„Papiere?“ fragte der Beamte kurz.
Hasenklever stieß Baptist an: „Nein, nicht doch!“ flüsterte er ihm
erregt zu. „Das ist eine Arbeit für Pferde, das Kohlenschaufeln!“
„Nu, Kap’tain kann er woll nich gleich wer’n!“ warf der Beamte
ungeduldig ein.
Aber Baptist entgegnete einfach: „Es ist gut so!“ und reichte dem
Schreiber die Papiere, die er bei sich hatte. Der schaute sie kaum an.
Er suchte nur den Namen und schrieb. Baptist fragte nicht nach dem Lohn,
nicht nach dem Ziel der Reise, nicht nach der Arbeit. Er übernahm seine
Stellung wie ein Schicksal, in das man sich ergeben hat.
„Gehn Sie damit zum Heueramt. Vier Uhr auf’m Schiff!“ sagte der Beamte,
während er Baptist den Heuerzettel hinreichte, auf dem Baptist sich
verpflichtet hatte, die ganze Reise des Schiffes nach Neuyork, von dort
nach Bahia und zurück nach Hamburg mitzumachen.
Hasenklever war von einer zärtlichen Väterlichkeit zu Baptist. Er half
ihm bei den Formalitäten, die noch zu erfüllen waren, und nahm ihn dann
mit nach Haus. Sie gingen gleich in die Stube hinauf. Sie aßen dort
zusammen zu Mittag und Hasenklever ließ eine Flasche seines besten
Weines heraufholen.
„Der Baptist fährt heut weg!“ sagte er zu seiner jüngsten Tochter, die
mit am Tisch saß.
„Ja, wieso, weshalb so auf einmal!“ fragte die erstaunt.
„Weibervorwitz! Das wissen wir, gelt Baptist!“ Er nickte ihm mit einem
milden guten Blick zu und goß sein Glas wieder voll. Dann begann er von
„Njujork“ zu erzählen und von „Njuorliens“ und Chikago und „Frisko“, wo
er überall gewesen war und wo Baptist nun auch hinkäme, und er nannte
ihm Freunde, die er dort gehabt hatte, und die Baptist vielleicht noch
in jenen Städten fände; er erzählte von seinen Abenteuern und seinen
Bummeltagen und den verhungerten Wochen. „Das waren die sieben magern
Jahre!“ sagte er. „Und ein Mensch, der nichts erlebt hat, der ist
nichts. Das ist heutzutags anders, als wie Anno ehedem, wo es von einem
Städtchen zum andern eine Woche brauchte. Heut muß einen das Leben am
Wickel nehmen und anständig durch die ganze Welt rumschütteln ...“
Aber Baptist ließ Hasenklevers Worte über sich weggleiten. Er war schon
auf dem Dampfer; die Arbeit, die ihn erwartete, stand rätselhaft
verwischt neben seinen Vorstellungen. Es war ihm nur klar, daß er jetzt
das Leben begänne, vor dem er einmal zurückgeschaudert war. Er dachte an
seine Heimat und wußte, daß er nun nie mehr zu ihr zurückgelangen würde;
daß das Leben, das er um vier Uhr über sich nahm, das Versinken in die
dunklen Schiffe sei, das sich die Gedanken seiner Heimat als das
allerletzte, das allerniedrigste, schon ans Verbrechen streifende
vorstellten. Und seine Heimat war ihm nun maßgebend, da er an dieser
letzten Schwelle stand und zum letztenmal seine Blicke auch nur die
Richtung des kleinen Landes erkennen konnten. Es war ihm aber wie ein
kleiner weicher Trost, wie eine ferne mildernde Güte, daß er sich seine
liebe Schwester von ehedem so nahe denken konnte an diesem Tag, an dem
sein Leben die Richtung änderte – zu welchem Ziel? das fragte er sich
nicht.
