Geliebteste Tante! Du hast lange keine Nachricht von uns gehabt? Und ich
habe das Gefühl, Dir erst gestern geschrieben zu haben, auf so leichten
und schnellen Füßen laufen diese Sommertage. Und wenn man sogar noch ein
Automobil davorspannt! Lju hat uns einmal spazierengefahren, aber nicht
lange, weil er noch nicht sicher ist. Unser Iwan kann noch weniger als
er, obwohl er täglich ein paar Stunden damit herumturnt. Papa möchte
auch gern selbst lenken, Mama will es aber nicht, weil es die Nerven
angreife, sie wüßte aufs bestimmteste, daß zwei Drittel aller Chauffeure
durch Wahnsinn oder Selbstmord infolge von Nervenzerrüttung endeten.
Papa versuchte zwar das Argument anzugreifen, aber wir schrien im Chore,
er müßte sich für Staat und Familie erhalten, und einstweilen hat er
nachgegeben. Er hat ja nun auch einen andern Sport, nämlich die
Schreibmaschine. Gestern abend nach dem Essen saßen wir in der Veranda.
Es war so schön, wie es nirgends sonst als hier ist; über uns im Schwarz
des Himmels schimmerten die feuchten Sterne und um uns her im Dunkel der
Erde die bleichen Birken. Wir saßen still und jedes träumte seine eignen
Träume, bis Mama Lju fragte, weil er doch alles wisse, sollte er sagen,
was für Schlangen es in dieser Gegend gäbe. Er nannte augenblicklich
eine Reihe lateinischer Namen und sagte, es wären alles Ottern und
Vipern, harmlose, ungiftige Geschöpfe. Ich dachte bei mir, ob es diese
Namen wohl überhaupt gäbe, aber Mama hielt alles für Evangelium und war
sehr angenehm davon berührt. Papa hätte nämlich neulich gesagt, erzählte
sie, an der glatten Mauer eines Hauses könnte niemand hinaufkriechen
außer Schlangen, und seitdem könnte sie die Vorstellung nicht mehr los
werden, wie der feste, glatte, klebrige Schlangenleib sich am Hause
heraufzöge, und sie könnte oft nachts nicht davor einschlafen. Welja
sagte, er begriffe nicht, wie man sich vor Schlangen fürchten könnte, er
fände sie schön, anmutig, schillernd, geheimnisvoll, gefährlich, und er
würde sich in keine Frau verlieben können, die nicht etwas von einer
Schlange hätte. Katja sagte: »Du Kalb!« und Lju sagte, ich hätte etwas
von einer Schlange, nämlich das lautlos Gleitende und Mystische. Dann
erzählte er ein südrussisches Märchen von einer Schlange, das sehr
grausig war. Ein Zaubrer liebte eine Königstochter, die in einen hohen
Turm eingesperrt war. Um Mitternacht kroch er als Schlange am Turm
herauf durch das Fenster in ihr Gemach, dort nahm er wieder seine
Menschengestalt an, weckte sie und blieb in Liebe bei ihr bis zum
Morgen. Einmal aber schlief die Königstochter nicht und wartete auf ihn;
da sah sie plötzlich mitten im Fenster im weißen Mondschein den
schwarzen Kopf einer Schlange, flach und dreieckig auf steilem Halse,
die sie ansah. Darüber erschrak sie so sehr, daß sie ohne einen Laut ins
Bett zurückfiel und starb. Gerade in diesem Augenblick klingelte es
heftig an der Gartentür, wo ein alter, verrosteter Klingelzug ist, der
fast nie gebraucht wird und deswegen in Vergessenheit geraten ist. Wir
wunderten uns alle, daß Mama nicht auch umfiel und tot war. Papa stand
auf, um an die Gartentür zu gehen und zu sehen, was es gäbe, Mama sprang
auch auf und sah Lju flehend an, damit er zuerst dem Mörder die Stirn
böte, wenn einer da auf Papa wartete, und weil das Aufstehen und die
ersten Schritte bei Papa immer etwas mühsam sind und Lju sehr schnell
laufen kann, kam er zuerst an und empfing den Paketboten, der eine Kiste
trug. Er sagte, es würde eigentlich nichts mehr ausgetragen, aber der
Postmeister hätte gesagt, die Kiste sei aus Petersburg und enthalte
vielleicht etwas Wichtiges, und weil es der Herr Gouverneur sei, für den
der Postmeister eine besondere Verehrung habe, hätte er sie ihm doch
noch zustellen wollen. Na, der Bote bekam ein Trinkgeld, und in der
Kiste war die Schreibmaschine. Lju packte sie gleich aus und fing an zu
schreiben, Papa wollte auch, konnte aber nichts, wir probierten alle,
konnten es aber ebensowenig, nur ich -- ungelogen -- ein bißchen, und
dann sahen wir zu, wie Lju schrieb. Nach einer Weile probierte Papa noch
einmal, und wie Lju sagte, er hätte Talent, war er ganz zufrieden. Mama
war geradezu selig und sagte, sie hätte sogar die Schlange vergessen, so
hübsch wäre die Schreibmaschine. Welja sagte: »Was wollt ihr denn
eigentlich mit der Scharteke?« Und Katja sagte, wenn man doch schon
einmal die Finger gebrauchen müßte, könnte man gerade so gut schreiben,
sie sähe den Zweck davon nicht ein; sie wurde aber überstimmt.
Bist Du nun _au fait_, einzige Tante? Nun sage ich Dir nur noch, daß die
Rosen zu blühen anfangen, die Zentifolien und die gelben Kletterrosen,
die so merkwürdig riechen, und die wilden Rosen auch, und daß die
Erdbeeren reifen, ferner, daß Papa in der umgänglichsten Stimmung ist
und neulich sogar gefragt hat, ob denn diesen Sommer gar kein Besuch
käme!
Deine Jessika.