Der Kapitän

Am Nachmittag vor dem 1. August, dem Tage, der für den Einzug

des Kapitäns bestimmt ist, werden einige Möbel und Kisten am

Verwaltungsgebäude abgeladen. Wer gerade vorbeikommt, wirft einen Blick

darauf, und es sind nicht wenige, die zufällig diesen Weg nehmen.

Der größere Teil dieses Hauses ist noch von Gerüsten umgeben, aber

der linke Seitenflügel wird bereits überdacht, während der turmartige

Mittelbau und der rechte Flügel noch nicht die vierte Etage erreichen.

Der fast fertige linke Teil hat einen besonderen Eingang an der Seite

erhalten, direkt gegenüber der Hafenwirtschaft. Hier steht der Wagen,

und Frau Reiche kann von ihrem Fenster aus jedes einzelne Stück

betrachten.

»Es sind alles sehr einfache und alte Sachen«, sagt sie zu ihrem

Küchenmädchen. Sie beobachtet den kleinen dunklen Herrn, der mit

einem Verzeichnis in der Hand das Ausladen der Möbel verfolgt und mit

gespreizten Schritten hinaufrennt, um die Aufstellung zu überwachen.

Der leere Möbelwagen fährt davon; der kleine Herr schließt die Wohnung

ab und geht auch hinaus, ohne in der Hafenwirtschaft eingekehrt zu

sein, Frau Reiche ist sehr enttäuscht; sie hätte durch ihn gern einiges

über den Kapitän erfahren.

Nach der Ablösung bestellt der Tageswächter eine Flasche Malzbier bei

Frau Reiche.

Ehe er die Flasche ansetzt, um sie in einem Zuge auszutrinken, sagt er:

»Na, Frau Reiche, haben Sie den Kapitän gesehen?«

»Den Kapitän?« fragt sie erstaunt. »Nein, ist er hier gewesen?« Sie

kann es gar nicht erwarten, daß die Flasche leer wird und der Mann

weiterberichtet.

»Er hat doch hier vor der Tür gestanden beim Ausladen der Möbel.«

»Der Möbel?« fragt sie ungläubig. »Sie meinen doch nicht den kleinen

Mann mit der Liste?«

»Ob er eine Liste hatte, weiß ich nicht. Aber so ein kleiner dunkler

Herr ist es gewesen.«

»Nein, mein Lieber«, sagt sie entschieden. »Ein Kapitän ist das nicht

gewesen.«

»Aber er hat sich ausgewiesen. ›Kapitän v. Hollmann‹ hat auf der Karte

gestanden, vom Direktor Becker unterschrieben.«

»Dann war es eben ein Beauftragter von ihm«, stellt sie fest, nun ganz

sicher geworden.

»Na, das mag ja sein, aber wenn's richtig wäre, dürfte nur der Kapitän

selber die Karte haben.«

Wie leicht läßt sich der Mann von der Ansicht einer Frau, die etwas mit

Bestimmtheit zu sagen versteht, überzeugen! Der Wächter geht nun mit

der sicheren Meinung nach Haus, daß der Kapitän doch blaue Augen und

einen blauen Anzug hat.

Aber Herr Gregor muß am Abend bestätigen, daß der Kapitän ein kleiner

Herr mit steifen Beinen in einem grauen Anzug ist. Ja, ein schmales

brünettes Gesicht hat er und dunkle Haare auch, darin stimmt er in der

Beschreibung mit Frau Reiche überein, denn Herr Gregor sah ihn heute

früh im Stadtbureau.

»Das will ein Kapitän sein«, ruft Frau Reiche ein paarmal aus, und sie

holt sogar ihren Mann herbei, um ihm zu berichten, daß sie als erste

den Kapitän gesehen hat. So aufgeräumt und lustig ist sie lange nicht

gewesen wie an diesem Abend. Immer wieder deckt sie komische Seiten

dieses Mannes auf, der mit einer Liste in der Hand hinter seinen Möbeln

hergerannt war, und der ein Kapitän sein soll.

Sie wird vor Freude darüber so unvorsichtig, daß sie in Gegenwart ihres

Mannes Herrn Gregor auf die Schulter schlägt und mit einem zärtlichen

Blick ihrer feuchten Augen versichert:

»Na, dann habe ich keine Sorge mehr!« Mit dem Kapitän wollte sie fertig

werden!

