Baptist trug den heimlichen Besuch in der verfemten Gasse noch eine
Weile quälend mit sich dahin. Er lag in ihm wie ein unlösbarer Rest
einer bittern Tatsache und erschien ihm als die Frucht eines
unabweisbaren, tragischen Sündenzwanges, der alles Menschliche
belastete. Daraus dämmerte ihm mit einem erlebten, tief fruchtbaren
Erfassen die Symbolik hervor, in der die Bibel die Geschichte des
Menschen beginnt. Auch er hatte nun die fluchwürdige Tat begangen, auch
er stand hinter dem Sündenfall. Aber es war ihm nun erst, als hätte er
das wirkliche Leben auf die Schultern genommen, das große, riechende,
raffende Leben, das in ungemischter Kraft nur von den Starken getragen
werden kann; das Leben, in dem keine Lust selbstverständlich, sondern
die Blüte von Arbeit und Qualen ist; das Leben, das nächtig geheimen
Wegs ist, voll angstdrückender Willkür wie ein Blitz.
Eine tragisch erfüllte Wichtigkeit begleitete so mit melancholischem
Schatten die erste Zeit nach seinem Erlebnis und es erschien ihm von
ernster Bedeutung, daß sich nun seinen Vorstellungen das Bild der
Schwester öfters nahte, als jemals, seitdem er sie verlassen. Aber es
war eine Schwester, deren stolzer Sinn von der Traurigkeit über seine
Verfehlung bedrückt und beleidigt war. Sie stand wie der Erzengel
Gabriel am Tor des Paradieses, vor den versunkenen Gefilden seiner
knabenhaften Reinheit, und er war gewärtig der Sühne und Strafe.
Aber Baptist verlebte diese Zeit in Sprüngen und was ihn in den
folgenden Wochen wie in einem einzigen, sturmrauschenden Zug mit sich
riß, trieb ihn unversehens länderweit ab von der naiven
Schmerzhaftigkeit der reuigen Stunden nach dem Sündenfall. Er fühlte
sich auf einmal und ohne daß er zu Atem kam, in einen heißen, sumpfigen
Schwall von Frauenerlebnissen gehüllt, deren dumpfe Süßigkeit, deren
fiebrig anstachelnde Genußsucht ihn keinen Augenblick mehr freigaben. Er
brauchte nur hineinzuspringen. Es war überall weich und ertrinkend wie
in mächtigen Daunenpfühlen. Er fiel vom einen in den andern, und wenn er
vom Podium aus die Blicke über die Gesichter der Frauen im Café spielen
ließ, sah er fast auf jedem einen nickenden Blick eingestandener
Heimlichkeit, wie eine aufreizende Erinnerung an dunkle, wollusterlebte
Stunden, die mit stöhnendem Verlangen in ihm weiterschrien.
So nahm er diese Frauen. Es war nur Duft, unfaßbar, im Augenblick des
Besitzens zu genießen, und nachher löste sich alles in die
verantwortungslose, täuschende Leichtfertigkeit schwül süßer
Erinnerungen. Und er ging unter diesen Frauen wie mit einem heißen,
betrügerischen Schwindligsein an der Kante von Nächten, in denen große
Bäume wie im Wunder plötzlich aufblühten, tolle, flammende Abenteuer ihn
an sich rissen; und er glaubte, ihn hüllte eine ungemessene, unirdische
Romantik ein.
Sein Leben spannte sich in der weichlichen Nachgiebigkeit dieser
widerstandslosen Genüsse immer mehr ab. Es wurde etwas Molluskenhaftes
aus ihm; er spürte keinen festen Boden mehr, sank mit schaukelndem
Dahinleben durch die Tage.
Da kam der letzte Abend in Brüssel. Er war von Leprotto zu einer kleinen
Schlußfeier ausgestattet worden. Am Podium hingen einige Lorbeerkränze
ungenannter Herkunft mit golden bedruckten Schleifen. Girlanden
schlangen sich um die Stühle und Notenpulte, und Baptist spielte mit
einer feierlichen, parfümierten Sentimentalität.
