I. DIE WURZELN DER BUCHSTABENMYSTIK

§ 1. DIE ANTIKEN ANSICHTEN ÜBER DEN URSPRUNG DER SCHRIFT

Nach dem Glauben mancher Völker stammt die Schrift von den Göttern.

Keines unter diesen hat wohl die Findung der Buchstaben so sehr als

kosmisches Ereignis ersten Ranges betrachtet wie es die altnordischen

Skalden taten, von deren Dichtung die ältere Edda Reste erhalten hat.

In der Edda[3] muß nach einem tiefsinnigen Mythus Odin, der oberste

Gott, sich selbst opfern, um mit den Runen Wissen und Zaubermacht zu

erlangen:

„Ich weiß, daß ich hing am windbewegten Baum

Neun Nächte durch,

Verwundet vom Speer, geweiht dem Odin,

Ich selber mir selbst.

Man bot mir kein Horn noch Brot zur Labung,

Nach unten spähte mein Aug’,

Ächzend hob ich, hob aufwärts[4] die Runen,

Zu Boden fiel ich alsbald.

Zu gedeihen begann ich und bedacht zu werden,

Ich wuchs und fühlte mich wohl.

Ein Wort fand mir das andere Wort,

Ein Werk das andere Werk.

Runen wirst du finden, geratene Stäbe,

Stäbe voll Stärke, Stäbe voll Heilkraft,

Von dem Fürsten der Sänger gefärbt,

Von mächtigen Göttern gemacht,

Es ritzte sie Ragna-Hropt“ usw.

Die Buchstaben sind hier die Fundamente alles Wissens und der Preis,

um den sie erworben werden, kann gar nicht hoch genug sein. Ist nun

Ähnliches schon im Altertum zu entdecken?

Die Vorstellung von der göttlichen Herkunft der Schriftzeichen

finden wir sonst besonders da, wo die Kunst des Schreibens lange das

Sonderrecht einer Kaste geblieben ist. Im alten Orient genießt der

Schreiber, der in der Regel dem Priesterstand angehört, hohes Ansehen.

Er trägt linnene Gewänder, da nichts Tierisches ihn berühren darf.[5]

Der Schreiber hat unter den Göttern seinen Patron, der zugleich sein

Gegenstück im Himmel, der Schreiber der Götter, ist. In Babel ist es

Nebo[6], in Ägypten Thoth. Nebo, Marduks Sohn, ist der Gott, der die

Schicksale aufschreibt und so das Leben verkürzt oder verlängert mit

seinem „Griffel des Geschickes“.[7] Er gab den Menschen die Schrift.

Für die Ägypter hat das Thot[8] getan, der Gott der Worte und Bücher,

der Erfinder der magischen Formeln, denen nichts widersteht, und

Verfasser der Zauberbücher, der Erfinder fast aller Kulturgüter. Jede

Hieroglyphe ist für den Ägypter ein Gotteswort.[9] Später machte dem

Thoth Isis die Ehre der Buchstabenerfindung streitig.[10] Im Islam

finden wir die Lehre, daß Gott selbst die Buchstaben schuf und sie dem

Adam offenbarte als ein Geheimnis, das er keinem der Engel kundtat.[11]

Ja, eine alte und angesehene Tradition läßt diese Vorstellung sogar

beim Beginn der Sendung Muhammeds eine Rolle spielen. Nach ihr wurde

der Prophet von einem Engel nachts besucht und heftig aufgefordert,

eine von dem Engel mitgebrachte Schrift zu rezitieren, die von Gott als

Schöpfer und Offenbarer der Schreibkunst handelte -- im Koran als Sura

96: „Verkündige im Namen deines Herrn, der schuf, der den Menschen von

geronnenem Blute schuf; verkündige, denn dein Herr ist der gnädigste,

er, der mit der Feder unterrichtete usw.“ In dieser Überlieferung

spricht sich die naive Wertschätzung einer heiligen Schrift aus, die

Muhammeds Buß- und Gerichtspredigt begleitete. Der Glaube daran,

daß die Buchstaben in der Zeit, zumal durch menschliche Erfindung,

entstanden seien, wird noch heute von orthodoxen Islamiten als Ketzerei

gebrandmarkt.[12]

Darin treffen sie sich mit den Christen der orientalischen Kirchen.

„Vor anderthalbtausend Jahren ersannen zwei Männer das ~armenische

Alphabet~, der heilige Mesrop erfand die Konsonanten und der Katholikos

Sahak fügte die Vokale hinzu. König Wramschapuch half ihnen dabei und

sorgte dafür, daß die neue Schrift durch eine Bibelübertragung sofort

geheiligt wurde. Die einem fremden Auge wild verschnörkelten Zeichen,

die mit geringen Änderungen heute noch gebraucht werden, gaben erst

die Möglichkeit, die überaus lautreiche armenische Sprache schriftlich

niederzulegen, für die das griechische und syrische Alphabet ungenügend

gewesen war. Noch der Apostel Gregor, der dem Volke das Evangelium

armenisch verkündete, hatte in den beiden fremden Sprachen geschrieben.

Mit dem eigenen Alphabet war die Sprache fixiert, mit der Sprache die

Kirche, die ihren monophysitischen Glauben für sich allein beibehielt,

von der gefährlichen Berührung mit den Byzantinern geschieden, mit der

Kirche die armenische Nation über alle politische Spaltungen hinaus

vereint. Das armenische Alphabet ist nicht minder bedeutsam als das

slawische, mit dem Kyrill und Methodius eine ganze Völkerfamilie von

der westlichen Kultur trennten. Nur wer bedenkt, wie heute noch um

Schriftzeichen gekämpft wird, wie etwa in Albanien unversöhnlicher Haß

die Anhänger des arabischen und des lateinischen Alphabetes trennt,

kann die Hartnäckigkeit verstehen, mit der im Orient jedes Volk an

den krausen Zeichen hängt, die ihm seine kulturelle Selbständigkeit

bedeuten oder doch vortäuschen. Und darum reden die Mönche von

Etschmiadsin, deren Abt ein Papst ist und deren Gemeinde ein Volk, von

den Buchstaben, die einer der Ihren erfunden, mit größerer Ehrfurcht

als von Gott und seinem eingeborenen Sohne selber.“[13]

Im Gegensatz zu diesen orientalischen Vorstellungen fehlen

in Griechenland derartige Mythen nahezu ganz, ebenso wie ein

bevorrechteter schreibender Priesterstand fehlt. Die gebildeten

Griechen der klassischen Zeit waren sich bewußt, die Buchstabenschrift

wie so manche Erfindungen, die dem praktischen Leben dienen, aus

dem älteren Orient überkommen zu haben. Es machte ihnen wenig aus,

trotz ihres regen Interesses für mythische εὑρεταί, ob ihren eigenen

Vorfahren oder Nichtgriechen die Priorität zukam. Ja, sie haben der

ehrwürdigen Weisheit des Ostens eher in zu vielen als zu wenig Dingen

die Urheberschaft zugestanden. Der wirkliche Ursprung der von den

Griechen übernommenen Schrift, der durch die Epigraphik bestätigt wird,

steht bei Hekataios und Dionysios, den milesischen Logographen (fr.

36 I FHG I p. 29 II p. 5)[14] und bei Herodot zu lesen (5, 58): die

Phoiniker -- angeblich unter Kadmos -- haben den Ionern die Buchstaben

gebracht. Deshalb heißen die Buchstaben φοινιϰήϊα vgl. Kritias bei

Athen. epit. p. 28 Kaibel = Fragmente der Vorsokratiker ed. Diels p.

614, 10 und unzählige Stellen, welche zeigen, daß die Gebildeten,

insbesondere die Grammatiker, das immer gewußt haben.

