20. Fürst Iwan Iwanowitsch.

Als die Fürstin die Verse angehört und den Verfasser mit Lob

überschüttet hatte, wurde Großmutter weicher, sprach Französisch mit

ihr, sagte nicht mehr »Sie, meine Liebe« und bat sie, ihre Kinder

zu schicken. Die Fürstin sagte zu und fuhr dann nach kurzem weiteren

Verweilen fort.

An diesem Tage kamen so viele Gratulanten, daß der Hof den ganzen

Vormittag nicht leer von Wagen wurde.

»~Bon jour, ma chère cousine~,« sagte einer der Gäste beim Eintritt ins

Zimmer, Großmutter die Hand küssend.

Es war ein großer siebzigjähriger Herr in Uniform mit großen Epaulettes

und einem weißen Orden auf der Brust. Sein Gesichtsausdruck war ruhig,

offen. Die Ungezwungenheit und Schlichtheit seines Benehmens fielen mir

auf.

Trotzdem auf dem Scheitel nur ein Halbkreis grauer Haare

stehengeblieben war, und man an der Vertiefung der vom Schnurrbart

nicht bedeckten Oberlippe deutlich das Fehlen der Zähne bemerkte, war

sein Gesicht noch von bemerkenswerter Schönheit. Er war direkt auf

Großmutter zugegangen, und obgleich ein großer Teil der Anwesenden bei

seinem Erscheinen aufstand, begrüßte er die Gesellschaft erst, nachdem

er Großmutter seinen Glückwunsch dargebracht hatte.

Fürst Iwan Iwanowitsch hatte dank seinem vornehmen Charakter, seiner

ruhigen Tapferkeit, vorzüglicher Protektion und hervorragendem Glück

schon in jungen Jahren eine jener glänzenden militärischen Karrieren

gemacht, wie sie Ende vorigen Jahrhunderts möglich waren. Er blieb im

Dienst und sein Ehrgeiz wurde sehr bald in einer Weise befriedigt,

daß ihm in dieser Beziehung nichts zu wünschen übrigblieb. Seit

der frühesten Jugend war sein Benehmen derart, als bereite er sich

vor, eine glänzende Stellung in der Welt einzunehmen, die ihm

später zuteil wurde. Aus diesem Grunde änderte er, obgleich auch in

seinem glänzenden, tätigen, nützlichen und etwas prunkenden Leben

Enttäuschungen, wie bei allen, nicht ausgeblieben waren, seinen

Charakter und seine Denkart nie und erwarb sich infolgedessen die

allgemeine Achtung nicht so sehr auf Grund seiner glänzenden Position,

als seiner Konsequenz in allen Lebenslagen. Er war geistig durchaus

nicht hervorragend, dank seiner Stellung aber, die ihm erlaubte, auf

alle Widerwärtigkeiten des Lebens ruhig und sogar ein wenig verächtlich

herabzusehen, war sein Gedankenkreis ein ziemlich weiter.

Da ihn alle suchten und umschmeichelten, er aber nicht immer alle

Wünsche der anderen erfüllen konnte, war er trotz seines guten Herzens

etwas kalt und spöttisch im Verkehr. Diese Kälte wurde aber durch die

Leutseligkeit und ruhige Höflichkeit eines den allerhöchsten Kreisen

angehörigen Mannes gemildert. Seine Bildung und Belesenheit ließen

manches zu wünschen übrig; was man aber wissen mußte, hatte er stets

bereit und verstand darüber hübsch und fesselnd zu reden.

Seine Unterhaltung war einfach; und diese Einfachheit verdeckte

gleichzeitig seine Unkenntnis gewisser Dinge und stellte sein

angenehmes Wesen und seine Toleranz in helles Licht. Ich glaube nicht,

daß er den Lärm der großen Welt liebte, er war aber daran gewöhnt, und

deswegen machte es nichts aus, ob er im Auslande oder in Moskau lebte

-- er besuchte überall Bälle, wo er sich mit erlesenen Partnern an den

Kartentisch setzte, und hatte seine bestimmten Empfangstage. Seine

Autorität in gesellschaftlicher Beziehung war derart, daß, wenn er

jemanden nicht empfing, das als ein Ereignis galt. Junge, hübsche Damen

küßte er einfach auf Stirn und Wangen. Junge Leute, die er gern hatte,

wurden von ihm geduzt, und mancher sehnte sich nach dieser Auszeichnung.

Großmutter war eine von den Personen, die er als ebenbürtig ansah und

vor der er den gönnerhaften Ton unterließ, der ihm selbst schwer wurde.

Solche Leute waren nur noch wenige am Leben, deswegen, und ferner,

weil beide schon von kleinauf befreundet waren, schätzte er seine

Beziehungen zu ihr und bewies ihr bei jeder Gelegenheit seine Liebe und

Verehrung.

Ich konnte mich an dem Fürsten nicht satt sehen. Die Verehrung, die

alle ihm bezeigten, die großen Epaulettes, die besondere Freude, die

Großmutter bei seinem Anblick verriet, sowie der Umstand, daß er allein

ungeniert mit ihr verkehrte und sie »~ma cousine~« nannte, flößten

mir gleichen, ja vielleicht noch größeren Respekt vor ihm als vor

Großmutter ein. Als man ihm mein Gedicht zeigte, rief er mich heran und

sagte: »Wer kann's wissen, vielleicht wird das ein zweiter Dershawin,«

und zwickte mich dabei so heftig in die Wange, daß ich nur deswegen

nicht aufschrie, weil mir einfiel, daß es ja eine Liebkosung sein

sollte.

