4. Was mein Vater für ein Mann war.

Er war groß und stattlich von Wuchs, machte auffallend kleine Schritte,

hatte die Gewohnheit mit der Achsel zu zucken, besaß kleine, stets

leuchtende Augen, eine große Adlernase, ungleichmäßige Lippen, die

er ungeschickt, aber zu einem angenehmen Ausdruck zusammenlegte.

Eine große, fast über den ganzen Kopf reichende Glatze, mangelhafte

Aussprache und Lispeln vervollständigten das Äußere meines Vaters,

seitdem ich ihn kenne, ein Äußeres, mit dem er aller Welt zu gefallen

und als ~homme à bonne fortune~ bekannt zu werden wußte. Daß er

dem weiblichen Geschlecht gefiel, verstehe ich, weil ich weiß, wie

unternehmend und sinnlich er veranlagt war; aber welches Zaubermittel

besaß er, um Leuten jeden Alters, Standes und Charakters, Greisen,

Jünglingen, Berühmten, Einfachen, Männern der Welt, Gelehrten und

besonders denen zu gefallen, auf die er es abgesehen hatte?

Er verstand im Verkehr mit jedermann die Oberhand zu gewinnen. Obgleich

er nie zu den höchsten Kreisen gehört hatte, verkehrte er stets mit

Angehörigen dieser Kreise und zwar so, daß man ihn achtete. Er kannte

das Maß von Selbstvertrauen und Stolz, das ihn in den Augen der Welt

erhöhte, ohne andere zu kränken. Bisweilen originell, verfiel er doch

nie ins Extrem, sondern benutzte die Originalität als Mittel, das ihm

bisweilen Stand und Reichtum ersetzte. Nichts in der Welt brachte ihn

zum Erstaunen, und so glänzend auch seine Lage sein mochte, es schien

stets, als sei er für sie geboren. Er wußte stets die Lichtseite seines

Lebens nach außen zu kehren und verstand die andere, kleinliche, mit

Ärger und Verdruß erfüllte, jedem Sterblichen beschiedene so gut zu

verbergen, daß man ihn unbedingt beneiden mußte. Er war Kenner in

allem, was Bequemlichkeit und Genuß verschafft und wußte sich dessen zu

bedienen.

Obgleich er niemals etwas gegen die Religion sagte und äußerlich stets

fromm war, zweifle ich bis auf die Gegenwart, ob er überhaupt an etwas

glaubte. Seine Grundsätze und Lebensanschauungen waren so dehnbar, daß

diese Frage sehr schwer zu entscheiden ist. Mir scheint, daß er fromm

nur für andere war.

Moralische Überzeugungen, unabhängig von religiösen Geboten hatte er

schon gar nicht; sein Leben war so voll von allen möglichen Passionen,

daß er weder Zeit hatte, noch es überhaupt für nötig hielt, darüber

nachzudenken. In reiferem Alter aber bildete er sich feste Grundsätze

und Anschauungen nicht auf Grund moralischer oder religiöser, sondern

praktischer Überzeugung; das waren die Handlungsweise und diejenige

Lebensform, die ihm Glück oder Zufriedenheit verschafften, die er für

gut hielt und meinte, daß alle so handeln müßten. Er sprach hinreißend,

und diese Gabe begünstigte, glaube ich, die Dehnbarkeit seiner

Grundsätze; er war imstande, ein und denselben Vorfall als unschuldigen

Scherz und als erbärmliche Gemeinheit zu schildern, stets mit derselben

Überzeugung.

Als Vater war er gnädig, glänzte gern mit seinen Kindern und war

auch zärtlich, aber nur in Gegenwart anderer; nicht etwa, weil er

sich verstellte, sondern weil Zuschauer ihn anregten -- er brauchte

Publikum, um etwas Gutes zu tun.

Er besaß heftige Leidenschaften, namentlich für das Spiel und die

Frauen, hatte in seinem Leben etwa zwei Millionen gewonnen und alles

wieder verloren. Ob er häufig spielte oder nicht, ist mir unbekannt;

ich weiß nur, daß er wegen einer Spielaffäre verbannt wurde, dabei aber

den Ruf eines tüchtigen Spielers genoß und als Partner gesucht war. Wie

er es fertig brachte, die Leute bis zur letzten Kopeke auszuplündern

und dabei ihr Freund zu bleiben, ist mir ein Rätsel -- er tat den

Leuten, die er rupfte, damit gleichsam einen Gefallen.

Sein Steckenpferd waren glänzende Verbindungen, über die er wirklich

verfügte; teils verdankte er sie der Verwandtschaft meiner Mutter,

teils seinen Jugendkameraden, über die er sich im stillen ärgerte, weil

sie zu hohen Würden gelangt waren, während er stets Gardeleutnant a.

