Lusinja an Jessika

Kremskoje, 17. Juli.

Jessika, mein Blümchen, Deine schönen Rosen sind nun welk, noch ehe die

Freude des Alleinseins angefangen hat. Der Garten ist aber voll neuer.

Lju reist morgen in aller Frühe ab, er hat sich schon verabschiedet,

weil er früher fährt, als wir aufgestanden sein werden. Vorhin, als wir

von einem Spaziergang zurückkamen, stand ein Mann an der Gartentür. Ich

sah ihn erst, als wir ganz nahe bei ihm waren, und fuhr unwillkürlich

zusammen. Lju lachte und sagte: »Es ist gewiß wieder der Paketbote mit

der Schreibmaschine.« Und wirklich, er war es. Ich sah ihn ganz entsetzt

und bewundernd an, und da lachte er wieder und Papa auch; es war nämlich

ganz natürlich, daß er es erriet, weil sie eigentlich schon mit der

ersten Post erwartet wurde. Denke Dir, Papa fiel gar nicht über die

Kiste her, sondern ließ Lju auspacken und sitzt jetzt noch bei mir und

spielt so schön Klavier, wie sonst niemand auf der Welt spielt.

Vielleicht duftet zur selben Zeit die Lindenblüte Deiner Stimme an Tante

Tatjanas Flügel. Du weißt doch, daß Lju gesagt hat, Dein Gesang wäre so

zart, daß man nicht sagen könnte, er klänge; er duftete. Es ist mir

gerade, als hörte ich Dich, meine kleine Holdseligkeit.

Lju sah mich wieder mit einem unergründlichen Blick an, als er mir

Lebewohl sagte; ich freue mich, daß ich diesem Blick morgen nicht mehr

begegnen werde. Aber sei ganz ruhig, ich habe ihm ein allerliebstes

Futterkörbchen für die Reise zurechtgemacht und will ihm sehr wohl. Wenn

er nicht nachtwandelte, wäre ich seine unbedingte Freundin. Denke Dir,

Väterchen hat zuletzt noch die Anwandlung bekommen, außer sich zu sein,

daß Lju fortginge, bevor er wieder auf den Beinen wäre; er wäre jetzt

krank und hinfällig und zählte nicht, und ein Mann müßte doch im Hause

sein. Da hat Papa wütend gesagt: »Bin ich denn ein Klapperstorch?«

Darüber hat Iwan erst geweint, und dann hat er gesagt, er hätte Papa

noch nie für einen Klapperstorch gehalten, aber er sollte doch gerade

beschützt werden, und sich selber beschützen könnte man nicht, so wenig

wie man sich selbst den Rücken waschen könnte. Papa fragte Mariuschka,

die uns dies berichtete: »Wer wäscht ihm denn seinen? Du?« Was sie

entrüstet verneinte; also ist das im Dunkeln geblieben.

Gute Nacht, Liebling. Wann werde ich Dir einmal Dein Haar mit Rosen

schmücken? Wer weiß wie bald! Das Schöne kommt unverhofft über Nacht.

Deine Mama.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 67 / 69 题