Am Nachmittag vor dem 1. August, dem Tage, der für den Einzug
des Kapitäns bestimmt ist, werden einige Möbel und Kisten am
Verwaltungsgebäude abgeladen. Wer gerade vorbeikommt, wirft einen Blick
darauf, und es sind nicht wenige, die zufällig diesen Weg nehmen.
Der größere Teil dieses Hauses ist noch von Gerüsten umgeben, aber
der linke Seitenflügel wird bereits überdacht, während der turmartige
Mittelbau und der rechte Flügel noch nicht die vierte Etage erreichen.
Der fast fertige linke Teil hat einen besonderen Eingang an der Seite
erhalten, direkt gegenüber der Hafenwirtschaft. Hier steht der Wagen,
und Frau Reiche kann von ihrem Fenster aus jedes einzelne Stück
betrachten.
»Es sind alles sehr einfache und alte Sachen«, sagt sie zu ihrem
Küchenmädchen. Sie beobachtet den kleinen dunklen Herrn, der mit
einem Verzeichnis in der Hand das Ausladen der Möbel verfolgt und mit
gespreizten Schritten hinaufrennt, um die Aufstellung zu überwachen.
Der leere Möbelwagen fährt davon; der kleine Herr schließt die Wohnung
ab und geht auch hinaus, ohne in der Hafenwirtschaft eingekehrt zu
sein, Frau Reiche ist sehr enttäuscht; sie hätte durch ihn gern einiges
über den Kapitän erfahren.
Nach der Ablösung bestellt der Tageswächter eine Flasche Malzbier bei
Frau Reiche.
Ehe er die Flasche ansetzt, um sie in einem Zuge auszutrinken, sagt er:
»Na, Frau Reiche, haben Sie den Kapitän gesehen?«
»Den Kapitän?« fragt sie erstaunt. »Nein, ist er hier gewesen?« Sie
kann es gar nicht erwarten, daß die Flasche leer wird und der Mann
weiterberichtet.
»Er hat doch hier vor der Tür gestanden beim Ausladen der Möbel.«
»Der Möbel?« fragt sie ungläubig. »Sie meinen doch nicht den kleinen
Mann mit der Liste?«
»Ob er eine Liste hatte, weiß ich nicht. Aber so ein kleiner dunkler
Herr ist es gewesen.«
»Nein, mein Lieber«, sagt sie entschieden. »Ein Kapitän ist das nicht
gewesen.«
»Aber er hat sich ausgewiesen. ›Kapitän v. Hollmann‹ hat auf der Karte
gestanden, vom Direktor Becker unterschrieben.«
»Dann war es eben ein Beauftragter von ihm«, stellt sie fest, nun ganz
sicher geworden.
»Na, das mag ja sein, aber wenn's richtig wäre, dürfte nur der Kapitän
selber die Karte haben.«
Wie leicht läßt sich der Mann von der Ansicht einer Frau, die etwas mit
Bestimmtheit zu sagen versteht, überzeugen! Der Wächter geht nun mit
der sicheren Meinung nach Haus, daß der Kapitän doch blaue Augen und
einen blauen Anzug hat.
Aber Herr Gregor muß am Abend bestätigen, daß der Kapitän ein kleiner
Herr mit steifen Beinen in einem grauen Anzug ist. Ja, ein schmales
brünettes Gesicht hat er und dunkle Haare auch, darin stimmt er in der
Beschreibung mit Frau Reiche überein, denn Herr Gregor sah ihn heute
früh im Stadtbureau.
»Das will ein Kapitän sein«, ruft Frau Reiche ein paarmal aus, und sie
holt sogar ihren Mann herbei, um ihm zu berichten, daß sie als erste
den Kapitän gesehen hat. So aufgeräumt und lustig ist sie lange nicht
gewesen wie an diesem Abend. Immer wieder deckt sie komische Seiten
dieses Mannes auf, der mit einer Liste in der Hand hinter seinen Möbeln
hergerannt war, und der ein Kapitän sein soll.
Sie wird vor Freude darüber so unvorsichtig, daß sie in Gegenwart ihres
Mannes Herrn Gregor auf die Schulter schlägt und mit einem zärtlichen
Blick ihrer feuchten Augen versichert:
»Na, dann habe ich keine Sorge mehr!« Mit dem Kapitän wollte sie fertig
werden!
