Kaum lag das Schiff fest an Land, so war Hartwig verschwunden, ohne ein
letztes Wort und ohne Händedruck. Es war Baptist recht, daß es keinen
Abschied gegeben hatte, denn es ekelte ihn, dem Schurken eine Äußerung
seines Gemütes zu erweisen. Aber er begann jetzt zu warten, daß Hartwig
sein Versprechen lösen würde und ihn holen komme, um ihn zu Ilanka zu
führen. Dieses Erwarten floß wie ein Strom über ihn. Es war ihm oft, als
ertränke er drin, und er stöhnte heimlich in der Bedrängnis seiner
Ohnmacht, dieses Ermatten zu erfüllen. Er sah hinter den Masten der
Schiffe die Stadt anschwellen. Aber die Stadt war nichts Fremdes. Sie
war das große, starke, schwarze Weib, in dessen Willen er sein Leben
liegen fühlte.
Die Arbeit in den dunklen Schlüffen der Bunker war beendet, nachdem die
entleerten Lager wieder frisch mit Kohlen gefüllt waren. Zuerst mußte
dann Baptist am Reinigen des Maschinenraumes mithelfen. Später kam er
aber in die Laderäume und bald darauf, als man begann, für die
Weiterreise nach Brasilien neue Güter aufzunehmen, unterstützte er den
zweiten Offizier, der an Deck das Verladen leitete. Baptist hatte eine
der Dampfwinden am Vorderdeck zu bedienen. Über seinem Kopf streckten
sich die Arme der Ladebäume hin und her. Die Räder der Winden knirschten
und sausten vor ihm. Am Kai lagen hochgestapelte Ballenhaufen, in die
die Ketten hineingriffen, und achtern zur andern Seite scharten sich die
schweren Schuten um das Schiff und beluden sich mit den Waren, die es
aus Europa mitgebracht hatte. Unermüdlich glitten die Ketten, griffen
die Ladebäume, eilten die Menschen. Die Arbeit brauste und brandete wie
ein Meer an einer Küste. Ein wirbelndes Gemisch zuckte hin und her,
schüttelte sich durcheinander, ohne Zusammenhang, mit verwilderten,
wüsten Gebärden, mit einer kleinen, fessellosen Brutalität. Rundum auf
der großen Wasserfläche lagen tausend solcher regellos belebter Flecke
wie der Dampfer „Hamburg“. Überall in ihnen krachten die schreienden
Winden, überall zuckte die Arbeit durcheinander. Überall brüllte die
rasende, zerfetzte Ungeduld.
Aber ruhig erhoben sich die riesenhaften Dämme der Stadt hinter den
Schiffen, und alle Arbeit floß, wie in einem graden, schweren Strom
dorthinaus. Wohin?
Der Hebel der Dampfwinde schlug Baptist in der Faust. Ein ungeheurer
Pack von Säcken wurde von seinen zehn Fingern über den Abgrund der
Laderäume gehalten, und in der Tiefe wimmelte es von kleinen
Menschenkräften, die den Pack erwarteten. Der Offizier hob den Arm wie
einen allmächtigen Signalmast, der dem Eisenbahnzug den Weg in den
Bahnhof schließt, und mit verhaltenem Schwanken blieb die Ladung in den
eisernen Kettenarmen in der Höhe schweben. Dann fiel der Arm, Baptist
riß den Hebel los und mit schießendem Knarren ließ die Winde die Last
vorsichtig in die Tiefe sinken. So ging es stundein und -aus. Baptist
stand am Hebel und fühlte mit einem dumpfen, ängstlichen Staunen, daß in
seinem Willen ein Teil der Kraft lag, die das wüst zerwühlte Feld dieses
Hafens in Arbeit aufpflügte, und wußte nicht, wieso er auf einmal zu
solcher Macht gelangt war. Er sah rundum reckenhaft sich das Werk des
Welthafens vollziehen, aber er erkannte nicht, wie sich das ungeregelte,
wirbelnde Durcheinander zu der groß ausfließenden Richtung fand; er
spürte den Sinn der gewalttätigen Anstrengung nicht.
Und einmal, als ihn die dunkle Macht dieser Lebensäußerung der Weltstadt
überwältigte, brüllte er in die tobenden, ratternd springenden Geräusche
der Winde den mit heimlich wilder Sehnsucht beladenen Namen Ilanka
hinein. Hartwig kam nicht. Es waren Tage vergangen. Die Schiffsräume
hatten sich entleert und frisch gefüllt, die Abreise stand bevor. Der
Hund von Hartwig kam nicht. Wie konnte Baptist zu Ilanka gelangen? Wie
war es möglich, einen Weg in den ungeheuerlichen Damm hinein zu finden,
den dort die Stadt aufwarf? Dunkel verletzt, beleidigt, wund aufgewühlt
erlebte Baptist immer wieder die zwingende Offenbarung der ungemessenen
Große der Stadt, zu der dieser Hafen das Tor war. Wie ein Geschick von
erbitterndster Brutalität warf sich ihm die Stadt und ihr Hafen in den
Weg, der zu dem großen, starken Judenweib ging. Er wütete dagegen an,
und seine heimlichen Schreie schienen oft den Lärm der pustenden Winden
zu überbrüllen.