D. blieb. Aber diese Schwäche nahm niemand an ihm wahr, außer einem

Beobachter wie ich, der ständig bei ihm lebte und ihn zu ergründen

suchte.

Wie alle alten Militärs verstand er nicht, sich elegant zu kleiden;

im modernen Rock und Frack sah er etwas herausgeputzt aus; dafür

war seine Hauskleidung originell und hübsch. Übrigens stand ihm bei

seiner großen kräftigen Statur, dem kahlen Kopf und den selbstbewußten

Bewegungen fast alles. Zudem hatte er eine besondere Gabe und den

unbewußten Wunsch, stets und überall Eindruck zu machen. Er war sehr

empfindsam und sogar zu Tränen gerührt. Wenn er beim Vorlesen an eine

leidenschaftliche Wendung kam, begann seine Stimme oft zu zittern,

Tränen traten in seine Augen, und er ließ das Buch sinken. Selbst in

minderwertigen Theatern konnte er keine Rührszenen sehen, ohne zu

weinen. In solchen Fällen war er über sich selbst ärgerlich und suchte

seine Empfindsamkeit zu verbergen und zu unterdrücken.

Er liebte Musik und sang, sich selbst begleitend, nach dem Gehör

Romanzen seines Freundes A..., Zigeunerlieder und einige Opernmelodien.

Gelehrte Musik war ihm unsympathisch, und er sagte offen, ohne auf die

allgemeine Meinung Rücksicht zu nehmen, daß ihn Beethovensche Sonaten

langweilten und einschläferten und daß er nichts Schöneres kannte als

»Weck mich junges Mädchen nicht« wie die Semjonowa und »Nicht Eine«,

wie es die Zigeunerin Tanjuscha sang.

Er war ein Mann des vorigen Alexandrinischen Jahrhunderts und besaß

die undefinierbaren Eigenschaften, welche der Jugend jener Epoche

eigentümlich waren, nämlich: einnehmendes Wesen, Courmacherei,

Ritterlichkeit, Unternehmungsgeist, Selbstvertrauen und moralische

Verderbtheit. Auf die Menschen unseres Jahrhunderts blickte er

verächtlich herab. Vielleicht geschah das nicht aus Stolz, sondern aus

heimlichem Ärger darüber, daß er in unserer Zeit nicht mehr denselben

Einfluß ausüben und den Erfolg haben konnte, wie in der seinigen ...

Wer jemals auf dem Lande gelebt, wird wissen, wieviel

Unannehmlichkeiten durch ihre Ränke und Streitereien die Nachbarn,

durch Geschwätz die Gutsbesitzer desselben Kreises, und durch Händel

und Schikanen die Behörden bereiten, wie sie einen bis aufs Blut

peinigen und das ganze Leben verbittern können.

Um all diesen Nachstellungen zu entgehen, die unausbleiblich jeden

Gutsbesitzer überraschen, gibt es drei Methoden. Die erste Pflicht

besteht darin, in jeder Beziehung korrekt seine Pflichten als

Gutsbesitzer zu erfüllen und die Rechte eines solchen zu genießen.

Diese erste und einfachste, vernünftige Art besteht leider vorläufig

nur in der Theorie, weil man unmöglich mit Leuten gesetzmäßig

verfahren kann, die das Gesetz als Mittel benutzen, ungestraft

Gesetzwidrigkeiten begehen zu können. Die zweite Methode besteht

in der Bekanntschaft und Freundschaft nicht nur mit den Vertretern

der Bezirks- und Gouvernementsbehörden, sondern auch mit allen

Gutsbesitzern, mit denen uns das Schicksal in Berührung bringt, oder

die unsere Bekanntschaft wünschen, sowie in gütlicher Beilegung aller

entstehenden Streitigkeiten. Diese Art ist wenig zu empfehlen, weil

erstens ein freundschaftlicher Verkehr mit dem ganzen Bezirk an und

für sich schon eine Unannehmlichkeit bedeutet, nicht geringer als

die, die man vermeiden wollte, und zweitens, weil es für Ungeübte

schwer ist, unter Vermeidung aller üblen Nachrede und Bosheit inmitten

all der Feindseligkeiten, Ungesetzlichkeiten und Gemeinheiten des

Gouvernementslebens seinen Standpunkt zu bewahren, nichts zu vergessen,

niemanden zu ignorieren, so daß alle ohne Ausnahme mit uns zufrieden

sind. Wehe, wenn wir uns auch nur einen Feind erworben haben! Jeder

Schmutzfink, der heute noch demütig an unserer Schwelle steht, kann

uns morgen die größten Unannehmlichkeiten bereiten.