Herr Gregor hat einen Zettel mitgebracht, der am Wächterhaus befestigt
wird. Darauf steht zu lesen, daß alle abkömmlichen Hafenbeamten
und -arbeiter sowie die Herren Bauleiter zu einer Besprechung am 1.
August um 11 Uhr vormittags von Generaldirektor Becker in den großen
Kantinenraum gebeten werden.
Wer seinen Platz verlassen kann, erscheint am nächsten Tage pünktlich
und guckt sich den neuen Hafendirektor an. Der junge Generaldirektor
stellt ihn mit einer kurzen Rede vor.
»Jeder, der Wünsche und Beschwerden hat, wird gebeten, sich an die
Hafendirektion zu wenden. Die oberste Leitung bleibt nach wie vor bei
der Generaldirektion in der Stadt.« Das sind seine letzten Worte.
Auch der Kapitän spricht -- mit einer zerbrochenen Stimme, als kämpfe
er gegen einen heftigen Sturm -- einiges zur eigenen Einführung. Er
hoffe und wolle und so weiter. Es ist nichts von Belang; die schweigend
abziehende Versammlung hat jedenfalls Neues daraus nicht entnommen.
Vor der Tür verweilen sie noch einen Augenblick und sehen einander an.
»Tja«, sagt wohl der eine oder andere.
»Nun, wir wollen erst einmal abwarten!« Damit scheint zunächst die Ruhe
und Ordnung im Hafen wiederhergestellt.
Joachim Becker ist dann mit dem Kapitän ins Verwaltungsgebäude
hinübergegangen, sie sind durch die leeren Bureauräume des
Erdgeschosses gewandert, die der Kapitän nun allmählich mit seinem
Personal beleben soll. An der Treppe zum oberen Stockwerk sagt der
Generaldirektor:
»Meine Frau kommt also heute nachmittag, um Ihnen in der Einrichtungs-
und Bedienungsfrage ein wenig zu raten. Sie wollte es sich nicht nehmen
lassen.«
»Das ist sehr liebenswürdig,« sagt der Kapitän, »das ist ganz reizend«,
und er reibt seine trocknen Hände, daß es raschelt.
»Ich habe Rechtsanwalt Bernhard gebeten, meine Frau zu begleiten.
Er ist ein Freund der Familie Friemann und kann Sie als unser
Rechtsbeistand gleichzeitig über einige juristische Fragen flüchtig
unterrichten.«
»Rechtsanwalt Bernhard«, wiederholt der Kapitän, um sich den Namen
einzuprägen. »Sehr schön, sehr schön!«
Sie gehen um die Schmalseite des fertigen Hafenbeckens herum, das
gerade vor dem Verwaltungsgebäude endet, und spazieren am Kai entlang.
Generaldirektor Becker, der soeben von einer Reise aus England
zurückgekehrt ist, zieht eine Pfeife aus der Tasche, stopft sie
geschickt mit einer Hand, während er die Linke in der Hosentasche
hält, und steckt sie in den Mundwinkel. Er sieht dabei fast wie ein
leibhaftiger Engländer aus.
»Ja«, sagt er, »die englischen Häfen. Davon können wir noch viel
lernen.«
Vor der Lagerhalle I bleiben sie stehen, um dem Lagerkontoristen einen
Besuch zu machen.
Herr Karcher springt beim Eintritt der beiden Herren von seinem Stuhl
auf, und siehe da: er ist nicht viel kleiner als der Kapitän.
Sie beratschlagen kurz, ob es besser sei, Herrn Karcher hierzulassen
oder in das Verwaltungsgebäude hinüberzunehmen, doch der Kapitän ist
dafür, daß alles beim alten bleibt.
Der Generaldirektor muß sich nun verabschieden und empfiehlt dem
Kapitän Herrn Karcher zur weiteren Führung. Aber der Kapitän will sich
selbst orientieren.
Er begleitet Joachim Becker vor die Tür und beginnt seinen Rundgang
beim Bodenmeister Ulrich in der Lagerhalle II.
Nun ist der große Augenblick für den weltgereisten Herrscher des
künftigen Getreidespeichers gekommen.
»Also Sie sind der Getreidefachmann«, sagt der Kapitän auf eine
diesbezügliche Bemerkung hin.
