Baptist lag noch im Bett, als er vor der Türe Annas Stimme hörte:
„Elis!“ rief sie hastig in den Flur hinein, „der Hämmelsmarsch!“
Halbwach hörte Baptist weiter, wie die Worte von einem ungeduldigen
Davonknistern von Röcken erstickt wurden. Plötzlich rannte ein anderer
gröberer Schritt trommelnd in den ersten Lärm, und in demselben
Augenblick unterschied er mitten in diesen Geräuschen, die ihn im
Halbschlaf überfallen hatten, die Töne von Blasinstrumenten, die
zusammenhangslos ineinander krähten. Er sprang verwirrt aus dem Bett und
stürzte ans Fenster, durch das er seitwärts auf die Straße sah. Dort
waren vier Musikanten aufgestellt, von einer Herde bändergezierter
Hämmel umgeben, die sie, während sie spielten, mit den Füßen energisch
zusammen hielten. Einer stand etwas vor und blies in ein weißes
Nickelpiston; das war der Kellner Ändri von Hiltchen. Eine Schar Kinder
hielten sich neben den Musikanten und sangen mit frechen, spitzen
Stimmen, die aus den Tonmassen der Trompeten gleichsam herausstachen:
„Die Kanner lossen hire Kaffi stohn
Fi...ir den Hä...ää...ämel nozegohn,
Den Hämmel no! ze! gon!“
Den letzten Vers zerhackten sie, gleich als hätten sie es eilig.
Die kurze Melodie begann immer wieder von neuem. Die hungrigen Hämmel
wurden von den Kindern hinterlistig gereizt und sprangen mit kläglichen
Schreien durcheinander. Ändri haute, ohne das Piston abzusetzen, einem
Buben unversehens eine hinter die Ohren. Der Bube sprang heulend weg und
rief: „Wart, du Hund, ich sag’s meinem Vater!“ Aber Ändri blies wie
wütend über das Geschimpf hinweg. Dann ging der Junge auf die andere
Seite der Straße, wartete ein wenig und warf mit einem kleinen Stein
nach Ändri. Ohne umzublicken, stürzte der Bub davon und rannte was gibst
du, was hast du!
Baptist war von dem plötzlichen Zusammenstoß all der Geräusche im
Halbschlaf überrumpelt worden. Nun wollte er enttäuscht vom Fenster
weggehn. Es ärgerte ihn, daß man den alten schönen Gebrauch, die
Schobermesse, das Nationalfest der Stadt, mit dem Hämmelsmarsch
einzuweihen, so zum Gewerbe machte, daß schließlich die Musikanten an
jedem dritten Tag den Marsch spielen gingen. Aber da erschien Anna auf
der Straße und reichte Ändri ein Geldstück. Das weiße Piston glitt vom
Munde ab, und Ändri machte einen Diener. Einen Augenblick spielte nur
der Keuchatem der begleitenden Instrumente. Dann beschrieb Ändri mit der
Linken einen schnellen Schnörkel durch die Luft, jagte mit dem Piston an
den Mund, aber nur zu einem kurzen, zweitönigen Auftakt, der die kleine
Weise abschloß.
Die Musikanten hoben die Trompeten vom Mund. Sie riefen wie aus einem
Hals: „Ein Vive für den Herrn Biver!“
Die Trompeten flogen wieder unter die Schnauzbärte und, eine nach der
andern einsetzend, bliesen sie dreimal hintereinander das „dreimal-hoch,
dreimal-hoch-hoch-hoch!“
Dann lupften die Musikanten die Hüte gegen ein Fenster, in dem Baptist
seinen Vater vermutete, und der Zug setzte sich in Bewegung auf die
nächste Villa zu.
Als Baptist ins Zimmer zurücktrat, fühlte er seinen Kopf schwer und voll
stechender Schmerzen. In seiner Lippe brannte ein kleines Feuer, und er
ging zum Spiegel. Aber die Wunde war kaum sichtbar und nicht
bedeutender, als die Geschwulst eines Wespenstichs. Das beruhigte ihn.
