen küste

von Araya und Maniquarez getrennt zu haben. Der weite Golf von Cariaco ist

durch einen Einbruch des Meeres entstanden, und ohne Zweifel stand damals

an der Südküste das ganze mit salzsaurem Natron getränkte Land, durch das

der Manzanares läuft, unter Wasser. Ein Blick auf den Stadtplan von Cumana

läßt diese Thatsache so unzweifelhaft erscheinen, als daß die Becken von

Paris, Oxford und Wien einst Meerboden gewesen. Das Meer zog sich langsam

zurück und legte das weite Gestade trocken, auf dem sich eine Hügelgruppe

erhebt, die aus Gips und Kalkstein von der neuesten Bildung besteht.

Die Stadt Cumana lehnt sich an diese Hügel, die einst ein Eiland im Golf

von Cariaco waren. Das Stück der Ebene norwärts von der Stadt heißt »der

kleine Strand« (_Plaga chica_); sie dehnt sich gegen Ost bis zur Punta

Delgada aus, und hier bezeichnet ein enges mit _Gomphrena flava_ bedecktes

Thal den Punkt, wo einst der Durchbruch der Gewässer stattfand. Dieses

Tal, dessen Eingang durch kein Außenwerk vertheidigt wird, erscheint als

der Punkt, von wo der Platz einem Angriff am meisten ausgesetzt ist. Der

Feind kann in voller Sicherheit zwischen der *Punta Arenas del Barigon*

und der Mündung des Manzanares durchgehen, wo die See 40–50 [73–91 m] und

weiter nach Südost sogar 87 Faden [159 m] tief ist. Er kann an der *Punta

Delgada* landen und das Fort St. Antonio und die Stadt Cumana im Rücken

angreifen, ohne daß er vom Feuer der westlichen Batterien auf der Playa

Chica an der Mündung des Stroms und beim *Cerro Colorado* etwas zu

fürchten hätte.

Der Hügel aus Kalkstein, den wir, wie oben bemerkt, als eine Insel im

ehemaligen Golf betrachten, ist mit Fackeldisteln bedeckt. Manche davon

sind 30–40 Fuß [10–13 m] hoch und ihr mit Flechten bedeckter, in mehrere

Aeste kronleuchterartig getheilter Stamm nimmt sich höchst seltsam aus.

Bei Maniquarez an der Punta Araya maßen wir einen Cactus, dessen Stamm

über vier Fuß neun Zoll [1,54 m] Umfang hatte. Ein Europäer, der nur die

Fackeldisteln unserer Gewächshäuser kennt, wundert sich, wenn er sieht,

daß das Holz dieses Gewächses mit dem Alter sehr hart wird, daß es

Jahrhunderte lang der Luft und Feuchtigkeit widersteht, und daß es die

Indianer von Cumana vorzugsweise zu Rudern und Türschwellen verwenden.

Nirgends in Südamerika kommen die Gewächse aus der Familie der Nopaleen

häufiger vor als in Cumana, Coro, Curaçao und auf der Insel Margarita. Nur

dort könnte der Botaniker nach langem Aufenthalt eine Monographie der

Cactus schreiben, die nicht in Hinsicht auf Blüthen und Früchte, aber nach

der Form des gegliederten Stamms, nach der Zahl der Gräten und der

Stellung der Stacheln ausnehmend viele Varietäten bilden. Wir werden in

der Folge sehen, wie diese Gewächse, die für ein heißes, trockenes Klima,

wie das Egyptens und Californiens, charakteristisch sind, immer mehr

verschwinden, wenn man von Terra Firma ins Innere des Landes kommt.

Die Cactusgebüsche spielen auf dürrem Boden in Südamerika dieselbe Rolle

wie in unseren nördlichen Ländern die mit Binsen und Hydrocharideen

bewachsenen Brüche. Ein Ort, wo stachlichte Cactus von hohem Wuchs in

Reihen stehen, gilt fast für undurchdringlich. Solche Stellen, *Tunales*

genannt, halten nicht allein den Eingeborenen auf, der bis zum Gürtel

nackt ist, sie sind ebensosehr von den Stämmen gefürchtet, die ganz

bekleidet gehen. Auf unsern einsamen Spaziergängen versuchten wir es

manchmal in den *Tunal* einzudringen, der die Spitze des Schloßberges

krönt und durch den zum Theil ein Fußweg führt. Hier ließe sich der Bau

dieses sonderbaren Gewächses an Tausenden von Exemplaren beobachten.

Zuweilen wurden wir von der Nacht überrascht, denn in diesem Klima gibt es

fast keine Dämmerung. Unsere Lage war dann desto bedenklicher, da der

*Cascabel* oder die Klapperschlange, der *Coral* und andere Schlangen mit

Giftzähnen zur Legezeit solche heißen trockenen Orte aufsuchen, um ihre

Eier in den Sand zu legen.

Das Schloß St. Antonio liegt auf der westlichen Spitze des Hügels, aber

nicht auf dem höchsten Punkt; es wird gegen Osten von einer nicht

befestigten Höhe beherrscht. Der *Tunal* gilt hier und überall in den

spanischen Niederlassungen für ein nicht unwichtiges militärisches

Vertheidigungsmittel. Wo man Erdwerke anlegt, suchen die Ingenieurs recht

viele stachlichte Fackeldisteln darauf anzubringen und ihr Wachsthum zu

befördern, wie man auch die Krokodile in den Wassergräben der festen

Plätze hegt. In einem Klima, wo die organische Natur eine so gewaltige

Triebkraft hat, zieht der Mensch fleischfressende Reptilien und mit

furchtbaren Stacheln bewehrte Gewächse zu seiner Vertheidigung herbei.

Das Schloß St. Antonio, wo man an Festtagen die Flagge von Castilien

aufzieht, liegt nur 30 Toisen [58,5 m] über dem Wasserspiegel des

Meerbusens von Cariaco. Auf seinem kahlen Kalkhügel beherrscht es die

Stadt und liegt, wenn man in den Hafen einfährt, höchst malerisch da. Es

hebt sich hell von der dunkeln Wand der Gebirge ab, deren Gipfel bis zur

Schneeregion aufsteigen und deren duftiges Blau mit dem Himmelsblau

verschmilzt. Geht man vom Fort St. Antonio gegen Südwest herab, so kommt

man am Abhang desselben Felsen zu den Trümmern des alten Schlosses Santa

Maria. Dies ist ein herrlicher Punkt, um gegen Sonnenuntergang des kühlen

Seewindes und der Aussicht auf den Meerbusen zu genießen. Die hohen

Berggipfel der Insel Margarita erscheinen über der Felsenküste der

Landenge von Araya; gegen Westen mahnen die kleinen Inseln Caracas,

Picuito und Boracha an die Katastrophe, durch welche die Küste von Terra

Firma zerrissen worden ist. Diese Eilande gleichen Festungswerken, und da

die Sonne die untern Luftschichten, die See und das Erdreich ungleich

erwärmt, so erscheinen ihre Spitzen infolge der Luftspiegelung

hinaufgezogen, wie die Enden der großen Vorgebirge der Küste. Mit

Vergnügen verfolgt man bei Tage diese wechseln den Erscheinungen; bei

Einbruch der Nacht sieht man dann, wie die in der Luft schwebenden

Gesteinmassen sich wieder auf ihre Grundlage niedersenken, und das

Gestirn, das der organischen Natur Leben verleiht, scheint durch die

veränderliche Beugung seiner Strahlen den starren Fels vom Fleck zu rücken

und dürre Sandebenen wellenförmig zu bewegen.

Die eigentliche Stadt Cumana liegt zwischen dem Schlosse St. Antonio und

den kleinen Flüssen Manzanares und Santa Catalina. Das durch die Arme des

ersteren Flusses gebildete Delta ist ein fruchtbares Land, bewachsen mit

Mammea, Achra, Bananen und anderen Gewächsen, die in den Gärten oder

*Charas* der Indianer gebaut werden. Die Stadt hat kein ausgezeichnetes

Gebäude aufzuweisen, und bei der Häufigkeit von Erdbeben wird sie

schwerlich je welche haben. Starke Erdstöße kommen zwar im selben Jahre in

Cumana nicht so häufig vor als in Quito, wo durch prächtige, sehr hohe

Kirchen stehen; aber die Erdbeben in Quito sind nur scheinbar so heftig,

und in Folge der eigenthümlichen Beschaffenheit des Bodens und der Art der

Bewegung stürzt kein Gebäude ein. In Cumana, wie in Lima und mehreren

anderen Städten, die weit von den Schlünden thätiger Vulkane liegen, wird

die Reihe schwacher Erdstöße nach Ablauf vieler Jahre leicht durch größere

Katastrophen unterbrochen, die in ihren Wirkungen dener einer springenden

Mine ähnlich sind. Wir werden öfters Gelegenheit haben, auf diese

Erscheinungen zurückzukommen, zu deren Erklärung so viele eitle Theorien

ersonnen worden sind, und für die man eine Classification gefunden zu

haben glaubte, wenn man senkrechte und wagrechte Bewegungen, stoßende und

wellenförmige Bewegungen annahm.(38)

Die Vorstädte von Cumana sind fast so stark bevölkert wie die alte Stadt.

