Er hatte die drei Wörter noch nicht zu Ende gesprochen, als Hartwigs
Stimme, die wie knitterndes Metall klang, wieder losfuhr: „Hölle und
Teufel, ich auch nicht. Das ist immer so am ersten Tag! Diese
Hundearbeit mit den Kohlen! Weißt du, wenn wir jetzt hinüberkommen, so
führ ich dich zur Ilanka. Eine Jüdin! Ein Weib! Dreck und Feuer und
Revolverschuß, ein Weib, ha! Ein Weib! Sie ist ja wohl nur eine Jüdin
aus Polen oder da herum. Aber ein Weib! Ich bin nur ihretwegen herüber
gegangen. Aber meine Verwandten, die Dreckspföter, haben sich nicht mehr
anzapfen lassen. So bring ich nur die hungrige Heuer mit, wenn ich
drüben wieder zu ihr komm’. Und damit zahlt man nicht einmal, daß dieses
Fraumensch einen mit dem Fuß ins Gesäß tritt. Aber wir legen zusammen,
nicht wahr, Kamerad? Was? Das Leben ist uns nun mal so gelaufen. Laß
laufen. Dreck und Hölle, es hätt’ auch anders zum Krepieren geführt.
Aber in diesem Europa ist man schon zu Lebzeiten im Grab. Keine tausend
Bisonstiere aus den Rocky Mountains ... ziehn mich wieder dahin ...
tausend Bison ... Weib! ... Pech ... Schwefel ... Ilanka!“
Das letzte Wort war wie ein Ausflöten gewesen. Baptist hatte zugehorcht
mit einem erschrockenen Erstaunen, mit einem halb besiegten
Sichhingeben. Nun hörte er, wie Hartwig schnarchte. Wie ein Zauberwort,
so hatte dem Kameraden das Wort Ilanka den süßen Schlaf gegeben, auf
einmal, ohne Übergang, und in seine eigene wunde Schlaflosigkeit hinein
wuchs schnell die Frauengestalt der Jüdin Ilanka aus Neuyork und nahm
die Umrisse üppiger Bäume, schwellender Riesenblumen, bereit liegender
Hügel, die weichen Formen märchenhaft ungeheuerlicher Tiere. Die
tückisch haltlos gleitenden Verwechselungen dieses Unwesens schürten die
hitzige Unruhe seines Blutes. Er schlug mit den Armen nach dem heißen
Spuk und fühlte sich atemberaubt eng unter die Decke gefesselt. Endlich
lag er dann in einem schwül lastenden Schlummer.
Am nächsten Morgen, als die beiden wieder Seite an Seite in den
Kohlenbunkern arbeiteten, schien auf einmal etwas wie ein
Tobsuchtsanfall Hartwig zu vergewaltigen. Er griff mit beiden Armen tief
in die Haufen hinein und warf die Kohlenklötze, die er zu fassen bekam,
wie in einem wild gewordenen Tanz weit von sich, daß sie donnernd auf
dem Eisenboden in Splitter zerkrachten. Er steigerte rasch das Tempo
dieser wahnwitzigen Arbeit, die schwarzen Massen regneten bald heftig
ringsum nieder, daß Baptist sich hinter einen Eisenpfosten flüchten
mußte.
Als dieses unverständliche Spiel eine Weile gedauert hatte, blieb
Hartwig plötzlich hoch gereckt stehen. Sein Atem leuchte wie ein hüpfend
dampfgebendes Ventil, der Schweiß quoll aus seinem nackten, geschwärzten
Oberleib und die Tropfen spiegelten das Licht der trüben Glühbirnen.
„Baptist!“ rief er heiser, „komm her! Da, leg deine Finger hin!“
Er führte Baptists Hand auf den Bizeps seines rechten Armes, und kaum
hatten die Finger die Haut berührt, als der Muskel wie eine gebuckelte
Katze mit einem wilden harten Ruck Baptist in die Hand sprang.
„Drüben sind wir aus Dreck und Feuer, zum Teufel. Du sollst mal sehn,
ich zerspreng’ einem die Hirnschale mit diesem Muskel, nur so, daß ich
ihn gegen den Schädel springen laß, wie eine Bulldogge. Weißt du, was
ich jetzt gemacht habe? – Ich war mit Ilanka. Ich hab mit ihr gerungen
und hab sie am Hals gehabt und sie gebändigt. Jede Kohle, die ich zu
fassen bekam, und die wegflog, war ein Griff in ihren Leib, ein
Widerstand, den ich brach. Da schau, ich laß meinen Bizeps springen, wie
eine ganze Schwadron Kavallerie. Es soll mir einer im Weg stehn! Aber
wenn du glaubst, davon hat man was drüben bei uns und das hilft einem –
ein alter Dreck, nein! Siehst du, ich bin aus dem Lothringschen, und die
Parzen oder wie die Viecher heißen, haben mir ein anderes Lied an der
Wiege gesungen. Aber Räuberhauptmann, Amerika, wilde Stiere und tolle
Weiber! Meine Verwandten sagen: der Boden ist ihm weggerutscht. Es wird
wohl so sein, wenn man seine Heimat in die Welt verlegt. Aber man
gewöhnt sich dran, Wasser zu saufen, wenn man keinen Champagner hat und
des Nachts die Abfallkästen zu durchstöbern, wenn man kein Geld hat, um
ein Steak zu kaufen und der Magen einem den Schlund heraufschreit.“
Baptist stand hilflos vor dem Kameraden. Er fühlte sich selber von der
Krankheit ergriffen, deren Höhepunkt der andere erreicht zu haben
schien. Er verabscheute den wilden Gesellen, dessen Leben über die
Ränder der Wirklichkeit hinausgetrieben war, und zugleich vergewaltigte
ihn die Heftigkeit aller Äußerungen Hartwigs. Liebe und Haß für diesen
heißen Hund standen von der ersten Stunde an Baptist in gleicher Nähe
zur Hand.
