Kremskoje, 6. Mai.
Lieber Peter! Ich habe mich damit abgefunden, daß ich während der ganzen
Dauer von Papas Urlaub hier auf dem Lande bleiben muß. Blödsinnige
Sache, dieser Schluß der Universität. Ich hatte doch vollkommen recht,
als ich Ruhe empfahl; denn daß wir bei einem Kampfe den kürzeren ziehen
mußten, war vorauszusehen. Aber Du mußtest natürlich wie eine geheizte
Maschine ohne Bremse drauflos, und es ist reiner Zufall, daß Du nicht
von meinem eignen Vater an den Galgen gebracht wirst. Es ist durchaus
keine Schande, der Uebermacht nachzugeben, vielmehr Stumpfsinn und
Raserei, gegen sie anzugehen; ich leide an keinem von beiden. Wenn mir
die armen Kerls nicht leid täten, die mit ihrem heiligen Eifer so
rettungslos hereingefallen sind, würde ich mich mit der Geschichte ganz
aussöhnen; den Sommer genießt man hier schließlich am besten, und aus
der Affäre mit der Lisabeth, die ich ein bißchen unüberlegt angezettelt
hatte, hätte ich mich nicht so leicht loswickeln können, wenn ich in
Petersburg geblieben wäre. Wenn Papa und Mama auch etwas rückständig
sind, so haben sie doch Verstand und Geschmack und sind zum täglichen
Umgang viel angenehmer als die rabiaten Köpfe, mit denen Du Deine
antediluvianische Dickhaut zu umgeben liebst. Papa darf man zwar nicht
ernstlich widersprechen, wenn man seine Ruhe bei Tisch haben will, aber
Mama hört gelegentlich eine rebellische Ansicht recht gern und frondiert
mit einer gewissen Verve gegen Papa, was ihm auch in angemessenen
Grenzen gut an ihr gefällt; wenn er sich aber nachdrücklich räuspert
oder die Augenbrauen zusammenzieht, lenkt sie gleich ein, schon um uns
mit dem guten Beispiel der Unterordnung voranzugehen. Uebrigens ist ja
auch Katja hier, es ist also nicht nur erträglich, sondern positiv nett.
Der Schutzengel ist angekommen. Mama ist überzeugt, daß er das Talent
hat, alle Gifte, Waffen, Dynamitpatronen und sonstigen Unfälle von Papa
ab- und auf sich hinzulenken, und schätzt den begabten jungen Mann
unendlich. Wir dachten, es würde ein Mann mit breitem Vollbart, biederen
Fäusten und aufgeblasenen Redensarten ankommen; anstatt dessen ist er
schlank, glattrasiert, zurückhaltend, eher ein englischer Typus. Mir
sagte er, sein Vater habe verlangt, daß er sich zu einer Professur
melde, er hat nämlich Philosophie studiert, aber er wolle keinen Beruf
und habe besonders einen Widerwillen gegen die zünftigen Philosophen. Um
ihn zu zwingen, habe sein Vater ihm alle Geldmittel entzogen, und
deshalb habe er diese Stellung angenommen, zu der er im Grunde wohl
wenig befähigt sei. Er sagte: »Ich glaube, ich kann mich am ersten
dadurch nützlich machen, daß ich Ihre Frau Mutter ein wenig beruhige,
und das scheint mir gar nicht schwer zu sein. Sie hat die liebenswürdige
Eigenschaft, nicht zweifelsüchtig zu sein, und wird mich gern für einen
geborenen Blitzableiter halten, wenn ich mir einigermaßen Mühe gebe,
einen solchen vorzustellen.« Ich sagte: »Wenn Sie sich nur nicht dabei
langweilen.« Darüber lachte er und sagte: »Ich langweile mich nie. Der
Mensch befindet sich, wo er auch ist, im Mittelpunkt eines Mysteriums.
Aber auch abgesehen davon: ich liebe das Landleben und gute
Gesellschaft, für mich ist also gesorgt.« Er hat einen durchdringenden
Blick, und ich bin überzeugt, daß er uns alle schon ziemlich zutreffend
zerlegt und eingeteilt hat. Er selbst glaubt unergründlich zu sein; ich
halte ihn trotz seiner anscheinenden Kälte für verwegen, sehr
leidenschaftlich und ehrgeizig. Es wäre schade, wenn er doch noch einmal
Professor würde. Man hat das Gefühl, daß er mehr will und kann als andre
Menschen. Seine Ansichten werden wohl nicht weniger revolutionär sein
als unsre, aber er ist bis jetzt ganz unpersönlich im Gespräch. Diese
Objektivität imponiert mir eigentlich am meisten, besonders weil seine
Unterhaltung trotzdem anregend ist. Jessika und Katja sind dafür
natürlich sehr empfänglich, weswegen Du aber noch nicht eifersüchtig zu
werden brauchst, alter Saurier.
Dein Welja.