Neben dieses Wissen trat früh eine andere Anschauung. Die ägyptischen

Denkmäler einer uralten Vergangenheit haben auf die Griechen einen

starken Eindruck gemacht. Sie sahen mit neidischer Bewunderung auf die

schön geordnete Überlieferung einer ungeheuren Vorzeit, über die sie

selbst nur die lästerlichen Lügen ihrer Dichter besaßen. Solon muß sich

in Platons Timaeus p. 22 a sagen lassen: Ὧ Σόλων, Ἕλληνες ἀεί παῖδές

ἐστε ... νέοι ἐστὲ τἀς ψυχὰς πάντες· οὐδεμίαν γὰρ ἐν αὐταῖς ἔχετε δἰ

ἀρχαίαν ἀϰοὴν παλαιὰν δόξαν οὐδὲ μάϑημα χρόνῳ πολιὸν οὐδέν.[15] Hier

war die Heimat der Kultur, von hier mußte auch die Schrift stammen, das

mußte sich jedem aufdrängen, dem die Priester die uralten Inschriften

auf Pyramiden und Tempelwänden wiesen.[16]

Wo Platon, der die Pyramiden wohl selbst gesehen hatte, auf den

Ursprung der Schrift zu reden kommt, spricht er nur davon, daß der

Ägypter Theuth die Buchstaben erfunden hat. Im Phaidros 274 c heißt es,

der δαίμων Theuth sei einst zu dem König Thamus gekommen und habe ihm

allerlei Erfindungen, darunter auch die Schrift, vorgelegt.[17]

Damit stand Platon unter den Griechen nicht allein. Kadmos wird

dementsprechend zum Ägypter gemacht.[18] Auch Danaos, der Bruder des

Aigyptos, sollte die Schrift aus Ägypten mitgebracht haben, nach

Pythodoros (schol. in Dionys. Thrac. p. 190, 22; 183, 7 Hilgard). Der

Historiker Antikleides aus Athen, der nach Schwartz (bei Pauly-Wissowa

s. v. Antikleides) im 3. Jh. schrieb, bewies aus Monumenten, daß der

ägyptische König Men die Schrift erfunden habe (Plin. n. h. VII 57,

192).[19]

Der ägyptische Thot von Hermupolis war nach griechischer Anschauung

niemand anders als Hermes von Kyllene. Der erfindungsreiche Gott, dem

Apollon die Lyra verdankte und die Griechen die Wettspiele, konnte

recht gut auch die Schrift erdacht haben. Hekataios von Abdera, der

die Bestrebungen der Lagiden, Griechen und Ägypter zu verschmelzen --

vielleicht unbewußt -- unterstützte[20], hat in seinem Bericht, auf

dem Diodors erstes Buch beruht, erzählt (Diod. I 16), von Hermes (=

Thoth) sei zuerst die allgemeine Sprache gegliedert und vieles bisher

Namenlose benannt worden, von ihm seien die Buchstaben erfunden und

alles, was die Verehrung der Götter und die Opfer betreffe, geordnet

worden. Den Griechen soll er die Regeln der ἑρμηνεία gelehrt haben,

daher sein Name Hermes.[21] Umformung hekatäischen Stoffes ist es, wenn

bei Artapanos (um 100 v. Chr.) Hermes, der Vater der Erfindungen, zum

Moses-Hermes wird.[22]

An den durch Philon von Byblos erhaltenen Stücken

hellenistisch-phönikischer Kosmogonien kann man sehen, wie die Schrift

als Gabe des Thoth in der Spekulation hermetischer Theologen für

heilig angesehen wurde[23]: πρὸ δὲ τούτων ϑεὸς Τάαυτος μιμησάμενος τῶν

συνόντων ϑεῶν ὄψεις, Κρόνου τε ϰαὶ Δαγῶνος ϰαὶ τῶν λοιπῶν, διετύπωσε

τοὺς ἱεροὺς στοιχείων χαραϰτῆρας.[24] Und an einer anderen Stelle:

Καὶ τὰ μὲν πρῶτα στοιχεῖα τὰ διὰ τῶν ὄφεων, ναοὺς ϰατασϰευασάμενοι ἐν

ἀ<δ>ύτοις ἀψιέρωσαν, ϰαὶ τούτοις ἑορτἀς ϰαὶ ϑυσίας ἐπετέλουν ϰαὶ ὄργια,

ϑεοὺς τοὺς μεγίστους νομίζοντες ϰαὶ ἀρχηγοὺς τῶν ὅλων. Die Stellung des

Oannes bei Berossos (fr. 1 Dübner, FHG II p. 497), der den Menschen

Schrift, Künste und Gottesdienst lehrte, will Reitzenstein, Poimandres

109[25], durch die Annahme ägyptischer Einflüsse verständlich machen.

Aber warum sollen die Babylonier nicht von sich allein aus derartiges

über Ea gelehrt haben, den „Herrn der Weisheit“?[26]

Der griechische Hermes erscheint als Erfinder der Schrift bei Mnaseas

(Müller, FHG III p. 156 = schol. in Dionys. Thrac. p. 183, 15),

Apollodor von Athen (schol. zu ψ 198), Cicero, de nat. deor. III 22,

56, Varro bei Augustinus, de doctrina christ. II 28, Hygin fab. 277,

Cassiodor variae VIII 12 (da steht, Mercur habe die Form der Buchstaben

dem Flug der Kraniche abgesehen, vgl. S. 10 Anm. 2).[27]

Natürlich nannten manche Griechen noch andere εὑρεταί. Nach

Ephoros hatte Kadmos sie nicht nur gebracht, sondern auch selber

erfunden.[28] Sehr nahe lag es, sie dem erfindungsreichen Palamedes[29]

zuzuschreiben. Das tat zuerst Stesichoros in seiner zweiten Orestie.

Ob seiner ähnlichen Findigkeit wird man an Sisyphos[30] gedacht haben.

Außerdem werden als Erfinder genannt Prometheus[31], Herakles[32],

Phoinix[33], der Paidagogos des Achilleus (nach Duris) oder ein König

von Tyros -- offenbar eine Deutung der Bezeichnung φοινιϰήια. Den

Musaios (vgl. schol. in Dionys. Thrac. p. 183) nennt einmal Artapanos

(vgl. oben S. 8 f). Diese Ansicht muß nicht auf dem Umweg über die

Gleichung Thoth = Moses entstanden sein[34]: auch Orpheus und Linos[35]

erscheinen unter den Schrifterfindern. In Latium hat Euandros[36] sie

gelehrt, der durch seine Herkunft aus Arkadien, dem reineren Lande

weiser, gerechter Menschen, dazu berufen war, den Völkern geistige

Güter zu übermitteln. In einem Scholion zu Dionysios Thrax steht, die

Buchstaben seien vom Himmel gefallen[37], auch Athena wird dort[38]

als Buchstabenerfinderin genannt. Sie lehrt schon auf einer schönen

rotfigurigen Vase dem Palamedes -- das wird wohl der bärtige Schüler

sein -- die Schreibkunst (Ch. Lenormant et de Witte, Elite des

monuments céramographiques, Paris 1844, I p. 252 f.). Doch das ist ganz

singulär. Wäre es etwas Geläufigeres, so hätte es der Rhetor Aristides

in seiner Lobrede auf Athena gewiß hervorgeholt, wo er die εὑρήματα der

Göttin preist. Aber da steht nichts von Buchstaben.

In Diodors Inselbuch V 74 wird den Musen die γραμμάτων εὕρεσις

zugeschrieben. Daß der Kreter Dosiades[39] (3. Jh.) in seinen Κρητιϰά

behauptete, die Buchstaben seien in Kreta erfunden worden[40], steht so

vereinzelt, daß es wohl keine Kenntnis der Scripta minoa verrät. Denn

die Notiz schol. in Dionys. Thrac. p. 184, 29: Ἀλέξανδρος δὲ ὁ Ῥόδιος

(sc. φησί Φοινίϰεια τὰ γράμματα ἐλέγοντο) ἀπὸ Φοίνιϰος τοῦ Προνάπου ϰαὶ

Εὐρώπης, εὑρόντος αὐτὰ ὲν Κρήτη, ὃν ἀπέϰτεινε Ῥαδάμανϑυς φϑονήσας ist

bis auf weiteres nicht zu deuten. Pronapos sieht aus, als verdanke er

sein Dasein einer genealogischen Operation mit Προναπίδης, dem Lehrer

Homers aus Athen.

Die Widersprüche der Überlieferung, die verschiedene εὑρεταί gab,

führten dazu, das Verdienst an mehrere Erfinder zu verteilen.

