Sechstes Kapitel

Baptist trug den heimlichen Besuch in der verfemten Gasse noch eine

Weile quälend mit sich dahin. Er lag in ihm wie ein unlösbarer Rest

einer bittern Tatsache und erschien ihm als die Frucht eines

unabweisbaren, tragischen Sündenzwanges, der alles Menschliche

belastete. Daraus dämmerte ihm mit einem erlebten, tief fruchtbaren

Erfassen die Symbolik hervor, in der die Bibel die Geschichte des

Menschen beginnt. Auch er hatte nun die fluchwürdige Tat begangen, auch

er stand hinter dem Sündenfall. Aber es war ihm nun erst, als hätte er

das wirkliche Leben auf die Schultern genommen, das große, riechende,

raffende Leben, das in ungemischter Kraft nur von den Starken getragen

werden kann; das Leben, in dem keine Lust selbstverständlich, sondern

die Blüte von Arbeit und Qualen ist; das Leben, das nächtig geheimen

Wegs ist, voll angstdrückender Willkür wie ein Blitz.

Eine tragisch erfüllte Wichtigkeit begleitete so mit melancholischem

Schatten die erste Zeit nach seinem Erlebnis und es erschien ihm von

ernster Bedeutung, daß sich nun seinen Vorstellungen das Bild der

Schwester öfters nahte, als jemals, seitdem er sie verlassen. Aber es

war eine Schwester, deren stolzer Sinn von der Traurigkeit über seine

Verfehlung bedrückt und beleidigt war. Sie stand wie der Erzengel

Gabriel am Tor des Paradieses, vor den versunkenen Gefilden seiner

knabenhaften Reinheit, und er war gewärtig der Sühne und Strafe.

Aber Baptist verlebte diese Zeit in Sprüngen und was ihn in den

folgenden Wochen wie in einem einzigen, sturmrauschenden Zug mit sich

riß, trieb ihn unversehens länderweit ab von der naiven

Schmerzhaftigkeit der reuigen Stunden nach dem Sündenfall. Er fühlte

sich auf einmal und ohne daß er zu Atem kam, in einen heißen, sumpfigen

Schwall von Frauenerlebnissen gehüllt, deren dumpfe Süßigkeit, deren

fiebrig anstachelnde Genußsucht ihn keinen Augenblick mehr freigaben. Er

brauchte nur hineinzuspringen. Es war überall weich und ertrinkend wie

in mächtigen Daunenpfühlen. Er fiel vom einen in den andern, und wenn er

vom Podium aus die Blicke über die Gesichter der Frauen im Café spielen

ließ, sah er fast auf jedem einen nickenden Blick eingestandener

Heimlichkeit, wie eine aufreizende Erinnerung an dunkle, wollusterlebte

Stunden, die mit stöhnendem Verlangen in ihm weiterschrien.

So nahm er diese Frauen. Es war nur Duft, unfaßbar, im Augenblick des

Besitzens zu genießen, und nachher löste sich alles in die

verantwortungslose, täuschende Leichtfertigkeit schwül süßer

Erinnerungen. Und er ging unter diesen Frauen wie mit einem heißen,

betrügerischen Schwindligsein an der Kante von Nächten, in denen große

Bäume wie im Wunder plötzlich aufblühten, tolle, flammende Abenteuer ihn

an sich rissen; und er glaubte, ihn hüllte eine ungemessene, unirdische

Romantik ein.

Sein Leben spannte sich in der weichlichen Nachgiebigkeit dieser

widerstandslosen Genüsse immer mehr ab. Es wurde etwas Molluskenhaftes

aus ihm; er spürte keinen festen Boden mehr, sank mit schaukelndem

Dahinleben durch die Tage.

Da kam der letzte Abend in Brüssel. Er war von Leprotto zu einer kleinen

Schlußfeier ausgestattet worden. Am Podium hingen einige Lorbeerkränze

ungenannter Herkunft mit golden bedruckten Schleifen. Girlanden

schlangen sich um die Stühle und Notenpulte, und Baptist spielte mit

einer feierlichen, parfümierten Sentimentalität.