Gegen den Schluß des Abends stand ein Solo für Baptist im Programm. Er
spielte das Lied des Bajazzo: ‚Lache, Bajazzo, und schminke dein Antlitz
...‘ Er konnte spielen mit dem dramatisch melancholischen Gehalt dieser
Melodie, zu der die Zuhörer auch den Text kannten. Er rückte selber an
die Stelle des unglücklichen Gauklers, er war selber der Spieler gegen
Lohn. Und die frisierte Melancholie, die er von zitternden Saiten in die
Herzen hinunterfließen ließ, sprang auf ihn selber zurück, wie die
Strahlen eines Reflektors.
Als er den Bogen hinter dem letzten Ton abhob, wurde mit lärmender
Begeisterung geklatscht und Evviva gerufen. Frauen und Männer erhoben
sich, drängten sich an das Podium heran, um Baptist die Hand zu drücken,
und Päcke von Blumensträußen wurden von allen Seiten heraufgereicht.
Die Italiener schauten mit harmlosem Neid neugierig diesen Begebnissen
zu. Rosa hatte dumme, bewundernde Augen. Nur Margherita blickte mit
einem verächtlich verzogenen Gesichte weg.
Baptist nahm einige der Buketts, reichte der Mutter Margheritas einen,
Rosa einen und wollte für Margherita einen besonders schönen aussuchen.
Während er dies tat, sah er, daß in allen zwischen den Blumen kleine
Visitenkärtchen befestigt waren. Auf einer las er in der Hast Mimi de
belle Vallee, auf einer andern Carmen l’Espagnole ... Da fuhr er hastig
nach den Kärtchen der beiden verschenkten Buketts, die die Frauen an
ihre Gesichter hielten. Aber Margherita kam ihm zuvor. Sie riß mit ein
paar Blumenköpfen die Karte aus dem Strauße Rosas und hielt sie Baptist
trotzig hin.
„Hurenbuketts!“ sagte sie zugleich schroff.
Aber Paolo trat heftig von hinten an sie heran und stieß sie derb in die
Seite. „Bist du verrückt! Mensch!“ schrie er sie unterdrückt an.
Sie machte nur eine verächtliche Handbewegung.
Baptist schaute verwirrt auf das rosige, schmale Kärtlein in seiner
Hand. Er las ein paarmal Juliette ... Juliette ... Sonst stand nichts
drauf. Aber die Buchstaben flogen an ihm ab.
Den Rest des Abends war er bedrückt und verworren. Er dachte mit einer
betäubten Benommenheit an Jeanne, an sein Studierzimmer in Luxemburg mit
den Bücherschränken, an den Park, aus dem der feuchte, wehmütige
Abendduft im September ins Zimmer gestrichen war, an den Nebel, der aus
dem Alzettetal heraufkam und durch den Park wanderte ... er dachte an
Erlebnisse aus seiner Kinderzeit und dann gleich wieder an seinen
Sündenfall, und eine ängstliche Qual schlich ihn heimlich an. Wäre er
allein, allein! Er wollte so ganz gerne weinen! Wieder einmal!
Als er mit den Italienern nach Hause ging, hörte er hinter sich, wie
Paolo heftig auf Margherita einsprach.
„Ich sag dir, jetzt gehst du zu Baptist hin und sagst ihm pardon!“
„Nein!“ schlug Margheritas Stimme zischend durch.
Gleich drauf schrie sie mit einem kleinen Schmerzensruf.
Da wandte sich Baptist um.
„Aber Paolo, was machst du denn?“
„Sie soll sich bei dir entschuldigen!“
„So laß sie doch!“
„Nein, sie soll!“
„Aber ich will nicht!“ sagte Baptist schreiend, um nicht weinen zu
müssen. „Sie hatte recht. Komm, laß sie!“
Dann ging er abseits und aufgeregt weiter.
