Das Fieber

Adelheid vernimmt die besorgt fragende Stimme der Fürsorgeschwester.

Aus weiter Ferne treffen sie gedämpfte Laute: Wasserrauschen,

Stuhlrücken, die leisen Anordnungen des Kapitäns; Fragen, deren Sinn

sie nicht erfaßt.

Jemand sagt: »Aber sie hat doch die Augen geöffnet.« Da läßt sie die

Lider sinken, wie man im Halbschlaf zu neuer Ruhe sich bereitet, wenn

Stille und Finsternis der Nacht in das Unterbewußtsein drangen.

Das Surren eines Motors, Stimmengewirr, Wagenrollen wecken sie

wiederum, sie fühlt harte Polster unter ihrem Rücken und wird doch wie

auf Wellen sanft bewegt. Heftiges Knattern, das vertraute Läuten einer

Straßenbahn lassen sie aufschrecken. Sie schnellt hoch und findet sich

sitzend im Auto, gegenüber dem Kapitän, der sie mit ausgestreckten

Armen hält und auf die Polster zurücklegt. Schwester Emmis Stimme ist

ganz nahe an ihrem Ohr. Dann verschwindet wiederum alles in der Stille

der Ohnmacht.

Zum drittenmal erwacht sie. Verhaltenes Schluchzen, eine ganz ruhige

Stimme umgeben sie. Weiche Kissen fallen auf ihre Glieder, und

wohltuende Wärme steigt auf. Sie vernimmt die Stimme der Mutter und ihr

Weinen.

Sie will rufen, aber sie hat keinen Ton in der Kehle, sie will sich

aufrichten, aber sie ist gebannt wie in spukhaften Träumen, da

Verfolgung und Angst lähmend den Körper hemmen.

»Es ist eine einfache Operation, gnädige Frau«, hört sie wieder

erschreckend laut. Noch einmal versucht sie, sich zu stemmen, den

Schleier über ihrem Bewußtsein zu zerreißen. Aufzuspringen --

Stöhnen der Mutter und jetzt tonlos, leise der Vater: »Sie sind sicher,

daß der Schrecken es unterbrochen hat und daß eine Operation nötig

ist?«

Sie hat jedes Wort verstanden, sie erfaßt den Sinn und liegt dennoch

ausgestreckt, hilflos; hat keinen Ton, keine Bewegung. Sie wartet auf

die Fortsetzung des Gespräches. War nicht eine Frage gestellt? Doch es

folgt keine Antwort.

Dröhnend kehrt abermals kurzes Bewußtsein zurück.

»Noch heute. Ich habe den Krankenwagen schon bestellt.« Wieder der

ruhige laute Klang inmitten des Brausens in ihren Ohren.

»Sie hat die Augen geöffnet«, sagt eine vertraute Stimme.

»Mutter --« Sie sieht sekundenlang das schmerzverzerrte, besorgte

Gesicht der Mutter; groß, blaß, mit wirren Haaren Da fühlt sie ihren

Körper hart in die Kissen fallen, und alles ist ausgelöscht.

Dann rollen Räder, ein Motor singt, rhythmisch surrend.

»Ach Sonne und die grünen Blätter«, flüstert die Kranke erwachend.

»Ja, mein Kind, es ist Sommer!«

Sie blickt sich um und ist ganz wach. Weiße Wände umgeben sie, ein

Fenster leuchtet oben an der niedrigen Wand. Bäume, in lauten Straßen

gerade aufgerichtet, eilen vorbei.

»Wohin fahren wir?«

»In die Klinik, mein Kind.«

»Ist das ein Krankenwagen?«

»Ja.«

»Es ist schön mit der Sonne draußen und den Bäumen.«

»Erkennst du mich, Adelheid?«

»Ja, Mutter.«

»Wir sind da«, hört sie eine fremde Stimme. Krankenschwestern beugen

sich zu ihr herab. Sie fühlt sich hochgehoben, durch die warme Luft

einer hellen Straße getragen.