Gegen den Schluß des Abends stand ein Solo für Baptist im Programm. Er

spielte das Lied des Bajazzo: ‚Lache, Bajazzo, und schminke dein Antlitz

...‘ Er konnte spielen mit dem dramatisch melancholischen Gehalt dieser

Melodie, zu der die Zuhörer auch den Text kannten. Er rückte selber an

die Stelle des unglücklichen Gauklers, er war selber der Spieler gegen

Lohn. Und die frisierte Melancholie, die er von zitternden Saiten in die

Herzen hinunterfließen ließ, sprang auf ihn selber zurück, wie die

Strahlen eines Reflektors.

Als er den Bogen hinter dem letzten Ton abhob, wurde mit lärmender

Begeisterung geklatscht und Evviva gerufen. Frauen und Männer erhoben

sich, drängten sich an das Podium heran, um Baptist die Hand zu drücken,

und Päcke von Blumensträußen wurden von allen Seiten heraufgereicht.

Die Italiener schauten mit harmlosem Neid neugierig diesen Begebnissen

zu. Rosa hatte dumme, bewundernde Augen. Nur Margherita blickte mit

einem verächtlich verzogenen Gesichte weg.

Baptist nahm einige der Buketts, reichte der Mutter Margheritas einen,

Rosa einen und wollte für Margherita einen besonders schönen aussuchen.

Während er dies tat, sah er, daß in allen zwischen den Blumen kleine

Visitenkärtchen befestigt waren. Auf einer las er in der Hast Mimi de

belle Vallee, auf einer andern Carmen l’Espagnole ... Da fuhr er hastig

nach den Kärtchen der beiden verschenkten Buketts, die die Frauen an

ihre Gesichter hielten. Aber Margherita kam ihm zuvor. Sie riß mit ein

paar Blumenköpfen die Karte aus dem Strauße Rosas und hielt sie Baptist

trotzig hin.

„Hurenbuketts!“ sagte sie zugleich schroff.

Aber Paolo trat heftig von hinten an sie heran und stieß sie derb in die

Seite. „Bist du verrückt! Mensch!“ schrie er sie unterdrückt an.

Sie machte nur eine verächtliche Handbewegung.

Baptist schaute verwirrt auf das rosige, schmale Kärtlein in seiner

Hand. Er las ein paarmal Juliette ... Juliette ... Sonst stand nichts

drauf. Aber die Buchstaben flogen an ihm ab.

Den Rest des Abends war er bedrückt und verworren. Er dachte mit einer

betäubten Benommenheit an Jeanne, an sein Studierzimmer in Luxemburg mit

den Bücherschränken, an den Park, aus dem der feuchte, wehmütige

Abendduft im September ins Zimmer gestrichen war, an den Nebel, der aus

dem Alzettetal heraufkam und durch den Park wanderte ... er dachte an

Erlebnisse aus seiner Kinderzeit und dann gleich wieder an seinen

Sündenfall, und eine ängstliche Qual schlich ihn heimlich an. Wäre er

allein, allein! Er wollte so ganz gerne weinen! Wieder einmal!

Als er mit den Italienern nach Hause ging, hörte er hinter sich, wie

Paolo heftig auf Margherita einsprach.

„Ich sag dir, jetzt gehst du zu Baptist hin und sagst ihm pardon!“

„Nein!“ schlug Margheritas Stimme zischend durch.

Gleich drauf schrie sie mit einem kleinen Schmerzensruf.

Da wandte sich Baptist um.

„Aber Paolo, was machst du denn?“

„Sie soll sich bei dir entschuldigen!“

„So laß sie doch!“

„Nein, sie soll!“

„Aber ich will nicht!“ sagte Baptist schreiend, um nicht weinen zu

müssen. „Sie hatte recht. Komm, laß sie!“

Dann ging er abseits und aufgeregt weiter.