Als er in sein Zimmer trat, sah er erstaunt, daß Rosa und Margheritas
Mutter ihm folgten. Sie hatten die Arme voll Blumensträuße, legten sie
auf seinen Tisch und gingen dann mit denen, die Baptist ihnen geschenkt
hatte, und mit einem Gute Nacht davon.
Baptist war nun allein. Die Blumen füllten im Nu das Zimmer mit ihrem
bittersüßlichen Treibhausgeruch. Und alle die Abenteuer erstanden aus
ihnen, die Baptist entflammt vom Wege genommen hatte, und er sah nun,
was es war. „Ihr wart ja nur Dirnen! Ihr Frauen!“ sagte er leise und
mild. „Nur kleine Prostituierte, von denen man auch hätte kaufen können,
für abgewägtes Geld, was ihr gabt. Es lag kein Reif mehr auf euch!“
Oh, diese knirschend schmerzende Enttäuschung, dieses graue, fröstelnde
Erwachen!
Baptist legte das Gesicht in den Blumenhaufen, und ein Schluchzen stieg
in ihm auf, wie märzlicher Odem rauh aus den Schollen bricht.
Als er wieder ruhig geworden war, nahm er sanft die Blumen zwischen
beide Arme und warf sie zum Fenster hinaus auf die Straße.
„Ihr müßt weg, ihr Blumen!“ sprach er ihnen nach.
Die Nachtfrische des Märztages fiel herein, strudelte wie kaltes Wasser
um seine Glieder. Baptist suchte alles Geld zusammen, was er noch hatte,
legte es auf den Tisch und setzte sich mit klappernden Zähnen hin. Er
zählte, rechnete seine Schulden zusammen, strich ab, und der Schrecken
sprang ihn grau und krampfhaft an, als er wußte, daß ihm kaum noch
zweihundert Franken blieben.
Wie geht es mir nun? Wie geht es mir nun? fragte er sich, von diesem
jähen Erwachen wie von einem Fall betäubt. In einem Atem schloß er das
Fenster, warf die Kleider ab, löschte die Kerze und duckte sich ins
Bett. Er ließ die kleine, graue Dunkelheit, in der etwas Licht von einer
Gassenlaterne ungelöst lag, schlaf- und wehrlos über sich niedersinken.
Der Duft, der sich von den Blumen im Zimmer eingenistet hatte, zog immer
wieder heran. Er stank süßlich nach feuchtem Saft und war wie ein
widerwärtig übersättigter Geruch von Sünde. Das riechende, raffende
Leben richtete sich daraus wie ein entsetzliches Fabeltier über seinen
Bettrand herüber, und Baptist zuckte verprügelt vor ihm zusammen. Er
floh unter die Leinentücher.
Aber er erwachte am Morgen mit einer neuen Zuversicht. Der Dicke mußte
jetzt eben bezahlen. Ja, und nun erst beginnt dann das Leben, das
richtige, große Leben ... Wenn er auch nun noch damit bestand, was er
selber verdiente, dann erst schloß sich der tätige, trotzige, schöne
Kreis!
Am Nachmittag reiste Leprotto nach Antwerpen, um Quartier zu besorgen
und Vorbereitungen einzuleiten. Er nahm den zweiten Violinisten und den
Klavierspieler mit. Die andern und Baptist sollten erst folgen, wenn ein
Telegramm sie rief.
Die drei Italiener waren noch nicht lange weg, als Baptist von seinem
Fenster aus Margheritas Mutter mit Rosa unten in der Gasse um die Ecke
davonschreiten sah. Er hatte den Wunsch, bei Margherita und Paolo von
seinem neuen Dasein zu sprechen, und wollte auch nachforschen, was sie
zu seinen Plänen meinten.
