Im nächsten Frühjahr kann neben der Mühle von Michael Pohl die große
Brotfabrik eröffnet werden, die Spenderin des täglichen Brotes für die
ganze Stadt.
Man veranstaltet kein Fest und ladet auch keine Gäste. Die Teigmassen
wälzen sich aus den großen Knetmaschinen, sie rollen geformt aus einem
Räderwerke heraus und verschwinden gleichzeitig zu Hunderten in den
großen Öfen.
Da gleiten schon die braunen Laibe herab, und dort ziehen die nächsten
rohen Formen hinein.
Meister Reiche nimmt das erste heiße Brot in seine abgehärteten Hände
und legt es auf eine Schüssel. Dann geht er damit hinaus, über den
großen Platz, an Mühle und Speicher vorbei zum Wohnhaus des Müllers.
Michael Pohl sitzt mit seiner Familie am Mittagstisch, da tritt Meister
Reiche mit der Schüssel ein und sagt feierlich:
»Das erste Brot!«
Michael Pohl erhebt sich und mit ihm auch seine Frau und seine Tochter,
nur der jetzt vierjährige Michael bleibt auf seinem Stühlchen sitzen
und sieht der Szene mit großer Spannung zu.
Sie sind alle von der Feierlichkeit dieses Augenblicks durchdrungen.
Michael Pohl sagt:
»Wir wollen gemeinsam davon essen.«
Frau Pohl reicht ihm ein Messer, er schneidet vier Stücke von dem
heißen Laib und spricht einige kurze Worte mit seinem Herrgott. Sie
falten alle die Hände, und dann nehmen sie das Brot.
Sie verzehren es wie das heilige Abendmahl.
Meister Reiche reibt mit seinen großen Fäusten an den Augen, Frau Pohl
aber gibt ihren Tränen freien Lauf, sie reicht ihrem Manne die Hand und
läßt sich in seine Arme ziehen.
Dann sagt sie: »Ich will auch unserem Sohne von dem heiligen Brot
geben.«
Und sie steckt ihm einen Bissen in den Mund, obgleich sie weiß, daß er
sich daran den Magen verdirbt. --
Wenige Wochen später ist der Hafen zur offiziellen Feier der Einweihung
gerüstet. Aus dem ganzen Lande sind die Gäste geladen. Fahnen wehen
über allen Gebäuden, und auf den Gewässern liegen die Kähne und
Schleppdampfer in dichten Reihen.
Man hat die Schiffer lange darauf vorbereitet, daß es erwünscht wäre,
wenn am 1. Mai recht viele von ihnen hier anlegten und sich den
staunenden Gästen präsentierten.
Gegen elf Uhr fahren die Wagen vor. Sie müssen hinter dem Tore halten,
und bald ist die Straße bis zur Föhrbrücke gesperrt. Immer neue
Menschenmengen strömen herein. Sie kommen einzeln und in Gruppen: die
Herren von der Regierung und von den Kommunen, von Handel, Industrie
und Gewerbe, die Schaulustigen und die Damen.
Vor dem Verwaltungsgebäude ist eine geschmückte Rampe errichtet. Hier
soll der Hafen gewissermaßen aus der Taufe gehoben werden. Die Reden
sind vorbereitet, und die Schiffer auf dem Wasser hinter dem Rednerpult
setzen sich neben ihre bekränzten und bewimpelten Kajüten und denken,
daß sie diesmal auch etwas zu hören bekommen.
Die Gäste promenieren und sehen sich staunend um, bis sie an der Kanzel
versammelt werden, weil der erste Redner erscheint.
Es ist der Oberbürgermeister, der sie im Hafen begrüßt und dann
nicht minder erhebende Worte spricht als vor vier Jahren zum ersten
Spatenstich.
Dann folgt der Vertreter der Regierung, und das ist diesmal der
Handelsminister selbst.
Es reden die Exponenten von Industrie, Handel und Finanz, und die
Zuhörer werden schon etwas müde, als Joachim Becker, der junge
Generaldirektor und Anreger zu diesem Werk, die Schlußworte spricht.
Er faßt sich sehr kurz. Er sagt, daß er nicht viel Worte zu verlieren
brauche, denn heute sprechen die Erfolge selbst. Er ladet zu einer
Besichtigung der Hafenanlagen ein, dann werde jeder sehen, daß
dieser neue große Binnenhafen ein wichtiger Faktor im deutschen
Wirtschaftsleben sei, der seine Existenzberechtigung bewiesen habe.
Er spricht diesmal nicht von Kampf, Mut und Ausdauer, nicht vom
»Größten«, das alles andere übertrumpfen soll, oder von einer
Weltmacht. Er sagt »Urteilt selbst«, dankt für das Interesse und
verneigt sich.