Als er in sein Zimmer trat, sah er erstaunt, daß Rosa und Margheritas

Mutter ihm folgten. Sie hatten die Arme voll Blumensträuße, legten sie

auf seinen Tisch und gingen dann mit denen, die Baptist ihnen geschenkt

hatte, und mit einem Gute Nacht davon.

Baptist war nun allein. Die Blumen füllten im Nu das Zimmer mit ihrem

bittersüßlichen Treibhausgeruch. Und alle die Abenteuer erstanden aus

ihnen, die Baptist entflammt vom Wege genommen hatte, und er sah nun,

was es war. „Ihr wart ja nur Dirnen! Ihr Frauen!“ sagte er leise und

mild. „Nur kleine Prostituierte, von denen man auch hätte kaufen können,

für abgewägtes Geld, was ihr gabt. Es lag kein Reif mehr auf euch!“

Oh, diese knirschend schmerzende Enttäuschung, dieses graue, fröstelnde

Erwachen!

Baptist legte das Gesicht in den Blumenhaufen, und ein Schluchzen stieg

in ihm auf, wie märzlicher Odem rauh aus den Schollen bricht.

Als er wieder ruhig geworden war, nahm er sanft die Blumen zwischen

beide Arme und warf sie zum Fenster hinaus auf die Straße.

„Ihr müßt weg, ihr Blumen!“ sprach er ihnen nach.

Die Nachtfrische des Märztages fiel herein, strudelte wie kaltes Wasser

um seine Glieder. Baptist suchte alles Geld zusammen, was er noch hatte,

legte es auf den Tisch und setzte sich mit klappernden Zähnen hin. Er

zählte, rechnete seine Schulden zusammen, strich ab, und der Schrecken

sprang ihn grau und krampfhaft an, als er wußte, daß ihm kaum noch

zweihundert Franken blieben.

Wie geht es mir nun? Wie geht es mir nun? fragte er sich, von diesem

jähen Erwachen wie von einem Fall betäubt. In einem Atem schloß er das

Fenster, warf die Kleider ab, löschte die Kerze und duckte sich ins

Bett. Er ließ die kleine, graue Dunkelheit, in der etwas Licht von einer

Gassenlaterne ungelöst lag, schlaf- und wehrlos über sich niedersinken.

Der Duft, der sich von den Blumen im Zimmer eingenistet hatte, zog immer

wieder heran. Er stank süßlich nach feuchtem Saft und war wie ein

widerwärtig übersättigter Geruch von Sünde. Das riechende, raffende

Leben richtete sich daraus wie ein entsetzliches Fabeltier über seinen

Bettrand herüber, und Baptist zuckte verprügelt vor ihm zusammen. Er

floh unter die Leinentücher.

Aber er erwachte am Morgen mit einer neuen Zuversicht. Der Dicke mußte

jetzt eben bezahlen. Ja, und nun erst beginnt dann das Leben, das

richtige, große Leben ... Wenn er auch nun noch damit bestand, was er

selber verdiente, dann erst schloß sich der tätige, trotzige, schöne

Kreis!

Am Nachmittag reiste Leprotto nach Antwerpen, um Quartier zu besorgen

und Vorbereitungen einzuleiten. Er nahm den zweiten Violinisten und den

Klavierspieler mit. Die andern und Baptist sollten erst folgen, wenn ein

Telegramm sie rief.

Die drei Italiener waren noch nicht lange weg, als Baptist von seinem

Fenster aus Margheritas Mutter mit Rosa unten in der Gasse um die Ecke

davonschreiten sah. Er hatte den Wunsch, bei Margherita und Paolo von

seinem neuen Dasein zu sprechen, und wollte auch nachforschen, was sie

zu seinen Plänen meinten.

Er packte noch rasch fertig und verließ dann das Zimmer. Im Augenblick,

als er an die Türe der Männerstube klopfen wollte, öffnete sie sich und

Margherita kam heraus. Aber sie zog die Türe erschreckt hinter sich zu.