Tag für Tag, die nun folgten, legte Hartwig mit derselben Wucht und
Brutalität sein Leben vor Baptist bloß. Immer stand die große, starke
jüdische Frau drin hoch gereckt, drohend und begütigend, sie war wie der
Saft, der aus dem verletzten Frühlingsbaume stürzt, wie aufspringendes
Blut, sie gellte wie der Schrei eines, der ermordet wird, sie hatte das
dumme kindliche Blöken eines Lämmchens, den tirelierenden Laut einer
kräftigen, sorglosen Lerche, sie knallte wie ein geflochtener
Lederriemen und säuselte wie der Abendwind.
„Ich kann dir nicht alles sagen von ihr und mir!“ begann eines Abends
Hartwig wieder. „Aber wo sie wohnte damals, da sind die dunkeln,
schmalen Schlüffe in der Stadt, und selbst die Policemans fürchten die!
Sieh mal da das Wasserfaß und den weißen Holzpfropfen im Spund!“
Kaum hatte Baptist Zeit gehabt, sich das etwa zehn Schritte entfernte
Faß anzuschauen, als Hartwigs Arm mit einer kreisenden Bewegung rundum
fuhr, gleich darauf gab es einen kurzen, trocken gellenden Laut, und
Baptist sah in dem weißen Holzpfropfen ein langes Stilett stecken. Aber
blitzschnell flog Hartwig drauf zu, riß mit einem Ruck nach unten das
Messer weg und es war im Nu verschwunden, Baptist sah nicht, wohin.
Hartwig lächelte ihn verächtlich an. „So!“ sagte er kurz und roh.
Baptist verstand nur halb, wie es dem andern gemeint war. Aber er zuckte
vor ihm zusammen und seine Gefühle, Liebe wie Haß, verschärften ihre
Kraft seit diesem Tage. Er war Hartwig unterlegen und wagte nicht gegen
ihn aufzumucken. Er stellte sich Hartwig vor, wie er, ein flatternder
Blitz, durch die Straßen des unberechenbaren Neuyorks tobte und mit
trotzig zusammengebissenen Zähnen, hohnlachend und schmetternd, die
Menschen anbellte. Bis dieser verwegene Räuberhauptmann aufseufzend in
den Schatten der wilden, dunkel großen Gestalt des jüdischen Weibes
trieb und anfing, vor ihren Launen zu winseln, oder in ihrem Geben zu
ertrinken.
So hielt Baptist die verwilderte, sumpfige Romantik des fessellosen
Gesellen in der schweren, dicken Atmosphäre seiner Arbeit in den Bunkern
wach. So wuchsen seine Wünsche hinter dem knallenden Schreiten dieses
Strolches Neuyork entgegen.
Eines Abends erzählte Hartwig ihm mit vielem großtuenden Trara einen der
üblen Streiche, bei denen er in Neuyork mit geholfen hatte. Da kam es
Baptist auf die Zunge, seine eigenen Schandtaten zu verraten, und er
wollte erzählen, wie er schon als Knabe gestohlen und wie er seinen Wirt
in Antwerpen betrogen hatte, und wollte diese Taten gleichermaßen mit
Gefahren und Gemeinheit ausschmücken. Aber daß er sich dennoch enthalten
und diese schmutzigen Flecke in seinem Leben vor dem andern bedeckt
halten konnte, gab ihm zuletzt die Möglichkeit, doch zwischen Hartwig
und sich eine Distanz zu setzen, durch die er das letzte randlose
Gemeinwerden mit dem Verbrecher zurückzuhalten vermochte. Es war ihm,
als habe er die Macht, wenn er nur wollte, sich von dem andern zu
befreien, und es schien ihm, als gewänne er gerade dadurch in den Augen
des eindrucksvollen Weibes Ilanka einen Glanz, den Hartwig bei ihr nicht
besaß.
