Es war ein heißer Tag; weiße, wunderbar geformte Wölkchen zeigten sich
seit dem Morgen am Horizont; dann trieb ein leichter Wind sie näher
und näher, so daß sie bisweilen für kurze Zeit die Sonne bedeckten.
So zahlreich sie auch gegen Abend am Himmel entlang zogen, war es
ihnen doch nicht bestimmt, sich zum Gewitter zusammenzuziehen und zum
letztenmal unser Vergnügen zu stören. Sie begannen sich wieder zu
zerteilen; nur im Osten hing eine große graue Wolke; die anderen wurden
blasser, zogen sich in die Länge und eilten am Horizont hin; über dem
Kopf aber verwandelten sie sich in weiße durchsichtige Schäfchen. Regen
war nicht zu erwarten; selbst Karl Iwanowitsch, der stets wußte, wohin
jede Wolke zog, erklärte, das Wetter bliebe gut.
Foka kam trotz seines vorgerückten Alters schnell und gewandt die
Treppe heruntergelaufen, schrie: »vorfahren!« und faßte mitten in
der Einfahrt, zwischen der Stelle, wo der Kutscher Iwan mit dem
Jagdwagen erscheinen sollte und der Schwelle Posto in der Haltung eines
Mannes, den man nicht an seine Pflicht zu erinnern braucht. Die Damen
erschienen, und nach einigen Erörterungen darüber, auf welcher Seite
jede sitzen und an wem sie sich festhalten sollte (obwohl das, meiner
Meinung nach, überhaupt nicht nötig war), stiegen sie auf, spannten
die Schirme auf und fuhren fort. Als der Jagdwagen sich in Bewegung
setzte, deutete Mama ängstlich auf das »Jagdpferd« und fragte Iwan mit
zitternder Stimme: »Ist das Wolodjas Pferd?«
Und als jener bejahend antwortete, machte sie nur noch eine
Handbewegung und wandte sich ab. (Der Wagen mußte einen Umweg machen
und fuhr deswegen vorauf.)
Sehr ungeduldig bestieg ich meinen Klepper und führte mit Hilfe der
Reitpeitsche verschiedene Evolutionen auf dem Hofe aus, sorgfältig den
umherliegenden Hunden ausweichend, um dem ewigen Vorwurf der Jäger zu
entgehen: »Herr, seien Sie so gut, überreiten Sie die Hunde nicht!«
Diese Bemerkung ärgerte mich sehr -- als ob ich das nicht wüßte!
Wolodja schwang sich, trotz seines festen Charakters nicht ohne leises
Zittern auf das Jagdpferd. Auf dem Tier aber machte er sich sehr gut,
wie ein Erwachsener. Besonders lagen seine Schenkel so gut auf dem
Sattel, daß ich ihn beneidete, weil ich, nach dem Schatten zu urteilen,
bei weitem keine so gute Figur abgab.
Jetzt ertönten Papas Schritte auf der Treppe. Der Hundewärter trieb die
Jagdhunde zurück, die sich losrissen; die Jäger riefen ihre Windhunde
und saßen auf. Der Reitknecht führte das Pferd an die Treppe; die Hunde
von Papas Meute, die bis dahin in malerischen Stellungen sein Pferd
umlagert und umstanden hatten, stürzten auf ihn zu. Er trat auf die
Treppe; hinter ihm kam lustig Milka mit dem Korallenhalsband voll
Eisenstacheln. Sie begrüßte stets die anderen Hunde; einige knurrten
sie an, mit anderen spielte sie, einigen wurden sogar die Flöhe
abgesucht!
Papa bestieg sein Pferd, und wir ritten los. Der Pikör mit Beinamen
»Türke« ritt vorauf, hinter ihm liefen in buntem Schwarm die
zusammengekoppelten Jagdhunde. Es war ein kläglicher Anblick, wenn
ein unglücklicher Hund sich einfallen ließ, stehenzubleiben, um
irgendeinen interessanten Gegenstand zu beschnüffeln. Zuerst mußte er
seine Gefährten zu sich herüberziehen, und dann ließ sich sicher einer
der Hundewärter die Gelegenheit nicht entgehen, mit der Hetzpeitsche
zuzuschlagen und zu schreien: »In die Koppel!«
Als wir auf das freie Feld kamen, verteilten sich die Jäger mit den
Windhunden auf beide Seiten. Hier und da sah man so eine aus Mensch und
Tieren bestehende Gruppe. Hübscher machten sich die Jäger zu Pferde,
hinter denen die Hunde liefen -- besonders wenn man ihnen Futter
hinwarf. Dabei das Stoppelfeld oder Waldesgrün an dem sonnigen Tage --
welch reizender Hintergrund für dieses Bild!