Es sind ihrer drei: Die der *Serritos* auf dem Wege nach der Plaga chica,

wo einige schöne Tamarindenbäume stehen, die südöstlich gelegene, San

Francisco genannt, und die große Vorstadt der Guayqueries. Der Name dieses

Indianerstammes war vor der Eroberung ganz unbekannt. Die Eingeborenen,

die denselben jetzt führen, gehörten früher zu der Nation der Guaraunos,

die nur noch auf dem Sumpfboden zwischen den Armen des Orinoco lebt. Alte

Männer versicherten mich, die Sprache ihrer Vorfahren sey eine Mundart des

Guaraunosprache gewesen, aber seit hundert Jahren gebe es in Cumana und

auf Margarita keinen Eingeborenen vom Stamme mehr, der etwas anderes

spreche als castilianisch.

Das Wort *Guayqueries* verdankt, gerade wie die Worte *Peru* und

*Peruaner*, seinen Ursprung einem bloßen Mißverständnisse. Als die

Begleiter des Columbus an der Insel Margarita hinfuhren, auf deren

Nordküste noch jetzt der am höchsten stehende Theil dieser Nation wohnt,

stießen sie auf einige Eingeborene, die Fische harpunirten, indem sie

einen mit einer sehr feinen Spitze versehenen, an einen Strick gebundenen

Stock gegen sie schleuderten. Sie fragten sie in haytischer Sprache, wie

sie hießen: die Indianer aber meinten, die Fremden erkundigten sich nach

den Harpunen aus dem harten, schweren Holz der Macanapalme und

antworteten: *Guaike*, *Guaike*, das heißt: spitziger Stock. Die

Guayqueries, ein gewandtes, civilisirtes Fischervolk, unterscheiden sich

jetzt auffallend von den wilden Guaraunos am Orinoco, die ihre Hütten an

den Stämmen der Morichepalme aufhängen.

Die Bevölkerung von Cumana ist in der neuesten Zeit viel zu hoch angegeben

worden. Im Jahre 1800 schätzten sie Ansiedler, die in nationalökonomischen

Untersuchungen wenig Bescheid wissen, auf 20,000 Seelen, wogegen

königliche bei der Landesregierung angestellte Beamte meinten, die Stadt

samt den Vorstädten habe nicht 12,000. Depons gibt in seinem schätzbaren

Werk über die Provinz Caracas der Stadt im Jahre 1802 gegen 28,000

Einwohner; andere geben im Jahr 1810 30,000 an. Wenn man bedenkt, wie

langsam die Bevölkerung in Terra Firma zunimmt, und zwar nicht auf dem

Land, sondern in den Städten, so läßt sich bezweifeln, daß Cumana bereits

um ein Drittheil volkreicher seyn sollte als Vera Cruz, der vornehmste

Hafen des Königreichs Neuspanien. Es läßt sich auch leicht darthun, daß im

Jahr 1802 die Bevölkerung kaum über 18,000 bis 19,000 Seelen betrug. Es

waren mir verschiedene Notizen über die statistischen Verhältnisse des

Landes zu Hand, welche die Regierung hatte zusammenstellen lassen, als die

Frage verhandelt wurde, ob die Einkünfte aus der Tabakspacht durch eine

Personalsteuer ersetzt werden könnten, und ich darf mir schmeicheln, daß

meine Schätzung auf ziemlich sichern Grundlagen ruht.

Eine im Jahr 1792 vorgenommene Zählung ergab für die Stadt Cumana, ihre

Vorstädte und die einzelnen Häuser auf eine Meile in der Runde nur 10,740

Einwohner. Ein Schatzbeamter, Don Manuel Navarete, versichert, daß man

sich bei dieser Zählung höchstens um ein Drittheil oder ein Viertheil

geirrt haben könne. Vergleicht man die jährlichen Taufregister, so macht

sich von 1792 bis 1800 nur eine geringe Zunahme bemerklich. Die Weiber

sind allerdings sehr fruchtbar, besonders die eingeborenen, aber wenn auch

die Pocken im Lande noch unbekannt sind, so ist doch die Sterblichkeit

unter den kleinen Kindern furchtbar groß, weil sie in völliger

Verwahrlosung aufwachsen und die üble Gewohnheit haben, unreife,

unverdauliche Früchte zu genießen. Die Zahl der Geburten beträgt im

Durchschnitt 520 bis 600, was auf eine Bevölkerung von höchstens 16,800

Seelen schließen läßt. Man kann versichert seyn, daß sämmtliche

Indianerkinder getauft und in das Taufregister der Pfarre eingetragen

sind, und nimmt man an, die Bevölkerung sey im Jahr 1800 26,000 Seelen

stark gewesen, so käme auf dreiundvierzig Köpfe nur Eine Geburt, während

sich die Geburten zur Gesammtbevölkerung in Frankreich wie 28 zu 100 und

in den tropischen Strichen von Mexico wie 17 zu 100 verhalten.

Vermuthlich wird sich die indianische Vorstadt allmählich bis zum

Landungsplatz ausdehnen, da die Fläche, auf der noch keine Häuser oder

Hütten stehen, höchstens 340 Toisen lang ist. Dem Strande zu ist die Hitze

etwas weniger drückend als in der Altstadt, wo wegen des Zurückprallens

der Sonnenstrahlen vom Kalkboden und der Nähe des Berges St. Antonio die

Temperatur der Luft ungemein hoch steigt. In der Vorstadt der Guayqueries

haben die Seewinde freien Zutritt, der Boden ist Thon und damit, wie man

glaubt, den heftigen Stößen der Erdbeben weniger ausgesetzt, als die

Häuser, die sich an die Felsen und Hügel am rechten Ufer des Manzanares

lehnen.

Bei der Mündung des kleinen Flusses Santa Catalina ist der Saum des Ufers

mit sogenannten Wurzelträgern [_Rhizophora Mangle._] besetzt; aber diese

*Manglares* sind nicht groß genug, um der Salubrität der Luft in Cumana

Eintrag zu thun. Im übrigen ist die Ebene theils kahl, theils bedeckt mit

Büschen von _Sesubium portulacastrum_, _Gomphrena flava_, _Gomphrena

myrtifolia_, _Talinum cuspidatum_, _Talinum cumanense_ und _Portulaca

lanuginosa_. Unter diesen krautartigen Gewächsen erheben sich da und dort

die _Avicennia tomentosa_, die _Scoparia dulcus_, eine strauchartige

Mimose mit sehr reizbaren Blättern, besonders aber Cassien, deren in

Südamerika so viele vorkommen, daß wir auf unsern Reisen mehr als dreißig

neue Arten zusammengebracht haben.

Geht man zur indischen Vorstadt hinaus und am Fluß gegen Süd hinauf, so

kommt man zuerst an ein Cactusgebüsch und dann an einen wunderschönen

Platz, den Tamarindenbäume, Brasilienholzbäume, Bombax und andere durch

ihr Laub und ihre Blüthen ausgezeichnete Gewächse beschatten. Der Boden

bietet hier gute Weide, und Melkereien, aus Rohr erbaut, liegen zerstreut

zwischen den Baumgruppen. Die Milch bleibt frisch, wenn man nicht in der

Frucht des Flaschenkürbisbaums, die ein Gewebe aus sehr dichten Holzfasern

ist, sondern in porösen Thongefäßen von Maniquarez aufbewahrt. In Folge

eines in nördlichen Ländern herrschenden Vorurtheils habe ich geglaubt, in

der heißen Zone geben die Kühe keine sehr fette Milch; aber der Aufenthalt

in Cumana, besonders aber die Reise über die weiten mit Gräsern und

krautartigen Mimosen bewachsenen Ebenen von Calabozo haben mich belehrt,

daß sich die Wiederkäuer Europas vollkommen an das heißeste Klima

gewöhnen, wenn sie nur Wasser und gutes Futter finden. Die

Milchwirthschaft ist in den Provinzen Neuandalusien, Barcelona und

Venezuela ausgezeichnet, und häufig ist die Butter auf den Ebenen der

heißen Zone besser als auf dem Rücken der Anden, wo für die Alppflanzen

die Temperatur in keiner Jahreszeit hoch genug ist und sie daher weniger

aromatisch sind als auf den Pyrenäen, auf den Bergen Estremaduras und

Griechenlands.