Dann ging er in sein Schlafstübchen und brachte den kleinen alten
Koffer, den ihm Hasenklever gegeben hatte, mit seinen Sachen gefüllt
herunter. Er verabschiedete sich von den beiden Mädchen und wollte
Hasenklever die Hand drücken. Aber der wehrte ab. „Ich geh doch mit!“
rief er.
Baptist sagte: „Ach, nein!“ Das Herz war ihm schwer und er hätte gerne
dem Wirt dargelegt, daß er diesen letzten Weg lieber allein ginge. Aber
er fand keine Worte und Hasenklever schritt neben ihm zum Hafen
hinunter. Sie fragten sich am Kai entlang durch bis zur „Hamburg“. Der
Dampfer lag zwischen dem Scheldetor und dem Waeslander Bahnhof und
Baptist sah zum Abschied noch den Zaun, an dem er einst mit Vater
Ladstock und den Vagabunden gestanden und aus ihrer Flasche Branntwein
getrunken hatte.
Bald machte er kurzen Abschied von Hasenklever. Er hätte ihn gerne
umarmt, drückte ihm aber dann nur hastig zaghaft die Hand. Er sagte:
„Ich dank’s Ihnen herzlich!“ Doch Hasenklever fuhr auf: „Zum Deibel, sei
still und wir sehn uns noch mal wieder in dieser Welt. Bei Hasenklevers
bist du immer willkommen, wenn dich mal wieder ein Schiff oder ein
anderes Geschick hier an Land bringt!“
Baptist schritt mit seinem Köfferchen in der Hand über den Landungssteg
und sagte dem ersten Menschen, den er traf, er sei auf dem Schiff als
Trimmer angeheuert. Der wies ihn zum ersten Offizier in der Kabine an
Deck. Ein glattrasierter Mann empfing Baptist hinter der Türe mit dem
Eisenschild und dem Messingring und bat um seine Papiere. Die gab ihm
Baptist. Der andere sah sie schnell und gleichgültig durch und schob sie
unter einen Pultdeckel. „_All right!_“ sagte er. „Sie können gehn!“
schrie er Baptist an, als er sah, daß er stehen blieb. Baptist trat
hinaus und schritt langsam an der Reihe der kleinen Türen mit den
Messingringen entlang und als er einen Mann in einer Uniform mit zwei
Goldbändern am Arme sah, trat er auf ihn zu, zog den Hut und sagte, er
sei als Kohlenzieher angeheuert.
Der Angeredete, ein junger Offizier mit einem blonden Spitzbart, machte
über seinen hohen Kragenrand mit einem kurzen Ruck eine knappe
Linksneigung des Kopfes auf Baptist zu und warf verächtlich hin: „’ch
g’meldt?“ – „Jawohl, soeben in der Kabine dort!“ – „’s gutt!“ Dann rief
er in anderm Ton einem dicken Manne zu, der in einer blauen Jacke und
mit einer Uniformmütze auf dem grauen Kopf auf der Reeling saß: „Härr
Obermaschinist, ein Trimmer!“
Der Dicke schob sich vom Eisengeländer ab und kam freundlich heran.
Baptist grüßte höflich und sagte, er sei das erstemal auf einem Schiff,
er müsse bitten, daß man ihm seine Arbeit und alles zeige. „Tjawoll,
tjawoll!“ nickte der Alte liebenswürdig, „wird geschehn, wenn Sie hier
die Luke hinuntersteigen, gleich Backbord hinübernehmen und an der Türe
klopfen, wo ‚Heizer‘ drauf steht. Sagen Sie, ich habe Sie hergeschickt
und was Sie wollen!“
„Danke!“ antwortete Baptist.
Drunten führte ihn dann ein von Ruß nur halb gereinigter Mann zunächst
in die kleine Kabine, in der sechs Betten waren, drei und drei
übereinander. Spärliches Licht fiel durch eine dicke, unklare grüne
Glasscheibe in der Decke über einem der Betten beschwerlich herein.
Baptist mußte dieses Bett nehmen, weil die andern schon belegt waren.
