g) =Weibliche Handarbeiten.= Der Unterricht setzte die Techniken der

ersten und zweiten Klasse fort: Stricken, Sticken und Nähen. In der

vierten Klasse wurden die Strickübungen der dritten Klasse auf einen

Schlips oder Kragenschoner angewendet. Als neue Technik im Sticken

wurde der Kreuzstich eingeführt, und wie das Musterstricken zu einem

Schlips, so führte die Fertigstellung des Kreuzstichmusters zum Umschlag

eines Nadelbüchleins, dessen Innenseiten die Schülerinnen mit

Stoffresten und Bändern ausarbeiteten. Als Einlage wurden Flanellflecke

genommen, die zugleich eine Gelegenheit für Schneideübungen boten.

Endlich befaßte sich die vierte Klasse noch mit Sticken einer _Borte_ auf

geschlossenem Faden und weichem Gewebe, die von den Kindern selbst

entworfen und als Zwischensatz für eine von den Kindern selbst

hergestellte Schürze diente.

4. SCHLUSSBETRACHTUNGEN

Mit der Darstellung des Unterrichtsbetriebes der vier ersten

Volksschulklassen im Sinne einer Arbeitsschule ist das Bild der

genehmigten Versuchsklassen abgeschlossen. Was hier gegeben wurde, ist

nur ein Beispiel eines Versuches und nicht einmal eines völlig freien

Versuches, weil ja die Lehrziele jeder Klasse und jedes

Unterrichtsfaches von vornherein durch die für sämtliche

Volksschulklassen genehmigten Lehrpläne auch für die Versuchsklassen

vorgeschrieben waren. Ich bin mir keinen Augenblick im unklaren

darüber, daß eine Ausdehnung des Holzbearbeitungsunterrichts von 2 auf 6

Stunden in der Woche in den beiden ersten, auf 4 in den beiden nächsten

Klassen und eine Verbindung mit Gartenarbeiten eine noch weit stärkere

Konzentration des Gesamtunterrichtes ermöglichen würde, vielleicht unter

Verschiebung der Ziele der ersten zwei oder drei Schuljahre in andern

Unterrichtsfächern, aber unter stärkster Wirkung für die

Gesamtpersönlichkeit des Kindes. Denn nur, wo wir die ausschließlich in

diesem Alter vorwiegenden praktischen Interessen des Kindes packen,

bekommen wir mit einem Schlage seine ganze Persönlichkeit in die Hand.

Erst aus seinen Interessen heraus wird das Kind in Wahrheit

»selbsttätig« und damit in seiner Totalität »selbstbildend«. So wie die

gewöhnliche Schule »Selbsttätigkeit« auffaßt, handelt es sich bloß um

»Tätigkeit«, die natürlich das Kind »selbst« ausübt. Aber damit ist ja

gar nichts gewonnen. Es handelt sich nicht darum in der Arbeitsschule,

daß das Kind »selbst« tätig ist, sondern darum, daß es »_aus seinem

Selbst_« zur Tätigkeit genötigt wird. Damit erst tritt der _ganze_ Mensch

mit seinem Empfinden, Vorstellen, Denken, mit allen seinen Gefühlen,

Trieben und Willensakten in die Tätigkeit ein, und nicht weil ihm ein

anderer den Zweck des Tuns einige Augenblicke »interessant« macht, weil

der Lehrer das Interesse (soll heißen die Neugierde) erweckt, sondern

weil der Mensch aus seiner inneren zeitweiligen oder dauernden

Gesamtveranlagung gar nicht anders _kann_. Die landläufige Pädagogik

vergißt immer, daß ein bloß _interessant gemachter_ Gegenstand bei weitem

nicht jene Kräfte im allgemeinen auslöst wie ein _vom eigensten Interesse

ergriffener_ Gegenstand. Sobald aber erst einmal die »Selbsttätigkeit«

aus dem innersten Bedürfnis nach Erzeugung eines Objekts entsprungen

ist, dann ergreift sie alles, was mit der rechten Erzeugung notwendig

verbunden werden kann, Rechnen, Zeichnen, ja selbst Lesen und Schreiben

mit der gleichen Wucht der nach Erfüllung des Bedürfnisses drängenden

ganzen Seele.

Die Mühsal des Unterrichtes und die Gequältheit seiner Methoden in den

Klassen der Volksschule ist nur deshalb bisweilen so groß, weil unsere

ganze Volksschule auf die im Kindesalter häufig noch sehr spärlich

entwickelten _intellektuellen Interessen_ eingestellt ist, während sie

_soziale_ und _technische_ Interessen, die im Kindesalter absolut

vorherrschen, völlig ignoriert. Ich erhebe mit vollem Bewußtsein diesen

Vorwurf. Denn damit, daß die Schule soziale »Lehre« gibt, oder in der

Stellung ihrer theoretischen Aufgaben das praktische Leben als Hintergrund

wählt, berücksichtigt sie in keiner Weise die sozialen und technischen

Interessen des Kindes. Die wirklichen Interessen des Kindes _schreien_ nach

Handeln, nach praktisch-sozialem oder praktisch-technischem Handeln. Und

nur im Handeln werden die Kulturgüter _erarbeitet_.