Den Einwohnern Cumanas ist die Kühlung durch den Seewind lieber als der

Blick ins Grüne, und so kennen sie fast keinen andern Spaziergang als den

großen Strand. Die Castilianer, denen man nachsagt, sie seyen im

allgemeinen keine Freunde von Bäumen und Vogelgesang, haben ihre Sitten

und ihre Vorurtheile in die Colonien mitgenommen. In Terra Firma, Mexico

und Peru sieht man selten einen Eingeborenen einen Baum pflanzen allein in

der Absicht, sich Schatten zu schaffen, und mit Ausnahme der Umgegend der

großen Hauptstädte weiß man in diesen Ländern so gut wie nichts von

Alleen. Die dürre Ebene von Cumana zeigt nach starken Regengüssen eine

merkwürdige Erscheinung. Der durchnäßte, von den Sonnenstrahlen erhitzte

Boden verbreitet jenen Bisamgeruch, der in der heißen Zone Thieren der

verschiedensten Klassen gemein ist, dem Jaguar, den kleinen Arten von

Tigerkatzen, dem Cabiaï [_Cavia capybara_, _Linné_], Galinazogeier

[_Vultur aura_, _Linné_], dem Krokodil, den Vipern und Klapperschlangen.

Die Gase, die das Vehikel dieses Aromas sind, scheinen sich nur in dem

Maaße zu entwickeln, als der Boden, der die Reste zahlloser Reptilien,

Würmer und Insekten enthält, sich mit Wasser schwängert. Ich habe

indianische Kinder vom Stamme der Chaymas achtzehn Zoll lange und sieben

Linien breite [40 cm lange und 15 mm breite] Scolopender oder Tausendfüße

aus dem Boden ziehen und verzehren sehen. Wo man den Boden aufgräbt, muß

man staunen über die Massen organischer Stoffe, die wechselnd sich

entwickeln, sich umwandeln oder zersetzen. Die Natur scheint in diesen

Himmelsstrichen kraftvoller, fruchtbarer, man möchte sagen mit dem Leben

verschwenderischer.

Am Strande und bei den Melkereien, von denen eben die Rede war, hat man,

besonders bei Sonnenaufgang, eine sehr schöne Aussicht auf die Gruppe

hoher Kalkberge. Da diese Gruppe im Hause, wo wir wohnten, nur unter einem

Winkel von drei Grad erscheint, diente sie mir lange dazu, die

Veränderungen in der irdischen Refraction mit den meteorologischen

Veränderungen in der irdischen Refraction zu vergleichen. Die Gewitter

bilden sich mitten in dieser Cordillere, und man sieht von weitem, wie die

dicken Wolken sich in starken Regen auflösen, während in Cumana sechs bis

acht Monate lang kein Tropfen fällt. Der höchste Gipfel der Bergkette, der

sogenannte Brigantin, nimmt sich hinter dem Brito und dem Tetaraqual

höchst malerisch aus. Sein Name rührt her von der Gestalt eines sehr

tiefen Thals an seinem nördlichen Abhang, das dem Inneren eines Schiffes

gleicht. Der Gipfel des Bergs ist fast ganz kahl und abgeplattet, wie der

Gipfel des Mawna-Roa auf den Sandwichinseln; es ist eine senkrechte Wand,

oder, um mich des bezeichnenderen Ausdruckes der spanischen Schiffer zu

bedienen, ein Tisch, eine _mesa_. Diese eigenthümliche Bildung und die

symmetrische Lage einiger Kegel, die den Brigantin umgeben, brachten mich

anfänglich auf die Vermuthung, daß diese Berggruppe, die ganz aus

Kalkstein besteht, Glieder der Basalt- oder Trappformation enthalten

möchte.

Der Statthalter von Cumana hatte im Jahr 1797 muthige Männer ausgeschickt,

die das völlig unbewohnte Land untersuchen und einen geraden Weg nach

Neu-Barcelona über den Gipfel der *Mesa* eröffnen sollten. Man vermuthete

mit Recht, dieser Weg werde kürzer und für die Gesundheit der Reisenden

nicht so gefährlich seyn als der längs der Küste, den die Couriere von

Caracas einschlagen; aber alle Bemühungen, über die Bergkette zu kommen

waren fruchtlos. In diesen Ländern Amerikas, wie in Neuholland(39) im

Westen von Sidney, bietet nicht sowohl die Höhe der Cordilleren als die

Gestaltung des Gesteins schwer zu besiegende Hindernisse. Durch das von

den Gebirgen im Innern und dem südlichen Abhang des *Cerro de San Antonio*

gebildete Längenthal fließt der Manzanares. In der ganzen Umgegend von

Cumana ist dieß der einzige ganz bewaldete Landstrich; er heißt die *Ebene

der Charas*, [*Chacra*, verdorben *Chara*, heißt eine von einem Garten

umgebene Hütte.] wegen der vielen Pflanzungen, welche die Einwohner seit

einigen Jahren den Fluß entlang versucht haben. Ein schmaler Pfad führt

vom Hügel von San Francisco durch den Forst zum Kapuzinerhospiz, einem

höchst angenehmen Landhaus, das die aragonesischen Mönche für alte

entkräftete Missionäre, die ihres Amtes nicht mehr walten können, gebaut

haben. Gegen Ost werden die Waldbäume immer kräftiger und man sieht hier

und da einen Affen [Der gemeine *Machi* oder Heulaffe.], die sonst in der

Gegend sehr selten sind. Zu den Füßen der Capparis, Bauhinien und des

Zygophyllum mit goldgelben Blüthen breitet sich ein Teppich vom Bromelien

[Chihuchihue, aus der Familie der Ananas.] aus, deren Geruch und deren

kühles Laub die Klapperschlangen hieher ziehen.

Der Manzanares hat sehr klares Wasser und zum Glück nichts mit dem

Madrider Manzanares gemein, der unter seiner prächtigen Brücke noch

schmäler erscheint. Er entspringt, wie alle Flüsse Neuandalusiens, in

einem Striche der Savanen (Llanos), der unter dem Namen der Plateaus von

Jonoro, Amana und Guanipa bekannt ist und beim indianischen Dorfe San

Fernando die Gewässer des Rio Juanillo aufnimmt. Man hat der Regierung

öfter, aber immer vergeblich, den Vorschlag gemacht, beim ersten *Ipure*

ein Wehr bauen zu lassen, um die Ebene der Charas künstlich zu bewässern,

denn der Boden ist trotz seiner scheinbaren Dürre ausnehmend fruchtbar,

sobald Feuchtigkeit zu der herrschenden Hitze hinzukommt. Die Landleute,

die im Allgemeinen in Cumana nicht wohlhabend sind, sollten nach und nach

die Auslagen für die Schleuße ersetzen. Bis das Projekt in Ausführung

kommt, hat man Schöpfräder, durch Maulthiere getriebene Pumpen und andere

sehr unvollkommene Wasserwerke angelegt.

Die Ufer des Manzanares sind sehr freundlich, von Mimosen, Erythrina,

Ceiba und anderen Bäumen von riesenhaftem Wuchs beschattet. Ein Fluß,

dessen Temperatur zur Zeit des Hochwassers auf 22° fällt, während der

Thermometer der Luft auf 30–33° steht, ist eine unschätzbare Wohltat in

einem Lande, wo das ganze Jahr eine furchtbare Hitze herrscht und man den

Trieb hat, mehrere Male des Tages zu baden. Die Kinder bringen sozusagen

einen Teil ihres Lebens im Wasser zu; alle Einwohner, selbst die

weiblichen Glieder der reichsten Familien, können schwimmen, und in einem

Lande, wo der Mensch dem Naturstande noch so nahe ist, hat man sich, wenn

man morgens einander begegnet, nichts Wichtigeres zu fragen, als ob der

Fluß heute kühler sey als gestern. Man hat verschiedene Bademethoden. So

besuchten wir jeden Abend eine Zirkel sehr achtungswerter Personen in der

Vorstadt der Guaykari. Da stellte man bei schönem Mondschein Stühle ins

Wasser; Männer und Frauen waren leicht bekleidet, wie in manchen Bädern

des nördlichen Europas, und die Familie und die Fremden blieben ein paar

Stunden im Flusse sitzen, rauchten Cigarren dazu und unterhielten sich

nach Landessitte von der ungemeinen Trockenheit der Jahreszeit, vom

starken Regenfall in den benachbarten Distrikten, besonders aber vom

Luxus, den die Damen in Cumana den Damen in Caracas und Havana zum Vorwurf

machen. Durch die *Bavas* oder kleinen Krokodile, die jetzt sehr selten

sind und den Menschen nahe kommen, ohne anzugreifen, ließ sich die

Gesellschaft durchaus nicht stören. Diese Tiere sind drei bis vier Fuß

[1 bis 1,3 m] lang; wir haben nie eines im Manzanares gesehen, wohl aber

Delphine, die zuweilen bei Nacht im Flusse heraufkommen und die Badenden

erschrecken, wenn sie durch ihre Luftlöcher Wasser spritzen.

