Kremskoje, 20. Mai.
Lieber Konstantin! Dein Brief hat mich zu einer Unvorsichtigkeit
veranlaßt; aber der wäre ein schlechter Feldherr, der nicht einen
falschen Zug wieder einbringen oder sogar verwerten könnte. Das Gerücht,
daß der Studentenprozeß sofort vorgenommen würde und der Gouverneur
infolgedessen sofort nach Petersburg zurückginge, muß unbegründet sein;
denn er selbst würde es doch am ersten wissen und gleichzeitig auch ich.
Trotzdem erwog ich gestern die Möglichkeit und bereitete mich darauf
vor, schnell oder plötzlich handeln zu müssen. Ich sagte mir, bei Tage
würde ich nicht leicht eine Gelegenheit finden, besonders keine für mich
günstige. Nachts könnte ich ihn und seine Frau, denn sie schlafen
zusammen, mit Aether betäuben, ihn durch einen Stich ins Herz töten und
mich ungesehen wieder zu Bett legen. Kein besonderes Verdachtsmoment
würde auf mich hinweisen; bei Tage hingegen könnte sich kaum jemand an
den Gouverneur herandrängen, ohne daß irgendwer, namentlich ohne daß ich
es bemerkte. Am Tage können unzählige unvorhergesehene Störungen
dazwischenkommen; nachts liegen bestimmte, übersichtliche Umstände vor.
Die Ausführbarkeit des Planes hängt wesentlich von dem mehr oder weniger
leisen Schlafe des Gouverneurs und seiner Frau ab; ich beschloß, mir
sofort Gewißheit über die Frage zu verschaffen. Ich warf einen Mantel
über und schlich mich nach ihrem Schlafzimmer, das durch ein
Ankleidezimmer mit angrenzendem Bade- und Garderoberaum von meinem
getrennt ist. Kaum hatte ich den Fuß über die Schwelle gesetzt, als ich
Frau von Rasimkara auf mich zustürzen sah. Ich will Dir gestehen, daß
ich in diesem Augenblick fast die Besinnung verloren hätte: die Frau so
merkwürdig, so schön, so anders als am Tage vor mir zu sehen, es raubte
mir den Atem. In ihrem Gesicht stand zugleich der Ausdruck des
Entsetzens und der unbedenklichsten Entschlossenheit, der sofort, da sie
mich erkannte, dem Gefühl der Erlösung, dem Erstaunen und ich möchte
sagen dem Gefühl für das Komische der Lage Platz machte. Ja, für die
Dauer eines Augenblicks dachte und empfand ich nichts, als wie
hinreißend sie war, sie zog mich rasch in das Ankleidezimmer zurück und
sagte flüsternd, ich hätte sie sehr erschreckt, sie hätte mich für einen
Mörder gehalten, was geschehen wäre? Ob mir etwas fehlte, ob ich
nachtwandelte? Ich sagte, sie möchte ganz ruhig sein, geschehen wäre
nichts, ich wäre aufgewacht, hätte geglaubt, ein Geräusch zu hören, und
hätte mich überzeugen wollen, ob bei ihnen alles ruhig und in Ordnung
wäre; ich hätte das schon öfters getan, weil ich es als zu der von mir
übernommenen Pflicht gehörig betrachtete, bisher hätte sie es aber nicht
bemerkt. Ich setzte noch hinzu, sie würde vielleicht gut tun, ihrem
Manne nichts von dem Vorfall zu sagen. Natürlich nicht, sagte sie, sie
wäre froh, daß er nicht erwacht wäre; dann drückte sie mir die Hand,
nickte mir zu und lächelte und ging in ihr Schlafzimmer zurück.
Dies war ein sehr gefährlicher Augenblick, und ich habe erst gegen
Morgen wieder einschlafen können. Als sie vor mir stand und mich
anlächelte, dachte ich, daß sie hinreißend sei und gleichzeitig, daß ich
sie würde töten müssen. Ich dachte es mit solcher Lebhaftigkeit, daß mir
war, es schreie aus meinen Augen heraus: ich bin dein Mörder, weil ich
sein Mörder bin. Du wirst immer an seiner Seite sein, dein Leib wird
sich vor seinen werfen, wenn die Stunde da ist, darum mußt du mit ihm
fallen. Das eigentümliche Lächeln, mit dem sie mich ansah, schien zu
sagen: ich verstehe dich, es ist mein Schicksal, ich nehme es auf mich.
In gewisser Weise habe ich bei meinem unglücklichen Versuch etwas
gewonnen. Ich weiß nun, daß der Gouverneur tief und fest schläft. Ihr
habe ich die Meinung eingeflößt, daß ich zum Schutze ihres Mannes
zuweilen ihr Schlafzimmer betrete. Sähe sie mich eintreten, mich über
sie beugen, sie würde bis zum letzten Augenblick keinen Verdacht
schöpfen, mich nur mit großen Augen erwartungsvoll ansehen. Anderseits
habe ich erfahren, daß mir diese Art der Ausführung widerstrebt. Ich
würde nur im äußersten Notfall dazu schreiten. Ein andrer Weg wird sich
finden lassen, der mir mehr zusagt. Sei Du jedenfalls ohne Sorge: es mag
sein, daß ich unüberlegt gehandelt habe, aber ich habe auch die etwaigen
schlimmen Folgen im Keim erstickt.
Lju.