Darin spiegelt sich zugleich die allmähliche Anpassung des

phönikischen Alphabets an die griechischen Bedürfnisse durch

Umdeutung und Hinzufügung von Buchstaben. Simonides, der manche

palamedeisch-sophistische Züge zeigte und sich großen Rufes als

Gedächtniskünstlers erfreute, und Epicharmos, der ἀρχηγός einer

wichtigen literarischen Gattung, sollen dem anfangs unvollkommenen

Schriftsystem noch Zeichen hinzugefügt haben. Die Zeugnisse darüber

sind so verschieden, daß es zwecklos wäre, sie in Einklang bringen zu

wollen.[41]

Diese Musterung der Traditionen über die Herkunft der Buchstaben hat

wohl gezeigt, daß im griechischen Altertum den Schriftzeichen an sich

noch keine Weihe innewohnen konnte wegen ihres göttlichen Ursprungs.

Den besaßen sie nicht in dem Sinn, wie man es im Orient oder im

altgermanischen Norden glaubte. Es hat keinen antiken Gott gegeben,

dessen Funktionen mit der Schreibkunst wesentlich zusammenhängen, und

was ein Heros erfunden hatte, war deshalb noch nicht heilig. Dieser

Glaube scheidet also als Quelle für griechische Alphabetmystik und

-magie aus.

Für den Analphabeten bildet die Kunst des Schreibens leicht ein

unheimliches Mysterium, und derer wird es in der „unschuldigen Zeit“

des Altertums (Lachmann) stets viele gegeben haben. Was der Mensch

an Bildung damals besitzen mußte, war unendlich viel weniger als bei

uns, und infolgedessen wurden auch die Anfangsgründe nicht als etwas

Selbstverständliches gering geachtet. Das Alphabet als Gegenstand des

Wissens war im Athen des 5. Jahrhunderts etwas, worüber man ernsthaft

reden durfte, selbst von der tragischen Bühne herab, wie γρίφος-artige

Fragmente des Sophokles, Euripides, Agathon, Theodektes[42] und

die später zu besprechende γραμματοτραγωδία des Kallias zeigen.

Das Schreiben war für viele eine gewichtige feierliche Handlung.

Trotzdem war dies keine entscheidende Ursache für die Entstehung der

Buchstabenmystik. Diese liegt anderswo.

[3] In den „Sprüchen Hars“ (Hǫ́vamǫl): Die ältere Edda übers. Gering,

Bielefeld u. Leipzig 1902 S. 105, vgl. R. M. Meyer, Altgermanische

Religionsgeschichte, Leipzig 1910 S. 257; Müllenhoff, Deutsche

Altertumskunde IV, Berlin 1898 S. 686 f. Über magische Runen s. Uhland,

Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage VI. Stuttgart 1868 S.

225–277. Doutté, Magie et religion dans l’Afrique du Nord, Alger 1909

p. 172. P. Köbke, Om runere i Norden p. 50 (mir nicht zugänglich).

Zauberrunen und Glaube an die Macht des Wortes besonders stark bei

den Finnen, s. Buber, Literarisches Echo 1912 Sp. 1614. Comparetti,

Kalewala, Halle 1892 S. 262. Zahlensymbolische Geheimschriften auf

Grund der Runen s. Pauls Grundriß der germanischen Philol. I 260.

[4] Dabei fällt einem der Ausdruck ἀναιρεῖν für das Orakelerteilen

in Delphi ein, vgl. Heinevetter, Würfel- und Buchstabenorakel,

Dissertation Breslau 1912 S. 40. Vielleicht ist Wodun Schrifterfinder,

weil er dem Hermes gleichgesetzt wurde (wednesday = mercoledi). Hommel,

Archiv für Schriftkunde 1 (1914) S. 50.

[5] So auch der Schreiberengel Hesekiel 9, 2, dazu Gunkel, Archiv

f. Religionswissenschaft I (1898) S. 294 ff.: über die Tracht des

ägyptischen ιερογραμματεύς, der einen Sperberflügel auf dem Kopf

trägt, s. Clemens Alexandrinus, Strom. VI 4, 36 u. Diodor I 87, vgl.

Reitzenstein, Poimandres, Leipzig 1904 S. 153.

[6] Es ist sehr wahrscheinlich, daß die jüdische Vorstellung von einem

himmlischen Schreiber, einem Buche des Lebens (Apc. 3, 5) babylonischer

Herkunft ist, vgl. Gunkel, Archiv f. Religionswissenschaft 1 (1898 S.

298. Jeremias s. v. Nebo in Roschers mythol. Lexikon III, Sp. 55 f.

P. Paul Dhorme, La religion assyro-babylonienne, Paris (Gabalda) 1910

p. 103 f. Kan, De Jovis Dolicheni cultu, Diss. Groningen 1901 p. 52.

Johannes Hehn, Die biblische und babylonische Gottesidee, Leipzig 1913

S. 69: „Es verdient bemerkt zu werden, daß man Nebo nicht bloß den

beschränkten Wirkungskreis des Schreibergottes zuerkannte, sondern ihn

auf Grund seiner Schreibertätigkeit auf die höchste Stufe des Pantheons

erhob und zum Weltenherrn stempelte.“ S. auch Birt, Schreibende

Gottheiten, Neue Jahrb. 19 (1907) S. 700 ff.

[7] In den Balkansprachen bedeutet der Ausdruck für „es ist sein

Schicksal“ soviel wie „es ist ihm geschrieben“; es mag dabei auch die

Sternenschrift am Himmel mitspielen.

[8] Maspéro, Histoire ancienne des peuples de l’orient classique I

(1895) p. 145, 220. Brugsch, Religion und Mythologie der alten Ägypter,

Leipzig 1888 S. 446.

[9] Hymnos von Ios IG XII, VI Nr. 14 Zeile 5–8; Hymnos von Andros Zeile

10 ff., dazu Sauciuc, Andros, Sonderschriften d. österreich. Instituts

VIII (1914) S. 122; derselben Ansicht war auch Varro nach Augustin de

civit. dei XVIII 37 und Eugenius Toletanus, De inventoribus literarum

„Isis arte non minori protulit Aegyptias“ sc. literas MGH Script.

antiquiss. XIV p. 257 v. 5.

[10] Reitzenstein, Poimandres S. 63, 64 und 269.

[11] Schanawânî † 1610 n. Chr., Bl. 6 v. zitiert bei Goldziher,

Zeitschrift der deutschen morgenländ. Gesellschaft 26 (1872) S. 782

(Flügel, Catalog der Wiener arab. Hss. nr. 210 I p. 192).

[12] Tiele-Söderblom, Kompendium der Religionsgeschichte, Berlin 1912

S. 185. Goldziher, Abhandl. d. Göttinger Ges. d. Wissenschaften 1907 S.

26.

[13] Weigel, Frankfurter Zeitung 14. Juli 1915, Nr. 193.

[14] Es stimmt gut zu den vielen Beziehungen Milets zur Kadmossage, daß

hier zuerst „der Phönikier“ Kadmos als Buchstabenbringer betrachtet

wird, vgl. Crusius in Roschers Lexikon s. v. Kadmos Sp. 874.

[15] Diese Äußerung Platons bekamen später die Ἕλληνες von den Christen

oft zu hören: Clem. Alex. Strom. I 15 p. 357 P. S. 43 Staehlin. Euseb.

Praep. ev. X 4 p. 471 c.

[16] Die „symbolische“ Schrift der Ägypter bei Clem. Alex. Strom.

V 4 p. 657 P. und Porphyr. vit. Pyth. 12 ist das änigmatische oder

anaglyphische System, das aus der Hieroglyphenschrift künstlich

komplizierter gestaltet ist. „Dieses System kam erst in den späten

Zeiten des Verfalls des Ägyptertums in Gebrauch; da dies aber gerade

die Zeit war, in welcher die Griechen das Land kennen lernten, so

spielt es bei diesen, die es in seiner Kompliziertheit freilich nicht

verstanden, eine große Rolle.“ Wiedemann, Herodots II. Buch, 1890 S.

164.

[17] Die Erzählung ist wohl eine altägyptische Legende, vgl.