Der Hafen von Cumana ist eine Reede, welche die Flotten von ganz Europa

aufnehmen könnte. Der ganze Meerbusen von Cariaco, der sechsunddreißig

Semeilen [67 km] lang und sechs bis acht [11 bis 15 km] breit ist, bietet

vortrefflichen Ankergrund. Der Große Ozean an der Küste von Peru kann

nicht stiller und ruhiger seyn als das Meer der Antillen von Portocabello

an, namentlich aber vom Vorgebirge Codera bis zur Landspitze von Paria.

Von den Stürmen bei den Antillischen Inseln spürt man nie etwas in diesem

Strich, wo man in Schaluppen ohne Verdeck das Meer befährt. Die einzige

Gefahr im Hafen von Cumana ist eine Untiefe, *Baxo del Morro roxo*, die

von West nach Ost 900 Toisen [1750 m] lang ist und so steil abfällt, daß

man dicht dabei ist, ehe man sie gewahr wird.

Ich habe die Lage von Cumana etwas ausführlich beschrieben, weil es mir

wichtig schien, eine Gegend kennenzulernen, die seit Jahrhunderten der

Herd der fruchtbarsten Erdbeben war. Ehe wir von diesen außerordentlichen

Erscheinungen sprechen, erscheint es mir als zweckmäßig, die verschiedenen

Züge des von mir entworfenen Naturbildes zusammenzufassen.

Die Stadt liegt am Fuße eines kahlen Hügels und wird von einem Schlosse

beherrscht. Kein Glockenturm, keine Kuppel fällt von weitem dem Reisenden

ins Auge, nur einige Tamarinden-, Kokosnuß- und Dattelstämme erheben sich

über die Häuser mit platten Dächern. Die Ebene ringsum, besonders dem

Meere zu ist trübselig, staubig und dürr, wogegen ein frischer, kräftiger

Pflanzenwuchs von weitem den geschlängelten Lauf des Flusses bezeichnet,

der die Stadt von den Vorstädten, die Bevölkerung von europäischer und

gemischter Abkunft von den kupferfarbenen Eingeborenen trennt. Der

freistehende, kahle, weiße Schloßberg San Antonio wirft zugleich eine

große Masse Licht und strahlender Wärme zurück; er besteht aus Breccien,

deren Schichten versteinerte Seetiere einschließen. In weiter Ferne gegen

Süden streicht dunkel ein mächtiger Gebirgszug hin. Dies sind die hohen

Kalkalpen von Neuandalusien, wo dem Kalk Sandsteine und andere neuere

Bildungen aufgelagert sind. Majestätische Wälder bedecken diese Kordillere

im innern Land und hängen durch ein bewaldetes Tal mit dem nackten,

tonigen und salzhaltigen Boden zusamen, auf dem Cumana liegt. Einige Vögel

von bedeutender Größe tragen zur eigentümlichen Physiognomie des Landes

bei. Am Gestade und am Meerbusen sieht man Scharen von Fischreihern und

Alcatras, sehr plumpen Vögeln, die gleich den Schwänen mit gehobenen

Flügeln über das Wasser gleiten. Näher bei den Wohnstätten der Menschen

sind Tausende von Galinazogeiern, wahre Chakals unter dem Gefieder,

rastlos beschäftigt, tote Tiere zu suchen. Ein Meerbusen, auf dessen

Grunde heiße Quellen vorkommen, trennt die sekundären Gebirgsbildungen vom

primitiven Schiefergebirge der Halbinsel Araya. Beide Küsten werden von

einem ruhigen, blauen, beständig vom selben Winde leicht bewegten Meere

bespült. Ein reiner, trockener Himmel, an dem nur bei Sonnenaufgaug

leichtes Gewölk aufzieht, ruht auf der See, auf der baumlosen Halbinsel

und der Ebene von Cumana, während man zwischen den Berggipfeln im Inneren

Gewitter sich bilden, sich zusammenziehen und in fruchtbaren Regengüssen

sich entladen sieht. So zeigen denn an diesen Küsten, wie am Fuße der

Anden, Himmel und Erde scharfe Gegensätze von Heiterkeit und Bewölkung,

von Trockenheit und gewaltigen Wassergüssen, von völliger Kahlheit und

ewig neu sprossendem Grün. Auf dem neuen Continent unterscheiden sich die

Niederungen an der See von den Gebirgsländern im Innern so scharf, wie die

Ebenen Unterägyptens von den hochgelegenen Plateaus Abyssiniens.

Zu den Zügen, welche, wie oben angedeutet, der Küstenstrich von

Neu-Andalusien und der von Peru gemein haben, kommt nun noch, daß die

Erdbeben dort wie hier gleich häufig sind, und daß die Natur für diese

Erscheinungen beidemal dieselben Grenzen einzuhalten scheint. Wir selbst

haben in Cumana sehr starke Erdstöße gespürt, eben war man daran, die vor

kurzem eingestürzten Gebäude wieder aufzurichten, und so hatten wir

Gelegenheit, uns an Ort und Stelle über die Vorgänge bei der furchtbaren

Katastrophe vom 14. Dezember 1797 genau zu erkundigen. Diese Angaben

werden um so mehr Interesse haben, da die Erdbeben bisher weniger aus

physischem und geologischem Gesichtspunkt, als vielmehr nur wegen ihrer

schrecklichen Folgen für die Bevölkerung und für das allgemeine Wohl ins

Auge gefaßt worden sind.

Es ist eine an der Küste von Cumana und auf der Insel Margarita sehr

verbreitete Meinung, daß der Meerbusen von Cariaco sich infolge der

Zertrümmerung des Landes und eines gleichzeitigen Einbruches des Meeres

gebildet habe. Die Erinnerung an diese gewaltige Umwälzung hatte sich

unter den Indianern bis zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten,

und wie erzählt wird, sprachen die Eingeborenen bei der dritten Reise des

Christoph Kolumbus davon wie von einem ziemlich neuen Ereignis. Im Jahre

1530 wurden die Bewohner der Küsten von Paria und Cumana durch neue

Erdstöße erschreckt. Das Meer stürzte über das Land her, und das kleine

Fort, das Jakob Castellon bei Neutoledo gebaut hatte, wurde gänzlich

zerstört. Zugleich bildete sich eine ungeheure Spalte in den Bergen von

Cariaco, am Ufer des Meerbusens dieses Namens, und eine gewaltige Masse

Salzwasser, mit Asphalt vermischt, sprang aus dem Glimmerschiefer hervor.

Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts waren die Erdbeben sehr häufig, und

nach den Ueberlieferungen, die sich in Cumana erhalten haben,

überschwemmte das Meer öfter den Strand und stieg 15–20 Toisen [30–39 m]

hoch an. Die Einwohner flüchteten sich auf den Cerro de San Antonio und

auf den Hügel, auf dem jetzt das kleine Kloster San Francisco steht. Man

glaubt sogar, infolge dieser häufigen Ueberschwemmungen habe man das an

den Berg gelehnte Stadtviertel angelegt, das zum Teil auf dem Anhang

desselben liegt.

Da es keine Chronik von Cumana gibt, und da sich wegen der beständigen

Verheerungen der Termiten oder weißen Ameisen in den Archiven keine

Urkunde befindet, die über 150 Jahre hinaufreicht, so weiß man nicht

genau, wann diese frühen Erdbeben stattgefunden haben. Man weiß nur, daß

näher unserer Zeit das Jahr 1766 für die Ansiedler das entsetzlichste und

zugleich für die Naturgeschichte des Landes merkwürdigste gewesen ist.

