Viertes Kapitel

Baptist lag noch im Bett, als er vor der Türe Annas Stimme hörte:

„Elis!“ rief sie hastig in den Flur hinein, „der Hämmelsmarsch!“

Halbwach hörte Baptist weiter, wie die Worte von einem ungeduldigen

Davonknistern von Röcken erstickt wurden. Plötzlich rannte ein anderer

gröberer Schritt trommelnd in den ersten Lärm, und in demselben

Augenblick unterschied er mitten in diesen Geräuschen, die ihn im

Halbschlaf überfallen hatten, die Töne von Blasinstrumenten, die

zusammenhangslos ineinander krähten. Er sprang verwirrt aus dem Bett und

stürzte ans Fenster, durch das er seitwärts auf die Straße sah. Dort

waren vier Musikanten aufgestellt, von einer Herde bändergezierter

Hämmel umgeben, die sie, während sie spielten, mit den Füßen energisch

zusammen hielten. Einer stand etwas vor und blies in ein weißes

Nickelpiston; das war der Kellner Ändri von Hiltchen. Eine Schar Kinder

hielten sich neben den Musikanten und sangen mit frechen, spitzen

Stimmen, die aus den Tonmassen der Trompeten gleichsam herausstachen:

„Die Kanner lossen hire Kaffi stohn

Fi...ir den Hä...ää...ämel nozegohn,

Den Hämmel no! ze! gon!“

Den letzten Vers zerhackten sie, gleich als hätten sie es eilig.

Die kurze Melodie begann immer wieder von neuem. Die hungrigen Hämmel

wurden von den Kindern hinterlistig gereizt und sprangen mit kläglichen

Schreien durcheinander. Ändri haute, ohne das Piston abzusetzen, einem

Buben unversehens eine hinter die Ohren. Der Bube sprang heulend weg und

rief: „Wart, du Hund, ich sag’s meinem Vater!“ Aber Ändri blies wie

wütend über das Geschimpf hinweg. Dann ging der Junge auf die andere

Seite der Straße, wartete ein wenig und warf mit einem kleinen Stein

nach Ändri. Ohne umzublicken, stürzte der Bub davon und rannte was gibst

du, was hast du!

Baptist war von dem plötzlichen Zusammenstoß all der Geräusche im

Halbschlaf überrumpelt worden. Nun wollte er enttäuscht vom Fenster

weggehn. Es ärgerte ihn, daß man den alten schönen Gebrauch, die

Schobermesse, das Nationalfest der Stadt, mit dem Hämmelsmarsch

einzuweihen, so zum Gewerbe machte, daß schließlich die Musikanten an

jedem dritten Tag den Marsch spielen gingen. Aber da erschien Anna auf

der Straße und reichte Ändri ein Geldstück. Das weiße Piston glitt vom

Munde ab, und Ändri machte einen Diener. Einen Augenblick spielte nur

der Keuchatem der begleitenden Instrumente. Dann beschrieb Ändri mit der

Linken einen schnellen Schnörkel durch die Luft, jagte mit dem Piston an

den Mund, aber nur zu einem kurzen, zweitönigen Auftakt, der die kleine

Weise abschloß.

Die Musikanten hoben die Trompeten vom Mund. Sie riefen wie aus einem

Hals: „Ein Vive für den Herrn Biver!“

Die Trompeten flogen wieder unter die Schnauzbärte und, eine nach der

andern einsetzend, bliesen sie dreimal hintereinander das „dreimal-hoch,

dreimal-hoch-hoch-hoch!“

Dann lupften die Musikanten die Hüte gegen ein Fenster, in dem Baptist

seinen Vater vermutete, und der Zug setzte sich in Bewegung auf die

nächste Villa zu.

Als Baptist ins Zimmer zurücktrat, fühlte er seinen Kopf schwer und voll

stechender Schmerzen. In seiner Lippe brannte ein kleines Feuer, und er

ging zum Spiegel. Aber die Wunde war kaum sichtbar und nicht

bedeutender, als die Geschwulst eines Wespenstichs. Das beruhigte ihn.

