Der Kapitän antwortete sofort mit seiner schnellen, scharfen Stimme:
„Das will ich Ihnen sagen. Weil ein Gesetz unter uns ist, das immer die
Anspannung der höchsten Kraft von uns verlangt, die man hergeben kann.
Das sind die Triebfedern der Kräfte, unter deren Druck die Welt
fortschreitet. Es ist eine Schande, wenn einer sich aus irgendeiner
Ursache diesem Gesetz entzieht.“
Dann griff er in die Tasche und sagte kurz: „Da ist ein Brief für Sie!“
Darauf ging er weg.
Baptist hielt den Brief in der Hand. Er las die Aufschrift und sah sich
das Kuvert an und verstand zunächst nicht, daß es eine Einrichtung in
der Welt gab, die sich um ihn kümmerte und sich die Mühe machte, einen
Brief hinter ihm her über das Meer zu schicken. Es war ein großes weißes
Kuvert, mit hohen Schriftzeichen bedeckt. Es war etwas Geheimnisvolles,
etwas Ängstliches, ein Rätsel.
Er ging mit dem Brief in seine Kabine, drehte die düstere Glühbirne an
und brach das Kuvert auf. Er las:
„Lieber Bruder!
Mach es nicht mit diesem Brief, wie Du es in Antwerpen mit mir gemacht
hast. Wenn Du noch manchmal an Deine Schwester denkst, so lies den Brief
zu Ende, ich beschwöre Dich drum. Ich schreib ihn nur, um mit Dir zu
sein in der Einsamkeit, in die ich in Luxemburg eingeschlossen bin. Wir
brauchen ja nicht fröhlich miteinander zu sein, sondern schreiben so,
wie es uns zumute ist. Vielleicht ist es meine Schuld, daß ich immer so
kopfhängerisch umhergehe. Wenn ich meine alten Freundinnen ansehe, so
muß ich das glauben. Aber ich gehe hier wie in einer Schachtel herum.
Die Wände sind so eng, so nah, so hoch. Man kann nicht aus der Schachtel
heraussehn. Die Luft ist so dick und so schläferig, die Menschen machen
so kleine Schritte rundum. Sie haben sich dran gewöhnt. Weshalb kann ich
es nicht?
Ich war damals so stolz auf Dich und wußte, so sicher, wie ich selber
lebte, daß Du etwas Besonderes würdest. Und ich liebe Dich auch heute
so, wie damals. Das muß ich Dir sagen und bitte Dich mit meinem ganzen
gequälten, traurigen Herzen, mir nicht bös zu sein, daß ich von diesen
Dingen spreche. Es scheint uns schwer gemacht zu werden. Ich verstand,
als Du fortgingst damals, so gut, daß Du den Flug in die freie Luft
gewagt hast. Ich war stolz darauf, obgleich es mir so schweren Kummer
machte, daß Du mir nichts gesagt hattest und daß Du nicht schriebst. Ich
wäre Dir nachgekommen. Und ich glaubte, Du kämst eines Tags unerwartet
zurück, frei und selbständig – wie in den Theaterstücken.
Und als ich dann hörte, Du seist in Antwerpen gesehen worden, und es sei
nichts aus Dir geworden, da fluchte ich gegen alles, was mir heilig war.
Mein Gehirn zerrieb sich umsonst an den Widerständen. Aber heute
verstehe ich, daß das Leben die Dinge nicht so einfach serviert, sondern
daß es mit tausenderlei Abstufungen, die wie Töne und Untertöne so fein
klingen, arbeitet. Und wir spekulieren ohne das Leben, das unter der
Kruste seinen Weg mit uns geht, wohin es will. Aus meiner
Leidenschaftlichkeit, meinem Haß, meiner Verachtung, meinen Brüskerien
ist ein bleiches, mageres Mädchen geworden, das nur noch Wünsche hat,
die wie Wolken auf dem Meere liegen, man weiß nicht, ob es Berge oder
nur Dunstgebilde sind. Ich spiele auf Gesellschaften Klavier, bin
zuvorkommend und man findet, daß ich nicht ohne Liebenswürdigkeit auf
dem guten Weg bin, eine alte Jungfer zu werden.
Aber wenn du den Griff meiner Finger spüren könntest, indem ich dies
schreibe in meiner einsamen Nacht! Es ist mir oft, als hätte ich einen
Haß, mächtig genug, das Land, das ganze kleine verfluchte Land zwischen
den Händen zu erwürgen! Aber selbst diese Flammen verrauchen, ohne Hitze
zu lassen, und morgen nachmittag werde ich dem Viehändler X. den Tisch
schmücken und nachher die Verleumderin Y. liebenswürdig behandeln, damit
ich nicht von der Gesellschaft abseits stehn gelassen werde. Könnte ich
nur ganz still resignieren. Aber es ist noch zu viel Feuer in einem.
Ist es nicht komisch, daß ich die Pein meines kleinen Lebens Dir in die
Welt nachschicke? Aber ich habe die Hoffnung, daß sie Dich vielleicht
nicht erreicht. Denn: wo bist Du? Der liebe Herr Hasenklever nannte mir
den Dampfer ‚Hamburg‘. Aber die Meere sind so weit! Die Erde ist so
tief! Man kann so spurlos drin verschwinden. Ich weine und küsse den
lieben Bruder.