Seit fünfzehn Monaten hatte eine Trockenheit geherrscht, wie sie zuweilen

auch auf den Inseln des Grünen Vorgebirges beobachtet wird, als am

21. Oktober 1766 die Stadt Cumana von Grund aus zerstört wurde. Das

Gedächtnis dieses Tages wird alljährlich mit einem Gottesdienst und einer

feierlichen Prozession begangen. In wenigen Minuten stürzten sämtliche

Häuser zusammen. An verschiedenen Orten der Provinz tat sich die Erde auf

und spie nach Schwefel riechendes Wasser aus. Diese Ausbrüche waren

besonders häufig auf einer Ebene, die sich gegen Casanay, zwei Meilen

östlich von Cumana hinzieht, und die unter dem Namen *terra de hueca*,

_hohler Boden_, bekannt ist, weil sie überall von warmen Quellen

unterhöhlt zu seyn scheint. Während der Jahre 1766 und 1767 lagerten die

Einwohner von Cumana in den Straßen und begannen mit dem Wiederaufbau

ihrer Häuser erst, als sich die Erdbeben nur noch alle Monate

wiederholten. Hier auf der Küste traten damals dieselben Erscheinungen

ein, die man auch im Königreich Quito unmittelbar nach der großen

Katastrophe vom 4. Februar 1797 beobachtet hat. Während sich der Boden

beständig wellenförmig bewegte, war es, als wollte sich die Luft im Wasser

auflösen. Durch ungeheure Regengüsse schwollen die Flüsse an; das Jahr war

ausnehmend fruchtbar, und die Indianer, deren leichten Hütten die

stärksten Erdstöße nichts anhaben, feierten nach einen uralten Aberglauben

durch festlichen Tanz den Untergang der Welt und ihre bevorstehende

Wiedergeburt.

Nach der Ueberlieferung waren beim Erdbeben von 1766, wie bei einem andern

sehr merkwürdigen im Jahr 1794, die Stöße bloße wagerechte wellenförmige

Bewegungen; erst am Unglückstage des 14. Dezember 1797 spürte man in

Cumana zum erstenmal eine hebende Bewegung von unten nach oben. Ueber vier

Fünftheile der Stadt wurden damals völlig zerstört, und der Stoß, der von

einem starken unterirdischen Getöse begleitet war, glich, wie in Riobamba,

der Explosion einer in großer Tiefe angelegten Mine. Zum Glück ging dem

heftigen Stoß eine leichte wellenförmige Bewegung voraus, so daß die

meisten Bewohner sich auf die Straße flüchten konnten, und von denen, die

eben in den Kirchen waren, nur wenige das Leben verloren. Man glaubt in

Cumana allgemein, die verheerendsten Erdbeben werden durch ganz schmale

Schwingungen des Bodens und durch ein Sausen angekündigt, und Leuten, die

an solche Vorfälle gewöhnt sind, entgeht solches nicht. In diesem

verhängnisvollen Augenblicke hört man überall den Ruf: _Misericordia!

tembla, tembla!_ [Erbarmen! sie (die Erde) bebt! sie bebt!] und es kommt

selten vor, daß ein blinder Lärm durch einen Eingeborenen veranlaßt wird.

Die Aengstlichen achten auf das Benehmen der Hunde, Ziegen und Schweine.

Die letzteren, die einen ausnehmend scharfen Geruch haben und gewöhnt sind

im Boden zu wühlen, verkünden die Nähe der Gefahr durch Unruhe und

Geschrei. Wir lassen es dahingestellt, ob sie das unterirdische Getöse

zuerst hören, weil sie näher am Boden sind, er ob etwa Gase, die der Erde

entsteigen, auf ihre Organe wirken. Daß letzteres möglich ist, läßt sich

nicht läugnen. Als ich mich in Peru aufhielt, wurde ein Fall beobachtet,

der mit diesen Erscheinungen zusammenhängt und der schon öfters

vorgekommen war. Nach starken Erdstößen wurde das Gras af den Savanen von

Tucuman ungesund; es brach eine Viehseuche aus und viele Stücke scheinen

durch die bösen Dünste, die der Boden ausstieß, betäubt oder erstickt

worden zu seyn.

In Cumana spürte man eine halbe Stunde vor der großen Katastrophe am

14. Dezember 1797 am Klosterberg von San Francisco einen starken

Schwefelgeruch. Am selben Orte war das unterirdische Getöse, das von

Südost nach Südwest fortzurollen schien, am stärksten. Zugleich sah man am

Ufer des Manzanares, beim Hospiz der Kapuziner und im Meerbusen von

Cariaco bei Mariguitar Flammen aus dem Boden schlagen. Wir werden in der

Folge sehen, daß letztere in nicht vulkanischen Ländern so auffallende

Erscheinung in den aus Alpenkalk bestehenden Gebirgen bei Cumanacao, im

Thale des Rio Bordones, auf der Insel Margarita und mitten in dn Savanen

oder *LLanos* von Neu-Andalusien ziemlich häufig ist. In diesen Savanen

steigen Feuergarben zu bedeutender Höhe auf; man kann sie Stunden lang an

den dürrsten Orten beobachten, und man versichert, wenn man den Boden, dem

der brennbare Stoff entströmt, untersuche, sey keinerlei Spale darin zu

bemerken. Dieses Feuer, das an die Wasserstoffquellen oder *Salse* in

Modena und an die Irrlichter unserer Sümpfe erinnert, zündet das Gras

nicht an, wahrscheinlich weil die Säule des sich entbindenden Gases mit

Stickstoff und Kohlensäure vermengt ist und nicht bis zum Boden herab

brennt. Das Volk, da übrigens hier zu Land nicht so abergläubisch ist als

in Spanien, nennt diese röthlichen Flammen seltsamerweise »die Seele des

Tyrannen Aguirre;« Lopez d’Aguirre soll nämlich, von Gewisensbissen

gefoltert, in dem Lande umgehen, das er mit seinen Verbrechen

befleckt.(40)

Durch das große Erdbeben von 1797 ist die Untiefe an der Mündung des Rio

Bordones in ihrem Umriß verändert worden. Ähnliche Hebungen sind bei der

völligen Zerstörung Cumanas im Jahr 1766 bobachtet worden. Die Punta

Delgada an der Westküste des Meerbusens von Cariaco wurde damals bedeutend

größer, und im Rio Guarapiche beim Dorfe Maturin entstand eine Klippe,

wobei ohne Zweifel der Boden des Flusses durch elastische Flüssigkeiten

zerrissen und emporgehoben wurde.

Wir verfolgen die lokalen Veränderungen, welche die verschiedenen Erdbeben

in Cumana hervorgebracht, nicht weiter. Dem Plane dieses Werkes

entsprechend suchen wir vielmehr die Ideen unter allgemeine Gesichtspunkte

zu bringen und alles, was mit diesen schrecklichen und zugleich so schwer

zu erklärenden Vorgängen zusammenhängt, in Einen Rahmen zusammenzufassen.

Wenn Naturforscher, welche die Schweizer Alpen oder die Küsten Lapplands

besuchen, unsere Kenntniß von den Gletschern und dem Nordlicht erweitern,

so läßt sich von Einem, der das spanische Amerika bereist hat, erwarten,

daß er sein Hauptaugenmerk auf Vulkane und Erdbeben gerichtet haben werde.

Jeder Strich des Erdballs liefert der Forschung eigenthümliche Stoffe, und

wenn wi nicht hoffen dürfen, die Ursachen der Naturerscheinungen zu

ergründen, so müssen wir wenigstens versuchen, die Gesetze derselben

kennen zu lernen und durch Vergleichung zahlreicher Thatsachen das

Gemeinsame und immer Wiederkehrende vom Veränderlichen und Zufälligen zu

unterscheiden.

Die großen Erdbeben, die nach einer langen Reihe kleiner Stöße eintreten,

scheinen in Cumana nichts Periodisches zu haben. Man hat sie nach achtzig,

nach hundert und manchmal nach nicht dreißig Jahren sich wiederholen

sehen, während an der Küste von Peru, z. B. in Lima, die Epochen, die

jedesmal durch die gänzliche Zerstörung der Stadt bezeichnet werden,

unverkennbar mit einer gewissen Regelmäßigkeit eintreten. Daß die

Einwohner selbst an einen solchen Typus glauben, ist auch vom besten

Einfluß auf die öffentliche Ruhe und die Erhaltung des Gewerbefleißes. Man

nimmt allgemein an, daß es ziemlich lange Zeit braucht, bis dieselben

Ursachen wieder mit derselben Gewalt wirken können; aber dieser Schluß ist

nur dann richtig, wenn man die Erdstöße als lokale Erscheinungen auffaßt,

wenn man unter jedem Punkt des Erdballes, der großen Erschütterungen

ausgesetzt ist, einen besonderen Herd annimmt. Ueberall, wo sich neue

Gebäude auf den Trümmern der alten erhoben, hört man Leute, die nicht

bauen wollen, äußern, auf die Zerstörung Lissabons am ersten November 1755

sey bald eine zweite, gleich schreckliche gefolgt, am 31. März 1761.