Der Heizer blieb in der Türe stehen und meinte, Baptist könne gleich den
Arbeitsanzug anlegen.
Baptist tat es. Dann ging der Mann vor ihm her durch einen engen
Schluff, zog eine eiserne Türe auf, und Baptist trat auf einem Boden von
Eisenstäben weiter. Unter diesem Boden lag ein weites, dunkles Loch, in
dem er in einiger Tiefe einen zweiten Boden aus Eisenstangen sah.
Allmählich dämmerte drunten, wie auf dem Grund einer gut vergitterten
Grube, ein dunkles Gemenge von Rädern, Eisenrahmen, Kolben und Röhren
auf. Das Licht fiel hoch über seinem Kopf durch einen Glaskasten
hernieder. Die beiden glitten rückwärts enge Eisenleitern hinab und
kamen langsam bis auf den Grund der Grube. Das Licht wurde immer grauer
und kleiner, die Luft gewichtiger und riechender. Sie schlüpften
zwischen stillstehenden Rädern, ruhend versenkten Pleuelstangen,
schweren, geneigten Eisenrahmen, verknüpften und lang hinlaufenden
Röhren hindurch; eine kleine Eisentüre klappte hinter ihnen zu, und
Baptist stand in einem engen Raum, den eine starke Hitze brennend
erfüllte. Zwei kreisrunde große Löcher warfen Licht zuckend und blendend
heraus und ein Mann stocherte mit einer Eisenstange in dem einen der
Löcher. Der Flammenschein glühte auf dem schmalen nackten, steif
zurückgestellten Oberleib. Das Gesicht lag aber über dem scharf
begrenzten Kreis des Feuerscheins im Dunkeln. Dann sprang Baptists
Führer unversehens in ein Loch, das gegenüber der einen der beiden
Feuerhöhlen schwarz aus der Wand schaute.
Baptist folgte ihm in einen Raum, den eine schwere, staubige Finsternis
drückend verengte. Aus der Tiefe donnerte rollender, fallender Lärm
heran. Irgendwo hing eine kleine Glühbirne, leuchtete faul, wie ein
kraftlos roter Ball. Der Flammenschein des nahen Feuers im Kesselraum
schlug schräg bis über den Rand des Loches hernieder und ließ sich in
einem roten Streifen über einem Haufen Kohlen verflackern. Der Führer
erklärte mit schreiender Stimme durch den Lärm hindurch: Das seien die
Kohlenbunker, aus denen die Kohlen hierher geschafft werden, an dieses
Loch und an das andere drüben; danach werden sie zu den Flammrohren
hinauf geschaufelt.
Das war alles.
„Hoi, hoi! Genug!“ rief er plötzlich in die schwere Tiefe hinein und das
prasselnde Fallen hörte auf.
Der Mann wandte sich wieder Baptist zu: „So, Sie können grad beginnen.
Es wird sowieso gleich zur Ablösung glasen!“
Dann war er auf einmal in dem dunkeln Winkel verschwunden. Eine Türe
knallte, ferne, hoch, verstummend, wie ein Schrei in verschlossenem
Mund. Zugleich erlöschte draußen im Kesselraum das Licht des Feuers,
weil die Türe der Esse zugeschlossen wurde. Es wurde finster und stumm
um Baptist, der der leblosen Glühbirne den Rücken kehrte. Er war nun
abgesperrt von dem Dadraußen, war versunken und begraben. Er fühlte den
niedern, finsternisschweren Raum wie einen versenkten Schacht um sich,
bückte sich schwer zu einer Schaufel nieder, die er im dünnen, rötlichen
Dämmern zu seinen Füßen liegen sah, und schob sie in den Kohlenhaufen.