»Ja,« erwidert der Bodenmeister mit strammer Haltung, »im Hafen von
Rustschuk bin ich zehn Jahre tätig gewesen.«
»Ei sieh da, Rustschuk!« ruft der Kapitän gutgelaunt aus. »Da ist ein
hübsches Schloß. Und an neunundzwanzig Moscheen kann man sich mehrere
Tage lang nicht sattsehen. -- Rustschuk«, wiederholt er in freundlicher
Erinnerung, während er vorangeht und die Lagerwaren betrachtet.
Bodenmeister Ulrich folgt ihm stumm, betroffen. Vom großen Donauhafen
wollte er sprechen, von seinem technischen Wissen, aber die Moscheen
hat er nicht gezählt. Einsilbig erklärt er die Art der eingelagerten
Waren, und als der Kapitän die Halle verläßt, sieht er ihm
kopfschüttelnd nach.
Nun kommt die Lagerhalle mit den Ölen und Fetten an die Reihe, auch
das große Freilager an Kohlen und Schrott wird besichtigt, der Kapitän
sieht sich alles eingehend an und sagt:
»Sehr schön, sehr schön.«
Dann bleibt er noch eine Weile beim Lademeister stehen und unterhält
sich mit ihm. Zum Schluß sagt er:
»Ja, da will ich Sie also nicht länger von der Arbeit abhalten«, und
geht weiter.
Er stellt sich nicht hin und sieht den Leuten zu, bis sie unsichere
Hände bekommen. Er spricht sie an und plaudert mit ihnen.
Selbst mit dem kleinen flachsblonden Tom vom Schiffer Jensen will er
sich unterhalten. Der verschmitzte Bengel ist gerade der Schwester Emmi
davongelaufen, um zu seinem Pudel auf des Vaters Kahn zu flüchten.
»Na, was machst du denn hier?« fragt der Kapitän mit seiner heiseren
Stimme, lächelnd.
Das ist wohl nicht der richtige Verkehrston für Tom, denn er rennt
brüllend weiter. Es gelingt Schwester Emmi, ihn vor der Flucht auf
den Kahn zu erreichen, denn hier wird ausgeladen, und da hat ein
vierjähriger Bengel nichts zu schaffen.
»Warum ist er denn fortgelaufen?« fragt der Kapitän die Schwester.
»Er ist heute noch nicht gewaschen, denn seine Mutter liegt im
Krankenhaus. Wie ich mich umdrehte, um den Schwamm zu nehmen, rannte er
davon.«
Diese wilde Wasserratte, der Tom, auf dem Wasser geboren und immer dem
Wasser nahe, vor einem nassen Schwamm hat er Angst. Der Kapitän lacht.
»Sie gehören auch zum Hafen?« fragt er.
»Ja,« sagt Schwester Emmi, »ich bin die Fürsorgeschwester.«
»So, so, da haben Sie ja eine schöne Aufgabe. Vielleicht besuchen Sie
mich einmal heute nachmittag, damit wir uns darüber unterhalten
können.«
Schwester Emmi bekommt Herzklopfen. Natürlich kann man sich darüber
unterhalten, da gibt es viel zu berichten, aber warum nicht gleich,
warum erst nachmittags, so daß sie bis dahin vor Angst vergeht?
»Um welche Zeit, bitte?« fragt sie.
»Nun, so gegen sieben.«
Der Lademeister sieht einen Augenblick auf. Es geht ihn ja nichts an,
aber er denkt: bisher war hier im allgemeinen um vier Uhr Schluß für
diejenigen, die frühmorgens angetreten sind, und Schwester Emmi ist
immer mit den ersten auf den Beinen. Jedenfalls wollte er einmal mit
seiner Frau darüber sprechen, was das für eine Art sei, ein junges
Mädchen um sieben Uhr in die Wohnung zu bestellen, denn ein Bureau ist
noch nicht vorhanden.
Zwei Stunden später bereits hat der Kapitän mit der Generaldirektion
telephoniert und Möbel für zwei Bureaus angefordert, dazu eine
Sekretärin. Denn nun weiß er, was er im Hafen zu tun hat.
Als nachmittags um fünf Uhr Frau Generaldirektor Adelheid Becker mit
Rechtsanwalt Bernhard im Hafen vorfährt, wird sie bereits im neuen
Privatkontor des Hafendirektors empfangen. Ja, das ist schnelle Arbeit!