Nach einer uralten, auch in Cumana, Acapulco und Lima sehr verbreiteten

Meinung [_Ariostoteles, Meteorologica, Lib. II. Seneca, Quaest. natur.,

Lib. VI, c. 12._] stehen die Erdbeben und der Zustand der Luft vor dem

Eintreten derselben sichtbar in Zusammenhang. An der Küste von

Neu-Andalusien wird man ängstlioch, wenn bei großer Hitze und nach langer

Trockenheit der Seewind auf einmal aufhört und der im Zenith reine

wolkenlose Himmel sich bis zu sechs, acht Grad über dem Horizont mit einem

röthlichen Duft überzieht. Diese Vorzeichen sind indessen sehr unsicher

und wenn man sich nachher alle Vorgänge im Luftkreis zur Zeit der

stärksten Erschütterungen vergegenwärtigt, so zeigt sich, dass heftige

Stöße so gut bei feuchtem als bei trockenem Wetter, so gut bei starkem

Wind als bei drückend schwüler stiller Luft eintreten können. Nach den

vielen Erdbeben, die ich nördlich vom Aequator, auf dem Festland und in

Meeresbecken, an der Küste und in 4870 m Höhe erlebt, will es mir

scheinen, als ob die Schwingungen des Bodens und der vorgehende Zustand

der Luft im allgemeinen nicht viel miteinander zu tun hätten. Dieser

Ansicht sind auch viele gebildete Männer in den spanischen Kolonien, deren

Erfahrung sich, wo nicht auf ein größeres Stück der Erdoberfläche, so doch

auf eine längere Reihe von Jahren erstreckt. In europäischen Ländern

dagegen, wo Erdbeben im Verhältniß zu Amerika selten vorkommen, sind sie

Physiker geneigt, die Schwingungen des Bodens und irgend ein Meteor, das

zufällig zur selben Zeit erscheint, in nahe Beziehung zu bringen. So

glaubt man in Italien an einen Zusammenhang zwischen dem Sirocco und

Erdbeben, und in London sah man das häufige Vorkommen von Sternschnuppen

und jene Südlichter, die seitdem von Dalton öfters beobachtet worden sind,

als die Vorläufer der Erdstöße an, die man im Jahr 1748 bis zum Jahr 1756

spürte.

An den Tagen, wo die Erde durch starke Stöße erschüttert wird, zeigt sich

unter den Tropen keine Störung in der regelmäßigen stündlichen Schwankung

des Barometers. Ich habe mich in Cumana, Lima und Riobamba hievon

überzeugt; auf diesen Umstand sind die Physiker umso mehr aufmerksam zu

machen, als man auf St. Domingo in der Stadt Cap Français unmittelbar vor

dem Erdbeben von 1770 den Wasserbarometer um 2½ Zoll will haben fallen

sehen [Dieses Fallen entspricht nur zwei Linien Quecksilber.]. So erzählt

man auch bei der Zerstörung von Oran habe sich ein Apotheker mit seiner

Familie gerettet, weil er wenige Minuten vor der Katastrophe zufällig auf

seinen Barometer gesehen und bemerkt habe, daß das Quecksilber auffallend

stark falle. Ich weiß nicht, ob dieser Behauptung Glauben zu schenken ist;

da es fast unmöglich ist, während der Stöße selbst, die Schwankungen im

Luftdruck zu beobachten, so muß man sich begnügen, auf den Barometer vor

oder nach dem Vorfall zu sehen. Im gemäßigten Erdstrich äußern die

Nordlichter nicht immer Einfluß auf die Declination der Magnetnadel und

die Intensität der magnetischen Kraft; so wirken vielleicht die Erdbeben

nicht gleichmäßig auf die us umgebende Luft.

Es ist schwerlich in Zweifel zu ziehen, daß in weiter Ferne von den

Schlünden tätiger Vulkane der durch Erdstöße geborstene und erschütterte

Boden zuweilen Gase in die Luft ausströmen läßt. Wie schon oben angeführt,

brachen in Cumana aus dem trockensten Boden Flammen und mit schweflichter

Säure vermischte Dämpfe hervor. An anderen Orten spie ebendaselbst der

Boden Wasser und Erdpech aus. In Riobamba bricht eine brennbare

Schlammasse, *Moya* genannt, aus Spalten, die sich wieder schließen, und

türmt sich zu ansehnlichen Hügeln auf. Sieben Meilen [31 km] von Lissabon,

bei Colares, sah man während des furchtbaren Erdbebens vom 1. November

1755 Flammen und eine dicke Rauchsäule aus der Felswand bei Alvidras und

nach einigen Augenzeugen aus dem Meere selbst hervorbrechen. Der Rauch

dauerte mehrere Tage und wurde desto stärker, je lauter das unterirdische

Getöse war, das die Stöße begleitete.

In die Atmosphäre ausströmende elastische Flüssigkeiten können lokal auf

den Barometer wirken, freilich nicht durch ihre Masse, die im Verhältnis

zur ganzen Luftmasse sehr unbedeutend ist, sondern weil sich, sobald ein

großer Ausbruch erfolgt, wahrscheinlich ein aufsteigender Strom bildet,

der den Luftdruck vermindert. Ich bin geneigt, anuzunehmen, daß bei den

meisten Erdbeben der erschütterte Boden nichts von sich gibt, und daß,

wenn wirklich Gase und Dämpfe ausströmen, dieß weit nicht so oft vor den

Stößen, als während derselben und hernach stattfindet. Aus diesem

letzteren Umstand erklärt sich eine Erscheinung, die schwerlich

abzuläugnen ist, ich meine den räthselhaften Einfluß, den die Erdbeben im

tropischen Amerika auf das Klima und den Eintritt der nassen und der

trockenen Jahreszeit äußern. Wenn die Erde erst im Moment der

Erschütterung selbst eine Veränderung in der Luft hervorbringt, so sieht

man ein, warum so selten ein auffallender meteorologischer Vorgang als

Vorbote dieser großen Umwälzungen in der Natur erscheint.

Für die Annahme, daß bei den Erdbeben in Cumana elastische Flüssigkeiten

durch die Erdoberfläche zu entweichen suchen, scheint das furchtbare

Getöse zu sprechen, das man während der Erdstöße auf der Ebene der

*Charas* am Rande der Brunnen vernimmt. Zuweilen werden Wasser und Sand

über 6,5 m hoch emporgeschleudert. Aehnliche Erscheinungen entgingen schon

dem Scharfsinn der Alten nicht, die in den Ländern Griechenlands und

Kleinasiens wohnten, wo es sehr viele Höhlen, Erdspalten und unterirdische

Ströme gibt. Das gleichförmige Walten der Natur erzeugt allerorten

dieselben Vorstellungen über die Ursachen der Erdbeben und über die

Mittel, durch welche der Mensch, der so leicht das Maß seiner Kräfte

vergißt, die Wirkungen der Ausbrüche aus der Tiefe mildern zu können

meint. Was ein großer römischer Naturforscher vom Nutzen der Brunnen und

Höhlen sagt,(41) wiederholen in der Neuen Welt die unwissendsten Indianer

in Quito, wenn sie den Reisenden die *Guaicos* oder Höhlen am Pichincha

zeigen.

Das unterirdische Getöse, das bei Erdbeben so häufig vorkommt, ist meist

außer Verhältniß mit der Kraft der Erdstöße. In Cumana geht es denselben

immer zuvor, während man in Quito und neuerdings in Caracas und auf den

Antillen, nachdem die Stöße längst aufgehört haben, einen Donner wie vom

Feuer einer Batterie gehört hat. Eine dritte Classe dieser Erscheinungen,

und die merkwürdigste von allen ist das Monate lang fortwährende

unterirdische Donnerrollen, ohne daß dabei die geringste Wellenbewegung

des Bodens zu spüren wäre.

In allen den Erdbeben ausgesetzten Ländern sieht man als die Veranlassung

und den Herd der Erdstöße den Punkt an, wo, wahrscheinlich in Folge einer

eigenthümlichen Anordnung der Gesteinschichten, die Wirkungen am

auffallendsten sind. So glaubt man in Cumana, der Schloßberg von San

Antonio besonders aber der Hügel, auf dem das Kloster San Francisco liegt,

enthalten eine ungeheure Masse Schwefel und andere brennbare Stoffe. Man

vergißt, daß die Geschwindigkeit, mit der sich die Schwingungen auf große

Entfernung, sogar über das Becken des Oceans fortpflanzen, deutlich darauf

hinweist, daß der Mittelpunkt der Bewegung von der Erdoberfläche sehr weit

entfernt ist. Ohne Zweifel aus demselben Grunde sind die Erdbeben nicht an

gewisse Gebirgsarten gebunden, wie manche Physiker behaupten, sondern alle

sind vielmehr gleich geeignet, die Bewegung fortzupflanzen. Um nicht den

Kreis meiner eigenen Erfahrung zu überschreiten, nenne ich nur die Granite

von Lima und Acapulco, den Gneis von Caracas, den Glimmerschiefer der

Halbinsel Araya, den Urgebirgsschiefer von Tepecuacuilco in Mexico, die

secundären Kalksteine des Apennins, Spaniens und Neu-Andalusiens, endlich

die Trapp-Porphyre der Provinzen Quito und Popayan. An allen diesen Orten

wird der Boden häufig durch die heftigsten Stöße erschüttert; aber

zuweilen werden in derselben Gebirgsart die obenauf gelagerten Schichten

zu einem unüberwindlichen Hinderniß für die Fortpflanzung der Bewegung. So

sah man schon in den sächsischen Erzgruben die Bergleute wegen Bebungen,

die sie empfunden, erschrocken ausfahren, während man an der Erdoberfläche

nichts davon gespürt hatte.