In einer lichten Nachmittagsstunde lagen sie in ihren Betten, da sie in
der Nacht Schicht gehabt hatten. Baptist konnte nicht schlafen. Es
gingen immer Schritte über die runde grüne Glasscheibe und seine Augen
zuckten unaufhörlich unter ihnen weg. Es war ihm, als traten die Sohlen
ihm aufs Gesicht. Er sah, daß auch Hartwig nicht schlief und sagte
hinüber: „Gehn wir an Deck. Ich kann nicht einschlafen!“
„Gut!“ antwortete Hartwig. „Vielleicht sehn wir schon die amerikanische
Küste.“
Er sprang auf. Sie zogen sich rasch an und gingen auf die Vorderback
hinauf. Hartwig legte gleich die hohlen Hände über die Augen. Dann
schlug er Baptist heftig auf die Schulter und zeigte über das Meer.
„Da hinter wohnt sie!“ rief er und schaute scharf auf einen Punkt in der
Ferne, als sei es möglich, daß er dort jemanden sehen und erkennen
könnte.
„Wer?“ fragte Baptist verwirrt.
„Wer?“ schrie Hartwig dagegen und starrte Baptist entgeistert an. Dann
brüllte er: „Schwefel und Dreck, das Weib! Ilanka!“
Und Baptist schaute nun selber bezwungen scharf in die Ferne, wo sich
nur erst wie eine körperlich werdende Ahnung, wie ein zarter Flaum
ersten Wachstums die Küste abhob. Alles Blut war ihm plötzlich zu Kopf
gestürzt und er wußte auf einmal, daß es nicht die Stadt dort im
Küstenstreifen und nicht das Land dahinter und nicht Hartwig sei,
sondern daß diese schwarze Jüdin Ilanka es war, die seit Tagen seine
ungeduldigen Gedanken trug. Daß dieses Weib selber und ganz allein wie
eine große, mächtige Küste, wie ein einziges einsames Land für ihn
irgendwo in den Fernen stand.
Da war er verzweifelt und entmutigt, denn die Frau stand ohne Umrisse,
die er fassen konnte, ohne Körper, gegen den seine Wünsche anströmen
konnten, in ihrer raumlosen Ferne. Aller Glanz fiel ab, und Baptist
lehnte sich mit einem wilden Anfall von Haß gegen den abscheuvollen
Hartwig auf, den Schurken und Verbrecher, der vorgab, den süßen,
schmerzhaften Spuk dieses Weibes zu besitzen. Er sagte bitter und
schadenfroh: „Du kommst doch nicht zu ihr!“
Da schaute ihn Hartwig einen Augenblick scheel an. Aber sein Gesicht
heiterte sich gleich wieder auf und er lachte polternd los, daß sein
Lachen wie eine Holzkugel über die Back sprang.
„So, so, so!“ lachte er, „ich komm nicht zu ihr. Ich komm nicht zu ihr?
Was sollen wir wetten. Sollen wir den Bettel unserer Heuer gegeneinander
wetten? Schlag ein!“
Er hielt Baptist mit einem spöttischen Grinsen die Hand hin. Aber
Baptist antwortete gebeugt und unsicher: „Es war nur Scherz, daß ich das
sagte!“
„Ich meine auch!“ sagte Hartwig dagegen, und seine heisere, knitternde
Stimme klang wieder rauh und grell. Seine Finger zuckten zusammen und
die Leidenschaft sah man zitternd über seinen magern Körper fahren. Dann
sprach er vor sich hin, wild und doch sanft, wie ein heißes Rufen und
zugleich wie eine kosende Bestätigung: „Schwarze Ilanka!“
Als Hartwig eine Weile über das Meer geschaut hatte, sagte er: „In
Neuyork komm ich dich einmal von Bord holen und dann gehn wir zusammen
zur Ilanka. Es ist schade, daß du dich für die ganze Reise dieses
Kastens geheuert hast. Ich hätte dich in Neuyork gut einführen können!“
Da setzte Baptist alle Hoffnung auf dieses eine Versprechen. Alle seine
Wünsche sammelten sich immer wieder um dieses Versprechen an, unruhig,
flatternd, schreiend, und hoch wie Dohlenscharen um das Dach des
Kirchturms. Und in der Ungeduld dieser letzten Stunden wurde Hartwig ihm
so unausstehlich, daß seine Gegenwart ihn zu brennen schien. Er war ihm
nun ein Feind, der mit allen Listen und allen Mitteln bekämpft werden
mußte. Aber Ilanka wuchs, wuchs, wie ein wilder Garten.
Am nächsten Tage liefen sie in den Hafen ein. Baptist sah die Einfahrt
nicht, weil er Arbeitszeit hatte und in den Bunkern vergraben lag. Aber
er hörte, wie die Maschine anfing, ihr Tempo zu ändern. Oft wechselte
sie es mit kurzen Stößen, arbeitete bald nur noch ruckweise. Auf einmal
verstummte mit einem aufschreienden letzten Laut all der Lärm, der
Baptist sechzehn Tage ununterbrochen eingehüllt hatte, und eine
Grabesstille verbreitete sich im Nu in den niedern dunklen Räumen. Aus
einer Ecke scholl Hartwigs Stimme grell herein: „Wir sind da. Dem Teufel
sei Dank!“