Wie er sich so niederbückte, um die Schaufel in die widerstehende Masse
einzubohren, erblickte er auf einmal einen zarten blauen Schein auf
seinen Händen. Er schaute ihm nach und sah, daß aus der Höhe des
Kesselraumes ein Fädlein dünnes Licht herunter und durch das Loch in der
Wand bis zu ihm sickerte, gleich einem Wasseräderchen auf einem Felsen,
das das Licht des freien Himmels rinnend widerfunkelt. So oft Baptist
nun die Schaufel in den Kohlenhaufen stieß, floß das dünne blaue Licht
ihm leicht wie gleitende Eidechsen über die Hände und die Arme. Das war
der einzige Gruß der weiten, freien Luft.
Auf einmal hörte Baptist in der Düsternis der andern Seite noch eine
Schaufel gehen. Er erschrak ein wenig. Aber er schaute nicht hin.
Kurz darauf hielt die Schaufel drüben ein mit Arbeiten, und eine Stimme
wie eine grelle, heiser klingende Trompete brach plötzlich durch die
Finsternis herüber: „Grüß dich Gott, Kamerad von der heiligen
Kohlenschaufel, auch wieder mal unterwegs?“
Baptist erschrak. Sein Herz gab ihm einen kleinen Schlag, und seine
Hände zuckten einmal mit dem Holzstiel. Aber er bückte sich über seine
Arbeit, emsiger tuend als wie zuvor, und lauerte zugleich mit allen
Sinnen nach dem Fremden hinüber, dessen Gestalt er drüben wie wild aus
dem Dunkeln hervorquellen sah. Sie war von ungewissen Bewegungen belebt,
als näherte sie sich langsam, drohend und unberechenbar tückisch. Bald
jedoch hörte er wieder die Kohlenschaufel gehen und seine geängstigte
Aufmerksamkeit spannte ab.
Ein leises Erdonnern scholl auf, die Eisenwände fingen an dumpf zu beben
und zu klingen; dieser Lärm verstärkte sich allmählich zu einem
stoßenden Poltern und schaukelnden Brüllen, Werfen und Schießen, das
sich die Eisenwände zuzuwerfen schienen, und lief dann bald in ein
starkes, ruhig dahinrollendes Grollen und Stöhnen aus. Das Schiff fuhr.
Eingehüllt in das Toben dieser gewaltsamen Geräusche, in denen der Lärm
seiner eigenen Arbeit erstickt zu sein schien, breitete sich eine
schwerfällige Schläfrigkeit in Baptist aus und er vergaß in seinen
stumpfgeriebenen Gedanken bald den Zwischenfall. Er arbeitete, daß ihm
der Rücken voller Nägel saß und seine Muskeln brannten, und nach einer
unendlichen, mit dumpfer Gedankenlosigkeit erfüllten Zeit stand auf
einmal ein Mensch neben ihm und nahm ihm die Schaufel aus der Hand.
Baptist tastete sich hinaus, irrte über Eisenleitern und durch schmale
Gänge, bis er aufs Deck gelangte. Da trat ihm unvermutet ein
geschwärzter Mann entgegen. Das Weiß der fremden Augen brannte wie zwei
kalte Scheiben aus dem schmalen, verrußten Gesicht, und die dicken roten
Lippen unter der kleinen, verwegen geschärften Nase glühten wie Blumen
aus dem Ruß heraus. Sie öffneten sich, während der rechte Arm die zur
Faust geballte Hand, um Schwung zu nehmen, nach hinten schlug, und eine
wütende, grelle Stimme fuhr Baptist an: „Bin ich dir nicht gut genug?
Willst du meine Faust im Gebiß spüren, du Wackes!“
Baptist schrak zurück. Was war denn nun wieder? Wurde er verfolgt? Er
erkannte sofort die Stimme von unten. Er stammelte, ohne zu wissen, was
er sagte: „Nein!“
„Ja, was denn, was denn?“ bellte der andere ungeduldig zurück. Dann ließ
er den Arm sinken und tat verächtlich: „Wohl ’n vornehmer sogenannter
Hinüberarbeiter?! Willst das Reisegeld sparen, Geizkragen? Hö? Hast du
Geld? Wieviel hast’ schon gespart? Sag wieviel? Zweitausend, viertausend
...? Hö?!“