Herr Gregor hat einen Zettel mitgebracht, der am Wächterhaus befestigt

wird. Darauf steht zu lesen, daß alle abkömmlichen Hafenbeamten

und -arbeiter sowie die Herren Bauleiter zu einer Besprechung am 1.

August um 11 Uhr vormittags von Generaldirektor Becker in den großen

Kantinenraum gebeten werden.

Wer seinen Platz verlassen kann, erscheint am nächsten Tage pünktlich

und guckt sich den neuen Hafendirektor an. Der junge Generaldirektor

stellt ihn mit einer kurzen Rede vor.

»Jeder, der Wünsche und Beschwerden hat, wird gebeten, sich an die

Hafendirektion zu wenden. Die oberste Leitung bleibt nach wie vor bei

der Generaldirektion in der Stadt.« Das sind seine letzten Worte.

Auch der Kapitän spricht -- mit einer zerbrochenen Stimme, als kämpfe

er gegen einen heftigen Sturm -- einiges zur eigenen Einführung. Er

hoffe und wolle und so weiter. Es ist nichts von Belang; die schweigend

abziehende Versammlung hat jedenfalls Neues daraus nicht entnommen.

Vor der Tür verweilen sie noch einen Augenblick und sehen einander an.

»Tja«, sagt wohl der eine oder andere.

»Nun, wir wollen erst einmal abwarten!« Damit scheint zunächst die Ruhe

und Ordnung im Hafen wiederhergestellt.

Joachim Becker ist dann mit dem Kapitän ins Verwaltungsgebäude

hinübergegangen, sie sind durch die leeren Bureauräume des

Erdgeschosses gewandert, die der Kapitän nun allmählich mit seinem

Personal beleben soll. An der Treppe zum oberen Stockwerk sagt der

Generaldirektor:

»Meine Frau kommt also heute nachmittag, um Ihnen in der Einrichtungs-

und Bedienungsfrage ein wenig zu raten. Sie wollte es sich nicht nehmen

lassen.«

»Das ist sehr liebenswürdig,« sagt der Kapitän, »das ist ganz reizend«,

und er reibt seine trocknen Hände, daß es raschelt.

»Ich habe Rechtsanwalt Bernhard gebeten, meine Frau zu begleiten.

Er ist ein Freund der Familie Friemann und kann Sie als unser

Rechtsbeistand gleichzeitig über einige juristische Fragen flüchtig

unterrichten.«

»Rechtsanwalt Bernhard«, wiederholt der Kapitän, um sich den Namen

einzuprägen. »Sehr schön, sehr schön!«

Sie gehen um die Schmalseite des fertigen Hafenbeckens herum, das

gerade vor dem Verwaltungsgebäude endet, und spazieren am Kai entlang.

Generaldirektor Becker, der soeben von einer Reise aus England

zurückgekehrt ist, zieht eine Pfeife aus der Tasche, stopft sie

geschickt mit einer Hand, während er die Linke in der Hosentasche

hält, und steckt sie in den Mundwinkel. Er sieht dabei fast wie ein

leibhaftiger Engländer aus.

»Ja«, sagt er, »die englischen Häfen. Davon können wir noch viel

lernen.«

Vor der Lagerhalle I bleiben sie stehen, um dem Lagerkontoristen einen

Besuch zu machen.

Herr Karcher springt beim Eintritt der beiden Herren von seinem Stuhl

auf, und siehe da: er ist nicht viel kleiner als der Kapitän.

Sie beratschlagen kurz, ob es besser sei, Herrn Karcher hierzulassen

oder in das Verwaltungsgebäude hinüberzunehmen, doch der Kapitän ist

dafür, daß alles beim alten bleibt.

Der Generaldirektor muß sich nun verabschieden und empfiehlt dem

Kapitän Herrn Karcher zur weiteren Führung. Aber der Kapitän will sich

selbst orientieren.

Er begleitet Joachim Becker vor die Tür und beginnt seinen Rundgang

beim Bodenmeister Ulrich in der Lagerhalle II.

Nun ist der große Augenblick für den weltgereisten Herrscher des

künftigen Getreidespeichers gekommen.

»Also Sie sind der Getreidefachmann«, sagt der Kapitän auf eine

diesbezügliche Bemerkung hin.