Ganz deutlich verfolgt sie nun den Weg durch die dämmrige Kühle des

Flurs. Türen werden geöffnet, ein Fahrstuhl bewegt sich aufwärts. Es

ist schön, still zu liegen, ohne Gefühl, ohne Gedanken. Nur die Augen

sehen, die Ohren hören.

»Wie kühl sind die Betten, Mutter«, sagt sie, behaglich ausgestreckt,

ohne Wunsch und Willen.

Der Arzt beklopft ihre Wangen mit väterlicher Geste.

»Na also«, vernimmt sie seine gesunde kräftige Stimme. »Wir wollen ihr

bis morgen früh Ruhe lassen. Merken Sie vor, Schwester, als erste.«

Dann versinkt sie in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Sie erwacht von aufsteigender Kälte in ihren Gliedern. Nacht umgibt

sie: Finsternis und Stille. Sie schließt die Augen und versinkt von

neuem in Halbschlaf, indes das nervöse Frösteln sich unaufhaltsam

ausbreitet, bis im heftigen Schüttelfrost ihre Lippen zittern, die

Zähne aufeinanderschlagen.

Ihre Finger sind ohne Gefühl, wie vereist. Sie tastet zur Seite, als

suche sie Wärme, Beistand und stößt hart gegen die gestrichene Wand.

Plötzlich weiß sie, daß sie allein im kahlen Zimmer eines Krankenhauses

liegt. Sie entsinnt sich, daß ihre Tochter tot ist und daß man ihr

morgen früh das zweite Kind nehmen wird. Vielleicht ist es der von

ihnen beiden so sehnsüchtig erwartete Sohn. Nun ist er in ihr gestorben

und breitet die Eiseskälte in ihrem kranken Körper aus.

Sie schreit laut auf, ihre Stimme hallt von den kahlen Wänden wider und

kommt kläglich, leer zu ihr zurück.

Helles Licht blendet ihre weit aufgerissenen Augen. Eine Schwester

betastet sie, fühlt ihren Puls.

»Ich gebe Ihnen etwas Heißes zu trinken, gnädige Frau. Dann werden Sie

wieder warm.«

Die klare, gesunde Stimme, die körperliche Nähe eines aufrechtstehenden

und schreitenden Menschen, das harte Licht über Stuhl, Tisch und Wänden

schrecken den gräßlichen Nachtspuk zurück. Die Kranke sieht sich wieder

als sorgsam betreute Patientin. Der Arzt vom Nachtdienst erscheint und

blickt ihr in das tränenüberströmte Gesicht. Er stellt ohne Staunen

fest, daß leichtes Fieber eingesetzt habe.

»Sie sollen sehen, wie Ihnen der heiße Tee gut tun wird«, sagt er

leise, mit sonorem Klang. Sein Gesicht ist jung, von straffer Haut

überspannt. Die Brauen sind wie ein gerader Strich über schmalen

dunklen Augen. Sie erinnern Adelheid an ihren Mann.

So glatt war damals seine Stirn, als noch niemand ihre Liebe erriet, so

strahlend und dunkel blickten seine Augen, von den Lidern bis zu einem

Spalt verdeckt, wenn er sie lächelnd grüßte; sie, die Tochter seines

Chefs, die seine Nähe suchte.

Die Schwester stützt ihren Kopf, und sie schluckt gierig den heißen

Trank, den sie brennend durch den erkalteten Körper strömen fühlt.

Sie fällt in die Kissen zurück, der Arzt lächelt ihr abschiednehmend

zu, die Tür klappt leise. Sie blickt erschreckt auf. Gedämpftes Licht

ist im Raum, die Schwester sitzt still neben der verhüllten Lampe mit

einem Buch auf den Knien.

»Sie müssen versuchen, zu schlafen, gnädige Frau«, ruft die Schwester

aufmerksam herüber.

Ihr Kopf glüht; prickelnd beginnen ihre Glieder zu brennen, wie in

erster Wärme nach abtötendem Frost.

