»Und die Kinder?«
»Ich habe ihr eben deswegen zugeredet, es doch noch weiter zu
versuchen. Aber sie sagte, dann müßte sie seelisch zugrunde gehen. Ihr
Mann ist ihr nicht treu.«
»Vielleicht hätte sie doch unseren Felix nehmen sollen. Dann wäre alles
anders gekommen.« Sie sitzt mit geschlossenen Augen da und mag sowohl
an Schwester Emmi wie an den furchtbaren Kran denken.
»Ja«, erwidert Alfred Bernhard und müht sich um irgendein passendes
Wort ab, das noch hinzugefügt werden müßte, damit sie wieder die Augen
öffnet und ihn ansieht. Und dann sagt er ganz leise, während die Stimme
bei einzelnen Silben den Ton versagt:
»Manchmal ist die erste Liebe die richtige, und man weiß es nicht.«
»Ja«, erwidert sie, ohne die Augen zu öffnen. Sie hat sich gegen das
rauhe Holz der breiten Bank zurückgelehnt und reicht ihm ihre Hand hin.
Er sitzt in einigem Abstand neben ihr, sie braucht nicht nach ihm zu
tasten, er greift sofort mit beiden Händen zu.
Als sie seine brennenden Lippen auf ihren kühlen Fingern spürt, öffnet
sie die Augen und blickt auf den herabgeneigten Kopf mit dem knabenhaft
schlanken Nacken. Sie hat sich hochgerichtet und sitzt einen Augenblick
mit steifem Rücken da, während sie ihm die Hand zart zu entziehen
sucht. Er gibt sie frei, aber sein Kopf sinkt auf ihre Knie herab, und
sie spürt den heißen Atem durch den Stoff ihres Kleides.
Da fährt sie mit kurzen, zarten Bewegungen über sein volles Haar,
und wie er das Gesicht zu ihr aufhebt, strahlt sie ihn mit ihrem
mütterlich-sanften Lächeln an, dem Joachim Becker schmerzlich nachsann,
als sie ihm verloren war.
Für Alfred Bernhard sind die sechs Jahre ausgelöscht, er ist wieder
so jung und stumm wie damals. Er weiß, daß es jetzt keiner Worte mehr
bedarf.