»Ja,« erwidert der Bodenmeister mit strammer Haltung, »im Hafen von

Rustschuk bin ich zehn Jahre tätig gewesen.«

»Ei sieh da, Rustschuk!« ruft der Kapitän gutgelaunt aus. »Da ist ein

hübsches Schloß. Und an neunundzwanzig Moscheen kann man sich mehrere

Tage lang nicht sattsehen. -- Rustschuk«, wiederholt er in freundlicher

Erinnerung, während er vorangeht und die Lagerwaren betrachtet.

Bodenmeister Ulrich folgt ihm stumm, betroffen. Vom großen Donauhafen

wollte er sprechen, von seinem technischen Wissen, aber die Moscheen

hat er nicht gezählt. Einsilbig erklärt er die Art der eingelagerten

Waren, und als der Kapitän die Halle verläßt, sieht er ihm

kopfschüttelnd nach.

Nun kommt die Lagerhalle mit den Ölen und Fetten an die Reihe, auch

das große Freilager an Kohlen und Schrott wird besichtigt, der Kapitän

sieht sich alles eingehend an und sagt:

»Sehr schön, sehr schön.«

Dann bleibt er noch eine Weile beim Lademeister stehen und unterhält

sich mit ihm. Zum Schluß sagt er:

»Ja, da will ich Sie also nicht länger von der Arbeit abhalten«, und

geht weiter.

Er stellt sich nicht hin und sieht den Leuten zu, bis sie unsichere

Hände bekommen. Er spricht sie an und plaudert mit ihnen.

Selbst mit dem kleinen flachsblonden Tom vom Schiffer Jensen will er

sich unterhalten. Der verschmitzte Bengel ist gerade der Schwester Emmi

davongelaufen, um zu seinem Pudel auf des Vaters Kahn zu flüchten.

»Na, was machst du denn hier?« fragt der Kapitän mit seiner heiseren

Stimme, lächelnd.

Das ist wohl nicht der richtige Verkehrston für Tom, denn er rennt

brüllend weiter. Es gelingt Schwester Emmi, ihn vor der Flucht auf

den Kahn zu erreichen, denn hier wird ausgeladen, und da hat ein

vierjähriger Bengel nichts zu schaffen.

»Warum ist er denn fortgelaufen?« fragt der Kapitän die Schwester.

»Er ist heute noch nicht gewaschen, denn seine Mutter liegt im

Krankenhaus. Wie ich mich umdrehte, um den Schwamm zu nehmen, rannte er

davon.«

Diese wilde Wasserratte, der Tom, auf dem Wasser geboren und immer dem

Wasser nahe, vor einem nassen Schwamm hat er Angst. Der Kapitän lacht.

»Sie gehören auch zum Hafen?« fragt er.

»Ja,« sagt Schwester Emmi, »ich bin die Fürsorgeschwester.«

»So, so, da haben Sie ja eine schöne Aufgabe. Vielleicht besuchen Sie

mich einmal heute nachmittag, damit wir uns darüber unterhalten

können.«

Schwester Emmi bekommt Herzklopfen. Natürlich kann man sich darüber

unterhalten, da gibt es viel zu berichten, aber warum nicht gleich,

warum erst nachmittags, so daß sie bis dahin vor Angst vergeht?

»Um welche Zeit, bitte?« fragt sie.

»Nun, so gegen sieben.«

Der Lademeister sieht einen Augenblick auf. Es geht ihn ja nichts an,

aber er denkt: bisher war hier im allgemeinen um vier Uhr Schluß für

diejenigen, die frühmorgens angetreten sind, und Schwester Emmi ist

immer mit den ersten auf den Beinen. Jedenfalls wollte er einmal mit

seiner Frau darüber sprechen, was das für eine Art sei, ein junges

Mädchen um sieben Uhr in die Wohnung zu bestellen, denn ein Bureau ist

noch nicht vorhanden.

Zwei Stunden später bereits hat der Kapitän mit der Generaldirektion

telephoniert und Möbel für zwei Bureaus angefordert, dazu eine

Sekretärin. Denn nun weiß er, was er im Hafen zu tun hat.

Als nachmittags um fünf Uhr Frau Generaldirektor Adelheid Becker mit

Rechtsanwalt Bernhard im Hafen vorfährt, wird sie bereits im neuen

Privatkontor des Hafendirektors empfangen. Ja, das ist schnelle Arbeit!