Frau Adelheid kann sich gar nicht fassen, so erstaunt ist sie über die
vielen Fortschritte im Hafen. Sie hat ihn seit der Geburt ihrer Tochter
nicht gesehen.
»So, ein Töchterchen?« fragt der Kapitän, mit einem Blick auf ihr
kindliches rundes Gesicht.
Sie errötet. »Ja,« sagt sie, »ich bin sehr glücklich darüber. Aber mein
Mann wollte eigentlich einen Sohn.«
»Es ist ein reizendes Kind«, meint Rechtsanwalt Bernhard. »Es hat ganz
und gar die Augen der Mutter.«
»Das sind die Friemannschen Augen,« sagt Frau Adelheid, »sie sehen bei
dem Kinde so traurig aus. Aber das verliert sich wohl.«
Rechtsanwalt Bernhard findet, daß Frau Adelheids Augen auch nicht
lustiger sind, ja sie dünken ihn sogar sehr traurig, und es wird
immer schlimmer damit. Als er die junge Frau abholte, waren die Lider
verdächtig gerötet, und Rechtsanwalt Bernhard gäbe viel darum, wenn er
das strahlende Lächeln der Adelheid Friemann aus der Tanzstundenzeit
nur ein einziges Mal wiedersehen könnte.
»Wissen Sie noch,« fragt er, um sie abzulenken, »als wir zum ersten
Spatenstich hier waren?«
»Ach ja«, ruft sie begeistert aus. »Das war hier alles ebene Erde mit
ein paar Bäumen. Und -- ach, was meinen Sie wohl, Herr Doktor, wo mag
das gewesen sein -- der Platz mit den Linden und den langen Tafeln, wo
wir nach der Feier gefrühstückt haben?«
Ihr Gesicht ist selig verklärt, während sie zum Fenster hinausspäht und
den Platz sucht, zu dem ihr Mann sie damals geführt hatte, als sie sich
so glücklich geborgen fühlte, nachdem sie vorher wie ein verirrtes Kind
war.
Rechtsanwalt Bernhard überlegt. Plötzlich sagt er sehr laut und selbst
überrascht:
»Ja, denken Sie, das war hier, genau hier, wo wir jetzt stehen. Man hat
das Verwaltungsgebäude auf diesen Platz gebaut. Ich weiß es bestimmt,
denn wir hatten den Blick auf den Kanal und die --«
Er stockt, denn er wollte sagen »die Mühle«, aber gerade in diesem
Augenblick will er Frau Adelheid nicht an die Nachbarn erinnern, über
deren Bedeutung sie sicher unterrichtet ist.
Darum sagt er weiter: »Und die lange Tafel, an der wir die belegten
Brote aßen, hat vielleicht gerade hier gestanden, einen Meter unter uns
auf der weichen Erde. Ich weiß noch, wie Sie mit Ihrem schmalen Absatz
fast eingesunken waren, so locker war die Erde.«
»Ja, wissen Sie das?« fragt sie gedankenlos. Es fällt ihr nicht einmal
auf, daß Rechtsanwalt Bernhard damals anscheinend gar zu genau ihre
Füße betrachtet hat, so erfüllt ist sie von dem beseligenden Gefühl,
auf diesem Platz zu stehen.
»Und später,« sagt sie dann, um sich endlich von der Erinnerung
loszureißen, »später war ich einmal hier, da habe ich nur Löcher
gesehen. Überall wurde die Erde aufgerissen, aber es war noch kein
Wasser im Hafenbecken, und noch nicht ~ein~ Gebäude wuchs heraus.
Seitdem bin ich, offen gestanden, nicht hier gewesen.«
Sie sprach die letzten Worte etwas leiser, als sei es ihr peinlich, das
eingestehen zu müssen.
»Dann darf ich hoffen,« sagt der Kapitän verbindlich, »daß Sie durch
mich heute einen willkommenen Anlaß zum Besuch fanden?«
»Ach ja«, erwidert sie, von neuem errötend. Sie fühlt sich so erkannt.
Der Kapitän bietet ihr eine Führung durch den Hafen an. Sie wehrt ab.
»Nein,« sagt sie, »dann wird man von den Menschen so angestarrt. Ich
kann es auch von hier sehen.«
Das Klingeln des Telephons befreit sie in diesem Augenblick aus
ihrer Verlegenheit, denn nun wird der Kapitän von ihr abgelenkt, und
Rechtsanwalt Bernhard ist ihr schon etwas vertrauter. Sie stellen sich
ans Fenster, während der Kapitän in den Apparat spricht.