Eine Erinnerung steigt auf: sie liegt frierend im Hotelzimmer und

fühlt gleichfalls mählich leichtes Fieber im erstarrten Körper sich

ausbreiten ...

In Arosa war es, in jenem schneereichen Januar, da sie und Joachim

Becker ihre erste gemeinsame Reise unternahmen, ihre Hochzeitsreise.

Lachend, in munteren Gesprächen promenierten die sorglosen,

lebensfrohen Menschen vor den großen Hotels. Der Schnee knirschte unter

ihren Schritten, er leuchtete ringsum; über den Dächern im Tal und mit

blauem Schimmer von den Bergen. Die Sonnenstrahlen fielen wärmend durch

die klare Luft. Bobsleighs sausten lautlos in der Ferne zu Tal.

Junge Mädchen in bunten Jacken, ihre Begleiter mit rotbraunen

Gesichtern über weißen Sweatern zogen die Rodelschlitten hinter sich

her, hatten die Skier geschultert und eilten zu den Sportplätzen.

Kunstläufer schleiften ihre schwungvollen Bogen über das spiegelnde

Eis.

Hier hatte Adelheid Friemann einst mit ihren Eltern still beobachtend

gestanden und davon geträumt, wie sie mitleben, mitjagen würde auf den

weißen Bahnen, unter lauten jubelnden Schreien, wenn auch sie einen

Begleiter an der Seite hätte. Groß mußte er sein, schön, energisch.

Damals schon hatte sie an den Prokuristen ihres Vaters gedacht, den sie

nicht vergessen konnte, seitdem sie ihn einmal auf dem langen Korridor

im ernsten Geschäftshaus hatte vorbeieilen sehen.

Und dann stand sie an derselben Rodelbahn, Joachim Becker an ihrer

Seite. Ihr Mädchentraum, ihr sehnlicher Wunsch war erfüllt. Aber sie

waren wieder nur stille Beobachter. Keine überschäumende Lebensfreude

trieb sie an. Joachim Becker sah mit spöttischen Blicken in das

Getriebe und dachte an seine Arbeit.

»Wollen wir uns nicht auch einen Schlitten nehmen?« hatte sie

schüchtern, mit verhaltener mädchenhafter Freude am Spiel gefragt.

»Nein,« hatte er fast brüsk erwidert, »ich habe keine Neigung, mich mit

diesen Nichtstuern herumzutollen.«

Sie mußte zugeben, daß er zu ernst, zu bedeutsam für diese kindischen

Spiele war. Ihre Liebe stellte sich willig auf seine Gedankengänge ein,

und sie begann, die flirtende Jugend gleichfalls mit Überlegenheit zu

kritisieren. Aber sie fühlte sich einsam und nicht mehr jung.

Ihr Mann bekam seine Arbeit nachgesandt. Täglich war sein erster Gang

zum Postempfang. Er nahm die dicken Briefe mit den Plänen und den

Offerten für den Hafenbau und ging in sein Zimmer. Sie stellte sich

indessen ans Fenster und sah auf die sorglose fröhliche Jugend herab.

Die lauten Stimmen, die harten Schritte der Sportschuhe in den

Korridoren störten den jungen Direktor in seiner Arbeit. Er wurde

nervös und reizbar.

»Wollen wir uns nicht auch Skier geben lassen und Ausflüge machen,

um dem Lärm zu entgehen?« fragte sie wieder, als er über die Störung

ungehalten war.

»Du weißt anscheinend nicht, daß ich in meinem Leben noch keine Zeit

hatte, mich mit diesem Sport abzugeben. Das ist etwas für diejenigen,

die in jungen Jahren genießen und nicht arbeiten«, hatte er, nicht ohne

Bitterkeit, geantwortet.

»Aber du könntest es doch jetzt lernen«, warf sie ein.

Wie, hier sollte er sich vor diesem Volk produzieren und sich auslachen

lassen? Sie glaube wohl selbst nicht daran, daß er dazu fähig wäre.

Auch das sah sie schließlich vollkommen ein.