Dreißig große, mit Nummern bemalte Schilder stehen da, die von den
Bureaudienern und Boten der Generaldirektion an hohen Stangen getragen
werden; ebenso viele Führer, die mit dem Hafen vertraut sind, haben die
Pflicht, für die Einteilung der Erschienenen in Gruppen zu sorgen und
ihnen die Anlagen zu erklären.
Da finden sich nun diejenigen zusammen, die im Rang zueinander
gehören, eine besondere Gruppe ist für die Presse gebildet, und die
Schaulustigen suchen sich die Gesellschaft, die ihnen gerade gefällt.
Meister Reiche zum Beispiel, den man auch geladen hat, ist zufällig
neben Fräulein Spandau gelandet. Sie lassen sich die technischen Wunder
erklären, obgleich sie ihnen nicht fremd sind. Aber sie bleiben oft ein
wenig zurück und halten eine Privatbesichtigung.
Im Getreidespeicher, da, wo Meister Reiche vor mehr als zwei Jahren
die ersten Körner fallen sah, hält er sich längere Zeit auf. Er spricht
in seiner schwerfälligen, etwas stockenden Art von den eigentümlichen
Gefühlen in jener Stunde, und Fräulein Spandau hört ihm andächtig zu.
»Und was würden Sie sagen,« fragt er zum Schluß, »wenn nun ein Mann vor
Ihnen steht, der über sich selber wieder Herr und Meister ist?«
Fräulein Spandau sieht ihn so erstaunt an, als wüßte sie nicht, worauf
er hinaus wolle, obgleich eine stille Ahnung wohl in ihr dämmern mag.
Die Teilnehmer ihrer Gruppe kommen unter lebhaftem Geplauder von der
Besichtigung der oberen Stockwerke schon wieder zurück. Die beiden
lassen sie vorbeiziehen, und Fräulein Spandau sagt:
»Nun, ein Meister waren Sie trotzdem immer geblieben.«
»So meinte ich es nicht. Ich wollte sagen, daß ich wieder ein freier
Mann bin und möchte gern wissen, ob Ihnen das gefällt.«
»Herr Reiche«, sagt Fräulein Spandau errötend.
»Und was hier auf dem Papier steht,« er klopft auf die Brusttasche,
»das von der unsauberen Sache in meiner Ehescheidung, würde Sie das
wohl stören?« fragt er, während er ihre Hand ergreift. Er mag wohl an
die Störung selbst nicht recht glauben, denn sonst würde er ihr nicht
so treuherzig und siegesgewiß in die Augen schauen.
Fräulein Spandau errötet noch tiefer. Sie blüht geradezu auf, so daß
sie hübsch und gesund aussieht.
»Herr Reiche«, flüstert sie noch einmal. Er nimmt es als eine passende
Antwort hin. --
Joachim Becker zeigt sich bei jeder Gruppe und spielt den
liebenswürdigen Gastgeber. Es ist für einen Boten, der ihm ein
Telegramm überbringen soll, nicht leicht, ihn zu finden, weil er sich
immer wieder an einer anderen Stelle aufhält.
Endlich ist die Sendung übergeben. Joachim Becker geht zur Seite, um
ungestört lesen zu können. Seine Augen werden immer heller und klarer,
während sie auf den nüchternen Buchstaben ruhn.
Dann eilt er mit seinen leichten schwingenden Schritten davon und sucht
den Kommerzienrat. Er winkt ihn beiseite und übergibt ihm das
Telegramm.
»Es ist aus Venedig«, sagt er, während er lächelnd auf die gesenkten
Augen seines ehemaligen Schwiegervaters sieht.
Der Kommerzienrat liest:
»Generaldirektor Joachim Becker. Gratulieren zur Einweihung des Hafens
und wünschen von Herzen Glück und Heil. Alfred Bernhard und Frau
Adelheid.«
Er faltet das Papier langsam und sorgfältig zusammen, so daß es
aussieht, als käme es eben von der Postanstalt. Dann reicht er es
Joachim Becker zurück, und weil seine Hand zittert, fällt es zur Erde.
Joachim Becker hebt es auf. Wie er sich wieder hochrichtet, das Gesicht
vom Bücken etwas gerötet, sagt der Kommerzienrat leise:
»Dann will ich dir auch noch dazu gratulieren, daß dir alles so gut
gelungen ist.«
Joachim Becker steckt das Telegramm in die Tasche und geht damit eine
Weile tatenlos umher. In seinem energischen schmalen Gesicht, auf der
klaren hohen Stirn ist ein ungewohntes stilles Leuchten. Er greift noch
einmal nach dem Papier, und er mag dabei denken, daß ~eine~ Schuld
nun ausgestrichen sei.