Er packte noch rasch fertig und verließ dann das Zimmer. Im Augenblick,
als er an die Türe der Männerstube klopfen wollte, öffnete sie sich und
Margherita kam heraus. Aber sie zog die Türe erschreckt hinter sich zu.
Ihr Gesicht flammte rot auf.
Sie wollte vor Baptist davoneilen.
„So bleiben Sie doch, Margherita! Ich will gerne etwas mit Ihnen
besprechen!“ rief er ihr zu.
Margherita blieb wie widerwillig im Flur stehen. Baptist schaute sie
wegen ihres merkwürdigen Benehmens verwundert und schweigend an. Da
sagte sie plötzlich heftig, ohne zu ihm aufzublicken: „Wir sind
schlecht!“
Baptist verstand ihr sonderbares Verhalten nicht. „Was ist denn,
Margherita? Ist etwas geschehen?“
„Nein, nein!“ antwortete sie schnell. Und nach einer Pause: „Sie sind
doch ein Gentiluomo, Baptist!“ Sie reichte ihm impulsiv die Hand. „Ach,
wir sind gemein und schlecht!“
In diesem Augenblick kam Paolo aus dem Zimmer. Er stellte sich an die
Wand zwischen die beiden, von denen er glaubte, sie unterhielten sich
über die Abreise, und sagte scherzhaft lächelnd, indem er Margherita mit
der Hand streichelte:
„Und in Antwerpen? Nun? Wirst du da auch soviel Glück und soviel Frauen
haben wie hier, Baptist?“
Baptist dachte an den Auftritt mit den Blumen und warf verächtlich und
geniert hin: „Ach _die_ Frauen! Faß’ keine an!“
„Nun, nun!“ begütigte Paolo, „Weil dir die Kleine das gestern so frech
gesagt hat, das ist nun nicht ...“
Und er liebkoste zugleich Margherita im Nacken. Es schien Baptist, als
strengte sich das Mädchen mit aller Gewalt an, diese verliebte Hand des
Mannes auf sich zu dulden.
„Nein!“ wehrte Baptist energisch ab.
Aber er hatte nun keine Lust mehr, mit den beiden über sich zu sprechen.
Er verstand auf einmal, was vorangegangen war und weshalb Margherita ihn
so verwunderlich betroffen an der Türe empfangen hatte. Peinlich berührt
machte er sich davon.
Schon am nächsten Vormittag kam das Telegramm: ‚Kommt sofort Hotel Fleur
d’Or Ruelle des Moines Leprotto‘.
Sie reisten am nächsten Nachmittag und erfragten sich in Antwerpen zu
der Ruelle des Moines durch. Es war ein Gäßchen, das dunkel, alt und
schmal sich in den Schatten der Kathedrale begrub, und das Hotel fanden
sie eng und klein, aber bürgerlich ordentlich wie der Prinz von
Flandern. Sie wohnten wieder wie in Brüssel, die Frauen zusammen, die
drei Italiener zusammen und Leprotto und Baptist nahmen jeder ein
Zimmerlein für sich.
Eigentlich hatte Baptist sich vorgenommen, gleich schon den Abend für
die wichtige Unterredung zu nutzen, die seinem Leben die große Wendung
bringen sollte. Es war ihm wohl außer Bedenken, daß der gemütliche Dicke
die Angelegenheit als etwas Selbstverständliches aufnahm. Aber
schließlich genierte es Baptist doch, so rasch schon die äußerliche
Formalität herbeizuführen, und er verschob es auf den nächsten Morgen.
Als er da Leprotto im Flur traf, wie jener gerade in sein Zimmer
eintreten wollte, erfaßte Baptist die Gelegenheit und schloß sich ihm
an. Er wollte die Geschichte in einer burschikos leichten Manier
erledigen, die ihrer äußerlich unwichtigen Form entsprach.
„Also, Sie müssen nun dran glauben!“ lachte Baptist den Italiener an,
als sie im Zimmer waren.
„Woran, woran glauben?“ fragte dieser.