Wenn nun auch in den weitentlegensten Ländern die Urgebirge, die

secundären und die vulkanischen Gebirgsarten an den krampfhaften Zuckungen

des Erdballs in gleichem Maße theilnehmen nehmen, so läßt sich doch nicht

in Abrede ziehen, daß in einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich gewisse

Gebirgsarten die Fortpflanzung der Stöße hemmen. In Cumana z. B. wurden

vor der großen Katastrophe im Jahr 1797 die Erdbeben nur längs der aus

Kalk bestehenden Südküste des Meerbusens von Cariaco bis zur Stadt dieses

Namens gespürt, während auf der Halbinsel Araya und im Dorfe Maniquarez

der Boden an denselben Bewegungen keinen Theil nahm. Die Bewohner dieser

Nordküste, die aus Glimmerschiefer besteht, bauten ihre Hütten auf

unerschütterlichem Boden; ein 3000–4000 Toisen breiter Meerbusen lag

zwischen ihnen und einer durch die Erdbeben mit Trümmern bedeckten und

verwüsteten Ebene. Mit dieser auf die Erfahrung von Jahrhunderten gebauten

Sicherheit ist es vorbei: mit dem 14. December 1797 scheinen sich im

Innern der Erde neue Verbindungswege geöffnet zu haben. Jetzt empfindet

man es in Araya nicht nur, wenn in Cumana der Boden bebt, das Vorgebirge

aus Glimmerschiefer ist seinerseits zum Mittelpunkt von Bewegungen

geworden. Bereits wird zuweilen im Dorfe Maniquarez der Boden stark

erschüttert, während man an der Küste von Cumana der tiefsten Ruhe

genießt, und doch ist der Meerbusen von Cariaco nur 60–80 Faden tief.

Man will beobachtet haben, daß auf dem Festlande wie auf den Inseln die

West- und Südküsten den Stößen am meisten ausgesetzt seyen. Diese

Beobachtung sieht im Zusammenhang mit den Ideen hinsichtlich der Lage der

großen Gebirgsketten und der Richtung ihrer steilsten Abhänge, wie sie

sich schon lange in der Geologie geltend gemacht haben; das Vorhandenseyn

der Cordillere von Caracas und die Häufigkeit der Erdbeben an den Ost- und

Nordküsten von Terra Firma, im Meerbusen von Paria, in Carupano, Cariaco

und Cumana beweisen, wie wenig begründet jene Ansicht ist.

In Neu-Andalusien, wie in Chili und Peru, gehen die Erdstöße den Küsten

nach und nicht weit ins Innere des Landes hinein. Dieser Umstand weist,

wie wir bald sehen werden, darauf hin, daß die Ursachen der Erdbeben und

der vulkanischen Ausbrüche in engem Verbande stehen. Würde der Boden an

den Küsten deßhalb stärker erschüttert, weil diese die am tiefsten

gelegenen Punkte des Landes sind, warum wären dann in den Savanen oder

Prairien, die kaum acht oder zehn Toisen über dem Meeresspiegel liegen,

die Stöße nicht eben so oft und eben so stark zu fühlen?

Die Erdbeben in Cumana sind mit denen auf den kleinen Antillen verkettet,

und man hat sogar vermutet, sie könnten mit den vulkanischen Erscheinungen

in den Kordilleren der Anden in einigem Zusammenhang stehen. Am

11. Februar 1797 erlitt der Boden der Provinz Quito eine Umwälzung, durch

die, trotz der sehr schwachen Bevölkerung des Landes, gegen 40,000

Eingeborene unter den Trümmern ihrer Häuser begraben wurden, in Erdspalten

stürzten oder in den plötzlich neu gebildeten Seen ertranken. Zur selben

Zeit wurden die Bewohner der östlichen Antillen durch Erdstöße erschreckt,

die erst nach acht Monaten aufhörten, als der Vulkan auf Guadeloupe

Bimssteine, Asche und Wolken von Schwefeldämpfen ausstieß. Auf diesen

Ausbruch vom 29. September, währenddessen man lange anhaltendes

unterirdisches Brüllen hörte, folgte am 14. Dezember das große Erdbeben

von Cumana. Ein anderer Vulkan der Antillen, der auf St. Vincent, hat

seitdem ein neues Beispiel solcher Wechselbeziehungen geliefert. Er hatte

seit 1718 kein Feuer mehr gespieen, als er im Jahre 1812 wieder auswarf.

Die gänzliche Zerstörung der Stadt Caracas erfolgte 34 Tage vor diesem

Ausbruch, und starke Bodenschwingungen wurden sowohl auf den Inseln als an

den Küsten von Terra Firma gespürt.

Man hat längst die Bemerkung gemacht, daß die Wirkungen großer Erdbeben

sich ungleich weiter verbreiten als die Erscheinungen der tätigen Vulkane.

Beobachtet man in Italien die Umwälzungen des Erdbodens, betrachtet man

die Reihe der Ausbrüche des Vesuv und des Aetna genau, so entdeckt man, so

nahe auch diese Berge beieinander liegen, kaum Spuren gleichzeitiger

Tätigkeit. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daß bei den beiden

letzten Erdbeben von Lissabon(42) das Meer bis in die Neue Welt hinüber in

Aufregung geriet, z. B. bei der Insel Barbados, die über 5400 km von der

Küste von Portugal liegt.

Verschiedene Tatsachen weisen darauf hin, daß die Erdbeben und die

vulkanischen Ausbrüche(43) in engem ursächlichen Zusammenhang stehen. In

Pasto hörten wir, die schwarze dicke Rauchsäule, die im Jahre 1797 seit

mehreren Monaten dem Vulkan in der Nähe dieser Stadt entstiegen war, sey

zur selben Stunde verschwunden, wo sechzig Meilen [270 km] gegen Süd die

Städte Riobamba, Hambata und Tacunga durch einen ungeheuren Stoß über den

Haufen geworfen wurden. Setzt man sich im Inneren eines brennenden Kraters

neben die Hügel, die sich durch die Schlacken- und Aschenauswürfe bilden,

so fühlt man mehrere Sekunden vor jedem einzelnen Ausbruch die Bewegung

des Bodens. Wir haben dies im Jahre 1805 auf dem Vesuv beobachtet, während

der Berg glühende Schlacken auswarf: wir waren im Jahre 1802 Zeugen

diesselben Vorganges gewesen, als wir am Rande des ungeheuren Kraters des

Pichincha standen, aus dem übrigens eben nur schweflig saure Dämpfe

aufstiegen.

Alles weist darauf hin, daß das eigentlich Wirksame bei den Erdbeben darin

besteht, daß elastische Flüssigkeiten einen Ausweg suchen, um sich in der

Luft zu verbreiten. An den Küsten der Südsee pflanzt sich diese Wirkung

oft fast augenblicklich sechshundert Meilen [2700 km] weit, von Chile bis

zum Meerbusen von Guayaquil fort, und zwar scheinen, was sehr merkwürdig

ist, die Erdstöße desto stärker zu seyn, je weiter ein Ort von den

thätigen Vulkanen abliegt. Die mit Flötzen von sehr neuer Bildung

bedeckten Granitberge Calabriens, die aus Kalk bestehende Kette des

Apennins, die Grafschaft Perigord, die Küsten von Spanien und Portugal,

die von Peru und Terra Firma liefern deutliche Belege für diese

Behauptung. Es ist als würde die Erde desto stärker erschüttert, je

weniger die Bodenfläche Oeffnungen hat, die mit den Höhlungen im Innern in

Verbindung stehen. In Neapel und Messina, am Fuß des Cotopaxi und des

Tunguragua fürchtet man die Erdbeben nur, so lange nicht Rauch und Feuer

aus der Mündung der Vulkane bricht. Ja im Königreich Quito brachte die

große Katastrophe von Riobamba, von der oben die Rede war, mehrere

unterrichtete Männer auf den Gedanken, daß das unglückliche Land wohl

nicht so oft verwüstet würde, wenn das unterirdische Feuer den Porphyrdom

des Chimborazo durchbrechen könnte und dieser kolossale Berg sich wieder

in einen thätigen Vulkan verwandelte. Zu allen Zeiten haben analoge

Thatsachen zu denselben Hypothesen geführt. Die Griechen, die, wie wir,

die Schwingungen des Bodens der Spannung elastischer Flüssigkeiten

zuschrieben, führten zur Bekräftigung ihrer Ansicht an, daß die Erdbeben

auf der Insel Euböa gänzlich aufgehört haben, seit sich aus der Ebene von

Lelante eine Erdspalte gebildet.

