„Ach Quatsch, Unsinn, daß das nicht ist, wissen Sie, sonst täte ich hier
nicht so mit Ihnen drüber disputieren! Haben Sie nicht mal was bemerkt,
so irgend etwas Verdächtiges?“
Baptist schien nachzusinnen.
„Bei den Gesellschaften, die sich drunten immer herumbewegen, da ist
schließlich ein jeder verdächtig. Schließen Sie Ihre Türen immer gut
ab?“ fragte er dann, als habe er einen Einfall.
„Nee, is ja wohl wahr!“ antwortete der Wirt.
„Ja, aber Herr Hasenklever, das fordert doch die Vorsicht!“
Doch Hasenklever schimpfte los: „So eine Hundserei! Ich schenk’ einem
fünfzig Franken, aber ich will sie mir nicht stehlen lassen. Man will
doch seine Sicherheit und sein Vertrauen im eigenen Haus in jedem Zimmer
haben.“
„Sie sehen, daß dieser Wille nicht genügt!“ entgegnete Baptist
überlegen.
„Na, da muß auch das anders werden!“ rief Hasenklever zum Schluß.
Als Baptist dann durch die nächtigen Gassen zu Alientje ging, setzte er
mit einem trotzigen Spielen die Komödie, in der er sich droben in der
Stube so sicher gefühlt hatte, für sich fort. „O ja!“ sagte er sich
schließlich, „ich bin weit voran, das ist schon der richtige Weg!“
Aber er klopfte vergeblich an Alientjes Holzladen. Als der Schlüssel
nicht sprang, schritt er erregt in der Gasse auf und ab und kam immer
wieder zu der Türe, pochte ein paarmal leise, dann hieb er einen
ungeduldigen Schlag mit den Knöcheln, immer vergeblich.
Da ging er trotzig weg. Die Ungeduld fuhr ihm zitternd durch alle Adern.
Sein kühles Heldentum fiel langsam von ihm ab. Etwas Dunkles folgte ihm,
durch die engen, abgelegenen Gassen, in die der gröhlende Lärm der
Hafenkneipen nur wie mit zugebundenem Munde schlug. Es schleifte mit
einem leisen Krachen hinter ihm her, und Baptist ging die großen Straßen
aufsuchen. Über die Kipdorpstraße wandte er sich den Avenuen zu und
wurde sich schnell einig, in das Eden-Varietee in der Breydelstraße zu
gehen, wohin ihn Alientje öfter geschleppt hatte.
Als er eintrat, sprangen drei Tänzerinnen auf der kleinen Bühne des
Hintergrundes in einem hellen Licht, dessen Farben sich drehend
änderten. Baptists Augen, noch von der Dunkelheit der Nachtstraße
erfüllt, wurden durch das zitternde Glühen der gleitend aufschlagenden
Farben geblendet, und er trat, um sich zu schützen, seitwärts hinter die
erste Säule. Der Saal war ein flacher, rechteckiger Raum, der durch zwei
Reihen von holzumkleideten Kolonnen gedreiteilt war. Baptist blieb an
der Säule stehen, und seine Augen erholten sich schnell von den
Schlägen, die ihnen die grellen plötzlichen Feuer versetzt hatten. Der
Saal war verdunkelt, und die Menschen, die im Seitenteil an den Tischen
saßen, bewegten sich leise, mit der Bühne zugewandten Gesten als
schwarze Schattenmassen. Baptist schaute in diese dunkle Wirrnis hinein,
ohne etwas anderes zu sehen, als die Farben der Feuer, die in
verschwächtem und blassem Widerschein über die Wände hinaufliefen. Nur
immer, wenn ein helles Licht kam, wurden die Schattenmassen der
Zuschauer auf einmal ein wenig körperlicher.
Wie mit einem Schlage versank dieses Spiel, Bogenlampen knallten,
zischten und zirpten, und weißes Licht strömte plötzlich in die Schatten
und prägte sie zu lebenden Gestalten. Die Menschen klatschten, eine
Wollust des Lärmens raste in ihnen, hob und senkte sie leise wie Wogen.
Und in diesem erregten Spiel, das wie gewaltsam niedergedrückt über alle
Tische lag, sah Baptist auf einmal an einem Tisch vor sich Alientjes
schwarzen Hut mit dem roten Kranz von Mohn. Sie saß zwei Tische von ihm
weg und drehte ihm den Rücken. Sie drückte ihre Schulter an die Schulter
eines ganz jungen, bleichwangigen Menschen, der eine schmale, blutrote
Krawatte unter einem handhohen Kragen hatte und sorgfältig und eng
gekleidet war, wie ein Modewarenverkäufer. Alientjes bleiches Gesicht
war der Bühne zugedreht, und ihre großen dunklen Augen hingen mit kalter
Erregung dorthin gerichtet. Die Fältchen um ihr weißes Kinn waren wie
aus glühend erstarrtem Marmor. Ihre linke Augenbraue, die Baptist sah,
war in dem überhellen Licht schwer und schwarz hochgerichtet, und ihre
Hände klatschten rasch und krampfhaft ineinander, während sie sich immer
heftiger mit der Schulter gegen den jungen Mann andrückte. Der schob auf
einmal seine Hand hinter ihrem Rücken herüber und legte sie unter ihrem
linken Arm fest an ihren Busen.
„So!“ sagte sich Baptist, während er eine große Kälte sich schnell in
seinem Innern aufrichten fühlte. „Das wäre erledigt!“
Er drehte sich gleich um und ging auf die Straße hinaus. Er nahm den
geradesten Weg zum St. Paulsplatz und wurde im Dahinschreiten wie aus
Stein, hoch und schwer und kalt. Ein eiserner Hochmut hämmerte ihn
zusammen. Er kam sich vor, wie von einer ungeheuerlichen Einsamkeit
umgeben, wie von einer eisig kalten Freiheit aus der Scheibe seines
Lebens hochgehalten. Der Kreis dieser Gedanken lag eng und stählern um
ihn. Baptist verließ ihn über den ganzen Weg nicht.
In der Taverne du Congo sah er Licht in den Stubenfenstern. Er wollte
Zeugen seiner Härtung haben und er klopfte oben an. Hasenklevers älteste
Tochter saß mit einer Stickarbeit am Tisch.
„Darf ich eintreten?“ fragte Baptist.
„Gern. Es ist sogar erwünscht!“ sagte Fräulein Grete. Und ohne Umstände
hängte sie Baptist eine Strähne grünes Garn über die Arme und begann es
abzuwickeln. Baptist ließ dieses Geschäft sich vollziehen, als hätte er
nichts dabei zu tun. Er saß mit finster geballten Blicken auf dem Stuhl
und sah starr die grünen Fäden über seine Hände gleiten.
„Wissen Sie denn schon, daß Alientje Verokens Mann zurück ist und
drunten in der Stube sitzt?“ begann Grete Konversation zu machen.
„Wer?“ fragte Baptist rauh.
„Der Mann unserer Plätterin Veroken!“
Nach einer Weile fügte sie mit einem kleinen lauernden Blick hinzu: „Sie
kennen sie doch! In der Sudermanstraße die!“