Wie er dem Justizrat Bernhard begegnet, wird er so kindisch in seiner
Freude, daß er ihm das Telegramm zeigt und einleitend sagt:
»Ihr Neffe hat mir aus Venedig telegraphiert. Sie glauben nicht, wie
ich mich darüber freue.«
»So, ist er jetzt in Venedig?« fragt der Justizrat. Dann gibt er ihm
das Papier zurück und meint: »Ja, er ist ein braver Bursche, der
Alfred. Ich glaube, daß er noch ein gesuchter Rechtsanwalt wird.«
Dann gehen sie, ein jeder seines Wegs. Der Justizrat ist zwar
diesmal befriedigt, weil er die Rede des Oberbürgermeisters vorher
durchgesehen hat, aber er denkt: ›Ganz richtig ist das nicht, daß der
Junge dem ersten Mann seiner Frau gratuliert. Nun wollen sie wohl
gar gesellschaftlich miteinander verkehren? Es wird doch immer noch
allerhand Vorsicht außer acht gelassen.‹ Und er schüttelt bedenklich
sein graues Haupt.
Redakteur Undlet und der ausländische Pressevertreter, mit dem er sich
damals, beim ersten Spatenstich, zusammenfand, ist auch wieder da. Sie
haben inzwischen beide die Blätter gewechselt, aber sonst sind sie die
gleichen geblieben.
»Was sagen Sie nun?« fragt Undlet interessiert.
»Hm. Sie haben ganz Tüchtiges geleistet. Etwas bescheidener sind sie
geworden.«
»Bescheidener? Ich denke doch, daß sie in kürzester Zeit ausgeführt
haben, was sie versprachen.«
»Ich meine nur, daß sie jetzt nicht mehr soviel Worte machen.«
»Ja, so ist das,« meint Redakteur Undlet, »wenn man erst gezeigt hat,
was man kann, darf man schweigen. Vorher werden einem die besten Worte
nicht geglaubt.«
Sie gehen zur langgestreckten, mit Girlanden geschmückten Lagerhalle,
wo die Tafeln für die Gäste gedeckt sind.
Man läßt sich nieder, ißt und hört sich noch einige Reden an.
Dann fahren die ersten Wagen vor, der Kommerzienrat und Joachim
Becker begleiten die prominenten Gäste bis zum Ausgang. Schließlich
verabschieden sie sich voneinander, und der Kommerzienrat fragt:
»Du kommst doch heute abend zum Festessen ins Hotel?«
»Wenn du es mir nicht übelnehmen würdest,« sagt Joachim Becker, »möchte
ich heute gern allein bleiben.«
»Nein, gewiß nicht. Ich werde dich bei den Herren entschuldigen.«
Auf dem Rückweg begegnet dem Generaldirektor Schwester Emmi.
Sie trägt heute nicht ihre einfache Tracht, nein, sie ist mit ihrer
Eleganz wahrhaftig mancher hochgestellten Dame überlegen, wenn auch an
ihrer Seite nur Herr Karcher geht.
Dieser Herr Karcher, er ist mit großer Freude ihrer Einladung, sie
beim Feste zu begleiten, gefolgt, und nun wandert er neben ihr her,
als wäre das selbstverständlich und gar nicht eine große und besondere
Vergünstigung. Zwar sind mit der Generaldirektion viele junge Männer
in den Hafen gekommen. Sie rufen Schwester Emmi zuweilen einige
Scherzworte zu, denen sie in der alten schlagfertigen Frische begegnet,
doch sie hat keinen gefunden, der ihr ständig auf den Fersen folgt wie
seinerzeit Herr Gregor und der +Dr.+ Felix Friemann.
Nun betrachtet Herr Karcher sie beinahe als einen festen Besitz, und
es ist merkwürdig: irgend etwas fehlt ihm dabei. Wenn sie mit Herrn
Gregor oder +Dr.+ Friemann tändelte, so hat sich sein Herz immer
so wehmütig zusammengezogen, aber es war ein unvergleichlich schöner,
süßer Schmerz, der ihn den ganzen Tag begleitete und seinem Leben eine
melancholische Melodie gab.
Dieser Schmerz ist heute, da er von ihr bevorzugt wird, wie
ausgelöscht, und dem leidgewohnten unvernünftigen Herzen fehlt ein
treuer Gast.