Die Ernte war in vollem Gange. Das unübersehbare glänzend gelbe Feld
wurde nur auf einer Seite von einem bläulich schimmernden Hochwald
begrenzt, der mir als die entfernteste geheimnisvollste Gegend vorkam,
hinter welcher entweder die Welt ein Ende hatte oder unbewohnte Länder
lagen. Das ganze Feld war mit Garben und Menschen bedeckt. In dem
hohen dichten Roggen sah man hier und da auf dem gemähten Streifen
den krummen Rücken einer Schnitterin; schwingende Ähren, wenn sie
dieselben herüberwarf; ein Weib, das sich im Schatten über eine
Wiege beugte, und zerstreute Garben auf dem mit Kornblumen besäten
Stoppelfeld. Auf der anderen Seite luden Männer, in Hemd und Hose auf
Wagen stehend, die Garben auf und wirbelten Staub über das trockene,
heiße Feld. Der Aufseher in hohen Stiefeln und übergehängtem Rock, den
Kerbstock in der Hand, hatte Papa schon von weitem bemerkt, nahm seinen
Filzhut ab, wischte seinen roten Kopf und Bart mit einem Tuch ab und
schrie die Weiber an. Der kleine Fuchs, den Papa ritt, ging spielend
leicht, bisweilen den Kopf gegen die Brust werfend und die Zügel
straff ziehend, oder mit dem dichten Schweif die Fliegen und Bremsen
verscheuchend, die sich gierig an ihm festsetzten. Zwei Windhunde
tänzelten mit sichelförmig nach oben gebogener Rute, die Beine hoch
aufhebend, graziös über die hohen Stoppeln, hinter dem Pferde. Milka
lief vorauf und erwartete mit erhobenem Kopf einen Leckerbissen. Die
Stimmen der Menschen, der Lärm der Pferde und Wagen, das lustige
Schlagen der Wachteln, das Gesumme der Insekten, die in unbeweglichen
Schwärmen die Luft erfüllten, der Geruch von Wermut, Stroh und
Pferdeschweiß, die tausend verschiedenen Farben und Schattierungen, die
die sengende Sonne über das hellgelbe Stoppelfeld, die blaue Waldferne
und die hellvioletten Wolken ergoß; die weißen Sommerfäden, die in der
Luft schwebten, oder sich auf die Stoppeln legten -- alles das sah,
hörte und fühlte ich.
Beim Kalinowoer Wald angelangt, fanden wir den Jagdwagen schon vor, und
wider Erwarten noch einen Einspänner, in dem der Küchenchef saß und
einen Gegenstand in einer Serviette zwischen den Beinen hielt; aus dem
Heu guckten ein Samowar und noch allerhand verlockende Dinge hervor.
Kein Zweifel: das gab einen Teeabend im Freien mit Gefrorenem und
Früchten. Bei diesem Anblick brachen wir in lauten Jubel aus, denn Tee
im Freien, an einer Stelle, wo noch niemand getrunken, hielten wir für
einen Hochgenuß.
Der Türke stieg vom Pferde und nahm Papas ausführliche Anordnungen
entgegen: wie man sich verteilen und wo man herauskommen sollte
(übrigens richtete er sich niemals nach diesen Befehlen, sondern
handelte nach seinem Gutdünken), koppelte die Hunde los, legte
gemächlich die Koppeln zusammen, bestieg sein Pferd und verschwand,
leise pfeifend, hinter den jungen Birken. Die befreiten Jagdhunde
bezeigten vor allen Dingen ihre Freude durch Schweifwedeln, schüttelten
sich und verrichteten an unbekannt aus welchem Grunde ausgewählten
Büschen das Werk und mehr als das, was Soldaten tun, wenn es heißt:
»Austreten!« Dann machten sie sich mit lustigem Schweifwedeln
schnüffelnd an die Arbeit.
»Hast du ein Taschentuch?« fragte Papa.
