Jeanne.“

Das las Baptist. Er faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn in

die Tasche. Es war Nacht geworden und er ging langsam zwischen den Tauen

und Warenballen hindurch hinter die Back an achtern und setzte sich auf

den Anker, der einsam dort lag. Über den schwarzen Stämmen der Tausende

von Masten flog der glühende Himmel auf, der den Schein der Abendlichter

Neuyorks trug. Er war wie blühendes Blut. Wie mit Messerschnitten

arbeiteten die Ereignisse des Tages in Baptist. Er konnte sie nicht

zusammen bringen. Die Klage seiner Schwester, Ilanka, der Mord, der Tod

der beiden Menschen ... alles floß unaufhörlich ineinander. Es war alles

grundlos, alles ohne Erklärung. Wehrlos ließ er es auf sich losschlagen.

Auf fernen Dampfern klopfte die Arbeit. Sie scheute selbst die Nacht

nicht, die milde, heilige Nacht, in deren Dunkelheit die Sterne standen,

wie Bänder, die sich leuchtend nach den verlassenen Ländern knüpfen.

Als Baptist eine lange Weile zu ihnen hinaufgeschaut hatte und langsam

die Erinnerungen an einzelne ihrer Gebilde kamen, die zu Haus über den

Fenstern gestanden hatten, da bohrte sich, wie ein Strudel, ein wildes

Schluchzen aus dem tiefsten Grunde seines Blutes in die Kehle herauf,

die Augen stürzten voll mit Tränen, er schlug mit dem Kopf auf die

Reeling nieder und weinte. Was war das „Zu Haus“? Er wußte erst in

diesem Augenblick, daß er seine Heimat verloren hatte, und er dachte mit

einem heißen, empörten Groll an das kleine, unfruchtbare, harte Land

zurück, das ihn verstoßen hatte und das nun seine Schwester peinigte. Er

weinte lange darüber. Er wurde ganz stumpf von Weinen und legte sich

dann betäubt ins Bett.

Mitten in der Nacht wachte er auf. Er war mit einem Mal ganz wach und

fühlte sich wie neu gekräftigt. Er zog sich an, ging an Deck hinauf und

stellte sich seewärts an die Reeling. Da war ihm auf einmal, als er an

das Schicksal Hartwigs dachte, als sei er einer Gefahr entlaufen. Ihr

letzter Schatten stand noch neben ihm und sie war tief wie ein Abgrund,

daß der Gedanke daran ihn schwindelig machte. Er preßte erschauernd die

Augen zu. Aber gleich ergoß sich eine große Zuversicht über ihn. Er war

gerettet und flüchtete sich mit seligen Gefühlen zu dem Brief seiner

Schwester. Er zog ihn aus der Tasche und drückte lange inbrünstig die

Lippen darauf. Er fühlte einen Schoß irgendwo im Kreise der Welt, der

mild und warm wie eine Höhle war, in die sich Flüchtlinge retten.

Am nächsten Morgen ging Baptist zum Kapitän und entschuldigte sich, daß

er gegen sein Entgegenkommen so unhöflich gewesen sei. Er habe nicht

allein die Schuld daran. Denn Baptist fing an zu verstehen, daß die

Worte des Kapitäns eine Auszeichnung für ihn waren. Der Kapitän war

liebenswürdig zu ihm, ließ ihn am Nachmittag rufen und kündigte ihm an,

der Posten als Verwalter des Schiffsinventariums sei für ihn

frei. Baptist wußte Dank. Aber dieser Aufstieg war ihm etwas

Selbstverständliches. Er bekam nun eine eigene Kabine und der

Obermaschinist weihte ihn gleich in die neue Tätigkeit ein.

* * * * *

Gegen Abend verließ der Dampfer den Hafen. Baptist saß auf Deck auf

einem Kranz von Tauen und schaute auf die Stadt, die zurückblieb.

Überall tollte noch die Arbeit. Der Rauch des Hafens zog in wilden,

dunkeln Schwaden gegen die Dächer der Häuser und verband Hafen und

Stadt. Die Stadt lag wie eine einzige Masse in der nebeligen Luft, breit

zusammengeschlossen, mit einer passiven Wucht, wie eine Frau.

