7. Juni.

Geliebteste Tante! Du hast lange keine Nachricht von uns gehabt? Und ich

habe das Gefühl, Dir erst gestern geschrieben zu haben, auf so leichten

und schnellen Füßen laufen diese Sommertage. Und wenn man sogar noch ein

Automobil davorspannt! Lju hat uns einmal spazierengefahren, aber nicht

lange, weil er noch nicht sicher ist. Unser Iwan kann noch weniger als

er, obwohl er täglich ein paar Stunden damit herumturnt. Papa möchte

auch gern selbst lenken, Mama will es aber nicht, weil es die Nerven

angreife, sie wüßte aufs bestimmteste, daß zwei Drittel aller Chauffeure

durch Wahnsinn oder Selbstmord infolge von Nervenzerrüttung endeten.

Papa versuchte zwar das Argument anzugreifen, aber wir schrien im Chore,

er müßte sich für Staat und Familie erhalten, und einstweilen hat er

nachgegeben. Er hat ja nun auch einen andern Sport, nämlich die

Schreibmaschine. Gestern abend nach dem Essen saßen wir in der Veranda.

Es war so schön, wie es nirgends sonst als hier ist; über uns im Schwarz

des Himmels schimmerten die feuchten Sterne und um uns her im Dunkel der

Erde die bleichen Birken. Wir saßen still und jedes träumte seine eignen

Träume, bis Mama Lju fragte, weil er doch alles wisse, sollte er sagen,

was für Schlangen es in dieser Gegend gäbe. Er nannte augenblicklich

eine Reihe lateinischer Namen und sagte, es wären alles Ottern und

Vipern, harmlose, ungiftige Geschöpfe. Ich dachte bei mir, ob es diese

Namen wohl überhaupt gäbe, aber Mama hielt alles für Evangelium und war

sehr angenehm davon berührt. Papa hätte nämlich neulich gesagt, erzählte

sie, an der glatten Mauer eines Hauses könnte niemand hinaufkriechen

außer Schlangen, und seitdem könnte sie die Vorstellung nicht mehr los

werden, wie der feste, glatte, klebrige Schlangenleib sich am Hause

heraufzöge, und sie könnte oft nachts nicht davor einschlafen. Welja

sagte, er begriffe nicht, wie man sich vor Schlangen fürchten könnte, er

fände sie schön, anmutig, schillernd, geheimnisvoll, gefährlich, und er

würde sich in keine Frau verlieben können, die nicht etwas von einer

Schlange hätte. Katja sagte: »Du Kalb!« und Lju sagte, ich hätte etwas

von einer Schlange, nämlich das lautlos Gleitende und Mystische. Dann

erzählte er ein südrussisches Märchen von einer Schlange, das sehr

grausig war. Ein Zaubrer liebte eine Königstochter, die in einen hohen

Turm eingesperrt war. Um Mitternacht kroch er als Schlange am Turm

herauf durch das Fenster in ihr Gemach, dort nahm er wieder seine

Menschengestalt an, weckte sie und blieb in Liebe bei ihr bis zum

Morgen. Einmal aber schlief die Königstochter nicht und wartete auf ihn;

da sah sie plötzlich mitten im Fenster im weißen Mondschein den

schwarzen Kopf einer Schlange, flach und dreieckig auf steilem Halse,

die sie ansah. Darüber erschrak sie so sehr, daß sie ohne einen Laut ins

Bett zurückfiel und starb. Gerade in diesem Augenblick klingelte es

heftig an der Gartentür, wo ein alter, verrosteter Klingelzug ist, der

fast nie gebraucht wird und deswegen in Vergessenheit geraten ist. Wir

wunderten uns alle, daß Mama nicht auch umfiel und tot war. Papa stand

auf, um an die Gartentür zu gehen und zu sehen, was es gäbe, Mama sprang

auch auf und sah Lju flehend an, damit er zuerst dem Mörder die Stirn

böte, wenn einer da auf Papa wartete, und weil das Aufstehen und die

ersten Schritte bei Papa immer etwas mühsam sind und Lju sehr schnell

laufen kann, kam er zuerst an und empfing den Paketboten, der eine Kiste

trug. Er sagte, es würde eigentlich nichts mehr ausgetragen, aber der

Postmeister hätte gesagt, die Kiste sei aus Petersburg und enthalte

vielleicht etwas Wichtiges, und weil es der Herr Gouverneur sei, für den

der Postmeister eine besondere Verehrung habe, hätte er sie ihm doch

noch zustellen wollen. Na, der Bote bekam ein Trinkgeld, und in der

Kiste war die Schreibmaschine. Lju packte sie gleich aus und fing an zu

schreiben, Papa wollte auch, konnte aber nichts, wir probierten alle,

konnten es aber ebensowenig, nur ich -- ungelogen -- ein bißchen, und

dann sahen wir zu, wie Lju schrieb. Nach einer Weile probierte Papa noch

einmal, und wie Lju sagte, er hätte Talent, war er ganz zufrieden. Mama

war geradezu selig und sagte, sie hätte sogar die Schlange vergessen, so

hübsch wäre die Schreibmaschine. Welja sagte: »Was wollt ihr denn

eigentlich mit der Scharteke?« Und Katja sagte, wenn man doch schon

einmal die Finger gebrauchen müßte, könnte man gerade so gut schreiben,

sie sähe den Zweck davon nicht ein; sie wurde aber überstimmt.

Bist Du nun _au fait_, einzige Tante? Nun sage ich Dir nur noch, daß die

Rosen zu blühen anfangen, die Zentifolien und die gelben Kletterrosen,

die so merkwürdig riechen, und die wilden Rosen auch, und daß die

Erdbeeren reifen, ferner, daß Papa in der umgänglichsten Stimmung ist

und neulich sogar gefragt hat, ob denn diesen Sommer gar kein Besuch

käme!

Deine Jessika.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 33 / 69 题