Die dritte Methode besteht darin, zu niemandem Beziehungen zu

unterhalten und dafür Tribut zu zahlen. Der wird in zwiefacher Form

entrichtet: als Ergebenheit und Leutseligkeit. Mit Ergebenheit zahlen

Leute, die die dritte Methode erwählt haben, aber nicht imstande

sind, der Willkür der Behörde zu begegnen. Mit Leutseligkeit zahlen

Leute, die Beziehungen zu den höchsten Gouvernementsbehörden haben,

aus Gründen der Sicherheit und Gewohnheit aber auf jene Steuer nicht

verzichten.

Es gibt noch eine Art, die sehr im Schwange ist, die ich aber wegen

ihrer Ungesetzmäßigkeit nur als Ausnahme erwähnen will. Sie besteht

darin, sich im Gouvernement oder Kreis den Ruf eines gefährlichen

Schikaneurs und Intriganten zu verschaffen.

Papa hielt es in bezug auf die Behörde und die Nachbarn mit der dritten

Art, das heißt er war mit niemandem näher bekannt und zahlte den Tribut

der Leutseligkeit. Obgleich er nicht häufig in die Gouvernementsstadt

fuhr, wußte er es so einzurichten, daß wenigstens einmal im Jahre alle

großen Tiere: der Gouverneur, der Adelsmarschall und der Staatsanwalt

nach Petrowskoie kamen.

Natürlich erzählte dann Jakob Michailow bei seinem nächsten

Aufenthalt in der Stadt dem Isprawnik und anderen umständlich, wie

Seine Exzellenz bei uns übernachtet, und diese und jene Bemerkung

fallen gelassen hätten, und die Folge war, daß weder Isprawnik noch

Stanowoi die Nase nach Petrowskoie hineinsteckten, sondern ruhig den

Leutseligkeitstribut abwarteten.

Wenn die Behörde in irgendeiner unbedingt notwendigen Angelegenheit

dennoch nach Petrowskoie kam, ließ Papa sie durch Jakob empfangen; und

wenn er wirklich selbst jemanden begrüßte, so geschah es so kalt, daß

Mama oft zu ihm sagte: »Genierst du dich nicht, ~mon cher~, die Leute

so zu behandeln?«

Darauf erwiderte Papa: »Du weißt nicht, Liebe, was das für Leute sind;

gib ihnen soviel --« dabei zeigte er den kleinen Finger -- »so nehmen

sie soviel,« dabei zeigte er den Arm bis zur Schulter.

Ebenso war der Verkehr mit den Nachbarn von der Höhe stolzer

Erhabenheit herab.

Man darf ihm wegen solchen Verhaltens keine Vorwürfe machen; zu seiner

Zeit, das heißt anderhalb Jahrzehnte zurück, war es das einzige Mittel,

um auf dem Lande Ruhe zu haben. Jetzt hat sich das alles geändert und

ist viel besser geworden. Ein Gutsbesitzer, den ich danach fragte,

antwortete mir: »Ach, lieber Freund, Sie kennen unsere jetzigen Kreis-

und Landrichter nicht. Diese Ordnung, Sauberkeit, Bescheidenheit,

Klugheit. Der unterste Schreiber hat seinen Frack. Kommt man zum

Isprawnik, so sieht man seine Frau in modernster Toilette; sie ist

eine höchst gebildete Dame, spricht Französisch, Italienisch, Spanisch

-- was Sie wollen. Die Töchter sind höchst musikalisch: Piano -- wird

zum Flügel, Fußboden -- Parkett. Oder, was noch besser, wir haben

in unserem Bezirk zwei Stanowois; der eine kommt von der Moskauer

Universität, der andere ist mit der Fürstin Schedrischpanskaja

verheiratet -- der reine Pariser! Sehen Sie, verehrter Herr, so sieht

jetzt unsere Semstwopolizei aus.«

»Wie ist's denn jetzt mit den Schmiergeldern und Schikanen?« fragte

ich. »Hat das aufgehört?«

Der Gutsbesitzer antwortete mir nicht direkt, sondern lobte weiter die

neue Ordnung der Dinge, die Klugheit und Bildung der Gutsbesitzer,

dabei bemerkend, daß mancher Stanowoi über tausend Rubel im Jahr

ausgäbe und mit seinen Pferden, seiner Tafel und Wohnung manchen

Gutsbesitzer in den Schatten stellte.

Kindheit: Autobiographische Novelle · 第 10 / 55 题