Ihr Gesicht flammte rot auf.

Sie wollte vor Baptist davoneilen.

„So bleiben Sie doch, Margherita! Ich will gerne etwas mit Ihnen

besprechen!“ rief er ihr zu.

Margherita blieb wie widerwillig im Flur stehen. Baptist schaute sie

wegen ihres merkwürdigen Benehmens verwundert und schweigend an. Da

sagte sie plötzlich heftig, ohne zu ihm aufzublicken: „Wir sind

schlecht!“

Baptist verstand ihr sonderbares Verhalten nicht. „Was ist denn,

Margherita? Ist etwas geschehen?“

„Nein, nein!“ antwortete sie schnell. Und nach einer Pause: „Sie sind

doch ein Gentiluomo, Baptist!“ Sie reichte ihm impulsiv die Hand. „Ach,

wir sind gemein und schlecht!“

In diesem Augenblick kam Paolo aus dem Zimmer. Er stellte sich an die

Wand zwischen die beiden, von denen er glaubte, sie unterhielten sich

über die Abreise, und sagte scherzhaft lächelnd, indem er Margherita mit

der Hand streichelte:

„Und in Antwerpen? Nun? Wirst du da auch soviel Glück und soviel Frauen

haben wie hier, Baptist?“

Baptist dachte an den Auftritt mit den Blumen und warf verächtlich und

geniert hin: „Ach _die_ Frauen! Faß’ keine an!“

„Nun, nun!“ begütigte Paolo, „Weil dir die Kleine das gestern so frech

gesagt hat, das ist nun nicht ...“

Und er liebkoste zugleich Margherita im Nacken. Es schien Baptist, als

strengte sich das Mädchen mit aller Gewalt an, diese verliebte Hand des

Mannes auf sich zu dulden.

„Nein!“ wehrte Baptist energisch ab.

Aber er hatte nun keine Lust mehr, mit den beiden über sich zu sprechen.

Er verstand auf einmal, was vorangegangen war und weshalb Margherita ihn

so verwunderlich betroffen an der Türe empfangen hatte. Peinlich berührt

machte er sich davon.

Schon am nächsten Vormittag kam das Telegramm: ‚Kommt sofort Hotel Fleur

d’Or Ruelle des Moines Leprotto‘.

Sie reisten am nächsten Nachmittag und erfragten sich in Antwerpen zu

der Ruelle des Moines durch. Es war ein Gäßchen, das dunkel, alt und

schmal sich in den Schatten der Kathedrale begrub, und das Hotel fanden

sie eng und klein, aber bürgerlich ordentlich wie der Prinz von

Flandern. Sie wohnten wieder wie in Brüssel, die Frauen zusammen, die

drei Italiener zusammen und Leprotto und Baptist nahmen jeder ein

Zimmerlein für sich.

Eigentlich hatte Baptist sich vorgenommen, gleich schon den Abend für

die wichtige Unterredung zu nutzen, die seinem Leben die große Wendung

bringen sollte. Es war ihm wohl außer Bedenken, daß der gemütliche Dicke

die Angelegenheit als etwas Selbstverständliches aufnahm. Aber

schließlich genierte es Baptist doch, so rasch schon die äußerliche

Formalität herbeizuführen, und er verschob es auf den nächsten Morgen.

Als er da Leprotto im Flur traf, wie jener gerade in sein Zimmer

eintreten wollte, erfaßte Baptist die Gelegenheit und schloß sich ihm

an. Er wollte die Geschichte in einer burschikos leichten Manier

erledigen, die ihrer äußerlich unwichtigen Form entsprach.

„Also, Sie müssen nun dran glauben!“ lachte Baptist den Italiener an,

als sie im Zimmer waren.

„Woran, woran glauben?“ fragte dieser.

„Ja, ich habe kein Geld mehr!“ entgegnete Baptist.