Er goß das Waschbecken voll Wasser und steckte den Kopf hinein, daß das
Wasser über den Rand der großen Schüssel auf den Tisch niederkletterte.
Er zog sich langsam an, indem er die Ereignisse der Nacht vor sich
aufmarschieren ließ, und ging in das Eßzimmer hinab. Dort fand er seinen
Vater am Kaffeetisch über ein Blatt der ‚Luxemburger Zeitung‘ gebückt
sitzen. Der Vater grüßte aus der Lektüre heraus Baptist gut gelaunt und
herzlicher, als seine Gewohnheit war.
Als Anna Baptists Tasse gefüllt hatte, sagte dieser zu seinem Vater:
„Dieser Hämmelsmarsch entwickelt sich schnell zur reinsten Bettelei. Vor
zwei Jahren folgten sie wenigstens noch dem alten Brauch und kamen uns
nur am Schobersonntag in aller Früh’ aus den Betten blasen. Nun kommen
sie auch noch am Donnerstag, und am zweiten Sonntag und warten, bis die
Leute aufgestanden sind. So ist es nicht mehr schön.“
Aber der Vater meinte gutmütig: „Laß’ die Jungen doch ihre paar Mark
verdienen.“
Baptist war nicht einverstanden damit: „Die paar Mark gönne ich ihnen.
Aber daß sie den einzigen alten volkstümlichen Gebrauch, den die Stadt
noch hat, industrialisieren, das meine ich nur damit!“
Sein Vater ging jedoch nicht ein auf Baptists Einwände. „Das
Industrialisieren ist der Zug der Zeit. Diese alten Gebräuche, das kommt
aus der Mode. Heute ist eben eine andre Zeit!“ meinte er gleichgültig
und las wieder in der Zeitung, von der einige Blätter über den Tisch
gebreitet lagen. Dann ging er hinaus, kam aber bald wieder.
„Sag’ mal,“ fragte er, „du hast doch den Professor Hamilius im Examen?“
„Leider!“ antwortete Baptist.
„Horch mal!“ und Herr Biver las aus der Zeitung vor: „Der Sultan von
Marokko, der bei dem Nationalfest der französischen Turner in Reims zu
Gaste war, hat Herrn Professor Albert Hamilius aus Luxemburg, den der
Turnverband des Großherzogtums als Vertreter zu den französischen
Freunden geschickt hatte, den Orden des Nicham Astika am grünweißen Band
verliehen.“
„Den verdient er!“ sagte Baptist spöttisch. „Er ist ein wirklicher
Gymnastiker! Er läßt Knabenschicksale auf seinem Bizeps jonglieren, wie
ein Zirkuskünstler, der mit Messern spielt, die nicht geschliffen sind.“
„Ja, er soll ein strenger Lehrer sein!“
„Streng und gerecht – nach dem Recht von: Ich bin groß und du bist
klein!“ entgegnete Baptist bitter.
„Das ist ein Grund, ihm entgegen zu kommen!“ sagte Herr Biver.
Baptist schaute seinen Vater an. Der sah nicht weg aus der Zeitung. Aber
nach einer Weile stand er auf und trat vor Baptist hin: „Schau mal,
Junge, ich weiß ja, was das ist, mit dem Examensglück. Die einen
haben’s, die andern nicht. Das verändert einen Menschen nicht. Besteht
man es dieses Jahr nicht, so besteht man es im nächsten. Ohne das kommt
man aber auch durch, wie du an mir siehst. Aber du hast nun einmal _den_
Weg genommen, und es wäre doch gerade miserabel dumm, wenn du mit so
einem Examen ein Jahr verlieren müßtest. Ein Jahr ist heute was. In
unserer Zeit, die so schnell lebt, ist ein Jahr ein bedeutendes Stück
Arbeit. Was meinst du, wenn wir der beim Examen so wichtigen Gunst des
Geschicks ein wenig entgegenkämen?“