Kremskoje, 7. Mai.
Liebe Tante! Da es tiefstes Geheimnis ist und bleiben soll, daß Mama
einen Sekretär für Papa angestellt hat, dessen eigentliche Bestimmung
ist, Papa vor den Bomben zu schützen, die ihm angedroht sind, kann ich
die Tatsache wohl als bekannt voraussetzen. Vielleicht ist es auch
besser, wenn sie in den weitesten Kreisen verbreitet wird, dann fangen
die Anarchisten gar nicht erst an zu werfen, wodurch unserm Schutzengel
seine Arbeit erleichtert wird. Du siehst, daß ich ihm wohl will, und er
verdient es schon deshalb, weil seine Anwesenheit so günstig auf Mamas
Stimmung einwirkt. Am ersten Mittag fragte Mama ihn, was er geträumt
habe; der erste Traum an einem neuen Aufenthalt sei bedeutungsvoll. Ich
glaube, er hatte gar nichts geträumt, aber er erzählte, ohne sich zu
besinnen, eine lange Geschichte, daß er sich im Innern eines herrlichen
Palastes befunden habe und langsam von einem Raume zum andern gegangen
sei, und beschrieb alle ganz ausführlich. Zuletzt sei er zu einem Gemach
gekommen, in dem es ganz dunkel gewesen sei und auf dessen Schwelle ihn
eine unerklärliche Bangigkeit befallen habe; er habe gezögert,
weiterzugehen, dann sich zusammengenommen, dann wieder innegehalten und
sei dann unter Herzklopfen aufgewacht. Mamas Augen wurden immer größer.
»Wie gut,« sagte sie, »daß Sie nicht hereingegangen sind, es wäre gewiß
etwas Schreckliches darin gewesen.« »Vielleicht eine Badewanne,« sagte
Welja ruhig. Wir mußten alle lachen, und da Katja erst anfing, als wir
andern schon fertig waren, dauerte es sehr lange. Ich sagte: »Bitte,
träumen Sie doch nächste Nacht weiter und nehmen Sie ein Bad, damit Mama
beruhigt ist; denn Baden kann doch nur Gutes bedeuten.« Nein, sagte
Mama, Wasser wäre zweideutig, nur Feuer wäre ein unbedingter
Glückstraum, und sie hätte eben diese Nacht einen gehabt. Dann erzählte
sie ihren Traum, er war zu niedlich; sie hatte nämlich mit Papa schlafen
gehen wollen, und da hatten ihre Betten in Flammen gestanden, schönen,
hellen Flammen ohne Rauch (das ist sehr wichtig!), und sie hatte immer
hineingeblasen in der Meinung zu löschen. Da hatte Papa gerufen:
»Lusinja, so blase doch nicht!« und hatte vor Lachen kaum sprechen
können, und darüber war sie auch ins Lachen gekommen und war lachend
aufgewacht. Diesen Traum bezog Mama auf Lju, dessen Ankunft für uns
glückbringend sei; Lju heißt unser Schutzengel. Daran anknüpfend
erklärte er, woher der Volksglaube an die Bedeutung der Träume stamme
und daß und warum Wasser und Feuer bei allen Völkern im selben Sinne
aufgefaßt würden und was Wahres daran sei; leider kann ich es Dir nicht
so hübsch auseinandersetzen, wie er es tat. Papa hörte auch sehr
interessiert zu, obgleich er von Träumen und dergleichen eigentlich gar
nichts versteht, und sagte zuletzt mit einem Seufzer: »Sie würden
ausgezeichnet zum Sekretär meiner Frau passen!«
Nun will ich Dir noch etwas Niedliches erzählen, das heute mittag
passierte. Ich fragte Welja, ob er noch Pudding wolle, und er sagte nach
seiner Gewohnheit: »Vater, wie du willst.« Lju sah ihn neugierig an, und
da erklärte Mama, das wäre Weljas Lieblingsredensart, die er immer im
Munde führte, um zu sagen, es ist mir gleichgültig; sie hoffe aber,
setzte sie nachdrücklich hinzu, er unterdrückte nun einmal diese üble
Angewohnheit, denn sie möge Profanationen des Heiligen durchaus nicht
leiden. »Profanationen des Heiligen?« sagte Welja erstaunt. »Was meinst
du damit?« »Aber Welja,« sagt Mama mit Entrüstung, »tu doch nicht, als
ob du nicht wüßtest, daß die Worte in der Bibel stehen!« »Nein,
wahrhaftig,« ruft Welja, »wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, daß solche
faule Redensarten in der Bibel stehen, hätte ich auch mal drin gelesen!«
Der gute Junge, das ehrlichste Staunen strahlte aus seinen
weitaufgerissenen Augen. Lju konnte gar nicht aufhören zu lachen, ich
glaube, er ist entzückt von Welja.
Mit Papas Nerven geht es ganz gut, er hat Iwan einmal angegrollt, als er
dachte, er wäre betrunken -- er war es zufällig gerade nicht -- und
einmal, weil ihm der Reis angebrannt vorkam, aber einen richtigen Krach
hat er noch nicht gemacht, obgleich wir schon vier Tage draußen sind.
Geliebteste Tante, ich lege alle Tage Sträuße von Thymian, Lavendel und
Rosmarin in unser Gastzimmer, nicht nur auf den Tisch, sondern auch in
Schränke und Kommoden, damit es durch und durch einen hübschen
Biedermeiergeruch bekommt. Belohne meine Aufmerksamkeit, indem Du
kommst.
Deine Jessika.