Er goß das Waschbecken voll Wasser und steckte den Kopf hinein, daß das

Wasser über den Rand der großen Schüssel auf den Tisch niederkletterte.

Er zog sich langsam an, indem er die Ereignisse der Nacht vor sich

aufmarschieren ließ, und ging in das Eßzimmer hinab. Dort fand er seinen

Vater am Kaffeetisch über ein Blatt der ‚Luxemburger Zeitung‘ gebückt

sitzen. Der Vater grüßte aus der Lektüre heraus Baptist gut gelaunt und

herzlicher, als seine Gewohnheit war.

Als Anna Baptists Tasse gefüllt hatte, sagte dieser zu seinem Vater:

„Dieser Hämmelsmarsch entwickelt sich schnell zur reinsten Bettelei. Vor

zwei Jahren folgten sie wenigstens noch dem alten Brauch und kamen uns

nur am Schobersonntag in aller Früh’ aus den Betten blasen. Nun kommen

sie auch noch am Donnerstag, und am zweiten Sonntag und warten, bis die

Leute aufgestanden sind. So ist es nicht mehr schön.“

Aber der Vater meinte gutmütig: „Laß’ die Jungen doch ihre paar Mark

verdienen.“

Baptist war nicht einverstanden damit: „Die paar Mark gönne ich ihnen.

Aber daß sie den einzigen alten volkstümlichen Gebrauch, den die Stadt

noch hat, industrialisieren, das meine ich nur damit!“

Sein Vater ging jedoch nicht ein auf Baptists Einwände. „Das

Industrialisieren ist der Zug der Zeit. Diese alten Gebräuche, das kommt

aus der Mode. Heute ist eben eine andre Zeit!“ meinte er gleichgültig

und las wieder in der Zeitung, von der einige Blätter über den Tisch

gebreitet lagen. Dann ging er hinaus, kam aber bald wieder.

„Sag’ mal,“ fragte er, „du hast doch den Professor Hamilius im Examen?“

„Leider!“ antwortete Baptist.

„Horch mal!“ und Herr Biver las aus der Zeitung vor: „Der Sultan von

Marokko, der bei dem Nationalfest der französischen Turner in Reims zu

Gaste war, hat Herrn Professor Albert Hamilius aus Luxemburg, den der

Turnverband des Großherzogtums als Vertreter zu den französischen

Freunden geschickt hatte, den Orden des Nicham Astika am grünweißen Band

verliehen.“

„Den verdient er!“ sagte Baptist spöttisch. „Er ist ein wirklicher

Gymnastiker! Er läßt Knabenschicksale auf seinem Bizeps jonglieren, wie

ein Zirkuskünstler, der mit Messern spielt, die nicht geschliffen sind.“

„Ja, er soll ein strenger Lehrer sein!“

„Streng und gerecht – nach dem Recht von: Ich bin groß und du bist

klein!“ entgegnete Baptist bitter.

„Das ist ein Grund, ihm entgegen zu kommen!“ sagte Herr Biver.

Baptist schaute seinen Vater an. Der sah nicht weg aus der Zeitung. Aber

nach einer Weile stand er auf und trat vor Baptist hin: „Schau mal,

Junge, ich weiß ja, was das ist, mit dem Examensglück. Die einen

haben’s, die andern nicht. Das verändert einen Menschen nicht. Besteht

man es dieses Jahr nicht, so besteht man es im nächsten. Ohne das kommt

man aber auch durch, wie du an mir siehst. Aber du hast nun einmal _den_

Weg genommen, und es wäre doch gerade miserabel dumm, wenn du mit so

einem Examen ein Jahr verlieren müßtest. Ein Jahr ist heute was. In

unserer Zeit, die so schnell lebt, ist ein Jahr ein bedeutendes Stück

Arbeit. Was meinst du, wenn wir der beim Examen so wichtigen Gunst des

Geschicks ein wenig entgegenkämen?“

Der Hafen(#76486) · 第 10 / 55 题