„Ja, ich habe kein Geld mehr!“ entgegnete Baptist.
Da blieb der Italiener stehen, schaute auf, als hätte einer ihn
geschlagen, gegen den er nun anspringen wollte, und fragte schließlich
mit einem brutalen Betroffensein, in dem die Enttäuschung mitschrie:
„Ihr Geld – schon weg!? Ja, hatten Sie nicht mehr? Ja, wie haben Sie
denn gelebt? Sie?!“
Baptist glaubte, der Dicke scherzte mit ihm. Er sagte in demselben
leichten Ton wie vorhin und zuckte bedauernd die Schultern: „Unmäßig,
verschwenderisch! Sie müssen herausrücken!“
„So, so! Muß ich!“ ahmte ihn der Dicke höhnisch nach.
„Ja, Häuptling, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig!“
Aber da sagte der Italiener kalt und hochmütig: „Zunächst, Mann, bin ich
kein Häuptling, sondern Herr Leprotto, italienischer Kapellmeister.
Bitte zu merken!“
Da sah Baptist erst, daß es dem Schwarzen ernst gemeint war, und er
schrak zusammen. Kraftlos stotterte er: „Ja, ... aber ... was? ...“
Leprotto grub die Hände in einen Korb mit Wäsche, der auf dem Tisch
stand, und tat zunächst, als sei Baptist nicht da.
Nach einer Weile sagte er mitten in seiner Beschäftigung und ohne
Baptist anzuschauen: „Sie sind ja eigentlich überflüssig, da ich ja noch
da bin und die erste Geige nehmen kann!“
Baptists Herz setzte mit einer tonlosen wilden Angst springend auf und
ab. Seine Beine bebten heimlich, und er mußte sich an einem Stuhl
halten.
Leprotto drehte sich mit einem Ruck zu ihm und sagte schroff: „Will
sehn, was ich Ihnen gewähren kann!“
„Ja!“ antwortete Baptist mit einer kleinen Hoffnung bescheiden und
bittend.
„Fünfzehn Franken in der Woche. Der Wirt gibt Euch ja das Abendessen!“
warf ihm Leprotto kurz hin.
„Ja!“ antwortete Baptist wieder bescheiden und gleichmütig.
Der Italiener hob die Hand hoch, um anzudeuten, Baptist möchte gehen,
die Geschichte sei erledigt.
Baptist stammelte einen Dank und verbeugte sich linkisch. Sein Hals war
ihm zugeschnürt. Er ging sich in sein Zimmer aufs Bett setzen und
schaute bewegungslos in die verdunkelten Fensterlein. Er kam sich wie
gestürzt vor. Er war auf einmal unsicher und zaghaft, auf einmal klein
und bescheiden.
„O Gott, wenn er mich fallen läßt!“ rief er plötzlich laut, und die
Angst fauchte ihn an. Er drückte die Hände auf die Augen, um die
erschreckenden Bilder abzuwehren.
Bald wurde zum Essen gerufen. Auf dem ersten Stockwerk des Gasthofs war
eine kleine Stube nach hinten gelegen, in der man für die Italiener
allein deckte. Der Raum war gerade groß genug für die neun Leute. Sie
setzten sich um den Tisch, wie sie eintraten, und da die beiden Seiten
schon besetzt waren, als Baptist kam, nahm er den Kopfplatz an der Türe.
Zuletzt erschien Leprotto. Er tippte Baptist auf die Schulter und
deutete mit einer mißachtenden Bewegung des Daumens, er möge aufstehn.
Baptist fuhr im Schrecken in die Höhe und dachte: Jetzt widerruft er,
was er vorhin zugesagt hat.
Aber der Italiener schob ihn nur weg und setzte sich selber auf den
Stuhl. Baptist mußte beschämt und verwundet sich an den andern vorbei
zum Platz drücken, der noch am Fenster frei war. Er sah, wie Margheritas
Kopf aufzuckte und ihre Augen ihn fragend anschauten.