Doch eines Tages hatte sie die drückende Stille und Enge ihres Zimmers

nicht länger ertragen. Die hellen Stimmen vor den Fenstern lockten;

sie galten nicht ihr. Sie hatte immer wieder die Briefe ihrer Mutter

gelesen, die Mitteilungen lebenslustiger Freundinnen, sie hatte

versucht, sich in Bücher zu versenken, indes ihr Mann im Nebenraum

nervös arbeitete und es nicht erwarten konnte, wieder zu Hause zu

sein, in seinem Hafenterrain, wo man die Häuser bereits abriß und die

Mehrzahl der Bäume fällte, um seinem Werke Platz zu machen.

Sie vernahm seine ruhelosen Schritte, sie wußte, welches Opfer er ihr

brachte, indem er die für die Hochzeitsreise festgelegte Zeit hier in

Ungeduld verlor.

Da war sie trotzig zu ihm hineingegangen. Sie hatte ihn auffordern

wollen, sie auf einem Spaziergang zu begleiten. Heftige Vorwürfe

sollten ihn für den Fall der Ablehnung treffen. Doch als sie ihn

mit soviel Ernst und Eifer in seine Arbeit vertieft sah, sagte sie

bescheiden:

»Du kannst mich wohl jetzt nicht begleiten?«

Und um seinen Kampf zwischen Pflicht und Wunsch zu beenden, war sie

allein hinausgegangen, zu den jungen, in Gemeinsamkeit fröhlichen

Menschen.

Sie ließ sich Schneeschuhe geben und eilte scheu durch die belebten

Promenaden zu den Abhängen.

Aber die große Stille hatte ihr nicht die gewünschte Harmonie gegeben.

Bitterkeit überfiel sie.

Mußte sich in solchen Stunden nicht Mißtrauen einschleichen? Der

Gedanke lag nicht fern, daß er sie nur ihres Geldes wegen genommen

hatte, weil sie ihn so hingegeben liebte. Sie konnte ihre Gefühle von

jeher schlecht verbergen.

Die Eltern hatten sie wohl warnend darauf aufmerksam gemacht, daß

diese Möglichkeit gegeben wäre. Sie verschwiegen ihr auch nicht, daß

er Beziehungen zu einer anderen, gleichfalls vermögenden jungen Dame

unterhielt.

Nahm er denn ihren Reichtum in Anspruch? Nein, er ging in seinen alten

Kleidern umher, die er schon trug, als sie ihn kennenlernte. Gewiß,

sie waren nicht schlecht. Doch er hätte sich diesem internationalen

Publikum anpassen können, damit er nicht aus dem Rahmen fiel. Er blieb

bescheiden in seinen Ansprüchen. Er sehnte sich von diesem Platz der

Begüterten fort. Die Table d'hote störte ihn, der ganze Reichtum war

ihm offensichtlich lästig. Er war der Mann der Arbeit geblieben.

Es ließ ihn auch gleichgültig, daß die Frauen ihm oft und lange

nachsahen. Nur Adelheid haben diese Blicke stets in ungewöhnlichem Maße

bewegt, obgleich ihr Anteil an Joachim Becker dadurch weder größer noch

geringer wurde. Sie ließen ihre Liebe sehnsüchtiger und schmerzlicher

aufflammen.

So hatte sie sich in ihren Gedanken verloren, während sie die Anhöhen

erklomm und von den schrägen Flächen herabglitt. Die Sonne senkte sich

plötzlich. Die Berge in der Ferne verschwammen. Erste Lichter flammten

auf. Ihre Füße wurden müde und schwer. Kaum konnte sie noch die Höhe

erklettern, und dann glaubte sie, die Richtung zu verlieren.

Sie schnallte die Schneeschuhe ab, als sie endlich auf einen

ausgetretenen Weg gelangte, denn sie vermochte diese Last nicht mehr

zu heben. Den Versuch, sie auf der Schulter zu tragen, gab sie bald

auf. Sie warf sie in den Schnee. Ihre Beine waren nun befreit, aber wie

abgestorben. Sie begann zu frösteln, die Zähne schlugen aufeinander --

wie in dieser Nacht, da die Erinnerungen wieder lebendig werden.