„Da ist es geschehen!“ sagte sich Baptist ... Und so sah diese Stadt

auch aus, wie ein entsetzliches Bett für die dunkle Katastrophe Hartwigs

und der Jüdin. Die Tat war ihm, nachdem er sie nun ruhiger überblicken

konnte, wie eine furchtbare Offenbarung der Natur, einer der

einschlagenden Blitze des Schicksals, bei denen man an eine Absicht

glauben will. So nahm er sie hin, selber, aber außerhalb der eigenen

Wirklichkeit daran beteiligt, und er wälzte dieses Ereignis mit vielen

schweren, dunkel bleibenden Schlußfolgerungen in sich herum. Die

doppelte Katastrophe hatte nichts Fürchterliches mehr, sondern nur die

schwere Gewalt einer urtümlichen Manifestation.

Sie wuchs dort aus der Riesensiedlung heraus. Die Stadt war wie die Burg

einer allgewaltigen Maschine, die ihre Kraft aus der ganzen Erde zieht

und sie verstärkt über die ganze Erde zurückschleudert. Willen und

Notwendigkeit waren die Räder, Menschengeist die Triebkraft. Und das

Schicksal Hartwigs und der Jüdin war von jedem Willen und jedem

Bewußtsein freie Natur, war aufgesprossen wie eine verhängnisvolle,

dumpfe Vegetation, war wie ein Vulkanausbruch in der Stadt aufgeschlagen

... In welcher tiefen, geheimnisvollen Absicht des Schicksals? In

welchem urhaft verwurzelten Zusammenhang zwischen Mensch und Natur?

Willen und Geschehen stiegen wie zwei Säulen nebeneinander auf.

Da war es Baptist auf einmal, als wüßte er wie in einem dämmerigen

großen Mysterium um das Geheimnis seines eigenen Versagens.

Als er diese dunkle Erkenntnis errungen, war eine große Feierlichkeit in

ihm. Er saß abends in seiner einsamen Kabine und blätterte das Pack

deutscher Zeitungen durch, die ein Zufall ihm in die Kabine gebracht

hatte. Da las er, daß ein ganzes Volk sich wie in einer freudetrunkenen

Woge hob, um dem Erfinder eines modernen Gedankens die Kraft zu geben,

das Werk zu vollenden. Er las mit fliegenden Gedanken heraus, daß das

Volk mit tätig sein wollte, wenn das große Neue geschah, das seinem

Leben vielleicht andere Richtungen aufzwang. Hier gab es ein Werk, in

dem sich mit der geschlossenen Kraft einer ganzen Rasse der Willen der

Zeit kund tat. Alle Einzelnen fügten sich zur Masse zusammen, die Masse

drang vorwärts in einer festen Phalanx. Das war auch Neuyork, die

Weltburg des riesenhaften Akkumulators, der sammelte und spendete.

Da kam ihm sein eigenes Leben vor wie ein Einsamgehen, wie ein

kindisches, dummstolzes Spekulieren, und es war ihm nur recht geschehen,

daß es ihn aus dem Kreis der Kraft des Lebens, die wie ein Rad über die

Erde drehte, gestoßen und ihn gestürzt hatte. Er fühlte sich zum

erstenmal als ein Teil von einem Ganzen; als ein Teil, das suchen mußte,

seine sich bescheidende Kraft in das Getriebe des Ganzen einzufügen, wo

sein Platz leer war und wartete.

Gerührte und ergriffene Tage kamen ihm nun, und die Begeisterung

überbrauste ihn, daß am Ende seiner Reife in die Welt der Hafen jenes

Volkes lag. Er hatte schon als Knabe sich in dunklem Drange dem Volk

zugehörig gefühlt. Und in diesem Hafen sollte ihm das neue Leben

beginnen.

So baute er sich an einem Tage, da zum erstenmal vor seinen Augen die

Tropenküste Brasiliens in weißer Glut aus dem Ozean brannte, in der

deutschen Ferne den Hafen einer neuen Heimat auf, und seine Augen

wandten sich von dem flaumweichen, heißen Streifen des Ufers und suchten

verliebt die Richtung nach Osten über das Band der Meere.

Der Hafen(#76486) · 第 51 / 55 题