Reitzenstein, Zwei religionsgesch. Fragen (1901) S. 123, Poimandres

123. Die Kritik des Königs an der Erfindung -- er meint, sie wird das

menschliche Gedächtnis schwächen -- ist jedoch sicher erst platonisch:

sie paßt zu gut zu einer Tendenz des Dialoges, die mündliche Dialektik

über alles Schreiben zu stellen, und stimmt überein mit Platons

nicht sehr hoher Meinung von den Ägyptern überhaupt. Phileb. 18 b

wird erörtert, wie zwischen dem Eins und dem Vielen ein richtiges

Vermitteln nötig sei. Theuth -- εἴτε τις ϑεὸς εῖτε ϰαὶ ϑεῖος ἅνϑρωπος

(das Schwanken, ob Theuth Mensch oder Gott ist, ist in ägyptischen

Vorstellungen begründet, Reitzenstein, Zwei religionsgesch. Fragen

(1901) S. 119) -- sei da vorbildlich verfahren: als er darüber

nachdachte, wie in der φωνή ἄπειρος ein ϰέρας zu finden sei, erklärte

er nicht kurzerhand alles für ein ὲν -- etwa wie der p. 15 e köstlich

geschilderte junge Mann -- sondern unterschied zuerst φωνήεντα, dann

tönende Konsonanten, dann ἄφωνα. Erst zum Schluß faßte er alles unter

dem Begriff στοιχεῖον zusammen. Der folgende Satz heißt in deutscher

Paraphrase: weil er aber sah, daß keiner von uns jemals in die Lage

komme, nur einen einzigen Buchstaben ohne die übrigen verstehen zu

müssen, so fand er noch das Band, das, selbst eine Einheit, auch all

dies zur Einheit -- nämlich zur φωνή, der Mitteilung in Worten und

Sätzen -- gestaltet, und nannte diese Kunst, weil sie bei den γράμματα

zur Verwendung kommt, γραμματιϰὴ τέχνη. Vgl. v. Bissing, Neue Jbb. 29

(1912) S. 95 f.

[18] Diod. I 23, 4; Hygin fab. 277; Pausan. IX 12, 2.

[19] Seine Gleichsetzung des Prometheus mit Thoth (Plut. de Iside et

Os. 37, ebenso Istros περὶ τῆς Αἰγυπτίων ἀποιϰίας Clem. Alex. strom.

I 21 p. 382 Potter S. 68 Staehlin) hatte also andere Gründe als die

Buchstabenerfindung.

[20] Ed. Schwartz, RM 40 (1885) S. 256.

[21] Hermes λόγιος: Platon Kratyl. 407; Cornut. 16; Plotin Enn. 3,

6, 18; Hippolyt. philos. 5, 7; Porphyr. apud. Euseb. praep. ev. 3,

11 p. 114; Eitrem PW s. v. Hermes XV (1912) p. 782. Hermes-Thot „mit

der Feder“, wie Furtwängler (Bonner Jahrbb. 103 (1898) S. 1 ff. 107

(1902) S. 45 ff. -- Kleine Schriften, München 1913 S. 372 ff.) u.

a. (Loeschcke ebenda 107, 48 ff., Reitzenstein, Poimandres S. 3)

eine Reihe von hellenistischen Darstellungen benannten und für den

Schreibergott erklärten, ist allerdings nicht zu halten. Das Attribut

auf dem Kopf ist vielmehr ein Lotosblatt, R. Foerster, Röm. Mitt. 29

(1914) S. 171 ff. s. oben S. 4 Anm. 2. Aber ψυχοπομπός war Thoth wie

Hermes: Pietschmann, Hermes Trismegistos 1875 S. 21. Reitzenstein,

Poimandres 100.

[22] F. Jacoby s. v. Hekataios bei PW Sp. 2756; Reitzenstein, Poim.

182, Zwei religionsgesch. Fragen 13. Auch nach Eupolemos hat Moses die

Buchstaben erfunden (Eus. praep. ev. IX 26 p. 431 c).

[23] Philon von Byblos, φοινιϰιϰὴ ἱστορία bei Eusebios praep. evang. I

10, p. 39 a. Müller FHG III p. 560 fr. 2 § 25. Reitzenstein, Poimandres

162.

[24] Philon von Byblos περὶ τῶν Φοινίϰων στοιχείων fr. 9 aus Eus.

praep. ev. I 10 p. 42 b FHG III p. 573. Reitzenstein, Poimandres 162,

2. Thoth hat nichts mit der Schlange zu tun. Die Syrer machten ihn zum

Schlangengott, weil tut = Schlange ist nach Baudissin, Studien zur

semitischen Religionsgeschichte, Gießen 1876, I S. 19. Reitzenstein

deutet das auf die Stelen des „Königs“ Amon (Philon von Byblos bei

Eus. praep. ev. I 9, 24), auf die er die Offenbarungen aufzeichnete,

die Hermes ihm gegeben hatte nach Jamblich. de mysteriis VIII 4 und

der alchimistischen Schrift des Pibechios bzw. Pibeches (a. a. O. S.

107, 363; A. Dieterich, Kl. Schriften 8). Darauf befand sich u. a. das

Symbol der Schlange, die sich in den Schwanz beißt.

[25] Thoth erscheint außerdem noch bei Strabo p. 816. Plut. quaest.

conv. 9, 3. 12 p. 738 e: daher sei ἴβις der erste Buchstabe (? noch

unerklärt!); de Iside et Osir. 3. Nach Arnob. adv. nat. IV 14 hat der

griechische Hermes während eines Exils in Ägypten die Schrift erfunden.

[26] Jeremias in Roschers Lexikon s. v. Oannes III 1 Sp. 590 f.

[27] Knaack, Hermes 16 (1881) 590.

[28] Schol. in Dionys. Thrac. p. 183, 1. Hilgard (1901). Diese Scholien

stammen nach Hörschelmann, acta societatis philol. Lips. IV (1875) p.

297 ff. aus dem 7. Jahrh. n. Chr.

[29] Über Palamedes als großen Erfinder Jahn, Palamedes (1836) S. 23;

Kremmer, de catalogis heurematum, Diss. Lips. 1890 p. 44; ich entnehme

Kremmer manche der jetzt folgenden Stellen. Palamedes erscheint als

Schrifterfinder bei Stesichoros fr. 34 schol. in Dionys. Thrac. 185,

6, Gorgias Palam. § 30, Euripides Palamedes fr. 578, Hygin fab. 277,

31. Dio Chrysost. 13, 21; schol. Eurip. Or. 422. Athanas. contra gentes

18. Nach Philostrat. heroic. X 3 p. 309 und Nemesian de aucupio 15 =

PLM ed. Baehrens III (1881) p. 204 hat er sie aus dem Flug der Kraniche

gelernt, vgl. auch schol. in Dionys. Thrac. 320, 20 (dazu oben S.

9). Daß man aus den Linien des Fluges der Kraniche ein Λ bzw. ein Υ

herauslas, zeigt Lucan V 716 und Martial XIII 75, vgl. Lewy in Roschers

Lexikon s. v. Palamedes.

[30] schol. zu Dionys. Thrac. 185, 7.

[31] Aischylos Prom. 460 (467); schol. zu Dionys. Thrac. p. 190. 183,

16; 185, 8.

[32] Plut. quaest. Romanae 59 p. 278 e.

[33] Der Erzieher Achills nach Duris FHG II p. 473 fr. 16, schol. zu

Dionys. Thrac. p. 184, 27; ein phoinikischer König nach Dosiades, s. S.

11.

[34] So Reitzenstein, Zwei religionsgeschichtliche Fragen 101.

[35] Orpheus nach Alkidamas Odysseus 24 (Dieterich, Die Grabschrift des

Aberkios, Leipzig 1896 S. 34, 2); Linos als Kadmos’ Schüler nach Diod.

III 67; Tacitus ann. XI 14; Suidas s. v. Λίνος.

[36] Livius I 7, 8; Dionys. Halic., arch. rom. I 33; Tac. I. I. Marius

Victorinus, ars grammatica p. 1944 = Grammatici latini VI 194. Hae

(sc. litterae) auctore, ut quidam volunt, Euandro, ut alii, Hercule in

Italiam a Pelasgis adlatae sunt. Oder auch seine Mutter Nicostrata,

Eugenius von Toledo, carm. 39, 3.

[37] Schol. in Dionys. Thrac. p. 185, 9.

[38] Ebenda p. 182, 18.

[39] Ebenda p. 183, 12.

[40] Bei ihm sind übrigens alle Erfinder aus Kreta.

[41] Aristoteles fr. 501 Rose = Plin. n. h. VII 57, 192: Kadmos 16,

Palamedes ζυφχ, Simonides ψξωϑ, Epicharmos vielleicht ϑχ. Hygin fabul.