Eines Nachmittags, als er arbeitsfrei und frei von dem Drucke war, mit
dem ihn sein Werk belegte, überfiel ihn ein verzweifelter Groll. Er
glaubte am Äußersten zu sein. Sein Begehren wuchs mit leidenschaftlicher
Gewalt über ihn her. Er glaubte hin zu müssen, in seiner Raserei Hartwig
erwürgen zu müssen und über seine Leiche zu Ilanka gelangen ... „Du
treuloser Hund!“ schimpfte er Hartwig. „Du hast mich betrogen, ganz
gemein betrogen, du Schuft!“ ... und er raste auf den Kai hinunter und
jagte davon, der Stadt zu. Aber die Arbeitswut des Hafens fing ihn in
ihrem brausenden Sturm auf. Sie schloß sich von Schritt zu Schritt
gewalttätiger um ihn, wie Maschen eines stählernen Netzes. Er begann
sich zu ducken. Er glitt ängstlich und unsicher dahin, und als er an die
Grenzen der Stadt kam, und als er die Maßlosigkeit ihrer Straßen und
Richtungen sah, kehrte er um, vergiftet und durchseucht, das Hirn
wirbelnd voll Todesgedanken.
Er eilte zu seinem Dampfer zurück, kreuz und quer abirrend, über
Eisenbahngeleise, auf denen sich schwerfällige lange Züge heranschoben,
verfolgt von Warnungsrufen; unter donnernden Krähnen hindurch, die mit
Lasten von Fässern, Säcken, Baumstämmen spielten; durch lange Hallen,
die mit Gütern und mit fremden, betäubenden Düften angefüllt waren.
Endlich fand er die ‚Hamburg‘ und ging schnell aufs Deck hinauf. Droben
sah er die Schiffsmannschaft im Kreis zusammenstehen. In ihrer Mitte
hielt einer ein großes Zeitungsblatt, aus dem er eben vorgelesen haben
mußte.
Als Baptist an Deck erschien, sprang der Mann mit der Zeitung in der
Hand heran, hielt ihm aufgeregt das Blatt hin und zeigte mit dem Finger
auf eine dicke Überschrift. „Das ist der Hartwig!“ brüllte er mit
überschlagender Stimme. „Der Hartwig!“ ...
Das Zeitungsblatt glitt in die Hände von Baptist. Er legte sich gegen
die Reeling und las mit spitz klopfendem Herzen: „Grauenhafter Mord ...
Deutschlothringer Hartwig Didier ... seine Geliebte aus Galizien
eingewanderte Jüdin Ilanka B... in ihrer Wohnung erdrosselt ... Körper
mit Dolchstichen zerfleischt ...“
Langsam fühlte Baptist, der mit den Augen fliegend diese ersten Zeilen
erschnappte, Kälte durch sich fließen. Sein Hirn wurde klar, seine
Gefühle grausam und er las nun kalt und zusammenhängend: „Als
Zimmernachbarn, die das Opfer schreien hörten, die Türe einschlugen und
auf den Mörder losdrangen, schoß er gegen sie, ohne jedoch zu treffen.
Der Revolver war bald leer. Da eilte er ans Fenster, über dem ein
Leitungsstrang der Elektrizitätswerke vorbeiführte. Von den Verfolgern
hart bedrängt, schwang er sich aufs Fensterbrett und setzte, ohne sich
zu bedenken, mit einem weiten Sprung an die Drähte hinauf. Er erreichte
sie, glitt im Schwung ein Stück weit an ihnen über die Straße. Die
Menschen, die sich unten versammelt hatten, sahen, ein grauenvolles
Bild, wie ein Menschenkörper in wilden Zuckungen an den Drähten hin und
her schlug. Dann fiel er aus der Höhe des sechsten Stockwerks auf die
Straße nieder, wo er, ein unkenntlicher Haufen von Kleidern, Knochen,
Fleisch und Blut liegen blieb. Aber dieser Absturz wäre nicht mehr nötig
gewesen. Die elektrischen Drähte hatten den Mörder schon hingerichtet.“
Als Baptist das gelesen und der andere ihm wieder die Zeitung aus der
Hand gerissen hatte, stellten sich ihm zunächst nur die beiden Wörter
ein: „Schuld und Sühne“. Dumm und sinnlos sagte er sie immer wieder vor
sich hin. Unzählige Male: „Schuld und Sühne! Schuld und Sühne!“ ...
Kindlich erschrocken lallte er die Wörter weiter, als deckten sie eine
unmeßbar hohe, geheimnisvolle Vorstellung, in der die Erklärung der
dunkel gewaltsamen Tat lag. Er ging lange wie in einem kalten Rausch
umher, machte seine Arbeit mit einer kühlen, fernen Gleichgültigkeit und
wagte kaum zur Stadt hinüber zu schauen, deren Dächer durch das Gewirr
der Masten liefen, ohne es zu berühren. Aber alle Kälte in ihm war nur
ein Kleid, unter dem sich die entsetzliche Spannung seines Innern dem
Erkennen verbarg, und er wurde sich immer mehr bewußt, daß er sich nur
mit Gewalt auf diesem entlegenen, ruhigen Standpunkt hielt.
Da trat, als er den letzten Griff am Hebel der Winde getan und der
Feierabend begonnen hatte, der Kapitän auf ihn zu. Der Kapitän war ein
noch junger Mann, der jedes Wort, das er sprach, und jede Bewegung, die
er machte, mit einer kurzen Entschiedenheit kräftigte.
„Biver,“ sagte er, „es wäre schade, wenn Sie in den Kohlenbunkern
blieben. Wir wollen Ihnen eine andere Beschäftigung an Bord suchen, bei
der Sie sich mehr ausgeben können!“
Baptist schaute den Kapitän verletzt an. Er hatte kaum verstanden, was
gesagt worden war, aber er fühlte sich in seinem künstlichen, mühevollen
Gleichgewicht gestört und er warf geärgert hin: „Ach, wozu?!“