Wir haben versucht, am Schluß dieses Kapitels die allgemeinen

Erscheinungen zusammenzustellen, welche die Erdbeben unter verschiedenen

Himmelsstrichen begleiten. Wir haben gezeigt, daß die unterirdischen

Meteore so festen Gesetzen unterliegen, wie die Mischung der Gase, die

unsern Luftkreis bilden. Wir haben uns aller Betrachtungen über das Wesen

der chemischen Agentien enthalten, die als Ursachen der großen Umwälzungen

erscheinen, welche die Erdoberfläche von Zeit zu Zeit erleidet. Es sey

hier nur daran erinnert, daß diese Ursachen in ungeheuren Tiefen liegen,

und daß man sie in den Erdbildungen zu suchen hat, die wir Urgebirge

nennen, wohl gar unter der erdigen, oxydierten Kruste, in Tiefen, wo die

halbmetallischen Grundlagen der Kieselerde, der Kalkerde, der Soda und der

Pottasche gelagert sind.

Man hat in neuester Zeit den Versuch gemacht, die Erscheinungen der

Vulkane und Erdbeben als Wirkungen des Galvanismus aufzufassen, der sich

bei eigenthümlicher Anordnung ungleichartiger Erdschichten entwickeln

soll. Es läßt sich nicht läugnen, daß häufig, wenn im Verlauf einiger

Stunden starke Erdstöße auf einander folgen, die elektrische Spannung der

Luft im Augenblick, wo der Boden am stärksten erschüttert wird, merkbar

zunimmt; um aber diese Erscheinung zu erklären, braucht man seine Zuflucht

nicht zu einer Hypothese zu nehmen, die in geradem Widerspruch steht mit

allem, was bis jetzt über den Bau unseres Planeten und die Anordnung

seiner Erdschichten beobachtet worden ist.

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_ 37 Inga spuria_. Die weißen Staubfäden, 60 bis 70 an der Zahl, sitzen

an einer grünlichen Blumenkrone, haben Seidenglanz und an der Spitze

einen gelben Staubbeutel. Die Blüthe der Guama ist 18 Linien [4 cm]

lang. Dieser schöne Baum, der am liebsten an feuchten Orten wächst,

wird zwischen 8 und 10 Toisen [15,5 und 19,5 m] hoch.

38 Diese Eintheilung schreibt sich schon aus der Zeit des Posidonius

her. Es ist die _succusio_ und die _inclinatio_ des Seneca

(_Quaestiones naturales. Lib. VI. c. 21_). Aber schon der Scharfsinn

der Alten machte die Bemerkung, daß die Art und Weise der Erdstöße

viel zu veränderlich ist, als daß man sie unter solche vermeintliche

Gesetze bringen könnte. (Plato bei Plutarch _de placit. Philos.

L. III. c. 15._)

39 Die blauen Berge in Neuholland, die Berge von Carmathen und

Landsdown, sind bei hellem Wetter auf 50 Meilen nicht mehr sichtbar.

Nimmt man den Höhenwinkel zu einem halben Grad an, so hätten diese

Berge etwa 620 Toisen absoluter Höhe.

40 Wenn das Volk in Cumana und auf der Insel Margarita von _el tirano_

spricht, so ist immer der schändliche Lopez d’Aguirre gemeint, der

im Jahr 1560 sich am Aufstand Fernandos de Guzman gegen den

Statthalter von Omegua und Dorado, Pedro de Ursua, betheiligtwe, und

sich nachher selbst _traidor_, Verräther, nannte.

41 Plinius: _In puteis est remedium, quale et crebi specus praebent:

conceptum enim spiritum exhalant, quod in certis notatur oppidis,

quae minus quatiuntur, crebis ad eluviem cuniculus cavata (Plin.

L. II. c. 82)._ Noch gegenwärtig glaubt man in der Hauptstadt von

St. Domingo, daß die Brunnen die Kraft der Erdstöße schwächen. Ich

bemerke bei dieser Gelegenheit, daß die Erklärung, die Seneca von

den Erdbeben gibt (_Natur. Quaest. Lib. VI. c. 4_ bis _31_), den

Keim alles dessen enthält, was in unserer Zeit über die Wirkung

elastischer, im Inneren des Erdballes eingeschlossener Dämpfe gesagt

worden ist.

42 Am 1. November 1755 und 31. März 1761. Beim ersteren Erdbeben

überschwemmte das Meer in Europa die Küsten von Schweden, England

und Spanien, in Amerika die Inseln Antiqua, Barbados und Martinique.

Auf Barbados, wo die Flut gewöhnlich nur 24–28 Zoll [640 bis 746 mm]

hoch steigt, stieg das Wasser in der Bucht von Carlisle zwanzig Fuß

[6,5 m] hoch. Es wurde zugleich »tintenschwarz«, ohne Zweifel, weil

sich der Asphalt, der im Meerbusen von Cariaco, wie bei der Insel

Trinidad, auf dem Meeresboden häufig vorkommt, mit dem Wasser

vermengt hatte. Auf den Antillen und auf mehreren Schweizer Seen

wurde eine auffallende Bewegung des Wassers sechs Stunden vor dem

ersten Stoß, den man in Lissabon spürte, beobachtet. In Cadiz sah

man auf acht Meilen [36 km] weit aus der offenen See einen sechzig

Fuß [20 m] hohen Wasserberg anrücken; er stürzte sich auf die Küste

und zerstörte eine Menge Gebäude, ähnlich wie die achtzig Fuß [56 m]

hohe Flutwelle, die am 9. Juni 1586 beim Erdbeben von Lima den Hafen

von Callao überschwemmte. In Amerika hatte man auf dem Ontariosee

seit Oktober 1755 eine starke Aufregung des Wassers beobachtet.

Diese Erscheinungen weisen darauf hin, daß auf ungeheure Strecken

hin unterirdische Verbindungen bestehen. Bei der Zusammenstellung

der meist weit auseinanderliegenden Zeitpunkte, in denen Lima und

Guatemala völlig zerstört wurden, glaubte man hin und wieder die

Bemerkung zu machen, als ob sich eine Wirkung langsam den

Kordilleren entlang geäußert hätte, bald von Nord nach Süd, bald von

Süd nach Nord. Ich gebe hier vier dieser auffallenden Zeitpunkte:

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|Mexiko | Peru |

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|(Breite 13° 32´ Nord) | (Breite 12° 6´ Süd) |

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|30. Nov. 1577, | 17. Juni 1578, |

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|4. März 1679, | 17. Juni 1678, |

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|12. Febr. 1689, | 10. Okt. 1688, |

+----------------------+---------------------+

|27. Sept. 1717, | 8. Febr. 1716. |

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Ich gestehe, wenn die Erdstöße nicht gleichzeitig sind, oder doch

kurz nacheinander folgen, so erscheint die angebliche Fortpflanzung

der Bewegung sehr zweifelhaft.

43 Dieser ursächliche Zusammenhang, den schon die Alten erkannten,

beschäftigte die Geister nach der Entdeckung von Amerika wieder sehr

lebhaft. Diese Entdeckung vergnügte nicht allein die Neugier der

Menschen durch neue Naturprodukte, sie erweiterte auch ihre

Vorstelluugen von der physischen Beschaffenheit der Länder, von den

Spielarten des Menschengeschlechts und von den Wanderungen der

Völker. Man kann die Beschreibungen der ältesten spanischen

Reisenden, namentlich die des Jesuiten Acosta, nicht lesen, ohne

jeden Augenblick freudig zu staunen, wie mächtig der Anblick eines

großen Festlandes, die Betrachtung einer wundervollen Natur und die

Berührung mit Menschen von anderer Race auf die Geistesentwicklung

in Europa gewirkt haben. Der Keim sehr vieler physikalischer

Wahrheiten ist in den Schriften des sechzehnten Jahrhunderts

niedergelegt, und dieser Keim hätte Früchte getragen, wäre er nicht

durch Fanatismus und Aberglauben erstickt worden.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 1. · 第 11 / 16 题