Es schwindelte ihm ein wenig. Die Gedanken zogen langsam und schwer in
ihm durch. Sie waren wie graue, niedrige, bedrückende Gewitterwolken,
voll Regen, voll Dunkelheit, voll Trübsinn. Baptist aß nur zum Schein
und hielt seine Blicke mit ermattender Scham an den andern, den Zeugen
seiner Schmach und seines Unglücks vorbei ins Leere geheftet.
Als die Italiener gegessen hatten, standen sie auf und verließen das
Zimmer. Er wollte ihnen folgen. Aber an der Türe faßte ihn Margherita,
die allein zurückgeblieben war, unversehens an der Hand. Sie schloß
eifrig die Türe, schaute Baptist an und fragte, indem sie ihn an den
Tisch zog und sich mit ihm niedersetzte: „Was ist geschehn?“
Baptist zuckte gequält mit den Schultern.
„Erzählen Sie mir’s!“ bat Margherita.
Und Baptist erzählte mit einer rauhen, wie zerrissenen Stimme, daß er
kein Geld mehr habe und zu Leprotto gegangen sei, und wie der es mit ihm
gemacht habe ...
„Ja, er ist ein Schweinehund!“ sagte Margherita hart.
Baptist schaute qualvoll zum Fenster hinaus in den lichtarmen Hof. Er
hatte die drängende Begierde, sich an das Mädchen zu flüchten. Aber
Margherita fuhr fort: „Er wollte dein Geld! Ich wußte es ja. Er dachte,
daß sich einmal die Gelegenheit fände, es zu bekommen, und meinte wohl,
daß du eine viel größere Summe hättest!“
„Was wird nun aus mir, wenn er mich fallen läßt!“ fragte Baptist. Er
vermochte den Druck nicht mehr auszuhalten und indem er dies sagte, nahm
er die Hände des Mädchens und legte hungrig nach Trost, wie ein
ausgetrockneter Acker nach Regen, heiß aufweinend, sein Gesicht drauf.
„Lieber, sei nicht so verzweifelt!“ tröstete ihn Margherita, indem sie
ihm sanft ihre Hände entzog und ihm übers Haar streichelte. „Das ist
doch noch nicht so finster, wie du es jetzt siehst! Komm, sei ruhig. Ich
setze mich für dich ein und paß auf ...“
Ein Dienstmädchen, das den Tisch abräumen kam, vertrieb sie dann.
* * * * *
Baptist erholte sich nicht mehr. Die Angst und die Verzagtheit blieben
in ihm festgebissen sitzen, auch noch, als sie schon in der großen
Restauranthalle spielten, die zur Feier der Ausstellung an der Ecke der
Avenue de Keyser und des Boulevard du Commerce errichtet worden war. Es
war ihm, als sei alle innere Festigkeit, aller Willen zum Mut aus ihm
herausgeflossen.
Sie spielten schon vierzehn Tage, als eines Morgens Margherita an seine
Türe klopfen kam, sie öffnete und ihm einen Brief hineinreichte.
„Da! Nehmen Sie rasch und lassen Sie sich nicht beim Lesen überraschen!“
flüsterte sie ihm geheimnisvoll zu.
Baptist riegelte sich ein. Er erschrak zu Tod, als er den Namen und die
nervös gedehnte, hastig fliegende Handschrift seines Vaters auf dem
Kuvert sah. Er riß es zitternd auf, ohne sich Zeit genommen zu haben,
die Adresse zu lesen. Zwei Briefe lagen drin. Er las den, der die
Handschrift seines Vaters zeigte, zuerst:
„Luxemburg den 24. April.
Wenn Sie mir noch einmal einen Brief schreiben, wie den, welchen ich
hiermit zurückschicke, so hetze ich Ihnen die Polizei auf Ihren
Flohbuckel. Mein ehemaliger Sohn kann sich mit einem Pack herumschlagen,
mit dem es ihm beliebt.