Aber der Kapitän sagt: »Sehr schön, sehr schön.«

Und dann läuft er im Zimmer umher, immer auf und ab, mit seinen

gespreizten steifen Beinen und erzählt auch etwas -- von einem

Professor und einem wissenschaftlichen Institut, von klinischen

Untersuchungen und chirurgischen Eingriffen, von Lehrschwestern und

so weiter. Die Schwester versteht nur die Hälfte davon, und sie weiß

nicht, wohin das alles führen soll.

Schließlich hört sie überhaupt nicht mehr hin. Sie sieht den Kapitän

scheinbar andächtig und aufmerksam an und hat dabei ihre eigenen

Gedanken. Ob dieser Mann, der hier so ledern und langweilig etwas von

Gott und der Welt erzählt, ob er wohl schon einmal verheiratet war?

Sie hat so ein Gefühl dafür, sie kann es nicht erklären, ihr Instinkt

sagt ihr, daß dieser Kapitän mit den schmalen steifen Gliedern und

den langen dunkelbehaarten Händen kein echter Junggeselle sei. Nun --

wenn ihm eine Frau etwa davongelaufen sein sollte, so kann sie das

vollkommen verstehen. Während sie seine glatt und glänzend gebürsteten

dünnen Haare betrachtet, muß sie an Herrn Gregors vollen schwarzen

Schopf denken, und der Vergleich fällt nicht zu des Kapitäns Gunsten

aus. Da ist ihr doch ein weiches gepudertes Gesicht noch lieber als

dieser kantige Kopf mit der gebräunten trockenen Haut.

Endlich scheint der Kapitän mit seiner Rede fertig zu sein. Schwester

Emmi warf einige Male ein »Ja« und »Gewiß« dazwischen, aber sie hat

sich dabei nur nach dem Tonfall seiner Stimme gerichtet. Jetzt kann sie

endlich wieder einen Satz dem Sinne nach erfassen, es ist, als wäre der

Kapitän damit zu ihrer Muttersprache zurückgekehrt. Er sagt:

»Der Herr Generaldirektor erzählt mir, daß Sie Ihre Sache bisher sehr

gut gemacht haben. Also lassen wir zunächst alles beim alten.«

Großer Gott, dann ist es ja überstanden! Schwester Emmi atmet

erleichtert auf und erhebt sich. Sie hat in ihrer Freude das Wörtchen

»zunächst« ganz überhört.

Der Kapitän drückt ihr fast schmerzhaft die Hand und begleitet sie zur

Tür. Er selbst geht in seine Wohnung hinauf.

Schwester Emmi blickt geblendet in die Helle des milden Sommerabends.

Schiffer Jensen und Karle Töndern sitzen vor ihren Selterflaschen neben

der Veranda. Sie grüßen die Schwester mit einem Griff an die Mützen und

mit einem recht vertraulichen Zwinkern. Ja, ja, blitzen die listigen

Augen, die jungen Mädchen werden nach sieben Uhr empfangen.

Schwester Emmi sieht an der Hafenuhr, daß sie länger als eine halbe

Stunde beim Kapitän war. Ihr Herz ist so angefüllt, daß sie es

irgendwo ausschütten muß. Für dieses Geschenk ist am besten Irmgard

Pohl geeignet; die hört sich alles schweigend an, ohne gleich von sich

selbst zu sprechen -- wie Frau Reiche oder Herr Gregor --, und dann

findet sie sogar noch einige ruhige Worte, die man mit nach Hause

nehmen kann. So geht sie wieder zum »feindlichen« Nachbarn hinüber.

Schiffer Jensen und Karle Töndern starren zu den Fenstern der

Kapitänswohnung hinauf, denn ihre Köpfe sind mit diesem Problem noch

nicht fertig geworden. Sie stammen beide von der Wasserkante, und da

dauert es immer eine Weile, bis sie etwas zu Ende gedacht haben.

Plötzlich senken sie ihre Blicke sehr interessiert auf ihre

Selterflaschen, denn oben -- an einem Fenster -- ist der Kapitän

erschienen.

Er hat nur das Fenster geschlossen. Das an diesem milden und schönen

Sommerabend!

Die beiden haben ihrer neugierigen Blicke wegen kein ganz reines

Gewissen, aber sie denken: Wir werden wohl hier sitzen dürfen!

Schließlich ist die Kantine doch für uns da!

Wie sie sich noch damit beschäftigen, vernehmen sie etwas Merkwürdiges:

langgezogene Töne, wie ferne Musik.

»Hörst du das auch?« fragt Karle Töndern.

»Ja, freilich hör' ich das«, sagt Schiffer Jensen etwas ungeduldig. Er

muß plötzlich an seine Frau denken, die immer noch im Krankenhaus liegt

und die nächste Fahrt wieder nicht mitmachen kann.

»Es ist eine Violine, mein' ich«, sagt Karle Töndern.

»Ja, das mag sein«, erwidert Schiffer Jensen. Ihm wird immer wehmütiger

ums Herz. Daran ist nur die verdammte traurige Musik schuld. Nun

liegt der Tom wieder allein in der Kabuse. Aber weggeben? Da soll die

Schwester sich nur ja keine Mühe machen. Diese blauen Augen, die in

Toms Gesicht stecken, gibt es nur noch einmal in der Welt, und die hat

Toms Mutter. Und wenn Schiffer Jensens Frau im Krankenhaus liegt, dann

muß Schiffer Jensens Tom immer auf dem Kahn bleiben, denn ohne diesen

blonden Schopf läßt sich der Kahn von keinem Schlepper ziehen. Das ist

so gewiß, wie Schiffer Jensen jetzt hier sitzt und mit dem Ärmel über

die Augen wischt.

»Und es kommt aus der Wohnung vom Kapitän«, sagt Karle Töndern.

»Hm«, macht Schiffer Jensen, denn nun bringt er keinen Ton mehr heraus.

Aber da sagt auch Karle Töndern nichts mehr, und sie sitzen und horchen

und sind ganz still.

Bis wieder ein Fenster geöffnet wird und der Kapitän nach einiger Zeit

unten in der Tür erscheint. Da stehen sie auf und ziehen ihre Mützen.

Der Kapitän nickt ihnen zu und geht mit seinem gespreizten steifen Gang

zum Hafenbecken und immer weiter bis zum Kanal hinunter.

Der Hafen(#75396) · 第 32 / 46 题