277, 31: Palamedes 11, Simonides ωηξψ, Epicharmos ϑχ. Tacitus ann. II

14: Simonides hat alle übrigen zu den alten 16 hinzuerfunden. Irenaeus

adv. haer. I 15, 4 Manucci: Kadmos hat 16 gebracht, dann haben die

Griechen Aspiraten und Doppelkonsonanten dazuerfunden, zuletzt soll

Palamedes die langen Vokale hinzugetan haben. Theodosios von Alexandria

περὶ γραμματιϰῆς p. 1 Göttling: Palamedes 16, Kadmos von Milet ϑφχ,

Simonides ηω, später sind dazu gekommen ζξψ. Schol. in Dionys. Thrac.

320, 20: Palamedes hat alle 16 Buchstaben erfunden, die andern haben

Zusätze gemacht, Kadmos ϑφχ, Simonides ηω, Epicharmos ζξψ; ebenda p.

185, 7: Simonides ηωξψ, Epicharmos die Aspiraten und ζ, vgl. ebenda

p. 191, 30 Marius Victorinus, ars grammatica p. 1944 = Grammatici

Latini VI p. 194, 15: Kadmos 16, Simonides ζξωϑ, Palamedes ηψχφ, ebenso

Audacis excerpta ibid. VII p. 325, 6. Suidas s. v. Palamedes: ζπφχ,

s. v. Simonides: die langen Vokale und die Doppelbuchstaben. Nach

Servius zu Aen. II 81 hat Palamedes vielleicht alle erfunden, sicher

aber das χ. Die von ihm angefertigten Lettern sind noch im Apollotempel

zu Sikyon zu sehen nach Ampelius liber memorialis VIII 5, woraus

wohl zu schließen ist, daß sich in dem Tempel des Apollon Στοιχείος

zu Sikyon ein Buchstabenorakel (vgl. darüber unten den besonderen

Abschnitt) befand, Pfister, Wochenschrift f. kl. Philologie 31 (1914)

477 f. Über die relative Berechtigung dieser εὑρήματα s. Lenormant bei

Daremberg-Saglio I, Paris 1873 p. 205 ff.

[42] Euripides hat im Θησεύς die Buchstaben des Namens Θησεύς

γρίφος-artig beschrieben, ebenso Agathon und Theodektes (Athen. X 454

bc.) ϰαὶ Σοφοϰλής δὲ τούτω παραπλήσιον ἐποίησεν ὲν Ἀμφιαράῳ σατυριϰῷ τὰ

γράμματα παράγων ὀρχούμενον Athen. X 80 p. 454 f. -- fr. 117 Nauck³.

§ 2. PYTHAGOREISCHE GRAMMATIK

Der Unterschied zwischen Vokalen und Konsonanten ist unseres Wissens

im 6. Jahrhundert von den Pythagoreern zuerst beobachtet worden.[43])

Wie die Pythagoreer dazu kamen, sich grammatisch zu betätigen, darüber

gibt eine Notiz bei Quintilian Aufschluß (instit. orat. I 10, 17)

Archytas atque Evenus etiam subiectam grammaticen musicae putaverunt.

Sie rechneten die Grammatik zur μουσιϰή.

Die ungeheure Entdeckung des Pythagoras, daß die musikalische Tonhöhe

von der Länge der tönenden Saite abhänge, hat die Mitlebenden geradezu

berauscht und wie kaum jemals ein anderer naturwissenschaftlicher Fund

das Denken Späterer bestimmt. Die Töne hatten sich als verkörperte

Zahlen herausgestellt, die qualitativen Unterschiede waren auf

quantitative zurückgeführt. Der tiefe Sinn der Musik war der, daß

sie Klang gewordene Zahl ist. In der Zahl hatte man jetzt einen

Schlüssel, der alle Tore zu öffnen verhieß. Sie war das Wesentlichste

am Kosmos, vielleicht das Wirklichste überhaupt, das Symbol der

Vernunft. Die schönsten Sätze darüber stehen bei Philolaos (fr. 11

Diels): Kenntnisspendend ist die Natur der Zahl und führend und lehrend

für jeglichen in jeglichem, das ihm problematisch und unverständlich

ist. Denn gar nichts von den Gebilden wäre irgend einem klar, weder

ihr Zusich noch des einen zum andrem, wenn nicht die Zahl und deren

Wesen wäre. Nun aber wirkt diese durch die Seele hin in die Empfindung

gestaltend alles erkennbar aus und gesellig, nach des Gnomons Natur,

gibt ihnen Leib und scheidet voneinander alle die Glieder der Gebilde

als unendlicher wie als begrenzender. ... Sehen kann man nicht nur in

den dämonischen und göttlichen Gebilden die Natur der Zahl und ihre

haltende Macht, sondern auch in allen menschlichen Werken und Worten

allenthalben und hin durch alle Schöpfungen des Bildens und hin durch

die Musik.[44] --

Fällt also die Grammatik unter die Rubrik Musik, so mußten in der

Tat die Schriftzeichen die Aufmerksamkeit der Pythagoreer besonders

auf sich ziehen. Denn sie waren zugleich die Zeichen für die Zahlen

und die Musiknoten. In ihnen, in ihrer Form, ihrer Anzahl und ihren

Verschiedenheiten mußte wohl manches von kosmischer Bedeutung zu finden

sein. Aristoteles erwähnt darüber Folgendes (Metaphys. N 6, 1093 a 20):

ἐπεί ϰαὶ τὸ Ξ Ψ Ζ συμφωνίας φασὶν εἶναι ϰαὶ, ὅτι ἐϰεῖναι τρεῖς, ϰαὶ

ταῦτα τρία (nämlich διατεσσάρων, διαπέντε und διαπασῶν). ὅτι δὲ μύρια

ἂν εἲη τοιαῦτα, οὐϑὲν μέλει· τῷ γὰρ Γ ϰαὶ Ρ εἴη ἂν ἒν σημεῖον (d.h.

man könnte ja ebenso gut auch den Laut γρ durch ein einziges Zeichen

ausdrücken). εὶ δ΄ ὅτι διπλάσιον τῶν ἅλλων ἕϰαστον ἅλλο δ΄ οὔ, αἴτιον

δ΄ ὅτι τριῶν ὄντων τόπων ἒν ὲφ΄ ἑϰάστου ἐπιφέρεται τὀ σῖγμα, διὰ τοῦτο

τρία μόνον ἐστίν, ἀλλ' οὐχ ὅτι αί συμφωνίαι τρεῖς, ἐπεὶ πλείους γε αί

συμφωνίαι· ἐνταῦϑα δ΄ οὐϰέτι δύναται. Ebenso wie sie die Dreiheit der

Doppelkonsonanten musikalisch, d. h. metaphysisch, begründet dachten,

so auch die Tatsache, daß es gerade 24 Buchstaben gibt (ebenda 1093 b

1): ϰαὶ ὅτι ίσον τὀ διάστημα ἒν τε τοῖς γράμμασιν ἁπὸ τοῦ Α πρὸς τὀ Ω,

ϰαὶ ἁπὸ τοῦ βόμβυϰος ἐπὶ τὴν ὀξυτάτην νεάτην ἒν αὐλοῖς, ἧς ὁ ἁριϑμὸς

ίσος τῇ οὐλομελείᾳ τοῦ οὐρανοῦ. So stellten sie die Elementargrammatik

in die denkbar kosmischsten Zusammenhänge ϰαὶ ὅσα εἶχον ὁμολογούμενα

δειϰνύναι ἒν τε τοῖς ἀριϑμοῖς ϰαὶ ταῖς ἁρμονίαις πρὸς τὰ τοῦ οὐρανοῦ

πάϑη ϰαὶ μέρη ϰαὶ πρὸς τὴν ὅλην διαϰόσμησιν, ταῦτα συνάγοντες

ἐφήρμοττον. Dieser Satz aus Aristoteles Metaphysik (A 5, 986 a) paßt

nicht bloß auf die alten Pythagoreer: er erschöpft den Inhalt eines

beträchtlichen Teils der europäischen Literatur bis in die Renaissance

hinein.