Wie jetzt die Wärme in ihrem Körper sich brennend ausbreitet, das Blut

in die Schläfen drängt und ihre Mundhöhle ausdörrt, so hatte sie damals

im fremden Hotelzimmer gelegen, am Anfang ihrer Ehe, als die große

Einsamkeit begann.

Ihre Gedanken arbeiten unablässig weiter. Sie liegt mit geschlossenen

Augen da, die Glieder gerade ausgestreckt, die Arme eng an den Körper

gepreßt. Die Kissen lasten wie ungeheure luftgefüllte Volumen dennoch

schwer auf ihr, so daß sie sich nicht zu bewegen vermag. Sie sinkt

immer tiefer und schwerer hinab und glaubt, die Matratze müsse unter

ihrer Last brechen.

Sturzbachgleich fallen die Erinnerungen in ihr fieberndes Hirn. Alle

einsamen Stunden rotten sich zusammen, sie gewinnen phantastische

Formen, sie werden gleichsam körperlich und klagen den großen

Schuldigen an: den Hafen!

Der Hafen mit seinen bleckenden kalten Wasserspiegeln und mit dem

grausamen schwarzen Kran! Seine Eisenarme wachsen ins Unermeßliche, sie

recken sich ihr entgegen.

Sie haben ihr Joachim Becker genommen, sie haben ihr die Tochter

entrissen, sie verlangen nach dem zweiten Kinde, das sie tot in ihrem

kranken Körper birgt.

Sie schreit wiederum laut auf und fühlt, wie ihr eigener Ruf sie in

ihrer Glut fröstelnd erstarren läßt. Fahles Morgenlicht umgibt sie,

ihre Schultern werden sanft hochgehoben. Der Rand eines Glases ist vor

ihren Lippen. Sie schlürft eine bittere Flüssigkeit langsam herab und

blickt in das graue übernächtige Gesicht der Krankenschwester.

»Der Hafen«, flüstert sie entsetzt und liegt wieder ausgestreckt, allen

Schrecknissen neuer Fieberphantasien preisgegeben.

Aber mählich beruhigt sich ihr krankes Blut, und sekundenlang erhellt

vollkommene Klarheit ihren verwirrten Geist. Als eine große heilsame

Erkenntnis steht es vor ihr: »Der Hafen allein ist schuld!«

Damit dieser Riesenbottich der großen Stadt zum Leben erwache, nahm

Joachim Becker ihre Liebe an, stürzte er sie und sich selbst in

Einsamkeit und Qual.

Nun, da der Hafen mit allen seinen Schiffen und Kränen atmet und sich

rührt, hebt er seine Arme, seine unheimlichen schwarzen Kranarme, um

sie alle zu zermalmen.

Sie weiß, daß die Vision zerrinnt, wenn sie die Augen öffnet, doch sie

ist nicht mehr imstande, die Lider zu heben. Lähmendes Gift schleicht

durch ihren Körper und versenkt sie in einen kurzen betäubenden Schlaf.

Schmerzhaft grell, von Licht umstrahlt, fühlt sie sich, wieder

erwachend, hochgehoben und auf ein hartes Lager gebettet. Sie vernimmt

das elastische Rollen von Rädern, sieht lange weiße Korridore und

erkennt, daß sie nun in den Operationssaal gefahren wird. Sie kann sich

nicht wehren, das Gift hat ihre Glieder gelähmt. Sie ist hilflos und

ohne Willen.

Der Laut vielfacher Stimmen, das Klirren der Instrumente,

Wasserrauschen hallt hart von den kühlen Wänden zurück und dringt in

den Rhythmus ihres Blutes. Sie schmeckt das bittersüße und kühlende

Narkotikum und sinkt immer tiefer in ein dunkel brausendes Chaos

hinein.

»Zählen Sie!« vernimmt sie eine Stimme hart und nah.

