Lju an Konstantin

Kremskoje, 9. Juni.

Lieber Konstantin! Ja, Du bist mein Freund, das empfinde ich. Du ehrst

und schätzest dasjenige in mir, was wir für das Höhere halten, und

kennst und liebst doch auch das andre, den Urstrom des Ahnenblutes,

dessen unfaßbare Verzweigungen überall eingreifen und mich leiden

machen. Daß ich leide, will ich Dir nicht verhehlen, auch hast Du es

längst bemerkt. Vielleicht habe ich noch nie so gelitten, aber daß es

überwunden werden wird, weiß ich auch. Ich habe alle diese Menschen vom

ersten Augenblick an, da ich in ihre Mitte trat, zu beherrschen gesucht,

daraus folgt alles übrige; denn auch der Herrscher ist gebunden, nicht

nur der Beherrschte. Was mir gelungen ist, ist ebenso verhängnisvoll für

mich geworden wie das, woran ich scheiterte. Den Gouverneur kann ich

vielleicht täuschen, aber ich habe keinen Einfluß auf ihn. Es kränkt ein

wenig meine Eitelkeit, hauptsächlich beklage ich es aber wegen alles

dessen, was daraus folgt. Der Mann übt einen Zauber aus, für den ich

nicht unempfänglich bin, obwohl er von Kräften ausgeht, die ich nicht

für die höchsten halte. Man sieht die Merkmale eines Geschlechtes an

ihm, in welchem das Lebensfeuer stärker und schöner brannte als in den

gemeinen Menschen. Er ist etwas in sich Vollendetes, wenn auch durchaus

nicht vollendet überhaupt. Gerade seine Unzugänglichkeit gefällt mir;

ich glaube, er ist im Kampfe des Lebens gewachsen, fester und härter

geworden, aber er hat sich nicht erweitert, hat nichts Neues in sich

aufgenommen. Das ist beschränkt, aber es verleiht eine gewisse

Intensität. Verloren hat er auch nichts; er hat noch viel von der

Torheit, von dem Eigensinn und der Innigkeit der Kindheit an sich, was

der in der Regel nicht behält, der sich viel Neues und Fremdes aneignet.

Sein Ich ist ganz, so saftreich und gesammelt und stolz, daß es einen

schmerzt, daran zu tasten; und gerade weil es so ist, muß ich ihn

zerstören. Einmal faßte ich die Hoffnung, ich könnte ihn gewinnen,

könnte ihm andre Ansichten eröffnen. Ich schrieb Dir nichts davon, es

lag mir allzusehr am Herzen, und ich ahnte schon, daß es vergebens sein

würde. Mein Gott, dieser Mann, diese heiße, blinde Sonne! Ich rolle wie

ein Komet neben ihm her, und er ahnt nicht, daß der Augenblick, wo unsre

Bahnen zusammenstoßen, ihn in Stücke reißen wird! Von den Kindern laß

mich schweigen. Besser, viel besser wäre es gewesen, ich hätte auf den

Vater so gewirkt wie auf sie. Das klingt albern; es ist ja natürlich,

daß die Jugend leichter zu beeinflussen und zu beherrschen ist als das

Alter; aber hätte nicht einmal, durch Zufall oder Wunder, das Umgekehrte

stattfinden können? Da es nicht der Fall ist, versuche ich daran zu

denken, daß ich keine Wahl habe, daß ich tun muß, was ich für notwendig

erkannt habe, daß die Heilkraft der Jugend überschwenglich ist, daß es

diesen spielenden Kindern vielleicht nützlich ist, vom Schicksal

aufgerüttelt zu werden. Ach Gott, was heißt nützlich? Sie waren so

wundervoll in ihrem Traumleben! Freilich, einmal muß es doch enden.

Kinder mit Runzeln und gebeugten Rücken sind Zerrbilder, und beizeiten

muß die Umbildung beginnen. Vielleicht kann sogar ich selbst ihnen bei

der Veränderung hilfreich zur Seite stehen. Was ein Mensch wollen kann,

ist möglich; nur zum Wollen gehört Kühnheit.

So werde ich Dir nun nicht wieder schreiben. Auch rechne ich darauf, daß

Du mich nicht mißverstehst. Zweifel ist nicht in mir. Antworte mir auch

nicht auf alles dies! Trösten kann mich niemand, und daß Du mich

verstehst, weiß ich

Lju.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 34 / 69 题