Frau Adelheid kann sich gar nicht fassen, so erstaunt ist sie über die

vielen Fortschritte im Hafen. Sie hat ihn seit der Geburt ihrer Tochter

nicht gesehen.

»So, ein Töchterchen?« fragt der Kapitän, mit einem Blick auf ihr

kindliches rundes Gesicht.

Sie errötet. »Ja,« sagt sie, »ich bin sehr glücklich darüber. Aber mein

Mann wollte eigentlich einen Sohn.«

»Es ist ein reizendes Kind«, meint Rechtsanwalt Bernhard. »Es hat ganz

und gar die Augen der Mutter.«

»Das sind die Friemannschen Augen,« sagt Frau Adelheid, »sie sehen bei

dem Kinde so traurig aus. Aber das verliert sich wohl.«

Rechtsanwalt Bernhard findet, daß Frau Adelheids Augen auch nicht

lustiger sind, ja sie dünken ihn sogar sehr traurig, und es wird

immer schlimmer damit. Als er die junge Frau abholte, waren die Lider

verdächtig gerötet, und Rechtsanwalt Bernhard gäbe viel darum, wenn er

das strahlende Lächeln der Adelheid Friemann aus der Tanzstundenzeit

nur ein einziges Mal wiedersehen könnte.

»Wissen Sie noch,« fragt er, um sie abzulenken, »als wir zum ersten

Spatenstich hier waren?«

»Ach ja«, ruft sie begeistert aus. »Das war hier alles ebene Erde mit

ein paar Bäumen. Und -- ach, was meinen Sie wohl, Herr Doktor, wo mag

das gewesen sein -- der Platz mit den Linden und den langen Tafeln, wo

wir nach der Feier gefrühstückt haben?«

Ihr Gesicht ist selig verklärt, während sie zum Fenster hinausspäht und

den Platz sucht, zu dem ihr Mann sie damals geführt hatte, als sie sich

so glücklich geborgen fühlte, nachdem sie vorher wie ein verirrtes Kind

war.

Rechtsanwalt Bernhard überlegt. Plötzlich sagt er sehr laut und selbst

überrascht:

»Ja, denken Sie, das war hier, genau hier, wo wir jetzt stehen. Man hat

das Verwaltungsgebäude auf diesen Platz gebaut. Ich weiß es bestimmt,

denn wir hatten den Blick auf den Kanal und die --«

Er stockt, denn er wollte sagen »die Mühle«, aber gerade in diesem

Augenblick will er Frau Adelheid nicht an die Nachbarn erinnern, über

deren Bedeutung sie sicher unterrichtet ist.

Darum sagt er weiter: »Und die lange Tafel, an der wir die belegten

Brote aßen, hat vielleicht gerade hier gestanden, einen Meter unter uns

auf der weichen Erde. Ich weiß noch, wie Sie mit Ihrem schmalen Absatz

fast eingesunken waren, so locker war die Erde.«

»Ja, wissen Sie das?« fragt sie gedankenlos. Es fällt ihr nicht einmal

auf, daß Rechtsanwalt Bernhard damals anscheinend gar zu genau ihre

Füße betrachtet hat, so erfüllt ist sie von dem beseligenden Gefühl,

auf diesem Platz zu stehen.

»Und später,« sagt sie dann, um sich endlich von der Erinnerung

loszureißen, »später war ich einmal hier, da habe ich nur Löcher

gesehen. Überall wurde die Erde aufgerissen, aber es war noch kein

Wasser im Hafenbecken, und noch nicht ~ein~ Gebäude wuchs heraus.

Seitdem bin ich, offen gestanden, nicht hier gewesen.«

Sie sprach die letzten Worte etwas leiser, als sei es ihr peinlich, das

eingestehen zu müssen.

»Dann darf ich hoffen,« sagt der Kapitän verbindlich, »daß Sie durch

mich heute einen willkommenen Anlaß zum Besuch fanden?«

»Ach ja«, erwidert sie, von neuem errötend. Sie fühlt sich so erkannt.

Der Kapitän bietet ihr eine Führung durch den Hafen an. Sie wehrt ab.

»Nein,« sagt sie, »dann wird man von den Menschen so angestarrt. Ich

kann es auch von hier sehen.«

Das Klingeln des Telephons befreit sie in diesem Augenblick aus

ihrer Verlegenheit, denn nun wird der Kapitän von ihr abgelenkt, und

Rechtsanwalt Bernhard ist ihr schon etwas vertrauter. Sie stellen sich

ans Fenster, während der Kapitän in den Apparat spricht.