Sie vermag den Mund nicht zu öffnen. Aber immer geräumiger wird

mit jedem tiefen Atemzuge die unwirkliche Welt. Da beginnt mit

leuchtenden Farben und leichten Melodien fernste Vergangenheit vor ihr

aufzuklaffen: sie selbst, Adelheid Friemann im duftigen Tüllkleid, ganz

jung und ohne Schwere, schwebt in fließenden Tänzen; Alfred Bernhard an

ihrer Seite, und Helene Uhl, die lachende Freundin, gleitet mit ihrem

Bruder Felix vorbei.

Von weit her, unendlich gezogen, als tropfen sie nur langsam in ihr

Bewußtsein, hört sie die Worte:

»Vorsichtig! Denken Sie an das schwache Herz der kleinen Frau -- Frau

-- Frau --«

Das Wort wird zum gedehnten Gesang, es nimmt kein Ende; die sphärischen

Melodien verströmen darin und brechen plötzlich klirrend ab. --

Adelheid Becker kehrt mählich, aus unsagbar süßem Schweben über

wehenden Luftwellen, in Bewußtheit und zu neuem Leben zurück.

Die Stimme der Mutter nimmt sie milde, heimatlich auf.

Sie öffnet die Augen.

Bleich, in Zartheit und Liebe verklärt, ist das Antlitz der Mutter vor

ihrem ersten Blick.

»Wir haben getanzt, Mutter. Helene Uhl war da, Alfred Bernhard und

Felix. Es war so schön.«

Sie spricht noch mühselig und langsam, ihre Stimme aber ist kindlich

hoch und hell.

Die Geräusche rücken immer näher zu ihr heran; sie fühlt die Lippen der

Mutter auf ihren Händen.

»Ist noch jemand hier?« fragt sie, als ahne sie die Nähe des Vaters und

ihres Mannes.

»Ja«, vernimmt sie Joachim Beckers Antwort.

Sie versucht sich aufzurichten, doch die Hände der Krankenschwester

drücken sie sanft in die Kissen zurück. Da erspäht sie aus halb

geöffneten Augen sein herabgeneigtes Gesicht. Prüfend, erstaunt gleitet

ihr Blick über die Falten auf seiner Stirn, zu der senkrechten Kerbe,

die wie eine Narbe tief zwischen die Brauen schneidet, und bleibt auf

den trüben, fast entzündeten Augen haften.

Ihre Lider fallen müde herab. Joachim Becker richtet sich schwankend

auf. Sie hat kein Wort für ihn.

Dann fühlt sie den Druck einer breiten weichen Hand auf ihrer Stirn.

Vertraute Wärme dringt in ihre Haut ein. Der Atem des Vaters streift

ihr Gesicht.

Sie öffnet die Augen und lächelt ihm zu.

Joachim Becker ist so vermessen oder so trostbedürftig, daß er sich in

dieser Stunde auch nach einem Lächeln Adelheids sehnt. Er stellt sich

noch einmal neben ihr Bett und küßt ihre Hand. Da schließt sie wieder

die Augen und flüstert, von Grauen erfaßt:

»Der Hafen! Nun weiß ich es: der Hafen ist schuld.«

Und weil sie immer wieder bei seinem Anblick erregt wird, muß man ihren

Mann bitten, ihr in der nächsten Zeit fernzubleiben, zumal noch die

Nachricht vom Tode Felix Friemanns ihr bevorsteht.

Zwei Wochen später kann sie bereits in die Wohnung ihrer Eltern

übergeführt werden. Notlügen von einer Reise des Bruders lassen sich

nicht länger fortsetzen, aber man braucht ihr auch die Wahrheit

nicht zu sagen, denn im Hause ihrer Eltern, in dieser Heimstätte

unversiegbarer Liebe und engsten Zusammenhalts, teilt sich die

Schrecknis vom Tode des einen wie in mystischer Verbundenheit dem Blute

des anderen mit.

Und Adelheid findet, in das leere Haus ihrer Kindheit zurückgekehrt,

die ersten Tränen seit dem Tode ihrer Tochter.

Der Hafen(#75396) · 第 43 / 46 题