Papa und Wolodja gingen hinaus; im Gastzimmer blieben nur der Fürst

und Großmutter. Ich verstand den Sinn ihrer Unterhaltung nicht, weil

fortwährend unbekannte Worte und Namen gebraucht wurden; trotzdem

gefiel mir ihr Gespräch sehr; ich fand es schön, wie sich gehörte und

hatte am Zuhören besonderes Vergnügen, weil Großmutter sich unterdessen

gleichsam verjüngte; sie sprach viel, erzählte, lachte.

»Warum ist die liebe Natalie Nikolajewna nicht gekommen?« fragte Fürst

Iwan Iwanowitsch plötzlich nach minutenlangem Schweigen.

»Ach, ~mon cher~,« Großmutter dämpfte ihre Stimme und legte die Hand

auf seinen Uniformärmel, »ich will Ihnen sagen, was mich quält. Sie

schreibt mir, ihr Gatte hätte ihr geraten zu kommen, es seien aber

dieses Jahr fast gar keine Einkünfte zu verzeichnen, deswegen hätte

sie von selbst verzichtet. Dann schreibt sie: ›Außerdem habe ich

dieses Jahr keine Veranlassung, mit dem ganzen Hause nach Moskau

überzusiedeln, ~chère maman~. Ljubotschka ist noch zu klein, und

hinsichtlich der Knaben, die bei Dir wohnen, bin ich ruhiger als wenn

sie hier wären.‹ Das ist ja alles recht schön,« fuhr Großmutter in

einem Ton fort, der deutlich bewies, daß sie es gar nicht schön fand,

»die Knaben hätten längst hierher gemußt, um etwas zu lernen und sich

an die Welt zu gewöhnen -- denn welche Erziehung konnten sie auf dem

Lande genießen? Der älteste ist schon dreizehn, der andere zwölf. Haben

Sie schon bemerkt, ~mon cousin~,« meinte Großmutter achselzuckend, als

ob sie sich über etwas wunderte, »sie sind ganz verwildert, verstehen

nicht einmal, nett ins Zimmer zu treten.«

»Ich begreife nicht, ~ma cousine~,« erwiderte Fürst Iwan Iwanowitsch,

»warum da fortwährend über schlechte Erträge und zerrüttete

Vermögensverhältnisse geklagt wird. Er besitzt doch ein schönes

Vermögen, und ihre Besitzung Chabarowka kenne ich wie mein Eigentum.

Ein prächtiges Gut, das vorzügliche Einkünfte abwerfen muß.«

»Ich will Ihnen, mein wahrer Freund, sagen,« unterbrach Großmutter den

Fürsten, »es kommt mir vor, als wenn das alles nur Ausreden sind, damit

›er‹ allein hier bleiben und ungeniert in seine Klubs fahren und Gott

weiß was anstellen kann, ohne daß die Ärmste etwas ahnt. Sie wissen,

was für ein Engel an Güte sie ist -- glaubt alles, was er ihr sagt.

Er versichert, die Kinder müßten nach Moskau und sie müsse auf dem

Lande bleiben -- und sie glaubt es. Wenn er ihr vorreden würde, die

Kinder müßten Prügel haben, wie die der Fürstin Barbara Iljinitschna,

würde sie wahrscheinlich auch das glauben,« meinte Großmutter, sich

verächtlich auf ihrem Sessel umdrehend. »Ja, mein Freund,« fuhr

Großmutter nach kurzem Schweigen fort, indem sie eins der beiden

Batisttücher in die Hand nahm, um eine Träne abzuwischen, »ich denke

oft, daß er sie weder zu schätzen weiß noch versteht, und trotz all

ihrer Güte und Liebe zu ihm und dem Bemühen, ihren Kummer zu verbergen,

weiß ich sehr gut, daß sie mit ihm nicht glücklich sein kann, und

denken Sie an mein Wort, wenn er ...« -- Großmutter bedeckte ihr

Gesicht mit dem Taschentuch.

»~O, ma bonne amie~,« rief der Fürst vorwurfsvoll, »ich sehe, Sie sind

noch immer nicht vernünftiger geworden. Erblicken überall Gespenster

und grämen sich darüber. Können Sie sich denn gar nicht bezwingen! Ich

kenne ihn schon lange und weiß, daß er ein lieber, guter, aufmerksamer

Gatte ist; besonders ein Edelmensch. ~Un parfait honnête homme~,«

setzte Fürst Iwan Iwanowitsch zur Bestätigung seiner Gedanken hinzu.

Ich fürchtete, man könnte bemerken, daß ich gehört, was ich nicht zu

wissen brauchte, und ging auf Zehenspitzen aus dem Zimmer.

Ich will nicht sagen, daß ich nicht verstand, wer der »er« war, dem

Großmutter Vorwürfe machte und den der Fürst rechtfertigte. Worin aber

die Schuld einer Person bestehen sollte, die, nach meiner Auffassung,

niemals verurteilt werden konnte, das vermochte ich mir nicht zu

erklären. Ich zweifelte sogar daran, ob ich diese Worte wirklich

gehört und ob sie sich wirklich auf Papa bezögen. Beim Nachdenken

hierüber tauchten in meinem Kopf so viel Vermutungen, Erinnerungen

und Phantasien auf, daß ich durchaus keine Ordnung in meine Gedanken

bringen konnte und wie stets in solchen Fällen, mich mit ganz anderen

Dingen beschäftigte.

Das eine, was aus diesem Wirrwarr hervorging, war ein undeutliches

Gefühl, das ich trotz aller Schrecken, die es mir einflößte, nicht

loswerden konnte. Das war das Gefühl, mein Vater sei imstande,

Schlechtes zu tun.

Kindheit: Autobiographische Novelle · 第 27 / 55 题