Da blieb der Italiener stehen, schaute auf, als hätte einer ihn

geschlagen, gegen den er nun anspringen wollte, und fragte schließlich

mit einem brutalen Betroffensein, in dem die Enttäuschung mitschrie:

„Ihr Geld – schon weg!? Ja, hatten Sie nicht mehr? Ja, wie haben Sie

denn gelebt? Sie?!“

Baptist glaubte, der Dicke scherzte mit ihm. Er sagte in demselben

leichten Ton wie vorhin und zuckte bedauernd die Schultern: „Unmäßig,

verschwenderisch! Sie müssen herausrücken!“

„So, so! Muß ich!“ ahmte ihn der Dicke höhnisch nach.

„Ja, Häuptling, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig!“

Aber da sagte der Italiener kalt und hochmütig: „Zunächst, Mann, bin ich

kein Häuptling, sondern Herr Leprotto, italienischer Kapellmeister.

Bitte zu merken!“

Da sah Baptist erst, daß es dem Schwarzen ernst gemeint war, und er

schrak zusammen. Kraftlos stotterte er: „Ja, ... aber ... was? ...“

Leprotto grub die Hände in einen Korb mit Wäsche, der auf dem Tisch

stand, und tat zunächst, als sei Baptist nicht da.

Nach einer Weile sagte er mitten in seiner Beschäftigung und ohne

Baptist anzuschauen: „Sie sind ja eigentlich überflüssig, da ich ja noch

da bin und die erste Geige nehmen kann!“

Baptists Herz setzte mit einer tonlosen wilden Angst springend auf und

ab. Seine Beine bebten heimlich, und er mußte sich an einem Stuhl

halten.

Leprotto drehte sich mit einem Ruck zu ihm und sagte schroff: „Will

sehn, was ich Ihnen gewähren kann!“

„Ja!“ antwortete Baptist mit einer kleinen Hoffnung bescheiden und

bittend.

„Fünfzehn Franken in der Woche. Der Wirt gibt Euch ja das Abendessen!“

warf ihm Leprotto kurz hin.

„Ja!“ antwortete Baptist wieder bescheiden und gleichmütig.

Der Italiener hob die Hand hoch, um anzudeuten, Baptist möchte gehen,

die Geschichte sei erledigt.

Baptist stammelte einen Dank und verbeugte sich linkisch. Sein Hals war

ihm zugeschnürt. Er ging sich in sein Zimmer aufs Bett setzen und

schaute bewegungslos in die verdunkelten Fensterlein. Er kam sich wie

gestürzt vor. Er war auf einmal unsicher und zaghaft, auf einmal klein

und bescheiden.

„O Gott, wenn er mich fallen läßt!“ rief er plötzlich laut, und die

Angst fauchte ihn an. Er drückte die Hände auf die Augen, um die

erschreckenden Bilder abzuwehren.

Bald wurde zum Essen gerufen. Auf dem ersten Stockwerk des Gasthofs war

eine kleine Stube nach hinten gelegen, in der man für die Italiener

allein deckte. Der Raum war gerade groß genug für die neun Leute. Sie

setzten sich um den Tisch, wie sie eintraten, und da die beiden Seiten

schon besetzt waren, als Baptist kam, nahm er den Kopfplatz an der Türe.

Zuletzt erschien Leprotto. Er tippte Baptist auf die Schulter und

deutete mit einer mißachtenden Bewegung des Daumens, er möge aufstehn.

Baptist fuhr im Schrecken in die Höhe und dachte: Jetzt widerruft er,

was er vorhin zugesagt hat.

Aber der Italiener schob ihn nur weg und setzte sich selber auf den

Stuhl. Baptist mußte beschämt und verwundet sich an den andern vorbei

zum Platz drücken, der noch am Fenster frei war. Er sah, wie Margheritas

Kopf aufzuckte und ihre Augen ihn fragend anschauten.