Plötzlich hört Frau Adelheid ihn sagen: »Gewiß, Herr Kommerzienrat,

also morgen früh.«

»Ach -- Papa,« ruft sie aus und macht unwillkürlich mit erhobenem Arm

einen Schritt zum Telephon.

Der Kapitän hat sie verstanden und bittet den Kommerzienrat, einen

Augenblick zu warten.

Sie nimmt den Hörer.

»Ja, ich bin hier -- Papa -- Adelheid.« Sie sagt diese Worte mit

ganz kleiner schüchterner Stimme, wie ein Kind, das zum erstenmal

telephoniert.

Die beiden Herren sind höflich zur Seite getreten. Der Kapitän

erkundigt sich nach den Prozessen, der Rechtsanwalt ist jedoch dafür,

in dieser Angelegenheit an einem anderen Tage vorzusprechen.

»Ja -- ja,« sagt Frau Adelheid nun mit fast ersticktem Ton.

Rechtsanwalt Bernhard sieht plötzlich das vermißte reizende Lächeln auf

ihrem heißen Gesicht. Es hält noch an, als sie den Hörer hinlegt und

sagt: »Papa kommt sofort hierher.«

Dann setzt sie eine ernste hausfrauliche Miene auf und erwähnt den

eigentlichen Zweck ihres Besuches: dem Kapitän behilflich zu sein. Sie

fragt, ob er schon einen Tapezierer für seine Wohnung habe, und wie es

mit der Reinigung stehe.

Er dankt ihr sehr herzlich, die Vorhänge und Gardinen habe heute

nachmittag -- soeben, ehe sie erschien -- der Dekorateur befestigt, der

mit den Geschäftsmöbeln kam. Die Reinigung könne die Frau übernehmen,

die drüben im Lager das Kontor versehe.

»Ich dachte an eine Wirtschafterin, die man Ihnen besorgen könnte, des

Essens wegen«, sagt sie hilfsbereit.

Nein, das sei nicht nötig. Er würde in der Kantine essen.

»Ach, Sie sind ja ein sehr anspruchsloser und praktischer Junggeselle.«

»Ja, das wird man mit der Zeit«, sagt er; aber weil sie sehr enttäuscht

scheint, und damit sie den Zweck ihres Besuches nicht verfehlt habe,

meint er, daß er in anderen Fragen gern ihren Rat erbeten hätte, in

Geschmacksfragen bezüglich der Einrichtung. Ob er ihr die Wohnung

zeigen dürfe.

»Ach ja.« Sie ist sehr erleichtert, und nun gehen sie zu dritt in die

erste Etage.

Frau Adelheid gefällt alles sehr gut. Sie haben das Eßzimmer und das

Arbeitszimmer besichtigt. In den Schlafraum hat sie nur durch die

offene Tür einen scheuen Blick geworfen.

»Diese schönen alten Möbel,« sagt sie vor dem breiten

Mahagoni-Schreibtisch, »sie haben sicherlich einen großen Wert.«

»Das kann sein. Für mich sind es jedenfalls kostbare Erinnerungen. Sie

stammen noch von meiner Mutter.«

»Sie sind musikalisch?« fragt Rechtsanwalt Bernhard, mit einem Blick

auf den Geigenkasten.

»Ein wenig. Nur für den Hausgebrauch«, meint der Kapitän. Er geht sehr

schnell über das Thema hinweg und fragt Frau Adelheid, ob nach ihrer

Ansicht dieses Bild richtig hänge.

»Das Bild hängt sehr schön so, es wirkt sogar ganz ausgezeichnet an

dieser Stelle.« Nein, hier kann Frau Adelheid nichts verbessern. Sie

merkt, daß der Kapitän ihr nur gefällig sein wollte.

Zum Glück fährt in diesem Augenblick der Wagen des Kommerzienrats vor.

Sie entschuldigt sich bei dem Kapitän und eilt die Treppen hinab, um

ihren Vater zu begrüßen. Die beiden Herren folgen langsam. Rechtsanwalt

Bernhard möchte sich gern über die moderne Musik mit dem Kapitän

unterhalten; er sei sehr musikalisch. Aber der Kapitän spricht lieber

von etwas anderem.