An den Vokalen mußte den Pythagoreern ihre Siebenzahl[45] wichtig

erscheinen. „Sowohl die Altpythagoreer als auch der Verfasser der

altionischen (nach andern [vgl. Boll, Neue Jhb. 31 (1913) S. 137

ff.] erst dem 5. Jahrhundert angehörigen) pseudohippokrateischen

Schrift περὶ ἑβδομάδων erblickten in den sieben ionischen Vokalen

(φωνήεντα, φωναί) oder Urbuchstaben eine der ältesten und

wichtigsten Manifestationen der heiligen Siebenzahl.“ W. H. Roscher,

Hebdomadenlehren S. 145. Dieser Hinweis auf die Bedeutsamkeit der

Vokale ist, wie wir unten sehen werden, nicht ungehört verhallt.

[43] Aristot. metaph. XIV 6; Hippokr. περὶ ἐβδ. 541 Erm., π. διαίτης I

p. 645 f. Kühn; Varro bei Gell. III 10, 2 und 16; alles bei Roscher,

Hebdomadenlehren 27.

[44] Deutsch nach Herman Schmalenbach, Das Seiende als Objekt der

Metaphysik I: die erste Konzeption der Metaphysik im abendländischen

Denken. Dissertation Jena 1909 S. 36 ff. [Viel Material dazu zuletzt

bei Weinreich, Triskaidekad. Studien RGVV XVI 1 (1916) S. 96 f.]

[45] Über die Siebenzahl Boll in PW s. v. Hebdomas Bd. VI Sp. 2552, wo

gezeigt wird, daß die Heiligkeit einer Zahl sich dann herausbildet,

wenn diese Zahl in der Natur wiederholt gegeben ist, so daß der Mensch

immer wieder auf sie hingewiesen wird.

§ 3. ELEMENTUM

Recht folgenreich für die antike Wertung der Buchstaben war es, daß man

sie mit dem Wort στοιχεῖον bezeichnet hat. Durch dieses Wort wurden die

Buchstaben der Schrift für den Griechen, der vom Namen einer Sache aus

unwillkürlich weitergehende Folgerungen zog als wir, -- die „Kritik der

Sprache“ fing erst an --, in die Sphäre philosophischer und religiöser

Begriffe gehoben.[46]

Die Wortgeschichte von στοιχεῖον stellt sich nach den Untersuchungen

von Diels und Lagercrantz folgendermaßen dar: Die Ableitung des

Wortes στοιχεῖον von στοῖχος bei Dionys. Thrax, worauf Diels seine

Übersetzung „Reihenglied“ gründet, ist wertlos und verbindet zu

nichts.[47] Es ist vielmehr von στείχειν = „gehen, marschieren“

auszugehen (S. 88). Στοιχέω ist nach Lagercrantz’ Nachweisen in der

Bedeutung gehen, marschieren ganz geläufig (S. 103). Davon ist mit

objektivisch-transitiver Verwendung der Endung -εῖον (S. 106) στοιχεῖον

in der attischen Sprache gebildet und bedeutet:

I. das begangene Stück, der Gang, die Strecke (so die früheste

Verwendung bei Aristophanes Eccles. 651):

II. Grund: a) Erdfläche; b) Grundlage, so bei Xenophon memor. 2, 1, 1;

c) Stütze, so in der Astrologie (S. 62) und im Neuen Testament (S. 42).

Die vollkommenste Analogie bietet die Bedeutungsentwicklung des von

βαίνω abgeleiteten Wortes βάσις.

Das Wort dringt sodann in die wissenschaftliche Fachsprache und tritt

auf: 1. in der philosophischen Sprache als Übersetzung von ῥιζώματα

τοῦ παντός (der Elemente) bei Empedokles ins Attische, für uns zuerst

bei Platon Soph. 252 b, Tim. 48 b (S. 16); 2. in der grammatischen

als attischer Ersatz für πυϑμήν, ein Wort, das in grammatischen

Ausführungen des Protagoras (Diels Vorsokr. S. 512, 26) in der

Bedeutung „Grundform“ vorkam (S. 21). In Platons Theait. p. 202 e heißt

στοιχεῖα τῶν γραμμάτων „Urbestandteile der Schrift“ (S. 19). Sicherlich

waren aber schon vor Platon die Buchstaben στοιχεῖα genannt worden,

sonst könnte Phileb. 19 c nicht so lauten, wie es überliefert ist. Da

im Lauf der Kaiserzeit der persische Elementenkult, der besonders im

Mithrasdienst ausgeprägt worden ist, in die griechische Welt eindrang

(Diels S. 45)[48], so hat das Wort στοιχεῖον von diesen Kreisen her für

viele einen starken religiösen Akzent erhalten.[49]

Die Verwendung des Ausdrucks in der Astrologie hat nichts mit der in

der Philosophie als „Element“ zu tun, sondern ist eine unmittelbare

Übertragung aus der Volkssprache, wo στοιχεῖον „Stütze“ bedeutet.

στοιχεῖον heißt da 1. die Tierkreisfigur, insofern sie den wandernden

Planeten zur Stütze gereicht[50], 2. Gestirn, insofern es für dessen

δαίμων die materielle Stütze abgibt (S. 65 ff.).

Ferner hat Lagercrantz S. 74 ff. nachgewiesen, daß στοιχειοῦν

durchaus nicht „verzaubern“ heißt, wie Diels S. 55 meint, der dort

die Wortgeschichte auf einer sehr schmalen Linie weiterführt. Es

heißt vielmehr gründen in der Bedeutung „festmachen“, real[51] und

symbolisch. Als einer, der das symbolische „eingründen“, das ein

magisches Binden und Festbannen an einen Ort bedeutet, besonders gut

verstand, wird Apollonius von Tyana ein στοιχειωματιϰός genannt bei

Cedrenus I 346, 18. Derselbe Ausdruck οί στοιχειωματιϰοί steht schon

im Καρπός (Ps.-Claudius Ptolemäus)[52], ohne daß der Zusammenhang

mehr lehrte als daß es sich um Leute handelt, die sich mit Astrologie

abgeben. Wir müssen daraus schließen, daß es eine Anzahl von Magiern,

Astrologen usw. gegeben hat, die diese Art von „Eingründung“ betrieb.

Im Neugriechischen heißt στοιχειό Geist, Gespenst. Lagercrantz

entwickelt S. 80 ff. einleuchtend, wie dies aus Glauben und Brauch beim

ϑεμελιοῦν von Häusern entstanden ist.

Das alles hat nicht unmittelbar damit, daß στοιχεῖον auch Buchstabe

heißen kann, etwas zu tun, wie Albrecht Dieterich, Rhein. Museum

56 (1901) S. 102 f. = Kl. Schr. S. 225 f. will. Aber man begreift

ohne Schwierigkeit, wie „die Tatsache, daß Buchstabe und Gestirn

durch dasselbe Wort ausgedrückt werden, mystisch veranlagte Gemüter

bewegen konnte, nach realen Entsprechungen zwischen ihnen zu suchen“.

Lagercrantz S. 57.

[46] Die Dielssche Bedeutungsgeschichte von στοιχεῖον („Elementum“,

Leipzig 1899) wird in entscheidenden Punkten berichtigt durch

Lagercrantz, Elementum, eine lexikologische Studie. Skrifter utgifna

af K. Humanistiska Vetenskaps-Samfundeti Uppsala XI 1, Leipzig,

Harrassowitz 1911.

[47] Gegen eine verwandte Ableitung hatte auch schon Bedenken

Pa.-Sabas, „Über die Mysterien der griechischen Buchstaben“, ed.

Hebbelynck, Muséon N. S. I (1900) p. 21 f.: „Man gibt den Buchstaben

den Namen Elemente (στίχος!) nicht deshalb, weil sie selbst nicht mehr

in Elemente zerlegbar sind (d. h. die kleinste Schrifteinheit sind),

wie die Weisen der Griechen in ihrer Hohlheit gedacht haben, sondern

weil in ihren Zügen sich die Form der Elemente der erschaffenen Welt

findet.“

[48] Cumont, Textes et Monuments I 6; Dieterich, Mithrasliturgie 2.

Aufl. S. 64; Diels Elementum 45; Cumont-Gehrich, Die Mysterien des

Mithra² 1911 S. 104 f.

[49] Zuerst bei Hippobotos, einem Schriftsteller des ersten Jahrh. v.