Es schwindelte ihm ein wenig. Die Gedanken zogen langsam und schwer in

ihm durch. Sie waren wie graue, niedrige, bedrückende Gewitterwolken,

voll Regen, voll Dunkelheit, voll Trübsinn. Baptist aß nur zum Schein

und hielt seine Blicke mit ermattender Scham an den andern, den Zeugen

seiner Schmach und seines Unglücks vorbei ins Leere geheftet.

Als die Italiener gegessen hatten, standen sie auf und verließen das

Zimmer. Er wollte ihnen folgen. Aber an der Türe faßte ihn Margherita,

die allein zurückgeblieben war, unversehens an der Hand. Sie schloß

eifrig die Türe, schaute Baptist an und fragte, indem sie ihn an den

Tisch zog und sich mit ihm niedersetzte: „Was ist geschehn?“

Baptist zuckte gequält mit den Schultern.

„Erzählen Sie mir’s!“ bat Margherita.

Und Baptist erzählte mit einer rauhen, wie zerrissenen Stimme, daß er

kein Geld mehr habe und zu Leprotto gegangen sei, und wie der es mit ihm

gemacht habe ...

„Ja, er ist ein Schweinehund!“ sagte Margherita hart.

Baptist schaute qualvoll zum Fenster hinaus in den lichtarmen Hof. Er

hatte die drängende Begierde, sich an das Mädchen zu flüchten. Aber

Margherita fuhr fort: „Er wollte dein Geld! Ich wußte es ja. Er dachte,

daß sich einmal die Gelegenheit fände, es zu bekommen, und meinte wohl,

daß du eine viel größere Summe hättest!“

„Was wird nun aus mir, wenn er mich fallen läßt!“ fragte Baptist. Er

vermochte den Druck nicht mehr auszuhalten und indem er dies sagte, nahm

er die Hände des Mädchens und legte hungrig nach Trost, wie ein

ausgetrockneter Acker nach Regen, heiß aufweinend, sein Gesicht drauf.

„Lieber, sei nicht so verzweifelt!“ tröstete ihn Margherita, indem sie

ihm sanft ihre Hände entzog und ihm übers Haar streichelte. „Das ist

doch noch nicht so finster, wie du es jetzt siehst! Komm, sei ruhig. Ich

setze mich für dich ein und paß auf ...“

Ein Dienstmädchen, das den Tisch abräumen kam, vertrieb sie dann.

* * * * *

Baptist erholte sich nicht mehr. Die Angst und die Verzagtheit blieben

in ihm festgebissen sitzen, auch noch, als sie schon in der großen

Restauranthalle spielten, die zur Feier der Ausstellung an der Ecke der

Avenue de Keyser und des Boulevard du Commerce errichtet worden war. Es

war ihm, als sei alle innere Festigkeit, aller Willen zum Mut aus ihm

herausgeflossen.

Sie spielten schon vierzehn Tage, als eines Morgens Margherita an seine

Türe klopfen kam, sie öffnete und ihm einen Brief hineinreichte.

„Da! Nehmen Sie rasch und lassen Sie sich nicht beim Lesen überraschen!“

flüsterte sie ihm geheimnisvoll zu.

Baptist riegelte sich ein. Er erschrak zu Tod, als er den Namen und die

nervös gedehnte, hastig fliegende Handschrift seines Vaters auf dem

Kuvert sah. Er riß es zitternd auf, ohne sich Zeit genommen zu haben,

die Adresse zu lesen. Zwei Briefe lagen drin. Er las den, der die

Handschrift seines Vaters zeigte, zuerst:

„Luxemburg den 24. April.

Wenn Sie mir noch einmal einen Brief schreiben, wie den, welchen ich

hiermit zurückschicke, so hetze ich Ihnen die Polizei auf Ihren

Flohbuckel. Mein ehemaliger Sohn kann sich mit einem Pack herumschlagen,

mit dem es ihm beliebt.

Der Hafen(#76486) · 第 21 / 55 题