Der Kommerzienrat ist ausgezeichneter Laune. Er hat sich in den Arm

seiner Tochter gehakt und schlägt eine gemeinsame Besichtigung des

Hafens vor. Nun hat Frau Adelheid keine Angst mehr, sie läßt sich

alles eingehend erklären, obgleich sie immer wieder eingestehen muß,

daß sie nicht viel davon begreift. Aber das Ganze macht auf sie einen

gewaltigen Eindruck.

Selbst dem Kommerzienrat imponieren die Fortschritte. Er spricht sich

lobend dem Kapitän gegenüber aus, der doch daran noch gar keinen Anteil

hat.

»Ja, und wenn mein Sohn seinen Doktor gemacht hat,« sagt er mit

väterlichem Stolz, »dann kann er bei Ihnen als Volontär eintreten, Herr

Kapitän.«

»Papa, er hat ihn noch nicht gemacht«, warnt Adelheid mit

abergläubischer Ängstlichkeit.

»Er ~wird~ ihn machen, mein Kind,« meint er lächelnd, »in zwei

Monaten haben wir ein Telegramm.«

Wenn er jetzt seine kleinen dicken Hände frei hätte, so würde er sie

vor Vergnügen ineinander legen, wie es zu Hause, im Familienkreis,

seine Art ist. Aber da er seine Tochter eingehakt hat, begnügt er sich

damit, ihren Arm ein wenig zu drücken. Er ist, weiß Gott, der beste und

dankbarste Vater, den man sich denken kann.

»Ihr Sohn ist Nationalökonom?« fragt der Kapitän, um auch etwas zu

sagen.

»Ja, erst hatte er sich zwar allzusehr für die schönen Künste

interessiert, wie das so in diesem Alter üblich ist, aber schließlich

wandte er sich doch einer gesünderen Kunst zu.«

Der Kommerzienrat lacht, und der Kapitän stimmt höflich ein.

»Heutzutage werden die jungen Leute mit den tiefgründigen

Kunstgesprächen geradezu aufgepäppelt, dafür haben sie es aber auch

schneller überwunden«, fügt der Kommerzienrat hinzu.

»Ja, das mag sein«, meint der Kapitän, er macht nicht den Eindruck, als

ob er in solchen Fragen kompetent sei.

Schließlich fährt der Kommerzienrat mit seiner Tochter nach Hause, und

Rechtsanwalt Bernhard, der dem Wagen lange nachblickt, kann nun dem

Kapitän über die juristischen Angelegenheiten berichten.

Pünktlich um sieben Uhr findet sich Schwester Emmi im Bureau des

Kapitäns ein.

»Also, bitte, setzen Sie sich, Fräulein -- wie war doch Ihr Name?«

»Schwester Emmi.«

»Also -- Schwester Emmi -- und erzählen Sie mir von Ihren Arbeiten. Wo

sind Sie ausgebildet worden?«

Schwester Emmi wird ganz zaghaft. Mein Gott, wann soll sie beginnen?

Bei ihrer Geburt? Wo sie ausgebildet wurde? Sie ist doch eigentlich

Säuglingsschwester. Aber das wird sie ihm nicht sagen. Sie wird seine

Frage einfach überhören. Über ihre Vergangenheit spricht sie nicht

gern. Von ihren Arbeiten im Hafen jedoch will sie erzählen. Natürlich

wird sie an einer ganz falschen Stelle anfangen, sie weiß es genau.

Doch da sie etwas sagen muß, so redet sie darauf los, kunterbunt

durcheinander. Sie zählt alles auf, was sie bisher getan hat; dabei

merkt sie erst, daß es, so einfach summiert, gar nicht bedeutend wirkt.

Im Gegenteil, es ist sogar sehr wenig. Sie versucht, die gequetschten

Finger und verstauchten Füße zu zählen, die herausgezogenen Holz-

und Eisensplitter werden nicht vergessen, und die verwundete Hand

des Maurers Johannes rechnet sie als fünf kranke Finger. Aber dann

ist sie am Ende, und sie hat das Gefühl, daß nun alles verloren

sei. In Gottes Namen! Und wenn sie wieder zurückgehen muß zu den

egoistisch-glücklichen jungen Müttern und den hungrigen Ehemännern, so

soll es ihr auch gleich sein. Diese Qual hält sie nicht länger aus.

Der Hafen(#75396) · 第 31 / 46 题