Chr., der nach Diog. Laert. VI 102 von dem Hute des Menedemos, des

Stifters der Philosophenschule von Eretria, sagte, auf ihm seien die

zwölf στοιχεῖα abgebildet gewesen (Diels S. 45, Lagercrantz S. 62).

Diesen Sprachgebrauch deutet Lagercrantz auf Grund von Tatian, orat. ad

Graec. 9 στοιχείωσις δὲ αὐτοῖς ἡ ζώωσις ἦν zu übersetzen: zur Stützung

diente ihnen (den Planeten) das Bevölkern des Himmels mit Tieren (S. 60

und 73).

[50] Nach Diels ist dieser Wandel der Wortbedeutung auf dem Umweg

über den grammatischen Gebrauch von στοιχεῖον als Bezeichnung von

„Buchstabe“ erfolgt. Den aus Nikomachos von Gerasa belegten Satz von

Diels S. 44: „So hat an ältere Schrullen der Pythagoreer anknüpfend die

neupythagoreische Schule das Alphabet an den Himmel versetzt“, hätte

Lagercrantz noch mit folgendem chronologischen Argument widerlegen

können: In einem Auszug aus Vettius Valens, dem Astrologen aus dem 2.

Jahrh. n. Chr., steht zu lesen, daß im Gegensatz zu einem verwickelten

Verfahren des Vettius die ἁρχαῖοι die Tierkreisbilder mit je zwei

Buchstaben bezeichneten in der Anordnung Α Ν, Β Σ usw. bis Μ Ω. Mit

den ἁρχαῖοι sind in der astrologischen Literatur meist „Nechepso und

Petosiris“ gemeint. Also wahrscheinlich schon diese Begründer der

griechischen Astrologie im 2. Jahrh. v. Chr. und durch die Tatsache,

daß στοιχεῖον „Buchstabe“ und „Tierkreiszeichen“ bedeuten konnte, dazu

bewogen worden, diese miteinander in Beziehung zu bringen (s. darüber

unten in dem Abschnitt über Astrologie).

[51] Schlagend spricht für Lagercrantz die Stelle in Anonymi Byz.

Παραστάσεις ed. Preger (Progr. d. Kgl. Max-Gymnas. München 1898) p. 33,

12 § 72 ὁ λεγόμενος Νεώριος ὁ ϰαὶ Ἀρϰάδιος, ὃν Κόνων ἐστοιχειώσατο, wo

auch Diels das letzte Wort durch „bauen“ übersetzte.

[52] 16⁰-Ausgabe von 1552 S. 214.

§ 4. KINDHEITSMYSTIK

Noch eine letzte mögliche Wurzel der Buchstabenmystik möchte ich

andeuten. In viel stärkerem Maße als es heute m. W. geschieht, wurde im

Altertum und bis ins 18. Jahrhundert auf das Erlernen des Alphabetes

bis zur virtuosen Beherrschung Wert gelegt.[53] Während für uns die

Alphabetreihe nur für Verzeichnisse und Lexika wichtig ist, war sie

für den antiken Menschen auch die Folge der Zahlen[54], und das

hatte, wie wir sahen, infolge der pythagoreischen Lehren in Altertum

und Mittelalter keine bloß praktische Bedeutung. Wir hören, daß man

das Alphabet an der Schule vor- und rückwärts einübte und in der

Reihenfolge Α Ω Β Ψ Γ Χ usw.[55] Die Beschäftigung mit den Buchstaben

war also etwas, das ein Wesentliches der Kindheit bezeichnet, und daß

Kindheitserinnerungen auf assoziativem Weg zu Faktoren im religiösen

Leben der Erwachsenen werden können, ist bekannt.

Albrecht Dieterich hat in seiner „Mithrasliturgie“ über das

„liturgische Bild“ der Gotteskindschaft schöne Sammlungen vorgelegt.

Dabei handelt es sich hauptsächlich um Zeugung durch die Gottheit

und Geburt aus ihr. In der spätantiken, besonders der christlichen

Mystik haben auch Dinge, die mit dem Kindesalter zusammenhängen, einen

religiösen Gefühlston. Christus selbst hatte gesagt: ἐὰν μὴ στραφῆτε

ϰαὶ γένησϑε ὡς τὰ παιδία, οὐ μὴ εἰσέλϑητε εἰς τὴν βασιλείαν τῶν οὐρανῶν

Mt. 18, 3 Lc. 18, 17. Dies Wort hat man nicht immer in seiner einfachen

Tiefe verstanden. Christus fungiert bei Clemens von Alexandria als

Paidagogos, als Kindererzieher. Seine Gestalt war schon zu fest

umrissen, ebenso wie seine Stellung im dogmatischen System, als daß es

bei einem rechtgläubigen Schriftsteller in der Zeichnung dieser Figur

zu realistischen Einzelheiten hätte kommen können. Desto mehr sollen

sich die Zöglinge hier als kleine Kinder fühlen. Am befremdlichsten

zeigt sich das in dem langen Kapitel über die Milch im Paidagogos I 6

p. 112 P, das betitelt ist πρὸς τοὺς ὑπολαμβάνοντας τὴν τῶν παιδίων ϰαὶ

νηπίων προσηγορίαν τὴν τῶν πρώτων μαϑημάτων αἰνίττεσϑαι διδαχήν.[56]

Dazu haben wir jüngst in der 19. Ode Salomos eine Parallele bekommen,

die uns zeigt, daß es sich hier nicht um Seltsamkeiten Einzelner

handelt, für die es erst etwa in bekannten deutschen Kirchenliedern

des 17. Jahrhunderts oder in Zinzendorfs Ausdrucksweise Entsprechungen

gibt, sondern um verbreitete Stimmungen:

Ein Becher Milch ist mir dargebracht worden, und ich habe ihn

getrunken in der Süße der Freundlichkeit des Herrn.

Der Sohn ist der Becher, und der, der gemolken ward, der Vater.

Und es melkte ihn der heilige Geist, weil seine Brüste voll waren usw.

Man ist sich bewußt, Frommes zu tun, wenn man der Gottheit

gegenüber und zu ihren Ehren Kindliches tut.

Der große Gnostiker Valentinos behauptete, der Logos sei ihm in

der Gestalt eines kleinen Kindes erschienen und habe ihm so seine

Offenbarungen mitgeteilt (Hippolytos philosoph. VI 5, 43 p. 309

Cruice). Sein Schüler Markos deutete den Vers 2 des 8. Psalmes: „Durch

den Mund von Kindern und Säuglingen hast du ein Bollwerk gegründet

um deiner Widersacher willen, damit du Feinde und Rachgierige zum

Schweigen bringest“[57] so, daß er das Geschrei der Säuglinge als

Vokale auffaßte. So loben die Kinder Gott ebenso, wie es in Psalm

19, 1 heißt: „die Himmel erzählen die Ehre Gottes.“ Diesen letzteren

Vers deutete er natürlich auf die unten zu behandelnde Beziehung

zwischen Vokalen und Planeten (vgl. Iren. adv. haer. I 14, 8 Manucci;

Epiphan. I 3, 7 haeres. 34) und hielt das Geschrei der Säuglinge für

eine Bestätigung dieser Entsprechung. Die Buchstabenspielerei in den

später zu besprechenden Branchosversen gegen die Pest hält Klemens von

Alexandria für einen frommen Hinweis auf die Kindheit (Stromata V 8, 48

p. 675 P.): αἰνίσσεται, οἶμαι, τὴν ἐϰ τῶν τεσσάρων ϰαὶ εἵϰοσι στοιχείων

ψυχῆς γαλαϰτώδη τροφήν, μεϑ' ἣν ἤδη πεπηγὸς γάλα βρῶμα, τελευταῖον δὲ

αἷμα ἀμπέλου τοῦ λόγου τὸν „αἴϑοπα οἶνον“ τὴν τελειοῦσαν τῆς ἀγωγῆς

εὐφροσύνην διδάσϰει.

Dasselbe meinte Remigius von Auxerre († ca. 908) in seinem tractatus

de dedicandis ecclesiis von dem Aschenkreuz auf dem Boden der neu zu

weihenden Kirchen, auf welche das Alphabet geschrieben wird.[58] Auch

der Kaiser Didius Julianus ließ 193 n. Chr. durch junge Knaben, die

mit verbundenen Augen in einen Spiegel schauen mußten, die Zukunft

erforschen.[59] Ein Knabe fungiert als Pythia bei Hippol. philos. IV 4,

1 p. 93 ff. Cruice.

