Kremskoje, 28. Mai.
Lieber Peter! Heute hätte es beinahe eine Familienkatastrophe gegeben,
bei der ich natürlich nicht aktiv war. Katja fing bei Tisch von den
Universitätsgeschichten an; ihr könne es ja gleichgültig sein, denn sie
braucht ihren Lebensunterhalt nicht zu verdienen, für die meisten wäre
es aber verhängnisvoll, daß sie ihr Studium auf unbestimmte Zeit
unterbrechen müßten. Papa sagte, noch verhältnismäßig ruhig und
beherrscht, allerdings wäre das ein Unglück für viele; um so härter
wären diejenigen zu verurteilen, die durch ihr aufrührerisches Tun
mutwillig das Unglück über ihre Kollegen gebracht hätten. Jetzt aber
sauste Katja los! Wie ein künstlicher Wasserfall, den man plötzlich
springen läßt! Das wäre die Art ungerechter Despoten, die Opfer noch zu
verleumden und die eigne Schuld auf sie abzuladen! Demodow und die
andern wären Märtyrer, hinrichten und nach Sibirien schicken könnte man
sie, nicht aber ihnen den Ruhm rauben, daß sie tapfer und selbstlos
gehandelt hätten. Uebrigens hätten fast alle ebenso wie sie gedacht, Du
zum Beispiel hättest auch die Absicht gehabt, den Kosaken Widerstand zu
leisten, Du wärest nur durch einen Zufall auf dem Wege zur Universität
aufgehalten, sonst könnte Papa Dich auch in die Bergwerke schicken. Mama
gelang es endlich, sie zu unterbrechen, indem sie sagte, das würde Papa
allerdings tun, wenn er es für seine Pflicht hielte; denn daran zweifele
sie doch wohl nicht, daß Papa sich von seiner Pflicht leiten ließe,
folglich dürfe sie auch seine Handlungen nicht kritisieren. Ich sagte:
»Mit deinem Spatzengehirn im Kopfe würde er natürlich anders handeln,«
worauf sie mir einen vernichtenden Blick zuwarf. Papa war ganz bleich
und seine Augenbrauen sahen wie ein zackiger schwarzer Blitz aus,
furchtbar stimmungsvoll; wenn es sich nicht um Katja gehandelt hätte,
wäre ein Unwetter losgebrochen, das den ganzen Tisch und alle Stühle
fortgeschwemmt hätte; so hielt er einigermaßen an sich. Und dann hebt
Ljus Gegenwart eigentlich jede Katastrophe auf; seine überlegene Ruhe
zerstreut gewissermaßen alle angesammelte Elektrizität, oder er hat so
viel Kraft, daß er sie in sich sammeln und unschädlich machen kann. Er
saß kühl wie Talleyrand dabei und bewies, daß jeder recht hätte, so daß
alle schweigen und zufrieden sein mußten. Er sagte, selbstverständlich
schließe die Maßregel der Universitätsschließung Ungerechtigkeiten ein,
deshalb könnte sie aber vollständig gerecht sein innerhalb des Systems,
zu dem sie gehöre. Er billige dies System nicht durchaus, er glaube, daß
es sich überlebt habe, aber so lange es herrsche, müsse man mit seinen
Gesetzen arbeiten. Papa sah Lju interessiert und etwas erstaunt an und
fragte, wie das zu verstehen sei, daß er das System nicht billige. Keine
Regierung sei fehlerlos, weil die menschliche Natur überhaupt fehlerhaft
sei. Seiner Meinung nach sei es besser, dahin zu wirken, daß jeder seine
Pflicht tue, anstatt die Irrtümer des Systems aufzudecken. Lju sagte,
ohne den Grundsatz, daß jeder einzelne seine Pflicht zu erfüllen habe,
könne kein gesellschaftliches System sich halten. Er glaube, das
herrschende System habe den Fehler, das Pflichtgefühl nicht auszubilden,
weil es lauter Gesetze und Vorschriften an dessen Stelle gesetzt habe.
Dies sei für eine primitive Kultur berechtigt, jetzt aber sei das Volk
keine Herde mehr, sondern bestehe aus Individuen. Kein Kunstverständiger
werde die byzantinische Malerei mit ihren starren Formen nicht
bewundern; man könne es vielleicht sogar beklagen, daß der
Individualismus sie durchbrochen habe; man könne vielleicht sogar
glauben und wünschen, daß man einmal auf irgendwelchen Umwegen dahin
zurückkehre; aber verständigerweise könne man doch nicht die Entwicklung
auf jene Stufe zurückdrehen wollen.
Er sprach so liebenswürdig, galant und beinahe herzlich gegen Papa, daß
der ganz angeregt wurde und lebhaft auf alles einging; ich glaube, er
hatte das Gefühl, vollkommen einer Meinung mit Lju zu sein.
Bei Tisch waren also die Fugen wieder eingerenkt; aber hernach ergoß
sich Katjas zurückgehaltener Zorn gegen Lju. Er hätte sich verächtlich
benommen, er hätte zu ihr halten müssen, denn er dächte ebenso wie sie.
Was er gesagt hätte, möchte ganz schön sein, sie hätte es nicht
verstanden, wolle es auch nicht verstehen, es wäre doch nur eine Brühe
gewesen, um seine wahren Ansichten zu verkleistern. Von mir erwartete
sie ja nichts andres, als daß ich falsch und feig wäre, aber ihn hätte
sie für stolzer gehalten. Sie war zu niedlich, wie ein kleiner Vogel,
der gereizt wird und sein Federschöpfchen sträubt, mit dem Schnabel um
sich pickt und in den höchsten Tönen lospiepst. Lju fand sie offenbar
auch niedlich, denn er ging sehr liebevoll auf ihren Kohl ein. Ich ging
mitten darin fort, weil meine Dorfschönheit auf mich wartete.
Ich habe Papa eine Auswahl von den feinsten Süßigkeiten mitgebracht, die
der Türke hat. Er fand sie ausgezeichnet und sagte, er hätte sich gleich
gedacht, daß ich einen bestimmten Grund hätte, immer ins Dorf zu radeln.
Er aß übrigens mehr davon als ich und wurde nicht einmal übel; er ist
eigentlich ein großartiger Mensch, ich bin dekadent gegen ihn. Mit Lju
kann er sich allerdings nicht vergleichen; er ist wie ein schöner Dolch
mit kunstvollem Griff und einer mit Edelsteinen buntgeschmückten
Scheide, wie sie zuweilen in Museen ausgestellt sind; Lju ist wie der
schlichte Bogen des Apollo, der nie fehlende Pfeile entsendet.
Schmucklos, schlank, elastisch, durch die vollendete Zweckmäßigkeit
schön, ein Bild göttlicher Kraft, Treffsicherheit und Gewissenlosigkeit.
Ach Gott, ich schreibe ja an ein silurisches Faultier und nicht an einen
feinwitternden Griechen. Quäle Dich nicht mit der Durchdringung meiner
poetischen Bilder und triumphiere nicht, wenn sie hinken sollten; ein
Achilles, der hinkt, kommt immer noch eher an als ein Brontosaurus, der
im Sande stecken bleibt.
Welja.