Plötzlich hört Frau Adelheid ihn sagen: »Gewiß, Herr Kommerzienrat,
also morgen früh.«
»Ach -- Papa,« ruft sie aus und macht unwillkürlich mit erhobenem Arm
einen Schritt zum Telephon.
Der Kapitän hat sie verstanden und bittet den Kommerzienrat, einen
Augenblick zu warten.
Sie nimmt den Hörer.
»Ja, ich bin hier -- Papa -- Adelheid.« Sie sagt diese Worte mit
ganz kleiner schüchterner Stimme, wie ein Kind, das zum erstenmal
telephoniert.
Die beiden Herren sind höflich zur Seite getreten. Der Kapitän
erkundigt sich nach den Prozessen, der Rechtsanwalt ist jedoch dafür,
in dieser Angelegenheit an einem anderen Tage vorzusprechen.
»Ja -- ja,« sagt Frau Adelheid nun mit fast ersticktem Ton.
Rechtsanwalt Bernhard sieht plötzlich das vermißte reizende Lächeln auf
ihrem heißen Gesicht. Es hält noch an, als sie den Hörer hinlegt und
sagt: »Papa kommt sofort hierher.«
Dann setzt sie eine ernste hausfrauliche Miene auf und erwähnt den
eigentlichen Zweck ihres Besuches: dem Kapitän behilflich zu sein. Sie
fragt, ob er schon einen Tapezierer für seine Wohnung habe, und wie es
mit der Reinigung stehe.
Er dankt ihr sehr herzlich, die Vorhänge und Gardinen habe heute
nachmittag -- soeben, ehe sie erschien -- der Dekorateur befestigt, der
mit den Geschäftsmöbeln kam. Die Reinigung könne die Frau übernehmen,
die drüben im Lager das Kontor versehe.
»Ich dachte an eine Wirtschafterin, die man Ihnen besorgen könnte, des
Essens wegen«, sagt sie hilfsbereit.
Nein, das sei nicht nötig. Er würde in der Kantine essen.
»Ach, Sie sind ja ein sehr anspruchsloser und praktischer Junggeselle.«
»Ja, das wird man mit der Zeit«, sagt er; aber weil sie sehr enttäuscht
scheint, und damit sie den Zweck ihres Besuches nicht verfehlt habe,
meint er, daß er in anderen Fragen gern ihren Rat erbeten hätte, in
Geschmacksfragen bezüglich der Einrichtung. Ob er ihr die Wohnung
zeigen dürfe.
»Ach ja.« Sie ist sehr erleichtert, und nun gehen sie zu dritt in die
erste Etage.
Frau Adelheid gefällt alles sehr gut. Sie haben das Eßzimmer und das
Arbeitszimmer besichtigt. In den Schlafraum hat sie nur durch die
offene Tür einen scheuen Blick geworfen.
»Diese schönen alten Möbel,« sagt sie vor dem breiten
Mahagoni-Schreibtisch, »sie haben sicherlich einen großen Wert.«
»Das kann sein. Für mich sind es jedenfalls kostbare Erinnerungen. Sie
stammen noch von meiner Mutter.«
»Sie sind musikalisch?« fragt Rechtsanwalt Bernhard, mit einem Blick
auf den Geigenkasten.
»Ein wenig. Nur für den Hausgebrauch«, meint der Kapitän. Er geht sehr
schnell über das Thema hinweg und fragt Frau Adelheid, ob nach ihrer
Ansicht dieses Bild richtig hänge.
»Das Bild hängt sehr schön so, es wirkt sogar ganz ausgezeichnet an
dieser Stelle.« Nein, hier kann Frau Adelheid nichts verbessern. Sie
merkt, daß der Kapitän ihr nur gefällig sein wollte.
Zum Glück fährt in diesem Augenblick der Wagen des Kommerzienrats vor.
Sie entschuldigt sich bei dem Kapitän und eilt die Treppen hinab, um
ihren Vater zu begrüßen. Die beiden Herren folgen langsam. Rechtsanwalt
Bernhard möchte sich gern über die moderne Musik mit dem Kapitän
unterhalten; er sei sehr musikalisch. Aber der Kapitän spricht lieber
von etwas anderem.