So mag mancher, der schon vielleicht aus den erwähnten Gründen in

den Buchstaben etwas Heiliges sah, in dieser Vorstellung dadurch

bestärkt worden sein, daß sie ihm ein heiliges Stück Kindlichkeit

waren. Und gerade die eifrige Erlernung des Alphabets mochte in dieser

Richtung mitwirken; später wird sich zeigen, wie eine Anordnung der

Alphabetreihe als mystisch bedeutungsvoll verwendet worden ist, die im

Anfangsunterricht der Kinder ihre Stelle hatte. Ja, man hat auf dieser

Unterrichtsstufe mit Zauberei nachgeholfen, wobei die Alphabetreihe

im Sinn der hohen Anschauungen über den Ursprung der Schreibkunst

als Symbol alles Wissens erscheint. Um ein Kind lernbegierig und

leichtfassend zu machen, rät ein neugriechisches Zauberrezept, das ABC

auf eine Schüssel zu schreiben, die für die heiligen Brote gebraucht

wird, sie segnen zu lassen und die Schrift mit reinem Wein aufzulösen;

das soll das Kind trinken.[60]

[53] Man gab den Kindern Kuchen (Horaz sat. I 1, 25), elfenbeinerne

Typen (Quintilian inst. I 1, 26) und Würfel, worauf das Alphabet stand

(Hieronymus, epist. ad Laetam 107, 4). Über altirische Alphabetkuchen

Gaidoz, Les gâteaux alphabétiques, Mélanges Renier, Bibliothèque des

hautes études Paris 1887. Woher die russischen Buchstaben stammen, die

man noch heute als -- übrigens recht schmackhaftes -- Gebäck zu essen

bekommt, weiß ich nicht. Jedenfalls stammt der Brauch, ebenso wie die

Suppennudeln in Buchstabenform, aus alter Zeit. Ähnliche Verfahren

des Elementarunterrichtes beschreiben noch Rabelais, Gargantua I 14.

Goldsmith, vicar of Wakefield cap. 12. Smollet, Humphrey Clinker ed.

Tauchnitz p. 122; über Basedows Buchstabenbäckerei s. Grasberger,

Erziehung und Unterricht im klassischen Altertum I 2, 267, Würzburg

1864, vgl. Leclerq bei Cabrol, Dictionnaire d’archéologie chrétienne

et de liturgie I, Paris 1907, s. v. Abécédaire p. 60 f. Beudel, Qua

ratione Graeci liberos docuerint, Dissertation Münster 1911. S. auch

die kuriose Geschichte von dem begriffsstutzigen Sohn des Herodes

Atticus, des bekannten Redners zur Zeit der Antonine, bei Philostratos,

vit. sophist. II 10 p. 66 Kayser: das Alphabet hat er wenigstens durch

24 mit den Buchstaben bezeichnete Spielkameraden gelernt.

[54] Über das Alter des milesischen Zahlenalphabets (8. Jahrh.) s.

Larfeld, Griechische Epigraphik³ (1914) S. 294 ff. Man hat aber auch

mit den Buchstaben α–ω als 1–24 numeriert, ebenso wie wir es mit

unsern Buchstaben tun. Beispiele sind die in Olympia zur Auslosung der

Kämpfer gebrauchten Täfelchen (Lukian Hermotimos 39), Theatermarken

(J. Friedländer, Hermes 9 (1875) 251 ff. Svoronos, Περὶ τῶν εἰσιτηρίων

τῶν Ἀρχαίων, Journal International d’Archéologie numismatique

I (1898) 45-120; III (1900) 197–235; 319–349), Numerierung von

Gesimsblöcken an Bauten (Karapanos, Dodone et ses ruines 68 f. pl.

34–40; thessalische Inschriften bei Lolling, Athen. Mitt. VII (1882)

69. Gesimsblöcke des Altars zu Pergamon, Robert, Hermes 18 (1883) 466

ff. Eisler, Weltenmantel und Himmelszelt, Nachtrag), der Sektionen

des Heliastengerichtshofes in Athen (Lipsius, Das attische Recht und

Rechtsverfahren I [1905] S. 140 f.), von Äckern („casae literarum“,

Inschrift von Halesa, IG XIV 352. Gromatici ed. Lachmann I 309; II 235,

268, 409), die Bezeichnung der Stadtquartiere von Alexandreia (Ausfeld,

RM 55 [1900] 379, Der griechische Alexanderroman, Leipzig 1907 S.

139), der Gesänge der homerischen Gedichte (Woisin, De Graecorum

notis numeralibus, Diss. Kiel 1886, S. 30), der Wochentage (Boll s.

v. Hebdomas, PW Sp. 2573). Über unsre Benennung der sieben Töne der

Oktave von C bis H unten mehr. Auch der Alchimist Zosimos hat die 28

Bücher seines Werkes mit Buchstaben bezeichnet, ebenso Mani und Aphraat

die ihrigen mit den 22 Buchstaben des syrischen Alphabets. Pachomius

numerierte seine Mönchsklassen mit Buchstaben, s. unten den Abschnitt

über die Spekulationen über die ganze Alphabetreihe.

[55] Quintilian, inst. or, I 1, 25: Quae causa est praecipientibus,

ut etiam, com satis affixisse eas pueris recto illo quo primum scribi

solent contextu videntur, retroagant cursus et varia permutatione

turbent, donec litteras qui instituuntur facie norint, non ordine.

Hieronymus in Jerem. 25, 26, Migne PL 24, 838 = p. 311 Reiter 1913.

Ferner in Brief 107 an Laeta über die Erziehung ihrer Tochter II p. 294

Hilberg: Et non solum ordinem teneat literarum et memoria nominum in

canticum transeat; sed ipse inter se crebro ordo turbetur, et mediis

ultima, primis media misceantur, ut eas non sono tantum, sed et visu

noverit. Dieterich, Rhein. Mus. 56 (1901) S. 99. Solche Schulübungen

stehen auf einem Ostrakon im Brit. Museum, einem Säulenstück aus

Sparta, Papyrus aus Hermupolis, vgl. Milne, Journ. hell. stud. 28

(1908) p. 121 nr. 1; Annual of the brit. school of Athens XII 476;

Wessely, Studien zur Paläogr. und Papyruskunde II (1902) p. XLV nr. 2;

Ziebarth, Aus der antiken Schule², Kleine Texte Nr. 65, Bonn 1913 S. 1

ff.

[56] Über Anklänge an gewisse Bräuche beim Verwandtschaftsschließen in

diesem Kapitel Adolf Jacoby, Archiv für Religionswissenschaft 13 (1910)

S. 549 ff.

[57] Der sich m. E. am besten erklärt, wenn man ihn mit dem Kommentar

von Hitzig darauf bezieht, daß in einem Krieg ein siegreicher Feind

durch das Geschrei von Säuglingen sich zur Milde hatte stimmen lassen,

vgl. etwa 1 Sam. 30, 2.

[58] Migne PL 131, 851: Quid autem per alphabetum nisi initia et

rudimenta doctrinae sacrae intelligi convenit? offenbar in Anlehnung

an den Hebräerbrief 5, 12: τὰ στοιχεῖα τῆς ἀρχῆς τῶν λογίων τοῦ ϑεοῦ.

Diese Erklärung ist übernommen von de Rossi, Bullettino di archeologia

cristiana 1881 p. 135 und von Leclerq bei Cabrol, Dictionnaire

d’archéologie chrétienne et de liturgie, Paris 1907 s. v. Abécédaire

Sp. 56.

[59] Aelius Spartian, vita Didii Iuliani VII 10. Über ϰατοπτρομαντία

Bouché-Leclercq, Histoire de la divination, Paris 1879, I 185. Wünsch,

Hess. Blätter für Volkskunde 3 (1904) 154 ff. Reitzenstein, Historia

monachorum, Göttingen 1916, S. 244 ff.

[60] Abbott, Macedonian Folklore, Cambridge 1903 S. 362. Pradel,

Griechische Gebete usw. Religionsgesch. Versuche u. Vorarbeiten III,

Gießen 1907 S. 381; Jacoby, Archiv für Religionswissenschaft 13 (1910)

529.

Buchstabenmystik · 第 6 / 8 题