Wie nun Joachim Becker den beiden entgegenkommt, sieht Schwester Emmi
rasch prüfend an sich herab. Sie zieht die Handschuhe glatt und hebt
die Lackspitze eines Schuhs bis hoch oben zum Seidenstrumpf, um einen
winzigen Fleck fortzuputzen. Dann befeuchtet sie die Lippen und geht
dem Generaldirektor mit einem reizenden Lächeln entgegen.
Joachim Becker begrüßt sie sehr liebenswürdig und drückt ihr sogar die
Hand.
»Ja, Schwester Emmi,« sagt er, »nun, da die Einweihungsarbeiten vorüber
sind, werden wir beide uns einmal zusammensetzen und versuchen, wie wir
nach dem Entwurf von +Dr.+ Friemann die Fürsorgestelle erweitern
können.«
Dann plaudern sie noch ein wenig. Herr Karcher steht schweigsam
daneben, und siehe: da ist er wieder, der unvergleichlich schöne, süße
Schmerz. --
Das große Fest im Hafen kann auch dem Nachbarn nicht entgehen. Die
offiziellen Nachrichten dringen überall hin, und für die Verbreitung
der internen Mitteilungen in der Familie Pohl hat Schwester Emmi wieder
gesorgt, seitdem der Kapitän nicht mehr als gern gesehener Gast
empfangen werden kann.
Während Irmgard Pohl mit ihrem Vater zum Mittagessen über den
Platz geht, muß sie auch einen Blick zu den lustig wehenden Fahnen
hinüberwerfen.
Sie bleibt stehen und sagt: »Vater, wenn Joachim Becker einmal
wiederkehrte, um uns zur Versöhnung die Hand zu reichen, käme er dann
als Sieger oder als Besiegter?«
»Als Sieger!« sagt Michael Pohl so schnell, als wäre er auf die Antwort
vorbereitet gewesen.
»Und sein Sohn?« fragt Irmgard leise.
Der Mühlenbesitzer sieht sie eine Weile schweigend an. Dann sagt er:
»Auch der Sieger kehrt in sein Land mit Verlusten zurück. Wer sich in
den Kampf einläßt, muß ihn in jedem Falle mitbezahlen.« --
Als auch der letzte Gast verschwand, spaziert Joachim Becker noch ein
wenig in seinem Hafen umher. Die Arbeit ist noch in vollem Betrieb,
denn eines Festes wegen darf die Tätigkeit nicht ruhn. Die Angestellten
haben auch ihr Freibier bekommen, und nun führen sie ihren Arbeitstag
zu Ende.
Joachim Becker bleibt neben dem Verwaltungsgebäude stehen und denkt
an die alten Linden, die hier einstmals wuchsen. Über dem zweiten
Hafenbecken sieht er eine Kirche und ein Fräuleinstift.
Unter diesen Bäumen ist er damals auf- und abgegangen mit so
hochfliegenden Gedanken, daß er manchmal selbst davor erschrak. Oft war
er nicht allein gewesen, die Wärme und der Duft Irmgard Pohls hatten
ihn verwirrt, so daß seine Pläne in die Ferne gerückt und ihm noch
wahnwitziger erschienen waren. Er, der Prokurist einer Getreidefirma,
hatte vor die Gewaltigen der Stadt treten wollen, um ihnen zu sagen:
»Ich werde euch einen Hafen bauen!«
Wenn er so recht mutlos geworden war und gedacht hatte: »In deinem
ganzen Leben wirst du das nicht fertigbringen«, hatte er zuweilen
eine weiche Frauenhand gefühlt, und Irmgard Pohl mit ihrer festen
zuversichtlichen Stimme hatte gesagt:
»Ich glaube an deine Kraft, und ich weiß, daß du dich durchsetzen
wirst!«
Dann war der Plan wieder näher gerückt, und er hatte mit seinen
Gedanken weiter daran bauen können.
Noch nicht fünf Jahre später steht er nun hier und blickt auf seinen
fertigen Hafen.
Er geht zum Hafentor, als wolle er sein Werk auch von außen betrachten.
Aber ohne zurückzuschauen, lenkt er seine Schritte zielsicher zur Seite
und wandert über die Föhrbrücke und an der Brotfabrik, der Mühle und
dem Getreidespeicher entlang.
Das ist ein weiter Weg, und er will gar kein Ende nehmen.
Ob man wohl von den Fenstern des Wohnhauses sehen kann, wie er mit
seinen festen Schritten daherkommt?
Nun ist er am Gartentor. Er schreitet an Frau Pohls gepflegtem Rasen
vorbei, und wie er vor dem Hause endlich angelangt ist, öffnet sich die
Tür.
Michael Pohl steht auf der Schwelle. Er reicht ihm stumm die Hand und
führt ihn in das Haus.