Ich zog es aus der Tasche und zeigte es ihm.
»Schön; bind den grauen Hund daran.«
»Giran?« fragte ich.
»Ja, und lauf den Weg entlang. Wenn du an die Lichtung kommst, bleib
stehen. Und sieh zu, daß du nicht ohne Hasen zurückkommst.«
Ich schlang das Tuch um Girans Hals und stürmte Hals über Kopf an die
bezeichnete Stelle. Papa lachte und rief mir nach: »Schnell schnell, du
kommst zu spät!«
Giran blieb fortwährend stehen, spitzte die Ohren und horchte. Da meine
Kräfte nicht reichten, ihn vorwärts zu ziehen, wählte ich eine List und
schrie: »Faß ihn, faß ihn!« Dann konnte ich ihn wieder kaum halten und
fiel mehrmals hin, bis ich meinen Platz erreichte.
Endlich ließ ich mich im Grase nieder, Giran neben mir, und wartete.
Meine Phantasie eilte der Wirklichkeit weit vorauf. Ich bildete mir
ein, schon zwei Hasen gehetzt zu haben und war jetzt mit einem Fuchs
beschäftigt -- da gab zuerst ein Jagdhund Laut. Bei diesem Geräusch
erstarrte ich auf der Stelle. Die Augen in die Weite gerichtet,
lächelte ich sinnlos. Mir war, als ob dieser Augenblick über mein
ganzes Leben entschiede. Der Schweiß floß in Strömen; die Tropfen
rannen das Kinn entlang und kitzelten -- ich wischte sie nicht ab.
Diese Spannung war so unnatürlich, daß sie nicht lange dauern konnte.
Die Hunde hetzten, kein Hase war zu sehen. Ich schaute nach rechts und
links.
Mit Giran war genau dasselbe der Fall. Anfangs wollte er sich losreißen
und winselte sogar; dann streckte er sich neben mir aus, legte die
Schnauze auf meine Knie und beruhigte sich.
Rechts neben mir war ein Ameisenhaufen; in seiner Nähe schleppte eine
Ameise einen riesigen Strohhalm, und obgleich dieser unaufhörlich an
den Unebenheiten des Weges hängenblieb, bewegte sie ihn doch, bald an
dieser, bald an jener Seite zerrend, zwar langsam aber beständig näher
an den Haufen heran. Ich legte den Kopf in die Hand und sah mit großer
Aufmerksamkeit zu.
Ein weißer Schmetterling mit gelben Flügelspitzen schwebte über einer
wilden Kleeblüte und ließ sich darauf nieder. Ich weiß nicht, ob er
den Saft aus der Blüte sog oder sich in der Sonne wärmte -- jedenfalls
mußte es ihm dort sehr gut gefallen. Er bewegte bisweilen die Flügel
und blieb dann unbeweglich sitzen.
Plötzlich heulte Giran auf und stürmte mit solcher Kraft vorwärts, daß
ich fast hingefallen wäre. Ich sah mich um und erblickte am Waldsaum
einen Hasen, der, den einen Löffel angedrückt und den anderen gespitzt,
leicht im hohen Grase dahinsprang. Im selben Moment vergaß ich alles,
sogar Papas Rat, an mich zu halten; ich ließ den Hund los und schrie
unnatürlich auf. Aber kaum war das geschehen, so überkam mich Reue: der
Hase duckte sich, machte einen Satz und ward nicht mehr gesehen.
Wie groß war aber meine Scham, als hinter den Jagdhunden, die laut
bellend am Waldrande hervorbrachen, der Türke erschien. Er sah sofort,
was ich angerichtet hatte und sagte nur: »Ach Herr!« Aber wie er das
sagte! Mir wäre leichter gewesen, wenn er mir wie einem Hasen die
Läufe abgeschnitten und mich an den Sattel gehängt hätte.
Lange stand ich verzweifelt auf demselben Fleck, rief nicht einmal die
Hunde, sondern schrie nur fortwährend mit ausdrucksvollen Gebärden:
»Mein Gott, was habe ich getan!«
Ich hörte, wie die Hunde weiterjagten, wie auf der anderen Seite der
Insel gehetzt wurde, wie man den Hasen zurückjagte und wie der Wärter
die Hunde abrief. Ich rührte mich nicht von der Stelle.