Diese elementaren Lehren aller Erziehung werden aber erst Leben und

Kraft gewinnen, wenn diejenigen Schulen, die unsere Lehrer erziehen,

selbst Arbeitsschulen geworden sind. Wer nicht gewöhnt wurde, seinen

seelischen Besitz sich selbst zu erarbeiten, mit Selbstüberwindung und

Rücksichtslosigkeit gegen die eigene Natur, mit unermüdlicher Ausdauer

und reinem Erkenntnisdrang, und wer keinen tieferen Einblick getan hat

in die eigentliche Werkstätte des kindlichen Geistes, in das Triebwerk

seiner Interessen, dem wird das Wesen der Arbeitsschule immer ein Rätsel

bleiben.

[Illustration: Tafel I

=I. Klasse=

=Baukasten mit 32 Bausteinen=

=1/3 nat. Gr.=]

[Illustration: Tafel II

=II. Klasse=

=Waschkreuz=

=1/4 nat. Gr.=]

[Illustration: Tafel III

=III. Klasse Raupenkästchen=

=1/4 nat. Gr.=]

[Illustration: Tafel IV

=III. Klasse=

=Schleuse=

=1/4 nat. Gr.=]

[Illustration: Tafel V

=IV. Klasse=

=Starenhaus=

=1/4 nat. Gr.=]

Schriften von Georg Kerschensteiner

Der Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung

4. erweiterte Auflage. Kart. M. 3.50

Bestimmt den Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung als Erziehung des

Charakters zu wahrer Staatsgesinnung und zeigt die Mittel und Wege zur

Verwirklichung dieses Zieles, gipfelnd in der Ausgestaltung der Schulen

zu Arbeitsgemeinschaften.

Deutsche Schulerziehung in Krieg und Frieden

Geheftet. M. 2.80

_Inhalt_: I. Über das eine u. einzige Ziel d. Erziehung in Krieg u.

Frieden. II. Der Weg z. Pflichtbewußtsein. III. Der Weg z.

Staatsgesinnung. IV. Die Schule als Kulturmacht. V. Die Probleme der

nationalen Einheitsschule.

Die hier gebotenen Aufsätze verbindet ein einheitlicher Gedankengang. In

drei Eigenschaften des Charakters seiner Bürger liegt die innere Stärke

eines Staatswesens in Krieg und Frieden: in ihrer _moralischen Tapferkeit_,

in ihrem _Pflichtbewußtsein_ und in ihrer _Staatsgesinnung_. Sie bilden das

dreifache Ziel eines jeden Systems eines nationalen deutschen Schulwesens.

Dieses dreifache Ziel stellt aber gewisse Bedingungen an den _inneren

Ausbau_ der einzelnen Schulgattung sowie an die _einheitliche Gestaltung_

des gesamten deutschen Schulwesens.

Charakterbegriff und Charaktererziehung

2. Auflage. Geheftet M. 2.60, gebunden M. 4.--

»Das Wertvolle an dem Buche scheint mir darin zu liegen, daß eine der

wichtigsten Fragen der praktischen Erziehung in ihrer ganzen Tiefe und

in ihrem ganzen Umfange zu erfassen versucht ist. Es scheint mir typisch

für die ernsten und wertvollen Bestrebungen in der modernen Pädagogik,

jedenfalls sollte man nicht daran vorübergehen.« (Hamb. Schulztg.)

Grundfragen der Schulorganisation

Eine Sammlung von Reden, Aufsätzen und Organisationsbeispielen.

4. Auflage. [U. d. Pr. 1920.]

»Wer zu einem Problem der Schulreform Stellung nehmen will, muß sich mit

Kerschensteiner auseinandersetzen. Das Studium seiner Schriften bietet

eine reiche Gedankenfülle und scharfe Beweisführung in feinem Stil. Bei

aller Großzügigkeit seiner Pläne bleibt K. doch stets auf dem Boden der

Wirklichkeit, so daß man immer den Eindruck hat: hier spricht ein

bodenständiger Praktiker, der die zähe Energie hat, das als richtig

erkannte Ziel auch zu erreichen.« (Thüringer Schulblatt.)

Wesen u. Wert des naturwissenschaftl. Unterrichts

Geheftet M. 3.--

Indem die Untersuchung darlegt, daß und wie die rechte Beschäftigung mit

den Naturwissenschaften die Seele mit dem Geist der Gesetzmäßigkeit und dem

Bedürfnis nach eindeutiger Formulierung der Begriffe erfüllt,

leitet sie naturgemäß zur Untersuchung über den ethischen Wert des

naturwissenschaftlichen Unterrichts. Dabei stellt sich klar heraus, daß er

notwendig der Ergänzung durch den sprachlich-histor. Unterricht bedarf. Den

Schluß bilden Vorschläge für eine Organisation der realistischen Schulen,

die die Erziehungswerte des naturwissenschaftlichen Unterrichtes voll zur

Geltung kommen läßt.

Auf sämtliche Preise Teuerungszuschläge des Verlags (April 1920 80%,

Abänderung vorbehalten) und der Buchhandlungen.

Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin

* * * * *

Anmerkungen zur Transkription:

Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _Unterstrichen_,

kursiv gedruckter mit =Gleichheitszeichen= und fett gedruckter mit

+Pluszeichen+ markiert.

Folgende Druckfehler im Original wurden korrigiert:

Es hat also mit dem Geiste der Arbeitsschule nicht das

Im Original: Arbeitschule

Hände der Münchner Lehrerschaft mit meinem Ausscheiden aus

Im Original: Auscheiden

Die Werkzeuge für jeden Schüler, die gemäß der Stärke einer Abteilung 25

mal beschafft wurden, waren folgende:

Im Original: werden

von den reellen zu den imaginären und

komplexen Zahlen fortschreitet,

Im Original: kompleexn

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