Der Kommerzienrat ist ausgezeichneter Laune. Er hat sich in den Arm
seiner Tochter gehakt und schlägt eine gemeinsame Besichtigung des
Hafens vor. Nun hat Frau Adelheid keine Angst mehr, sie läßt sich
alles eingehend erklären, obgleich sie immer wieder eingestehen muß,
daß sie nicht viel davon begreift. Aber das Ganze macht auf sie einen
gewaltigen Eindruck.
Selbst dem Kommerzienrat imponieren die Fortschritte. Er spricht sich
lobend dem Kapitän gegenüber aus, der doch daran noch gar keinen Anteil
hat.
»Ja, und wenn mein Sohn seinen Doktor gemacht hat,« sagt er mit
väterlichem Stolz, »dann kann er bei Ihnen als Volontär eintreten, Herr
Kapitän.«
»Papa, er hat ihn noch nicht gemacht«, warnt Adelheid mit
abergläubischer Ängstlichkeit.
»Er ~wird~ ihn machen, mein Kind,« meint er lächelnd, »in zwei
Monaten haben wir ein Telegramm.«
Wenn er jetzt seine kleinen dicken Hände frei hätte, so würde er sie
vor Vergnügen ineinander legen, wie es zu Hause, im Familienkreis,
seine Art ist. Aber da er seine Tochter eingehakt hat, begnügt er sich
damit, ihren Arm ein wenig zu drücken. Er ist, weiß Gott, der beste und
dankbarste Vater, den man sich denken kann.
»Ihr Sohn ist Nationalökonom?« fragt der Kapitän, um auch etwas zu
sagen.
»Ja, erst hatte er sich zwar allzusehr für die schönen Künste
interessiert, wie das so in diesem Alter üblich ist, aber schließlich
wandte er sich doch einer gesünderen Kunst zu.«
Der Kommerzienrat lacht, und der Kapitän stimmt höflich ein.
»Heutzutage werden die jungen Leute mit den tiefgründigen
Kunstgesprächen geradezu aufgepäppelt, dafür haben sie es aber auch
schneller überwunden«, fügt der Kommerzienrat hinzu.
»Ja, das mag sein«, meint der Kapitän, er macht nicht den Eindruck, als
ob er in solchen Fragen kompetent sei.
Schließlich fährt der Kommerzienrat mit seiner Tochter nach Hause, und
Rechtsanwalt Bernhard, der dem Wagen lange nachblickt, kann nun dem
Kapitän über die juristischen Angelegenheiten berichten.
Pünktlich um sieben Uhr findet sich Schwester Emmi im Bureau des
Kapitäns ein.
»Also, bitte, setzen Sie sich, Fräulein -- wie war doch Ihr Name?«
»Schwester Emmi.«
»Also -- Schwester Emmi -- und erzählen Sie mir von Ihren Arbeiten. Wo
sind Sie ausgebildet worden?«
Schwester Emmi wird ganz zaghaft. Mein Gott, wann soll sie beginnen?
Bei ihrer Geburt? Wo sie ausgebildet wurde? Sie ist doch eigentlich
Säuglingsschwester. Aber das wird sie ihm nicht sagen. Sie wird seine
Frage einfach überhören. Über ihre Vergangenheit spricht sie nicht
gern. Von ihren Arbeiten im Hafen jedoch will sie erzählen. Natürlich
wird sie an einer ganz falschen Stelle anfangen, sie weiß es genau.
Doch da sie etwas sagen muß, so redet sie darauf los, kunterbunt
durcheinander. Sie zählt alles auf, was sie bisher getan hat; dabei
merkt sie erst, daß es, so einfach summiert, gar nicht bedeutend wirkt.
Im Gegenteil, es ist sogar sehr wenig. Sie versucht, die gequetschten
Finger und verstauchten Füße zu zählen, die herausgezogenen Holz-
und Eisensplitter werden nicht vergessen, und die verwundete Hand
des Maurers Johannes rechnet sie als fünf kranke Finger. Aber dann
ist sie am Ende, und sie hat das Gefühl, daß nun alles verloren
sei. In Gottes Namen! Und wenn sie wieder zurückgehen muß zu den
egoistisch-glücklichen jungen Müttern und den hungrigen Ehemännern, so
soll es ihr auch gleich sein. Diese Qual hält sie nicht länger aus.